Darf ich als Mutter (eigene) Ziele haben?

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Vor kurzem habe ich einen sehr interessanten Blogartikel einer jungen Mutter aus Dresden gelesen (Dresden Mutti), die sich darin fragt: Darf man als Mutter eigentlich noch (eigene) Ziele verfolgen – und wenn ja, welche? 

Ich würde die Frage definitiv mit JA beantworten, würde sogar sagen, ein Mensch, der keine eigenen Ziele verfolgt, verliert sich ein Stück weit selbst. Wobei die eigenen Ziele ja durchaus auf das Wohlergehen anderer ausgerichtet sein können, also nicht egozentrisch – oder gar egoistisch motiviert – sein müssen. 

Ich verrate hier mal ein paar meiner Ziele: 

  1. Ich möchte dafür sorgen, dass der Stammtisch für Getrennt- und Alleinerziehende, den ich gemeinsam mit Christina von getrenntmitkind.de initiiert habe, weiter besteht und in regelmäßigen Abständen stattfindet, so dass sich immer wieder Menschen davon angesprochen fühlen und neu dazu kommen. Wenn du mehr darüber wissen willst, schreib mir an kontakt[at]mutter-und-sohn.blog.
  2. Ich möchte beruflich mehr Kontur gewinnen als (momentan) in Teilzeit beschäftigte Lehrerin und Mutter, was definitiv etwas anderes ist, als Vollzeit und ohne Kind berufstätig zu sein. Ich möchte für mich klären, wie genau der berufliche Rahmen aussehen soll, in dem ich in den nächsten zehn Jahren arbeiten möchte – und dann die Schritte in diese Richtung gehen.
  3. Ich möchte mir Zeit nehmen und mir (weiterhin) Freiräume schaffen für mein Kind und für meine Erholung, Entspannung und die Reflexion der Dinge, die mir widerfahren. Ebenso wie für die kleinen „Verrücktheiten“ im Alltag, für die Erwachsenen oft angeblich „die Zeit fehlt“.
  4. Ich möchte noch deutlich mehr Leserinnen und Leser für meinen Blog gewinnen – und die mir bereits gewogenen Leserinnen und Lesern zu mehr Reaktionen und Kommentaren bewegen! Dahinter steht der selbstbewusste Gedanke, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen und meiner Art zu denken anderen tatsächlich etwas zu geben habe und natürlich, dass ich mich durch den Austausch über meine Texte selbst bereichert fühle. Ich möchte meinen Blog – und auch die realen Kontakte, die sich durch ihn ergeben – wirklich zu einem Raum der Begegnung, der Tiefe und des Mitgefühls machen. Ich freue mich über jede und jeden von euch, der oder die sich daran beteiligt. Tipps und Mithilfe für das (weiter) Bekanntmachen meines Blogs sehr willkommen! 🙂
  5. Ich möchte die Trennung vom Vater meines Sohnes endgültig verarbeiten und irgendwann wieder den Mut aufbringen, eine ernsthafte Beziehung zu beginnen.

Was ist die Richtung hinter meinen Zielen? 

Ziele verfolge ich aber nur in dem Maße mit Überzeugung und Motivation, wie sie sich mit dem decken, was tief in mir anklingt, was meinen wirklichen Werten und Wünschen entspricht:

Will ich helfen? Spaß haben? Suche ich Anerkennung? Möchte ich noch ein Kind? Will ich etwas erfinden, oder aufbauen, was es bisher noch nicht gibt? Suche ich Entlastung? Herausforderung? Reizt mich, was möglich sein könnte – oder möchte ich meine Beweggründe und meine Herkunft verstehen? Will ich Verletzung vermeiden – oder gar verletzen? Suche ich Kontakt und Begegnung – oder Distanz? Ist mein Handeln von Zuversicht oder von Furcht geprägt?

Das Große zeigt sich im Detail

Wer schon einmal mit einer Fähre gefahren ist, kennt sicher die Markierungszeichen entlang der Fährstrecke (Bojen oder im Meeresgrund verankerte Streben). Ich möchte diese als die Ziele beschreiben, die vor mir liegen und die ich eins nach dem anderen zu erreichen versuche. Die eigentliche Ausrichtung der Strecke, ob ich also – um in der Metapher zu bleiben – nach England oder Dänemark übersetze, bestimmt jedoch der tiefe Wunsch in mir. Wenn ich also nie an Ziel XYZ anzukommen scheine, mag ich das Ziel gar nicht falsch gewählt haben – es liegt schlicht nur nicht „auf meiner Strecke“, mein tiefer Wunsch ist also vielleicht ein ganz anderer und zieht mich ganz woanders hin. Bin ich an dieser Stelle ehrlich zu mir, erkenne ich die eigentliche Ausrichtung hinter meinen Zielen – und verstehe vielleicht auch, warum ich die einen scheinbar so leicht, die anderen trotz großer Anstrengung gar nicht erreiche.

Hast du eine solche Erfahrung auch schon gemacht? Ist dieser Text Blödsinn oder gut nachvollziehbar für dich? Ich freue mich, deine Meinung zu hören! 

Mit herzlichem Gruß, Sunnybee

PS. Danke übrigens an Silvia von vivabini für ihren Text zum Thema und den Aufruf, im Rahmen einer von ihr initiierten „Blogparade“ Texte zu der im Titel genannten Frage zu vernetzen! 🙂 In gewisser Weise beteilige ich mich jetzt auch daran, obwohl die Frist für ihre Blogparade eigentlich schon abgelaufen ist…

Mit dem Kopf durch die Wand? Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

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Eine Freundin von mir ist eine echte Powerfrau: „Geht nicht gibt’s nicht“, könnte ihr Lebensmotto lauten. Von ihrem äußerlich eher ruhigen und zurückhaltendem Auftreten sollte man sich nicht irreführen lassen: was sie erreichen möchte, erreicht sie (meist) auch, mit Feingefühl, Diplomatie und Beharrlichkeit. Über die Jahre hat dieser Umstand ihr Selbstbild geprägt: „Wenn ich etwas nur wirklich will, dann gelingt es mir auch“, ist ihr, grundsätzlich ja durchaus hilfreicher und positiver, Glaubenssatz. 

