Hochsensibilität, Persönliches

Mein roter Faden

A2097FF6-1879-4714-B738-1AE5D3883BA7

In Musik und Literatur gibt es den Begriff des „Leitmotivs“. Hör dir einmal das Stück „Die Moldau“ von Friedrich Smetana an: Eine bestimmte Tonfolge, vielfach variiert, zieht sich durch das Stück und begleitet den Gang des Flusses, vom schmalen Bächlein zum mächtigen Strom. Ebenso kann sich ein „Lebensthema“ wie ein roter Faden durch dein Leben ziehen.

Das passt zu mir!

Ich möchte hier zwei Arten dieses „roten Fadens“ unterscheiden: ersterer ist scheinbar ‚schicksalhaft‘, wie bereits in dir angelegt: du erkennst ihn, indem du darauf achtest, in welchen Situationen du ganz „du selbst“ bist und vor allem, was an diesen Situationen dich beflügelt. Auch Aussagen guter Freunde („Typisch Du!“, „Das passt zu dir!“) und Erinnerungen aus früher Kindheit können dir einen Hinweis auf diese Art des „Lebensthemas“ geben. Und nicht zuletzt auch Situationen, in denen du dich gerade nicht wohl fühlst und somit vermutlich gegen deine ‚innere Melodie‘ anlebst. Für mich ist z.B. „Freiheit“ und die Möglichkeit, mich in dieser Freiheit zu erfahren ein solches Lebensthema: ich habe sowohl nach Abschluss meiner Schulzeit, als auch im Anschluss an mein Studium mehrere Monate außerhalb Deutschlands verbracht und es genossen, mich in diesem fremden Umfeld, mit neuen Kontakten und ungewohnten Abläufen ein Stück weit selbst neu zu entdecken. Am Reisen mochte ich die Möglichkeit, mich im Grunde jeden Tag von Neuem entscheiden zu können: wohin gehe ich, mit wem teile ich ein Stück meines Wegen und wann ziehe ich weiter? Ich mochte sehr die Leichtigkeit und das Unwägbare, das sich in diesen Situationen zeigte. Vermutlich reise ich deswegen auch gern allein: es macht mir nichts aus, auf mich zurückgeworfen zu sein – im Gegenteil: ich genieße es geradezu, mir dabei gut „zuhören“ und auf die Eindrücke, die von außen auf mich einwirken, in einer Weise reagieren zu können, die mir entspricht. Ich gerate dabei ins Staunen über die Welt, bin ganz präsent – das gibt mir ein Gefühl großer Lebendigkeit!

Umgekehrt macht mich eine Lebensweise, in der ich so gut wie keine (äußeren) Gestaltungsmöglichkeiten habe, buchstäblich krank. Auch das habe ich bereits zweimal erleben können, einmal im beruflichen und einmal im privaten Rahmen: auf meine ‚innere Melodie‘ zu hören und mir zu diesem Zweck immer wieder (äußere) Freiräume schaffen zu können, ist offensichtlich lebensnotwendig für mich.

So will ich sein!

Das führt mich zu der zweiten Art des „roten Fadens“: er ist weniger in dir angelegt, als von dir bewusst „gesponnen“. Zugleich entsprichst du, indem du ihm folgst, auch wieder dem, was dir entspricht. Etwas weniger komplex formuliert: Ist wie bei mir „Freiheit“ und damit einhergehend innere Entfaltung das „Lebensthema“, so kann ich mich fragen: was hilft mir, diese Freiheit (innerlich und äußerlich) zu erlangen? Bei mir ist es zum Beispiel, echt zu sein, also in meinem Handeln klar an meinen Werten orientiert zu bleiben. Es ist der Wunsch, liebevoll zu mir und zu anderen zu sein und schließlich, zu wachsen, indem ich mein Verhalten und die Umsetzung meiner Werte immer mal wieder hinterfrage.

Interessanterweise erlange ich gerade dadurch, dass ich mich entlang dieser selbstgeschaffenen „Richtschnur“, eben entlang meines ‚roten Fadens‘, bewege, tatsächlich Freiheit, – nämlich zunehmend Unabhängigkeit von äußeren Wertungen und Maßstäben. Wo ich inneren Werten folgen kann, renne ich nicht äußeren Normen hinterher. Besonders spürbar wird das für mich in Krisensituationen: dann spannt sich mein „roter Faden“ und ich halte mich daran fest wie an einem Rettungsseil, um von den Wogen des Lebens nicht umgeworfen zu werden.

Folgst du mir noch durch’s  Metapherngestrüpp?;-) Vielleicht hast du ja Lust, deinen eigenen „roten Faden“ (in dir angelegt und selbst geschaffen) zu entdecken? Oder vielleicht folgst du ihm bereits?

Ich wünsche dir herzlich alles Gute dabei!

