Familie, Hochsensibilität, Persönliches

Vom heimlichen Geiz: Gibst du, um eigentlich zu bekommen?

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Wie ist das mit dem (selbstlosen) Geben? Wer gerne und bereitwillig gibt, wird als großzügig, sozial angenehm, als souverän und selbstsicher wahrgenommen: „Toll, was der beiträgt! Beeindruckend, wie die sich engagiert!“

„Gib Rudi dein Förmchen ab!“

Wir halten schon unsere Kinder dazu an, zu teilen und mit anderen zu kooperieren. Jedenfalls meinen wir, sie dazu zu ermutigen, wenn wir bereits den Kleinsten nahelegen, ihr Sandförmchen mit der KiTa-Freundin und ihr Laufrad mit dem Nachbarsjungen zu teilen. 

Interessanterweise scheinen Kinder aber umso freigebiger – wie übrigens auch hilfsbereiter – zu werden, je weniger „Druck“ wir bezüglich ihrer Freigebigkeit ausüben. Akzeptieren wir, dass (momentan) jede Bereitschaft zum Teilen fehlt, unterstützen wir de facto ihre Fähigkeit zu Kooperation. Zum einen, da wir ihnen gegenüber selbst großzügig und kooperativ handeln, ihnen somit schlicht das beste Vorbild sind; zum anderen, da wir ihnen dadurch erst den Raum geben, ihre eigene Großzügigkeit zu entdecken. 

Später, als Erwachsene, empfinden wir ja nicht die Menschen als sozial kompetent, die, weit über ihre Grenzen und Bedürfnisse hinaus, „haltlos“ geben, sondern diejenigen, die mit gutem Gefühl geben können, aber auch kein Problem damit haben, einfach einmal „Nein“ zu sagen. 

Warum gebe ich?

Aufschlussreich kann meiner Meinung nach sein, sich zu fragen: Warum und mit welchem Empfinden gebe ich als erwachsener Mensch?

  • mit Freude
  • mit Furcht und Bedürftigkeit?

Geben mit Freude

Unter Geben mit Freude verstehe ich ein Geben und Beschenken, das mir aus einem Gefühl der Fülle und ohne besondere Erwartung möglich ist. Ich lasse andere an meinen Erfahrungen teilhaben, ohne von ihnen zu erwarten, dass sie sich in irgendeiner Weise an mir orientieren oder auf meine Offenheit mit entsprechender Öffnung reagieren. Ich beschenke Freunde, ohne die Erwartung der Dankbarkeit. Ich teile das letzte Stück Kuchen mit meinem Kind, ohne zu hoffen, dass es dies beim nächsten Mal auch für mich tun wird. All dies ist mir möglich, weil ich selbst Fülle, Dankbarkeit und Frieden in mir spüre. Ich muss keine positive Reaktion, kein „Gegengeschenk“ fordern, ich fühle mich bereits beschenkt. 

Geben aus Furcht und Bedürftigkeit

Diesen wunderschönen Zustand kennen wir vielleicht. Aber vermutlich fühlen wir uns bei weitem nicht immer von ihm erfüllt. Dann kann es sein, dass wir in ein Geben verfallen, dass eigentlich durch Furcht oder Erwartung bedingt ist. Wir sind freundlich, unterstützend, langmütig, „nett“, weil wir Furcht haben, sonst auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Vielleicht hat man uns einmal – womöglich als Kind – signalisiert: wirklich lieb habe ich dich nur, wenn du umgänglich, „pflegeleicht“, nett bist. Als erwachsener Mensch klingen diese Stimmen dann in uns nach und wir hoffen, geliebt zu werden, wenn wir nur recht liebenswürdig und gefällig sind. 