Was nicht passt, wird passend gemacht?

Was aber, wenn meine Freundin mit Dingen konfrontiert wird, die sie nicht ändern kann? Ich habe das kürzlich erlebt, als sie sich verliebt hatte und ihre Gefühle nicht erwidert wurden. Zwar gab sie vor, die Situation zu akzeptieren, aber ich merkte ihr an, sie konnte innerlich nicht loslassen – und zwar nicht nur aufgrund ihrer Gefühle, sondern auch, weil ein Teil in ihr einfach nicht fassen konnte, dass da „nichts zu machen“ war. Natürlich verstand sie, dass sie ihren Gegenüber nicht zu Verliebtheitsgefühlen „zwingen“ konnte, aber es fiel ihr sehr schwer, ihre Machtlosigkeit an dieser Stelle zu akzeptieren. 

Ein anderes Mal erlebte ich sie im Streit mit einer ihr nahe stehenden Person. Auch hier fiel ihr sehr schwer, die andere so sein zu lassen, wie sie nun einmal war und sich mit ihrem Verhalten zu arrangieren. „Insgeheim denke ich auch jetzt noch, dass ihr Verhalten nicht richtig ist“, gestand sie mir, „dabei ist mir schon klar, dass es einfach anders ist, als ich es mir wünsche. Das kann ich zwar verstehen, aber wirklich fühlen kann ich es nicht.“

Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

Die Gespräche führen mich zu der Frage: Wie gehe ich mit Dingen um, die ich wirklich nicht ändern kann? Wie positioniere ich mich gegenüber einer Einstellung oder einem Verhalten, das mir völlig gegen den Strich geht? Wie gehe ich mit einer Erkrankung oder körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung um? Mit dem Verlust meines Arbeitsplatzes oder eines mir nahe stehenden Menschen? 

Nimm es an“, ist leicht gesagt. Denn es ist oft extrem schwer, danach zu handeln. Etwas in mir fühlt sich ja essentiell bedroht oder in Frage gestellt durch die Situation, in der ich mich befinde. Sehr drastisch gesagt: Was ich erlebe, ist „Sch…e“ für mich – und diese „Sch…e“ soll ich auch noch annehmen? Bleibe ich bei dem Bild, wird mir nur zu deutlich, warum sich etwas in mir sträubt, das Gegebene zu akzeptieren. Kein Mensch würde wohl mit Freude entgegennehmen, was so unappetitlich, schmerzhaft und kränkend daherkommt. 

Was helfen kann: Nimm es an – aber gib es auch wieder ab. 

Vermutlich muss ich also erst einmal die Gefühle wahrnehmen, die beim Entgegennehmen dieses „Pakets“ in mir aufkommen: Abwehr, Befremden, Furcht, Trauer, Wut – sie sind da, sie sind real. Also weine ich und fluche, schimpfe und klage bei Freunden (im Gebet oder in meinem Tagebuch), schwimme zwanzig Bahnen, um den Schmerz und die Verkrampfung in meinem Körper loszuwerden. Und dabei gelingen mir drei Dinge:

Ich nehme meine Gefühle wahr

Ich akzeptiere sie als gegeben

Ich lasse sie durch mich fließen und gebe sie wieder ab.

Erst dann kann ich auch loslassen, was Auslöser genau dieser Gefühle war. Ich kann – zurück im Bild – schauen, warum mir jemand Sch…e geschenkt hat, was das Leben mir damit zeigen wollte. 

Der Sinn des unwillkommenen „Geschenks“

Meine Freundin hat klar verinnerlicht, die Kontrolle über ihr Leben zu haben und letztlich fast alles, was ihr widerfährt beeinflussen zu können. Durch die Sch…e, die sie erhält, darf sie erfahren, dass sie nicht alles kontrollieren kann. Durchlebt sie die Situation in der Weise, dass sie ihre Gefühle wahrnimmt und durch sich fließen lässt, eröffnet sich ihr die Möglichkeit, den Sinn des unwillkommenen „Geschenks“ mit ruhigerem Gemüt zu erkennen. Und was ist ihre Antwort?

Eine Situation oder das Handeln eines anderen nicht beherrschen zu können fühlt sich bedrohlich, entmutigend, irritierend oder abstoßend an. Und genau das ist der Sinn des Ganzen: Ich lerne genau damit umzugehen. 

Der Blick auf die Sch…e konfrontiert mich mit all meinen Empfindungen dabei. Und so kann ich lernen, dass ich z.B. an mir zu zweifeln beginne, wenn mir jemand von außen keine Bestätigung gibt. Oder dass ich Angst habe, einen Menschen zu verlieren, wenn er sich nicht regelmäßig bei mir meldet, dass ich vielleicht nicht daran glaube, wirklich für mich einstehen zu dürfen und mich somit bedroht fühle, wenn ein anderer mir meinen Raum streitig macht. Ich kann auch lernen, dass ich Angst davor habe, mich selbst zu genau wahrzunehmen, oder dass ich andere beeinflussen möchte, um mir meinen Wert und meine Wirksamkeit zu glauben. 

All diese unangenehmen Wahrheiten will ich vielleicht gar nicht sehen und erkennen. Es ist somit fast einfacher, gegen die Sch…e außen zu kämpfen als mein Elend innen wahrzunehmen. Entwickle ich jedoch die Bereitschaft dazu, zeigt sich mir das wirkliche Geschenk: Ich kann nicht nur aufhören, gegen das äußere Elend anzukämpfen, sondern endlich auch beginnen, mich um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist: mein inneres Unglück, dass mich mit solcher Empörung und Abwehr, mit solchem Schmerz und Befremden auf meine äußere Situation reagieren lässt. 

