
Als Alleinerziehende bist du rund um die Uhr verantwortlich. Zu 100 Prozent. Selbst in der Nacht bist du da, wenn dein Kind einen Alptraum hat oder einfach nicht wieder einschlafen kann. Morgens beginnt der Tag dann in voller Intensität schon vor dem ersten Kaffee. Dein eines Kind wünscht sich Nähe, das andere zettelt den ersten Streit an, noch bevor ihr richtig aufgestanden seid.
Also zuhören, trösten, beruhigen. Dann Frühstück machen, Brotdosen richten für Schule und Kindergarten, gegebenenfalls anschließend beim Anziehen und Zähneputzen helfen. Auch wenn deine Kinder schon selbstständig sind, die Verantwortung liegt doch – zumindest zu einem großen Teil – bei dir: Kommen alle rechtzeitig aus dem Haus? Hat jeder und jede bei sich, was er oder sie für den Tag benötigt? Nicht zu vergessen kleine „Katastrophen“ wie die unbequemen Socken, die zum zweiten Wutanfall an diesem Morgen führen oder die Nachricht der Schule, dass für die Kreativ-AG Wolle und Tonpapier benötigt werden. Davon erfährst du genau fünf Minuten, bevor ihr aus der Tür wollt.
Nach zwei bis drei Stunden intensivster emotionaler, mentaler und praktischer Arbeit bist du also genau da, wo andere ihren Arbeitstag erst beginnen: Willkommen Erwerbsarbeit! Hier kommunizierst du, je nach Beruf, wieder mit Menschen, triffst Absprachen, regelst Abläufe, zeigst dich kompetent, eloquent, verlässlich – oder versuchst, dich auf Inhalte zu konzentrieren, womöglich sogar ad hoc kreativ zu sein. Bestenfalls ist dein Arbeitsplatz und der Ablauf so, dass ein entspanntes Arbeiten möglich ist. Im Homeoffice zwischen zwei Calls auch mal auf dem Balkon die Tasse Kaffee trinken, die morgens einfach stehen geblieben ist. Im Büro hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen. Triffst du es nicht so gut, hast du auch im Beruf Streit, misslingende Absprachen, zu wenig Zeit, schlicht: Stress.
Zweite Schicht nach der Erwerbsarbeit
Mittags oder am frühen Nachmittag switchst du dann wieder um in den Modus „Mama“. An besonders dicht getakteten Tagen kommst du direkt aus dem letzten Meeting – Schuhe an, Jacke und los zur Kita, um dort rechtzeitig zur Schließzeit anzukommen. Fünf Minuten zu spät und du zahlst Strafgebühr. 20 Euro pro Verspätung, so will es der Träger. Das Leben erzieht dir Pünktlichkeit und Taktung an.
Dein Kind aber will von Taktung nichts wissen. Es ist mitten im Spiel, will sich dabei weder von dir noch von der Abholzeit stören lassen. Also beginnt der Start in den Nachmittag mit Unwillen, auf dem Heimweg mit offen gezeigter Wut. Die Erschöpfung ergreift jetzt auch dein Kind, nach sechs bis sieben Stunden klar strukturiertem Vormittag mit Regeln, Eindrücken, Kompromissen. Und du selbst bist doch auch schon erschöpft, nach bereits rund acht Stunden auf den Beinen. Aber keine Chance, der Nachmittag beginnt jetzt erst. Noch weitere sechs bis sieben Stunden Aktivität und Präsenz warten auf dich.
Erst in der Nacht kommst du zur Ruhe… aber halt, da waren doch die Kinder, die dich plötzlich brauchen. Kleine Körper, die sich im Halbschlaf an dich drücken. Und du bist selbst wieder hellwach.
Alleinerziehend – Was braucht es dafür?
Das ist der Alltag vieler Alleinerziehender. Es braucht sehr viel Bewusstheit und konkrete methodische Fähigkeiten, um diesen Kreislauf aus zu viel und zu wenig zu durchbrechen. Zu viel Verantwortung – Aufgaben – Taktung – Präsenz. Zu wenig Zeit – einfach Sein – Muße – Möglichkeit, loszulassen.
Es ist möglich, auch in einem solche vollen Leben die körperliche und seelische Gesundheit zu bewahren. Über Körperarbeit. Über sehr klaren Fokus auf das, was stärkt. Über eine positive Haltung zur Welt und den Blick auf das, was im eigenen Einflussbereich liegt. Über das aktive Pflegen von Freundschaften und tragenden Beziehungen.
Aber die individuelle Ebene allein reicht nicht aus. Alleinerziehende brauchen umfassende, hochwertige und vor allem verlässliche Kinderbetreuung, um überhaupt existenzsichernd einer Arbeit nachgehen zu können. Sie brauchen Unterstützungssysteme, die leicht zu nutzen sind und finanzielle und organisatorische Unterstützung, die einfach zu beantragen ist. Zudem muss die tägliche unbezahlte Leistung innerhalb ihrer Familien, die insbesondere bei Alleinerziehenden mit noch kleinen Kindern oft weit die Stundenzahl ihrer Erwerbsarbeit übersteigt, bei der Zusage von Leistungen stärker berücksichtigt werden. Alleinerziehende können häufig gar nicht in stärkerem Umfang erwerbstätig sein, schlicht, weil sie bereits rund um die Uhr mit ihren Kindern und der Organisation des gemeinsamen Alltags beschäftigt sind. Erwerbsanreize zu schaffen bedeutet somit immer auch: Entlastung schaffen auf der Seite der (familiären) Carearbeit. Ohne die können Alleinerziehende auch im Beruf nicht durchstarten.
Alleinerziehend sein heißt: 24 Stunden unter Strom – und nichts, was sich über Jahre daran ändert. Wer sich hier noch fragt, warum Alleinerziehende oft am Rande der Erschöpfung stehen und warum es ihnen trotz beruflicher Qualifikation zum Teil schwer fällt, die Existenz ihrer Familie zu sichern – der hat diesen Alltag vermutlich nie erlebt. Alleinerziehende brauchen keine ermutigenden oder gar motivierenden Worte – sie brauchen Menschen, die wirklich hinsehen und verstehen wollen und die begreifen, welche enorme Herausforderung, aber auch welche Leistung, hinter dieser Form des Familienlebens steht.
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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