Gesellschaft, Hochsensibilität, Persönliches

Seele (aus)tauschen

D831CFF7-9E35-41D2-8B3E-76C5DC1B2455

Schriftliche, in einem Umschlag übersandte Mitteilung“. „Schriftstück, das Informationen zwischen Personen und anderen Entitäten austauscht“. – So beschreiben der Duden und Wikipedia ihn.

Organisation und Muße

Wann hast du das letzte Mal einen Brief geschrieben? Briefe schreiben berührt die Sinne. Wo eine Mail schnell getippt – und verschickt – ist, fordert ein Brief Organisation (Briefmarke, Stift, Papier), Muße und Konzentration. Meine allerersten Briefe bestanden aus nur wenigen Worten, hingemalt auf Blumenkarten: „Liebe Tante R. Ich hoffe, es geht dir gut! Danke für das schöne Geschenk, Deine S.

Einen Brief zu schreiben bedeutet, innerlich sortiert zu sein. Kein Copy and Paste, kein Umstellen der Absätze mit zwei Klicks: was einmal dasteht, muss sichtbar gelöscht und ausradiert werden oder fordert bei Missfallen gleich einen neuen Bogen Papier. Papier und Stift sind ein forderndes Medium: nicht umsonst schrecken selbst passionierte Briefeschreiber vor Handschriftlichem zurück. Wer mit der Hand schreibt, entblößt sich ein Stück weit selbst: Schriftneigung, Größe und Schwung der Buchstaben, auch der Raum, den einer auf dem weißen Bogen einzunehmen wagt, sagen viel über den Schreibenden aus. Nicht umsonst versteht sich die Graphologie, die Lehre der Schriftdeutung, als eigene Wissenschaft. Und viel zu viele haben wohl noch das Urteil „Sauklaue“ im Kopf, wenn sie an ihre Handschrift denken oder betrachten ihre ‚Handschrift der Wenigschreiber’ (kindlich und schulgeprägt) mit Skepsis.

Ein besonderes Geschenk

Ich selbst schreibe Briefe als besonderes Geschenk an Menschen, die mir wichtig sind und widme ihnen auf diese Weise meine Muße und Konzentration. Als Jugendliche habe ich mehrere Jahre lang Brieffreundschaften geführt und als junge Erwachsene eine Liebe erlebt, die ihren Ausdruck vor allem in Briefen gefunden hat – im direkten Kontakt war ich noch viel zu befangen, um mich ähnlich frei und offen zu zeigen. Meine Mutter pflegt bis heute (Brief-) Freundschaften, die teilweise über Jahrzehnte Bestand haben. In der Adventszeit schreibt sie ein Dutzend Briefe und jedes Weihnachten staune ich wieder über die Galerie liebevoll gestalteter Karten und Briefe, die als Antwort den Weg zu ihr zurückgefunden haben!

Briefe zu schreiben erscheint mir heutzutage, wo bereits die Festnetznummer für viele privat ist, auch ein bewusster Akt der Intimität zu sein: ich kenne Anschrift und vollen Namen meines Gegenübers, was in Zeiten von mobiler Kommunikation und Skype-Kontakt nicht selbstverständlich ist. Zudem zeige ich durch meine Handschrift und die Gestaltung meines Briefes doch weit mehr von mir, als ich es mit einer E-Mail täte. Einen handgeschriebenen Brief zu bekommen ist dementsprechend etwas Besonderes: Ich setze mich bewusst hin, öffne ihn und schenke mir selbst während des Lesens einen Augenblick der Freude und Kontemplation:-)

Hast du Lust bekommen, einen handgeschriebenen Brief zu bekommen? Dann schreibe doch selbst mal wieder einen Brief! Gerne auch mir, ich schreibe zurück: kontakt@mutter-und-sohn.blog! 🙂

P.S. In meinem Blog habe ich bereits einen Brief in Buchform vorgestellt. Der französische Philosoph André Gorz widmet sein Schreiben der Frau, mit der er fast 60 Jahre seines Lebens in Liebe verbunden war. Die Rezension findet ihr hier.

Kunst, Persönliches

Brief an D.

A3214D10-CB81-4734-8BFE-C444913749D1

Der französische Philosoph André Gorz hat auf etwa 80 Seiten seiner Frau Dorine einen Liebesbrief geschrieben. Fast 60 Jahre lang war das Paar verbunden, eine „große Liebe“, die der Autor nun, zum Ende ihres gemeinsamen Lebens, beschreibt und zu begreifen versucht.

Vor Jahren habe ich dieses Buch schon einmal gelesen. Jetzt nehme ich es noch einmal zur Hand. Eine Erinnerung an etwas Kostbares, Zartes und dennoch Ausdrucksstarkes, ist mir geblieben. Die gebundene deutschsprachige Ausgabe passt dazu: ein schmales Bändchen, außen blassgelb, der Inneneinband scharlachrot.