Sch…e wird nicht plötzlich zu Gold

Um ein letztes Mal zum Bild der Sch…e zurückzukehren: diese wird nicht plötzlich zu Gold, wenn ich begreife, was sie innerlich in mir „anrührt“. Das Verhalten anderer oder meine Lebenssituation kann objektiv belastend oder gar bedrohlich sein. Meine innere Reflexion soll mich auch nicht daran hindern, im Äußeren Dinge zu verändern, insofern mir das möglich ist.

Kann ich an einer Situation aber tatsächlich nichts ändern, ist sie wohl das „Geschenk“, das ich nie wollte und weist mir den Weg, mich besser zu verstehen und anzunehmen, bzw. die Verletzungen in mir, auf die sie mich hinweist, zu heilen. 

Und damit habe ich die Antwort: Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

Ich nehme sie als Geschenk. 

Was hältst du von dieser These? Hilfreich oder zu weit hergeholt? Wie immer freue ich mich, deine Meinung zu lesen!🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

„Was ist echte Stärke für dich?“ (Aufruf zur Blogparade)

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Passend zum Wochenauftakt: Der Aufruf zu meiner ersten selbst gestarteten  BLOGPARADE! 🙂

Ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt und zu dem ich jetzt zu meiner ersten „Blogparade“ aufrufen möchte: 

Was ist echte Stärke für dich? 

Anlass für mich ist ein monatliches Frühstückstreffen für allein- und getrennt erziehende Mütter (und Väter), das ich – inzwischen zum fünften Mal – gemeinsam mit Bloggerin Christina von www.getrenntmitkind.de organisiert habe. Drei bis vier Stunden lang sitzen wir im Park (im Sommer) oder in einem Lokal (jetzt im Herbst und Winter), lachen, essen, tauschen uns aus, während unsere Kinder miteinander spielen. Und ich bin jedes Mal wieder begeistert, was für tolle – und starke – Frauen dabei den Weg zu uns finden. (Infos über kontakt[at]mutter-und-sohn.blog)

Daher hier, was echte Stärke für MICH ist:

Echte Stärke ist für mich eine Mischung aus der Fähigkeit, sich wieder aufzurappeln, wenn das Leben einen umgeworfen hat, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen und andererseits auch bei seinem Standpunkt zu bleiben, wenn dieser einem wichtig ist. So wie die Mutter, die, alleinerziehend, für ihre an Diabetes erkrankte Tochter kämpfte, als diese von mehreren Kindergärten aufgrund ihrer Erkrankung als „zu riskant“ abgelehnt wurde. Oder wie überhaupt jede Mutter (und jeder Vater), die (oder der) nach einer Trennung das eigene Leben neu sortiert und sich darauf einlässt, neue Erfahrungen zu machen und wieder liebevolle Beziehungen einzugehen.

Stark ist für mich auch jemand, der sich selbst erkennt und schätzt, aber auch andere sein lassen kann, wie sie sind, es z.B. nicht nötig hat, Fremdes abzuwerten, weil es das eigene Selbstbild bedrohen könnte. Das erlebe ich bei eigentlich allen der klugen, reflektierten Frauen, die bisher den Weg zu unserem Frühstückstreffen gefunden haben – und ich fühle mich dadurch bereichert, gestärkt und inspiriert! 

Wichtig ist mir auch, dass kein Mensch immer stark sein kann. Echte Stärke erwächst meiner Meinung nach aus der Annahme der eigenen Schwäche(n). Bin ich z.B. rechthaberisch, könnte es nur ein weiteres Zeichen meiner Schwäche sein, diesen Umstand vehement zu verneinen. Erkenne ich meine Schwäche jedoch an, kann ich mich dadurch für Alternativen zu meinem bisherigen Verhalten öffnen. Auch diesen Entwicklungsprozess durchlaufen viele der allein- und getrennt erziehenden Frauen und Männer, mit denen ich mich in den letzten Monaten unterhalten habe. Es tut gut, sich darin wiederzuerkennen und gestärkt zu fühlen!

Abschließend möchte ich einen meiner Studierenden zitieren, der zwar weder allein-, noch getrennt erziehend ist, aufgrund seiner Flucht aus Syrien vor drei Jahren aber die Erfahrung eines Bruches in seiner Biographie teilt. Er schrieb mir in einem Essay zur Frage „Was ist echte Stärke für dich?“ folgendes: 

„Echte Stärke ist für mich, wenn ich ganz bewusst und achtsam lebe. Wenn man bewusst lebt, bleibt man bei jedem Schritt in seinem Leben stark. Man kauft bewusst ein und man weiß, was man braucht, man isst bewusst und achtet auf gesunde Ernährung. Man denkt bewusst und bildet sich seine eigene Meinung und lässt sich nicht durch die Medien und andere Menschen beeinflussen. Man achtet darauf, wie man mit seinen Mitmenschen spricht, aber das ist nicht einfach. Wenn man sich die ganze Zeit mit seiner Vergangenheit beschäftigt und Angst vor der Zukunft hat, verliert man die Kontrolle über die Gegenwart. Der Schlüssel von Bewusstsein und bewusstem Leben ist Leben im Hier und Jetzt.“

Wollt ihr mitmachen? Dann 

  1. schreibt euren eigenen Blogartikel zum Thema (vom Bild mit Zweizeiler bis zum ausgearbeiteten Essay ist alles möglich😉) 
  2. Schreibt mir bis zum 15.11.2018 einen Kommentar mit Link zu eurem Artikel, den ich auf meiner Seite online stelle
  3. Verweist in eurem Blog, oder gern auch auf Facebook oder Twitter (@mama_schreibt) auf meinen Blog und diese Blogparade!

