
Urlaub als hochsensible Mutter oder als hochsensibler Vater – was bedeutet das? Welche besonderen Herausforderungen, aber auch welche schönen Momente bringt es mit sich, mit intensiver Reizwahrnehmung und -verarbeitung Familie zu leben? Gerade in den schul- und kindergartenfreien Ferienwochen?
Hochsensibilität – Was bedeutet das?
Hochsensibilität wird nach aktuellem Forschungsstand als Persönlichkeitsmerkmal eingeordnet. Sie ist durch eine intensivere Wahrnehmung von Reizen gekennzeichnet, was negative Reize wie Lärm oder Schmerzen ebenso einschließt wie positive wie schöne Musik. Hochsensibilität kann damit sowohl schnelle Reizüberflutung als auch große Empathie und ein besonders genussvolles Erleben schöner Situationen mit sich bringen. Hier im Blog habe ich schon mehrmals beschrieben, was das im Alltag mit kleinen Kindern bedeuten kann.
Ferienzeiten als hochsensible Mama – Was bringt das mit sich?
Ferienzeiten sind aus der Perspektive von Eltern zunächst einmal Zeiten, in denen gewohnte Strukturen aufgehoben sind. Das Fertigmachen für Schule oder Kindergarten, Hausaufgabenbegleitung, oft auch Sport- oder Musikkurse am Nachmittag fallen weg. Und auch gewohnte Abläufe wie das Aufstehen, Anziehen und Frühstücken am Morgen finden anders statt, erst einmal mit weniger Zeitdruck – oft aber auch mit der Frage, wie lässt sich der Tag, der sich offen und unstrukturiert vor einem auftut, so gestalten, dass es allen in der Familie damit gut geht?
Tatsächlich kann das je nach Naturell der Kinder für hochsensible Eltern durchaus herausfordernd sein. Denn anders als sonst bestehen keine festen Zeiten, die gegebenenfalls auch Ruheinseln im Alltag ermöglichen. Stattdessen werden Ausflüge geplant, die Kinder haben womöglich andere Kinder zu Besuch – das bedeutet: viele neue Eindrücke, Aufregung und Abläufe, die anders sind als sonst. Für hochsensible Gehirne eine Menge ungewohnter Reize.
Was hilft, um miteinander ohne Reizüberflutung eine gute Zeit zu verbringen?
Anfangs der Ferien mag der Impuls da sein, weiter den Tagen eine Struktur zu geben, keinen Leerlauf entstehen zu lassen oder die Urlaubs- und Ferienzeit „möglichst sinnvoll“ zu nutzen. Aber spätestens nach drei bis vier Tagen wird deutlich: 24 Stunden am Tag lässt sich dieses Organisations- und Aktivitätsniveau kaum aufrecht erhalten. Und das ständige Zusammensein, die damit verbundene Lautstärke sowie spielende und tobende Kinder können für hochsensible Eltern sogar zur Belastung werden.
Was jetzt wichtig zu wissen ist:
- Hochsensible Eltern brauchen andere Abläufe als nicht hochsensible Eltern. Vor allem brauchen sie regelmäßig echte Pausen. Dafür reichen keine 20 Minuten Kaffeetrinken im Familienkreis. Vielmehr mindestens ein bis zwei Stunden im Verlauf des Tages, in dem du als hochsensible Mama oder hochsensibler Papa genau das tun kannst, was deine Batterien wieder auflädt und damit dein Reizniveau angemessen reguliert: z.B. dich wirklich in ein Buch oder in eine kreative Arbeit zu vertiefen, dich in der Natur bewegen, einfach still und in Gedanken versunken Ruhe zu genießen. Mit (kleinen) Kindern schwierig? Dann ließ Punkt 2.
- Hochsensible Eltern brauchen Struktur, die Flexibilität ermöglicht und zugleich Halt gibt. Ein starres, durchgetaktetes Ferienprogramm mit vielen vorab geplanten Ausflügen, Besuchen und Treffen mit Freund:innen oder Verwandten funktioniert nur, wenn auch immer wieder Tage mit speziellem „Hochsensiblen-Programm“ eingeplant sind. Also Zeiten, in denen andere die Kinder betreuen oder diese so beschäftigt sind (z.B. auf einem (Wald-) Spielplatz, in seichtem Wasser etc.), dass du parallel als Mutter oder Vater einer deiner „Auflade-Tätigkeiten“ nachgehen und einfach lesen oder deinen Gedanken nachhängen kannst. Auch die Möglichkeit, flexibel auf das allgemeine „Reizniveau“ in der Familie zu reagieren, ist hilfreich. Deine Kinder haben offensichtlich Bewegungsdrang oder streiten zuhause nur noch? Dann ist ein Ausflug in die Natur mit Möglichkeit zu kindgerechter körperlicher Aktivität vermutlich sinnvoller als ein Museums- oder Kinobesuch, bei dem ohne viel Bewegung noch weitere Reize aufgenommen werden. Aber du kannst auch überlegen, ob ein bereits vorgegebenes Programm entlastend sein kann. Betreuen dabei andere deine Kinder oder können sie sich mit Gleichaltrigen beschäftigen, findest du als hochsensible Mutter oder hochsensibler Vater auf diese Weise auch Ruhepausen.