Paradoxerweise erzeugt dieses Geben aus Furcht und/oder Bedürftigkeit häufig direkten oder indirekten Widerstand. Von Menschen, die in dieser Weise geben, fühlen wir uns subtil unter Druck gesetzt oder gar bedrängt. Etwas in uns spürt sehr deutlich die Erwartung, die hinter der scheinbaren Freigebigkeit steckt. Wir verschließen uns somit dem – nie ausgesprochenen – Appell, der dem in dieser Weise Gebenden vielleicht selbst gar nicht bewusst ist, und wollen eben gerade nicht „auf Kommando“ geben. Fast wie die (Klein-) Kinder im Sandkasten halten wir unsere „Förmchen“ umso entschlossener fest, je stärker jemand unausgesprochen von uns fordert: „Gib sie mir!“

Die Sandförmchen der großen Leute

Als Erwachsene sind unsere „Sandförmchen“ Zuneigung, Aufmerksamkeit, gemeinsam verbrachte Zeit, in Partnerschaften auch sexuelle Nähe. Wer hier nur gibt, um das Entgegenkommen des anderen in einer der genannten Formen zu bekommen, wird letztlich frustriert erkennen müssen: was ich (implizit) fordere, bekomme ich gerade nicht. 

Die Crux dabei ist meiner Meinung nach, dass ich meine Wünsche und Bedürfnisse verstecke und somit letztlich „unecht“ bin. Ich gebe mich freigebig, aber fühle mich höchst bedürftig. Dies gestehe ich mir jedoch nicht ein, sondern schimpfe lieber auf die Undankbarkeit, Egozentrik und Herzlosigkeit meiner Umwelt. Ich behaupte, großzügig zu sein, aber bleibe letztlich höchst verschlossen – aus Furcht, das wenige, das ich in mir als „sicher“ empfinde, auch noch zu verlieren.

Wie komme ich da raus?

Indem ich erst einmal wahrnehme, dass ich bedürftig bin. 

  • Ich übernehme die Kinderbetreuung an diesem Abend/ höre mir die Klagen meiner Lebensgefährtin an/ verzeihe den sexuellen Fehltritt, weil ich möchte, dass meine Partnerin mich für einen tollen Ehemann hält.
  • Ich backe den Kuchen fürs Kindergartenfest/ engagiere mich im Elterbeirat/ richte eine Motto-Geburtstagsparty aus, weil ich möchte, dass die anderen Eltern mich als tolle Mutter ansehen.
  • Ich verausgabe mich/gehe über meine Grenzen, weil ich Angst habe, dass mein Partner mich sonst nicht (mehr) liebt, meine Chefin mich nicht anerkennt, ich letztlich vor mir selbst nicht gut dastehe. 

Im Grunde hilft hier, was wir durch den Umgang mit unseren Kindern lernen können: wahre Großzügigkeit entsteht nicht dadurch, dass ich sie (auch mir selbst gegenüber) einfordere und mich letztlich bedränge, sondern dadurch, dass ich mir den Raum gebe, so zu sein wie ich bin und mich mit mir und bei mir selbst sicher zu fühlen. 

Bedürftig sein darf sein

Nur wenn ich mir zugestehe, dass ich eigentlich schlicht geliebt und geschätzt werden möchte oder dass ich mich nach Raum für meinen Selbstausdruck und mein ganz eigenes So-Sein sehne, kann ich beginnen, mir diesen Raum zuzugestehen.

Dann kann ich mir auch – um zum ursprünglichen Bild zurückzukehren – erlauben, meine „Sandförmchen“ erst einmal zu behalten, oder aber sie nur dosiert zu verteilen. Denn ich weiß, dass ich auch den Unmut meines Gegenübers aushalten kann. Ich weiß, dass ich nicht „gefällig“ oder übertrieben engagiert oder hilfsbereit sein muss, um geliebt zu werden.

Bin ich dann großzügig, so bin ich es tatsächlich aus „freien Stücken“, ohne Erwartung und aus einer inneren Sicherheit heraus. Diese innere Sicherheit empfinde ich als das eigentliche Geschenk. Sie nimmt mir die Angst zu viel zu geben und schenkt mir dadurch die Freiheit, tatsächlich aus ganzem Herzen freigebig zu sein.