Ich freue mich sehr, von euch zu lesen! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Habt ihr, Lydia, Charlotte, Christina, Jannike oder auch Samybee, Tilman oder Nadine Lust, mitzumachen? Gerade mit euren ganz unterschiedlichen Biographien fände ich eine Antwort auf meine Frage super spannend! Aber wer auch immer sonst Lust hat, zu schreiben – nur her damit: ich freue mich!😀

Julia M.: „Ich will, dass wir es zusammen schön haben!“

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Julia ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs seit sechs Monaten vom Vater ihrer 2-jährigen Tochter getrennt. Während unserer Unterhaltung beeindruckt mich die Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der sie auf meine Fragen eingeht. Ihre Fähigkeit, sowohl ihr eigenes Verhalten als auch das anderer sehr sensibel und bewusst zu hinterfragen, habe ich seitdem immer wieder als bereichernd erlebt. Als ich ihr einige Wochen nach unserem Gespräch das fertig redigierte Interview zu lesen gebe, fällt uns auf, wieviel seitdem bereits wieder geschehen ist: nichts im Leben ist endgültig – auch das eine Erkenntnis, die für mich mit den Gesprächen mit Julia verbunden ist!

Du bist berufstätig und hast eine Tochter. Wie würdest du deiner Tochter deinen Beruf beschreiben?

Da ich Ärztin bin, können ja selbst Kinder schon recht viel mit meinem Beruf anfangen. Ich würde ihr erklären, dass ich jeden Tag viele Menschen sehe, die mit gesundheitlichen Problemen zu mir kommen und dass ich versuche herauszufinden, wie ich den Menschen helfen kann. Meine Tochter ist erst zwei und hat erst vor kurzem angefangen, überhaupt den Begriff ‚Arbeit‘ zu verwenden. Ich habe aber den Eindruck, dass er für sie gleichbedeutend mit ’nicht anwesend sein‘ ist. Wenn sie aus dem Raum geht, sagt sie: „Tschüss – Arbeit“ [lacht].

Welchen Einfluss hat deine Arbeit in Bezug auf euren gemeinsamen Alltag?

Ich arbeite ungefähr 20-25 Stunden pro Woche, auf vier bis fünf Tage verteilt. An drei Tagen arbeite ich vormittags: während dieser Zeit ist meine Tochter in einer Spielgruppe. Sie ist dadurch eben ein paar Stunden ohne mich, aber die Spielgruppe tut ihr meinem Eindruck nach wirklich gut. Wenn ich danach von der Arbeit komme konzentriere ich mich auch ganz auf meine Tochter und wir genießen die gemeinsame Zeit. Nur an einem Tag arbeite ich nachmittags: da verbringen wir den Vormittag zusammen, bevor sie durch meine Mutter oder Freunde betreut wird – an diesem Tag bin ich schon immer sehr angespannt, da ich zu einem bestimmten Zeitpunkt leistungsfähig und an einem bestimmten Ort sein muss. Ich bin dann auch nicht so geduldig und einfühlsam meiner Tochter gegenüber, was mir leid tut. Aber das ist eigentlich nur an diesem einen Tag so. Insgesamt fühle ich mich dadurch, dass ich wieder arbeite, eher ausgeglichener und glücklicher. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, ausschließlich mit meiner Tochter zuhause zu sein, wie z.B. im Jahr meiner Elternzeit. Das wäre nicht gut für mich und damit auch nicht für meine Tochter… [lacht]

Was hat dein Beruf für eine Bedeutung für dein Selbstbild?

Meinen Beruf auszuüben bedeutet für mich, ein paar Stunden zu haben, die nur mir gehören. Früher habe ich das überhaupt nicht so empfunden: Die Zeit, die ich mit meiner Arbeit verbracht habe, war genau die Zeit, die ich nicht für mich hatte. Aber mit Kind hat sich das grundlegend verändert: Die Stunden, in denen ich arbeite sind jetzt die, in denen ich „Erwachsenengespräche“ führe und Gedanken zu Ende denken kann. Die Medizin an sich und die Begegnung mit Menschen ist etwas, das mir einfach großen Spaß macht und zu mir gehört. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht, wenn meine Tochter älter ist, wieder Kapazität habe, mehr zu arbeiten. Im Moment, mit ihr als Kleinkind, das einfach noch viel Betreuung und Aufmerksamkeit braucht, empfinde ich diesen Arbeitsumfang als perfekt. Mir hat, ehrlich gesagt, meine Arbeit noch nie so viel Spaß gemacht hat wie jetzt, in dieser Kombination, mit Kind und Arbeit.

Du lebst seit etwa einem halben Jahr getrennt vom Vater deiner Tochter. Welche Auswirkungen hat das für deinen Alltag?

Seit der Trennung muss ich viel mehr auf Leute zugehen und andere um Gefallen bitten. Wir hatten z.B. eine Kinderbetreuung, die erst um neun Uhr angefangen hat; ich fange aber um acht Uhr an zu arbeiten und mein Ex-Partner hat vor der Trennung unsere Tochter morgens zur Kinderbetreuung gebracht. So war nach der Trennung einer der ersten Schritte, dass ich die Spielgruppenbetreuerin gefragt habe, ob es für sie denkbar wäre, dass ich unsere Tochter 11/2 Stunden früher bringen könnte. Das war tatsächlich möglich, was mich sehr freute, da ich weiß, dass sich unsere Tochter dort sehr wohl fühlt. Auch mein Arbeitgeber ist mir zum Glück in Bezug auf meine Arbeitszeiten entgegengekommen. An einem Morgen beginne ich meine Arbeit jetzt etwas später und diesen Morgen genieße ich sehr, da ich dann morgens ungefähr eine Viertelstunde Freizeit habe. In der Zeit gehe ich immer auf eine Tasse Kaffee zum Italiener. Im Ganzen hat sich aber gar nicht so viel geändert in Bezug auf die Alltagsorganisation, weil sich mein Ex-Partner auch vor der Trennung wenig um die Betreuung unter der Woche gekümmert hat.

Also scheinen zwei Konsequenzen eurer Trennung zu sein: Du hast sehr viel Kontakt zu Menschen außerhalb deiner Familie, auch einfach, weil du Unterstützung benötigst – und du hast einen sehr durchstrukturierten Alltag?