- Hochsensible Eltern dürfen darauf vertrauen, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind. Es gibt kein „Zuviel“ an Ruhe-, Struktur- oder auch Rückzugsbedürfnis. Die hilfreichere Frage ist vielmehr: Was tut gut, was entspannt dich als Mutter oder Vater – und was erhöht das Reizniveau zusätzlich? Hier darfst du auch deinen Kindern gegenüber ganz klar deine Grenzen kommunizieren. Zum Beispiel sind bestimmte Zimmer im Haus Ruhezonen, wo sie zwar bei dir sein, aber nur ruhig spielen dürfen. Oder eingeladene Gäste dürfen zwar mit deinen Kindern toben, aber nur draußen, im Kinder- oder Spielzimmer oder nur für eine bestimmte Zeit. Klingt strikt? Ist auf lange Sicht aber der Weg, wie du selbst als hochsensible Mutter oder hochsensibler Vater ruhig und emphatisch bleiben kannst – darum: nimm ernst, was du brauchst. Letztlich kommt das auch deiner Familie zugute!
- Hochsensible Eltern dürfen Hilfe annehmen. Sind deine Kinder bereits etwas älter, kannst du auch ihnen kleine Aufgaben übertragen, um dich momenteweise aus dem Alltag zurückziehen zu können. Eine Tasse Tee oder auch die Dusche in Ruhe am Morgen, während sie das Frühstück richten, ist eine Möglichkeit, wie du dir bereits mit Kindern im Grundschulalter (und auch als Alleinerziehende) kleine Pausen zum Durchatmen schaffen kannst. Voraussetzung ist eine liebevolle, klare Kommunikation und dass deine Kinder gewohnte Abläufe im Haushalt kennen und schon mit dir gemeinsam geübt haben. Die zunehmende Eigenständigkeit deiner Kids kann so ein echter Gamechanger sein. Aber auch Freund:innen und natürlich der (Ex-)Partner oder die (Ex-)Partnerin können hier unterstützen. Letztlich ist deine Haltung wichtig: Um nicht zu überreizen, darfst du Verantwortung abgeben und dich bewusst darin üben, für einige Zeit nicht die- oder derjenige zu sein, die alles zusammenhalten.
- Dieser Tipp ist vielleicht überraschend: Erlaube dir Anspannung, auch wenn alle erwarten, dass du das Leben gerade in der Ferienzeit rundum genießt! Ihr probiert im Urlaub eine neue Sportart aus oder verbringt überhaupt nur Zeit in einer neuen Umgebung? Am Strand knallt die Sonne vom Himmel, Kinder schreien, es riecht intensiv nach Sonnenschutzmittel und der Sand kratzt? Für hochsensible Eltern kann schon das Stress bedeuten. Deswegen nichts mehr unternehmen und zuhause im gewohnten Rahmen bleiben? Eine Option, ja. Du kannst dir aber auch sagen: Okay – ein gewisses Maß an Anspannung ist okay. Es ist mein Preis dafür, dass ich Neues erlebe. Wichtig ist jetzt, dass du gut mit dir selbst verbunden bleibst. Wo Anspannung ist, muss es auch Möglichkeiten geben, diese wieder los zu werden. Eine Runde schwimmen im Meer weit draußen, wo du Sand, Geschrei und Sonnencremegeruch hinter dir lassen kannst, oder nach dem Ausflug eine Stunde Ruhepause allein für dich, während andere deine Kinder betreuen – das können Wege sein, trotz Anspannung Neues zu erleben und zu genießen. Nicht die Anspannung und die Reize an sich sind das Problem – wichtig ist, dass Anspannung und Entspannung in Balance bleiben.
Fazit: Was dir gut tut, kommt auch deiner Familie zugute
Ferienzeiten als hochsensible Mutter oder hochsensibler Vater können tatsächlich herausfordernd sein. Aber es können auch sehr schöne Zeiten werden. Wenn du deine reizsensible Wahrnehmung und das damit einhergehende Bedürfnis nach Ruhe, Struktur und Rückzusgmöglichkeit ernst nimmst. Indem du dich Neuem moderat öffnest und dir zugleich Zeit gibst, die gemachten Eindrücke einzuordnen und zu verarbeiten. Indem du klar Grenzen setzt und dir genau dadurch Offenheit auch für Ungewohntes ermöglichst. Klingt kompliziert? Ist es eigentlich gar nicht. Nur eben die Art, wie Hochsensible ihre Ferien auch mit Familie wirklich genießen können. Herzlich alles Gute dafür!
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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[Foto: pexels.com]