Beim Wiederlesen fällt mir zuerst auf, dass Gorz mit Staunen – und einem Anflug von Reue – seine Frau zu beschreiben scheint. Das Buch wirkt wie der Versuch, das Bild zu korrigieren, das er in einem früheren autobiografischen Werk („Der Verräter“) von ihr gezeichnet hat: Dorine als mehr oder weniger hilfloses, von ihm abhängiges Wesen. Im „Brief an D.“ erscheint seine Frau als das genaue Gegenteil: souverän im Umgang mit Menschen, kontaktfreudig und weltgewandt – die faszinierende ‚Andere‘, allein schon dadurch, dass sie als Engländerin zunächst nicht Gorz’ Sprache spricht:

„Was mich bei Dir fesselte, war, dass Du mir Zugang zu einer anderen Welt verschafftest. Die Werte, die meine Kindheit beherrscht hatten, galten dort nicht. Diese Welt verzauberte mich. Ich konnte mich davonstehlen, wenn ich sie betrat, ohne Verpflichtung und ohne Zugehörigkeit.“

Der zweite Weg, sich aus seinem Leben als jüdischer Flüchtling in Frankreich, mit quälend unsicherem Aufenthaltsstatus, ‚davonzustehlen‘, ist für Gorz das Schreiben. Klar und stellenweise auch selbstkritisch beschreibt er, wie seine Arbeit sein Leben dominiert: auch nachts um drei schreibt er noch, jahrelang ohne sein Werk zu veröffentlichten. Dorine unterstützt ihn vorbehaltlos: „Einen Schriftsteller zu lieben heißt lieben, dass er schreibt“, zitiert Gorz sie: „Also schreib!“

Neben dem Wort und der Schrift ist die Sinnlichkeit bis ins hohe Alter ein verbindendes Element der Liebenden:

„Bald wirst Du jetzt zweiundachzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körper an meinem auszufüllen vermag.“

Mit diesen Sätzen beginnt – und endet – Gorz’ Essay. 2007, als seine Frau schwerkrank ist, nehmen die beiden sich gemeinsam das Leben. Was bleibt, ist (unter anderem) dieser Brief in Buchform: Der Versuch, eine Liebe zu beschreiben, die sich der Beschreibung doch entzieht: kostbar und wie alles Lebendige nicht endgültig fassbar.

André Gorz: Brief an D. Geschichte einer Liebe. Rotpunktverlag.

Kunst, Persönliches

Philip und sein Fluß

318100A4-10C2-47BC-AC94-12D1A795F20A
(C) Philip und sein Fluß

Manche Großeltern gehen mit ihren Enkeln Eisessen. Andere zimmern Baumhäuser. Philips Großvater schenkt seinem Enkel – einen Fluss. Gemeinsam begleiten die beiden „ihren“ Fluß von der Quelle bis zu der Stelle, an der er zum Bach wird, zum Strom und schließlich ins Meer mündet. 

Das Kinderbuch „Philip und sein Fluß“ beschreibt ihre Erlebnisse in ruhiger, klarer Sprache. Die an naive Malerei erinnernden Bilder ergänzen die Erzählung. Besonders gefällt mir, dass sich der Text nicht bemüht, ‚kindgerecht’ zu sein, sondern in komplexer Weise Sinneseindrücke und Gedanken der beiden Entdecker wiedergibt. Eine Referenz an die Schönheit der Natur und an die ganz besondere Beziehung zwischen einem Großvater und seinem Enkelkind.

Leseprobe: 

„‚Wollen wir die Quelle suchen?‘ fragt der Großvater. Sie steigen über große Steine und kleine Steine. Sie steigen über eine umgefallene Tanne. Sie steigen über einen kleinen Tümpel. Auf dem Tümpel laufen Wasserläufer. Sie laufen sehr schnell mit ihren dünnen Beinen. Eine Brombeerranke kratzt Philip am Knöchel. Ein spitzes Steinchen sticht seine Fußsohle. Die Sonne brennt. Philip ist nicht mehr sicher, ob er noch zur Quelle will. Aber der Großvater nimmt seine Hand, und sie steigen weiter. Plötzlich stehen sie vor einer hohen Tanne. Unter ihren Wurzeln sprudelt die Quelle aus den Steinen. […] Philip schnippt Quellwasser in die Luft. Die Tropfen leuchten und glitzern. Plötzlich schimmert ein Regenbogen in dem dünnen Wasserstrahl. ‚Unsere Quelle‘, sagt Philip. ‚Deine und meine. Weil wir sie gefunden haben.‘“

Pieter Kunstreich und Renate Welsh: Philip und sein Fluß. Ravensburger-Verlag.  (Ab 4)