Dieser durchgeplante Alltag gibt mir auch Sicherheit. Ich war immer ein eher chaotischer Mensch und jetzt habe ich für mich z.B. einen festen Tag eingeführt, an dem ich den Wocheneinkauf mache. Dafür lege ich schon davor fest, was ich an welchem Tag koche. Auch einen festen Putztag möchte ich einrichten… Ich merke einfach, das gibt mir Sicherheit. Sonst denke ich immer: oh, irgendwann musst du noch einkaufen gehen und wer weiß, wann? So weiß ich einfach, den Einkauf machst du immer an diesem Tag und damit ist er auch erledigt.

Würdest du dich selbst als alleinerziehend beschreiben?

Nein, eigentlich nicht. Der Vater meiner Tochter betreut sie momentan zwar nur jedes zweite Wochenende. Das ist im Prinzip wenig Zeit, wenn auch nicht weniger, als er vorher mit ihr verbracht hat… Und dennoch würde ich mich eher als ‚getrennt erziehend‘ als als alleinerziehend bezeichnen. Mein Ex-Partner spielt schon noch eine große Rolle für meine Tochter. Ganz allein bin ich da auf jeden Fall nicht. Und natürlich sind auch noch ganz viele andere Leute an der Erziehung beteiligt. Gerade die Tagesmutter ist z.B. auch eine sehr wichtige Person, von der ich in der Trennungszeit, als ich besorgt war, welche Auswirkungen die Trennung für mein Kind hat, immer wusste: sie bleibt auf jeden Fall eine Konstante. Das war für mich ein tröstlicher Gedanke. Die beiden haben eine innige Beziehung und unsere Tagesmutter ermöglicht uns vieles: durch ihre Flexibilität spielt sie schon eine große Rolle in unserem Erziehungsalltag. Und dann ist da natürlich meine Mutter, die mich oft unterstützt und einige Freunde, die auch flexibel einspringen, wenn ich außer der Reihe mal einen Tag mehr arbeiten muss. Also, alleinerziehend bin ich definitiv nicht.

Das heißt, du hast wirklich ein Netz an Menschen, die dich unterstützen. Hast du dir das seit der Trennung erarbeitet oder bestand das schon davor?

Dieses Netz gab es schon davor, es ist nur noch engmaschiger geworden. Es war einfach klar, dass ich jetzt noch stärker darauf angewiesen bin und alle haben dankenswerterweise auch gesagt, sie sind für mich da und versuchen zu helfen, wo es geht. Gleichzeitig merke ich: ich bin schon in einer blöden Situation, weil ich ständig um Hilfe bitten muss. An manchen Tagen finde ich das auch wirklich unangenehm. Jetzt im Sommer habe ich z.B. Urlaubssperre, die Tagesmutter steht aber für einige Wochen nicht zu Verfügung, ebenso wenig wie der Vater meiner Tochter. Da genügend Leute zu finden, die unser Kind betreuen können während ich arbeite, ist schon wirklich aufwendig.

Das heißt, die Verantwortung für die Organisation liegt bei dir, lag aber auch schon in eurer Beziehung bei dir?

Ja, im Prinzip hat sich das kaum verändert, es ist jetzt nur eindeutiger… [lacht] Das macht es in gewisser Weise auch einfacher für mich. Bereits in der Beziehung hatte ich die volle Verantwortung für die Organisation. Das fand ich ziemlich ungerecht und wir hatten auch häufig Diskussionen darüber. Uns war es aber nicht möglich dabei wirklich zu einer Einigung zu kommen. Jetzt ist einfach klar: ich habe die ganze Verantwortung und letztendlich läuft es besser so. Auch die Arbeit fällt mir leichter. Vor der Trennung haben mich die Konflikte zuhause so in Beschlag genommen, dass ich meinen Patienten gar nicht meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich genieße sehr, dass das Energieloch durch die Konflikte in unserer Beziehung jetzt nicht mehr besteht. Ich habe auch das Gefühl, wieder mehr Kontrolle über mein Leben zu haben. Für mich hat es also auf jeden Fall auch positive Seiten, dass ich das jetzt alles alleine regle.

Seit eurer Trennung ist ein halbes Jahr vergangen. Was gab es für Hürden und Schwierigkeiten während eurer Trennung, was ist euch gut gelungen?

Sehr schwierig ist nachwievor, dass ich mit meinem Ex-Partner nur sehr schwer besprechen kann, wenn Veränderungen anstehen oder ich nicht einverstanden damit bin, wie wir etwas geregelt haben. Die Kommunikation zwischen uns ist oft noch schwierig. Im Verlauf der Trennung waren wir auch häufiger in der Beratung eines Familienzentrums. Für mich war das hilfreich: Ich wusste immer, hier kann ich Dinge besprechen, ohne dass mein Ex-Partner sich komplett verschließt oder mich angreift und abwertet. Ich wusste, das ist ein geschützter Raum, in dem ich Dinge besprechen kann, die mir, auch in Bezug auf unsere Tochter, wichtig sind. Wir waren drei oder vier Mal bei der Beratungsstelle. Ursprünglich sind wir dort noch als Paar hingegangen, um die Beziehung zu erhalten. Aber letztlich war es der Ort, an dem ich mich in geschütztem Rahmen getrennt habe. Die Beratenden dort haben uns auch direkt angeboten, weiter zu kommen um die ersten Schritte nach der Trennung zu besprechen. Das war auch gut. Ich würde das jeder Zeit wieder in Anspruch nehmen. Leider muss man relativ lange auf Termine warten.

Grundsätzlich gab es im Verlauf der Trennung also schon die Bereitschaft deines Ex-Partners, Dinge zu besprechen?

Das ist von Mal zu Mal sehr verschieden. Ich versuche bereits, die Momente abzupassen, in denen er offen für ein Gespräch ist. Kürzlich wollte ich z.B. etwas mit ihm besprechen, das hat er jedoch komplett abgewehrt. Als wir einige Tage später wieder Kontakt hatten war er jedoch ruhiger und wir konnten auch eine Lösung finden. Andererseits gelingt es uns über weite Strecken schon gut, den Umgang für unsere Tochter relativ ruhig und regelmäßig zu gestalten. Die Situationen, in denen sie uns zusammen erlebt hat, sind überwiegend – nicht entspannt, das ist das falsche Wort [lacht] – sie sind friedlich verlaufen.