Herzliche Grüße, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

5 Gedanken zu „Vom heimlichen Geiz: Gibst du, um eigentlich zu bekommen?“

  1. Das „Gib ihm das doch“ versuche ich mir auch immer zu verkneifen, genau wie du, meine eigene Erziehung macht es mir schwer, merke ich.
    Ich merke, dass ich da am glücklichsten bin, wenn ich das Gefühl habe, in einer Gemeinschaft von Geben und Nehmen zu sein. Wobei es überhaupt nicht auf eine Aufrechnung ankommt, sondern auf den Geist, der dahinter steht. Klar, wenn jemand in Not ist, trauert, leidet, gibt man alles, aber in anderen Zeiten wünscht man sich eine gewisse Balance und Anerkennung.
    Herzliche Grüße
    Natalie
    Wenn dieser Geist nicht rüberkommt fühle ich mich schnell ausgenutzt und ziehe mich meist über kurz oder lang zurück.

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    1. Liebe Natalie,
      danke für deinen Kommentar! Ja, das Geben und Nehmen ist, z.B. auch in Freundschaften, meiner Meinung nach ein immer wieder neu zu verhandelndes und zum Teil auch filigranes Konstrukt – es ist sicher hilfreich, dabei neben dem bereitwilligen Geben auch mit gutem Gefühl, wenn es nicht passt, einmal Nein sagen zu können.
      Herzlichen Gruß und bis bald wieder einmal, Sunnybee

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  2. Sehr interessante Gedanken, die ich noch ergänzen möchte. Ich tue auch Gutes aus dem Wunsch heraus in einer positiven Welt zu leben und ich fühle mich mitverantwortlich für das Funktionieren der Gesellschaft. So engagiere ich mich mit meinen Ideen auch im Elternrat, um den Kindergarten zu verbessern – für die Kinder und für die Eltern. So stehe ich beim Kuchenbasar, um Geld für den Kindergarten einzunehmen, damit die Kids neue Spielgeräte bekommen oder einen Ausflug machen können. Es braucht elterliches Engagement und ich würde mir sogar wünschen, dass sich mehr Eltern beteiligen. Als Wahlhelferin bekomme ich auch Geld; das ist natürlich auch ein Anreiz. Bei der Elbwiesenreinigung habe ich z. B. mitgemacht, damit die Elbwiesen sauber werden und um meinen Kindern etwas bei zu bringen (über Müllvermeidung & auch freiwilliges Engagement). Das ist alles selbstgewählt. Und dann gibt es aber auch noch „Gutes“, das man eigentlich nicht ausschlagen kann/sollte. Dazu zählt, wenn mich meine Nachbarin (über 80) fragt, ob ich ihre Einkäufe nach oben tragen würde oder wenn mich die Alleinerziehende bittet, ob ihre Tochter bei uns übernachten kann, weil sie zu einem Schul-Infoabend möchte. Da muss ich mir eingestehen, dass ich zu sehr Gutmensch bin, um NEIN zu sagen. Dieses NEIN könnte ich vor mir selbst nicht rechtfertigen. Letztlich kann ich aber damit leben, weil es zwar manchmal anstrengend ist, aber für mich zum Zusammenleben mit anderen Menschen dazu gehört. Und damit meine ich gar nicht mal, dass mir die 80-jährige Omi irgendwas zurückgeben muss und es ein Geben & Nehmen ist. Oft ist es das gar nicht, aber es ist auf jeden Fall gut fürs Karma und wie du sagst: man fühlt sich auch gut, geholfen zu haben.

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    1. Hey Nadine,
      danke für deine interessante Ergänzung. Ja, ich habe auch den Antrieb, in einer grundsätzlich menschenfreundlichen und sozialen Welt zu leben, daher versuche ich selbst so zu handeln. Mit unserem Sohn hat sich mein „soziales Gewissen“ auch noch ein Stück weit verstärkt: mir ist schon wichtig, welche Haltung er, auch von mir aus, der Welt gegenüber mitbekommt. Bei der Arbeit mache ich inzwischen auch stärker den Mund auf, wenn etwas sozial Ungerechtes passiert und engagiere mich z.B. als Ansprechpartnerin für Gleichstellungsfragen.
      Und wie immer gilt dabei für mich: fokussieren, meine Kräfte einteilen und bei dem bleiben, was auch ein Stück weit Spaß macht und wo ich das Gefühl habe, wirklich etwas zu bewegen.
      A propos „Bewegen“: hast du Lust, bei meiner aktuellen Blogparade „Was brauchen Familien wirklich?“ mitzumachen? Du hättest dazu sicher auch Interessantes zu sagen!🙂 Lg, Sunnybee

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