Das heißt, eure Verantwortung als Eltern nehmt ihr beide wahr. Hast du einen Eindruck, wie eure Tochter die Trennung erlebt?

Ich glaube, dass sie die Trennung nicht wirklich als ‚unsere‘ Trennung als Paar erlebt hat, sondern eher als ihre Trennung. Die Folge für sie ist, dass ihr Papa jetzt nicht mehr immer da ist. Auch wenn er sie während der Beziehung nicht häufig betreut hat, war er doch anwesend und sie hat ihn jeden Tag gesehen. Das ist für sie, denke ich, der größte Einschnitt und sie äußert das auch immer wieder. Ich habe den Eindruck, dass die zwölf Tage, in denen sie ihn nicht sieht, für sie eigentlich zu lang sind. Daher haben wir jetzt gerade beschlossen, dass mein Ex-Partner sie zwischen den Wochenendtreffen noch einmal sehen soll.

Telefoniert eure Tochter mit ihrem Vater in der Zeit, in der sie bei dir ist oder umgekehrt an den Wochenende, an denen sie bei deinem Ex-Partner ist?

Das haben wir am Anfang gemacht, aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich gut für sie war, deswegen machen wir es momentan nicht mehr. Allerdings schicken wir uns gegenseitig Fotos von ihr und schreiben auch per Textnachricht über lustige Dinge, die wir mit ihr erlebt haben oder über neue Schritte in ihrer Entwicklung.

Ihr tauscht euch also noch regelmäßig über eure Tochter aus, über das Organisatorische hinaus. Das ist ja noch eine Art Verbindung und auch Verbundenheit. Wie gehst du damit um?

Der Kontakt spielt sich für mich ganz klar auf der Elternebene ab. Ich habe schon den Eindruck, dass wir auf der Paarebene strikt getrennt sind. Und andererseits finde ich es einfach normal, dass mein Ex-Partner Freude daran hat, an dem Anteil zu nehmen, was sein Kind in der Zeit macht, in der es nicht bei ihm ist. Und für mich ist es auch schön meine Freude an meinem Kind zu teilen. Natürlich ist ihr Vater da auch eine Person, an die ich dabei denke. Solange ich den Eindruck habe, dass es ihm Freude macht von ihr zu lesen, werde ich ihm auch weiter Nachrichten und Bilder schicken.

Ist euer Kontakt also eher etwas, das den Prozess der Trennung erleichtert oder erschwert?

Unsere Paarbeziehung hatte sich bereits aufgelöst, während wir noch zusammen wohnten. Für mich besteht die Paarebene daher schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr. Aber das Menschliche kann man ja nicht endgültig trennen, wenn man Eltern ist… Und natürlich ist daran auch negativ, dass ich sehr aufmerksam und sensibel bin, aus der Angst heraus, dass sich sein Unmut wieder gegen mich richten könnte oder aber, dass er über unsere Tochter etwas ausleben könnte, das sich eigentlich gegen mich richtet. Ich wünsche mir, dass sich seine Stimmungen und Launen nicht so stark auf unseren Kontakt auswirken. Unsere Entscheidungen und Handlungen sollten sich nach dem Wohl unserer Tochter richten, natürlich unter der Bedingung, dass es uns auch gut damit geht. Ich wünsche mir, dass in unseren Kontakt nichts hineinspielt, was mit seinem oder meinem Ego zu tun hat.

Empfindest du in dieser Situation, die ja sicher oft auch schwierig ist, deinen Beruf eher als etwas, das dir Kraft gibt oder als zusätzliche Belastung?

Eindeutig als etwas, das mir Kraft gibt! Dabei habe ich meinen Beruf vor der Geburt und der Trennung eigentlich immer als belastend und überfordernd erlebt. Aber jetzt empfinde ich ihn als wirklich stabilisierend. So schwierig es in den größten Chaoszeiten war, mich morgens hinzusetzen, mich zu sammeln und für meine Patienten eine gewisse Kraft und Ruhe auszustrahlen, so sehr hat mir das auch geholfen. Ich arbeite zum Glück in seinem sehr wertschätzenden Umfeld in Bezug auf meine Kolleginnen und Kollegen und auch meine Patienten. Das gibt mir immer wieder Kraft. Und da sich meine berufliche Situation geändert hat, machen die Begegnungen mit Menschen inzwischen einen großen Teil meiner Arbeit aus. Auch die Möglichkeit, durch die Arbeit eine andere Rolle auszuüben als die der getrennt erziehenden Mutter tut mir gut. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass ich mir den Luxus leisten kann, so wenig zu arbeiten. Es wäre wohl etwas anderes, wenn ich 40 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten müsste. Dann würde ich meine Arbeit vermutlich hauptsächlich als belastend und kräftezehrend empfinden.

Gibt es etwas, worauf du stolz bist, mit Blick auf die letzten Monate?

Ich bin stolz darauf, dass es mir gelungen ist, unseren Alltag so einzurichten, dass er „rund“ läuft. Ich bin auch stolz darauf, dass es uns allen dreien – bei meinem Ex-Partner kann ich es natürlich nicht abschließend beurteilen – deutlich besser geht. Besonders bei meiner Tochter und mir merke ich, dass wir emotional viel, viel stabiler und zufriedener sind als zuvor. Und ich bin schon stolz, dass uns das bis jetzt so gut gelungen ist.

Gibt es etwas, was du anderen, noch nicht lange getrennt lebenden Eltern, mitteilen möchtest?

Ich kann nur sagen, dass ich in den letzten Monaten ganz stark die Erfahrung gemacht habe, dass der etwas abgenutzte Spruch „Wenn es dir gut geht, geht es deinem Kind gut“ stimmt. Meine Tochter hat mir das deutlich gezeigt und ich kann nur empfehlen, diesen Gedanken zu beherzigen. Mir ist auch immer wichtig, dass es meinem Ex-Partner in der Zeit, die unsere Tochter mit ihm verbringt, gut geht, denn sonst wird sie die Zeit bei ihm nicht genießen können.

Was hat dir geholfen seit der Trennung?

Zunächst einmal die Trennung selbst. Und natürlich die Menschen, die mich umgeben. Ich habe zum Glück relativ schnell wieder Kraft verspürt neue Menschen kennen zu lernen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich gerade. Das ist schon wichtig für mich. Auch wenn ich schon ein gutes Netzwerk hatte, waren das hauptsächlich Menschen, die ich aus der Schwangerschaft und aus dem ersten Babyjahr kannte und von diesen hat sich niemand getrennt. Und ich merke, dass meine alten Freunde mit einigen Themen, die mich seit der Trennung beschäftigen, nicht viel anfangen können. Diesbezüglich hat es sehr gut getan, andere Allein- oder Getrennterziehende kennen zu lernen, aber auch einfach Menschen ohne Kind. In den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass mir vor allem diese Kontakte sehr helfen. Denn für all die Dinge, die ich früher gemacht hätte, damit es mir gut geht – Sport, Hobbys – habe ich schlicht keine Zeit!… [lacht] Ich habe natürlich auch das Glück, dass meine Arbeit mir so viel Freude bereitet. Und ich habe mich schon vor der Trennung mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt und mir Wege erarbeitet, wie ich mit belastenden Situationen umgehen kann. Und dennoch ist es bei weitem nicht so, dass ich immer ausgeglichen und entspannt bin… Ich habe auch eine Therapeutin, die mich vor und während der Trennung begleitet hat: das ist auch hilfreich für mich.

Das klingt so, als ob es dir gut gelingt, für dich zu sorgen?

[Beginnt auf einmal zu weinen] Es ist ein Gleichgewicht, das ich immer wieder neu erringen muss. Das kostet einfach wirklich viel Kraft und Energie. Ich merke immer wieder, dass ich dieses Gleichgewicht zu verlieren drohe – daran muss ich ganz bewusst arbeiten. Aber das mache ich. [lacht] Schon aus reinem Überlebenswillen! Und irgendwie ist es mit einem Kind ja auch so, dass man sich nicht heulend und depressiv in die Ecke setzen kann. Meine Tochter hilft mir also auch: einerseits dadurch, dass sie mich, so fröhlich und witzig wie sie ist, immer wieder aufheitert, aber auch dadurch, dass einfach klar ist, ich muss für sie da sein. Das ist mein ganz starker Wunsch: ich will, dass wir es zusammen schön haben!

Das ist eine wirklich liebevolle Aussage. Vielen Dank für unser offenes Gespräch!

Familienwerte: Was „Familie sein“ nach einer Trennung bedeutet

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Ein-Eltern-Familie, Patchwork, getrennt erziehend mit Kind: eine Trennung bringt immer auch die Notwendigkeit mit sich, neue Formen des „Familie Seins“ zu definieren und zu leben. 

Mich interessiert, wie ich überhaupt zu dem (inneren) Konzept einer Familie komme; was also ist mein ganz persönliches Idealbild des Familienlebens und wovon muss ich mich nach einer Trennung gegebenenfalls verabschieden, beziehungsweise was muss ich überdenken und neu justieren?

Was ist „Familie“ für mich? 

Familie: Ist das für mich das „klassische“ Papa-Mama-zwei Kinder-Modell, möglicherweise mit dem Vater als berufstätigem Ernährer, während die Mutter die Fürsorge für die Kinder übernimmt? Oder war es bereits in meiner Kindheit das Erleben getrennt lebender Eltern, mit neuen Partnerinnen und Partnern, „zugeheirateten“ Geschwistern und zahlreichen Großelternpaaren, die mir näher oder ferner standen? Oder aber das Zusammenleben mit „Wahlverwandten“, mit Freunden, Patenonkeln oder -tanten, Erziehern oder Lehrern, die eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung spielten?

Erlebte ich Familie als Kind als etwas „Unumstößliches“, ein in sich geschlossenes, nicht zu hinterfragendes System – oder machte ich schon damals die Erfahrung, dass Beziehungen beginnen, aber auch enden können und dass dabei eine neue Ordnung – oder eben zusätzliches Chaos – entstehen kann?

Was mich geprägt hat präge ich

Das alles prägt, wie ich selbst Familie lebe, wonach ich mich sehne, was ich zu vermeiden, aber auch zu erhalten versuche. Möchte ich meinem Kind eine Trennung um jeden Preis ersparen, weil ich die Trennung meiner eigenen Eltern als so schmerzlich erlebt habe? Oder vollziehe ich umgekehrt den Schritt zur Trennung, weil ich mein Kind nicht zwischen sich bekriegenden Eltern aufwachsen lassen möchte? Eine sehr innige, symbiotische – oder auch abhängige – Beziehung meiner Eltern zueinander kann dazu führen, dass ich mir schwöre, mich gerade nicht von meinem Partner oder meiner Partnerin abhängig zu machen – oder dass ich andererseits die Symbiose suche und im Fall einer sich abzeichnenden Trennung in Panik gerate, da ich mir nicht vorstellen kann, wie ich ohne meinen Partner oder meine Partnerin leben soll…

Der Blick zurück bringt für die Gegenwart Klarheit 

Der Blick auf meine Herkunftsfamilie kann dabei sehr hilfreich sein. Oft leben ja gerade Geschwister die „Pole“ der Elternbeziehung nach: da führt der Bruder die langjährige enge Beziehung, gegen die sich die Schwester regelrecht zu wehren scheint. Da ist „Familie“ für die einen der Ort, der unantastbar bleiben soll, an dem z.B. die Beziehungen der Eltern nicht hinterfragt werden soll, oder aber sie ist der Ort der heftigsten Konflikte sowie, im positiven Sinn, der intensivsten Auseinandersetzung, mit sich selbst und den „Anderen“, die einem am nächsten stehen.

Bin ich streitlustig oder eher konfliktscheu, gehe ich bereitwillig auf Unbekanntes zu oder möchte ich eher das Bestehende bewahren – das alles hat oft seinen Ursprung in den Erfahrungen, die ich in meiner Herkunftsfamilie gemacht habe. Dementsprechend lohnen sich, sowohl während einer Trennung, als auch im Rahmen einer (noch) intakten Beziehung wohl die Fragen: 

Wie haben meine Eltern ihre Beziehung gelebt und was davon erscheint mir erstrebenswert, bzw. was versuche ich zu vermeiden?

• Wie sind meine Eltern mit mir als Kind umgegangen und was davon finde ich in meinem Umgang mit meinem/n eigenen Kind/ern wieder?

• Was haben meine Eltern an mir kritisiert und was kritisiere ich an meinen Kindern?

• Was an mir hat sie mit Stolz erfüllt und worauf bin ich bei meinen Kindern stolz?

• Waren getrennt lebende Familien und Familienkonstellationen außerhalb des Vater-Mutter-Kind-Schemas in meiner Kindheit präsent oder „gab es sowas nicht“?

• Wie wurde in meiner Kindheit darüber gesprochen, wenn jemand oder etwas scheiterte? Wie gehe ich selbst mit den Themen Verantwortung, Schuld und Scheitern um?

• Was war in den Augen meiner Eltern „schwach“ und wie reagierten sie darauf? Wie gehe ich mit eigener Schwäche und der Schwäche anderer um?

• Wofür möchte ich meinen Eltern danken? Worin waren – und sind – sie mir ein Vorbild? 

• Was sollen meine Kinder mit meiner Herkunftsfamilie erleben? Was sollen sie durch mich von ihr erfahren? 

Mit meiner Art, „Familie“ zu leben schreibe ich auch die Geschichte meiner Herkunftsfamilie weiter. Egal, ob ich mich von ihr abzugrenzen versuche oder Aspekte aus ihr übernehmen möchte – ich lebe, als Beziehungspartner oder -partnerin ebenso wie als Mutter oder Vater, nicht im „luftleeren Raum“: was mich geprägt hat, beeinflusst meinen Blick auf die Welt und mein Verhalten weiterhin, gerade auch, wenn ich mich stark davon abzugrenzen versuche. 

Mit meiner Herkunftsfamilie „den Frieden zu machen“ und die Prägung durch sie anzuerkennen kann mich gerade dann stärken, wenn ich Veränderungen in meiner eigenen, selbst gewählten, Familie hinnehmen muss. Egal ob bei einer Trennung, bei Konflikten innerhalb meiner noch bestehenden Partnerschaft oder mit meinen Kindern – der Blick zurück lohnt sich: für Klarheit, für eine genauere Wahrnehmen meiner selbst und anderer, für ein besseres Verständnis dessen, wer ich war, wer ich bin – und wer ich sein möchte. 

Herzlichen Gruß und alles Gute! Sunnybee

Schuh geangelt

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Kleine Anekdote aus unserem Leben: Nach dem Abendessen spiele ich mit meinem Sohn (gerade 3) und einem schwarzen, an einer Kette hängenden, Waschbeckenstöpsel „Angeln“…

Nachdem Junior damit dreimal einen „Fisch“ geangelt hat, meint er plötzlich: „Uh, Schuh dran!“😂

Das Leben zeigt seine Komik wirklich oft im Augenblick!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

 

NIE und IMMER: „Man kommt zu nix!“ Oder?

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Wie war das: „Man kommt zu nix“, alleinerziehend, berufstätig, mit kleinem Kind?

Stimmt: 

Ich komme NIE dazu, 

die (inzwischen sechs) Stapel Loseblattsammlung zu sortieren, aus der meine Unterrichtsmaterialien der letzten zwei Jahre bestehen. Dabei könnte ich die, nach Themen sortiert und in Ordner verstaut, sicher gut wiederverwenden… 

Ich komme NIE dazu, 

das Karnevalskostüm meines Sohnes von vor zwei Jahren zu entsorgen und/oder sinnvoll zu verstauen – es liegt oben auf dem Schrank und staubt in Würde ein…

Ich komme NIE dazu, 

das „Mein Baby-Erinnerungsbuch“ weiter als bis zum Ende des ersten Lebensjahrs zu führen. Da fing unser Sohn an zu laufen, ich stieg wieder in den Beruf ein – ab da kam mir die Muße abhanden…

Ich komme NIE dazu, 

meine Küchenschubladen aufzuräumen, Genauso wenig wie den Kinderzimmerschrank und den Keller. Und den Sperrmüll wollte ich auch schon seit etwa einem Jahr mal wieder abholen lassen. 

~ ~ ~

Ich komme IMMER dazu,

echte Freunde anzurufen, zu treffen, mit ihnen vier Stunden am Stück zu quatschen – ok, meist nur alle paar Wochen, aber letztlich klappt es immer.

Ich komme IMMER dazu, 

Tagebuch zu schreiben, Artikel für meinen Blog und dazu Bücher zu lesen, die mich wirklich interessieren (notfalls nachts ab 22.30 Uhr…)

Ich komme IMMER dazu, 

zuzuhören, alles stehen und liegen zu lassen, wenn mein Sohn sich das Knie aufgeschlagen hat/ aufs Klo muss und die Hose nicht allein runter zu den Knien bekommt/ zum ersten Mal ein Spinnennetz mit Tauperlen entdeckt hat. 

NIE – und IMMER. So was nennt man wohl Prioritäten setzen!… 🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wozu kommst du NIE, was machst du IMMER? Ich freue mich über deinen Kommentar!

PPS. Ähnliches Thema: „Die Zeit ist Jetzt“. Von der Werbung für’s Leben lernen (Teil 2)