Kunst, Politik

Carola Stern: Eine Frau mit vielen Leben

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Wer von euch kennt Carola Stern? Welche Assoziationen habt ihr, wenn ihr den Namen hört? Jüdin? Intellektuelle? Stern war übrigens nicht ihr richtiger Name. Carola auch nicht. Wer aber war diese Frau? Mich fasziniert sie, gerade in der jetzigen Zeit, in der Frauenrechte, unser politisches System der Demokratie und die soziale Marktwirtschaft wieder einmal auf die Probe gestellt werden.

1961 gründete Carola Stern zusammen mit Gerd Ruge und Felix Rexhausen die deutsche Sektion von Amnesty International und war viele Jahre deren Vorsitzende. Davor war sie (offiziell) glühende Kommunistin und (inoffiziell) Spionin der Amerikaner. Und wiederum davor, als Mädchen und junge Frau, überzeugte Anhängerin der Nationalsozialisten. Wie passt das alles zusammen?

Anerkennung und Zugehörigkeit

„Ich habe immer nach Anerkennung gesucht“, sagt sie, „eigentlich mein Leben lang.“ Mit diesem Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung trat sie als junges Mädchen in dem pommerschen Ostseebad, in dem sie aufwuchs, für die Feriengäste als Laienschauspielerin auf und gab das „Badegastkind“, da ihr das mondäner erschien als „nur“ die Tochter einer Ferienpensionsbesitzerin zu sein.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, erschien ihr die Gemeinschaft bei den Jugendgruppen der Nazis als ebenso reizvoll wie die Vorstellung einer besonderen „Größe“ und Bedeutsamkeit Deutschlands, die die Partei propagierte. Lediglich vom „Führer“ war sie enttäuscht. Als sie ihn bei einer Veranstaltung ganz aus der Nähe sah, fand sie ihn nach eigener Aussage wenig beeindruckend: „[Ich] dachte nur bei mir, Kinder, der sieht aus wie der Leiter der Sparkassenfiliale auf der Insel Usedom, aber nicht wie ein Führer.“ Das hinderte sie jedoch nicht daran, ihre ganze Jugend über, wie fast alle in ihrem Umfeld, eine glühende „Nazisse“, also eine Anhängerin der Nationalsozialisten, zu sein. Mitgefühl für deren Opfer empfand sie zunächst nicht.

„Nacktes Entsetzen“

Erst ein konkretes Erlebnis berührte sie tief: 1944 musste sie die Schreie gefolterter Zwangsarbeiter mit anhören. Nach eigener Aussage fühlte sie dabei „nacktes Entsetzen“. Jahre später brachte sie diese Erfahrung dazu, sich bei Amnesty International für politisch Verfolgte einzusetzen sowie für die Entschädigung polnischer und russischer Zwangsarbeiter/innen.

Bei Kriegsende, als ihre Familie aus ihrer Heimat, einem Ostseebad nahe Swinemünde, vor der russischen Armee flüchtete, war sie dennoch noch immer überzeugte Anhängerin der Nazis. Von der politischen Führung Deutschlands fühlte sie sich nach dem Selbstmord Hitlers verraten, eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Rolle innerhalb des Regimes durchlebte sie, wie der Großteil der Deutschen, zu diesem Zeitpunkt nicht.

Überleben als Geflüchtete nach Kriegsende

Sie „funktionierte“: während ihrer Flucht aus Pommern ging es um’s Überleben und danach um das Leben an sich. In den Nachkriegsjahren wuchs in ihr der Wunsch nach Leichtigkeit, danach, einer als eng und ärmlich empfundenen Welt zu entfliehen. Der Wandel war zudem ein ständiger Begleiter ihrer frühen Erwachsenenjahre: „Wir zogen wie Vagabunden […] von einem Ort zum nächsten. So war das Leben eben. Und das hatte auch seinen Reiz: es forderte ungeheure Energien heraus, man maß seine eigenen Kräfte. Wenn man vorwärts kommen wollte, […] dann musste man den ständigen Wechsel in Kauf nehmen.“

Vielleicht machte Carola Stern – oder Erika Assmus, wie sie damals noch hieß – dieser Wunsch des „Vorwärtskommens“, zusammen mit der Erfahrung, dass sie sich als Kind schauspielernd Anerkennung und ein Gefühl von Zugehörigkeit hatte verschaffen können, empfänglich für ein Angebot der Amerikaner: Diese traten 1947 über einen Mittelsmann an sie heran und fragten, ob sie für die USA als Agentin arbeiten wollte. Offenbar brachte die kurzfristige Mitarbeit als Bibliothekarin in einem sowjetischen Forschungsinstitut, die Erika Assmus nach Kriegsende übernommen hatte, sie ins Visier des amerikanischen Geheimdienstes.

Agentin der Amerikaner und Funktionärin in der SED-Kaderschmiede

Erika Assmus erschien der Kontakt zu den Amerikanern, die sie als großzügig und weltgewandt empfand, als eine Art „neue Heimat“. Sie versprachen ihr zunächst, für die Behandlung ihrer an Krebs erkrankten Mutter aufzukommen. Als diese 1948 starb, arbeitete Assmus jedoch weiter für den amerikanischen Geheimdienst. Der Kontakt war für sie nach eigener Aussage der Strohhalm, an den sie sich in ihrer höchst unsicheren Situation klammerte, eine Perspektive, um ihrer engen Welt zu entfliehen.

Weiterhin im Dienst der Amerikaner, trat sie 1948 in die SED ein und unterrichtete Anfang der 1950er Jahre sogar an einer SED-Kaderschule am Rande von Berlin. Wieder einmal war sie „vorne mit dabei“, nur diesmal auf der Seite der Kommunisten. Innerlich überzeugt war sie davon nie. Aber nach eigener Aussage verbot sie sich, selbst zu denken: „Ich ließ mich völlig ein auf das, was gelehrt wurde, ohne daran zu glauben. […] Am besten lernte man alles auswendig und betete einfach nach, was in den Vorlesungen gesagt worden war. Dann sagten die Lehrer „Bravo“ und man galt als ausgezeichnete Schülerin. Es war wie auf einer mittelalterlichen katholischen Priesterschule.“

Flucht in den Westen

Als Agentin der Amerikaner und zugleich vermeintlich treue Funktionärin der SED lebte sie ein Doppelleben, aus dem sie nicht mehr herauskam. Ihr Körper hielt die dauerhafte Anspannung nach einiger Zeit kaum noch aus, und dennoch gab sie ihre Spionagetätigkeit nicht auf: „Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann denke ich an Angst, an Selbstaufgabe, Selbstverleugnung und perfektes Rollenspiel. Ich […] glaube, dass dieses Sicheinfügen in einen fremden Apparat mit einem starken Identitätsverlust verbunden ist. Es ist schwer, daraus unbeschädigt hervorzugehen, wieder eine Vorstellung zu entwickeln, wer man eigentlich ist oder werden will.“

Dennoch floh Erika Assmus schließlich nach Westberlin und gab ihre Agententätigkeit auf. Eine frühere Kommilitonin hatte sie angeschwärzt, so dass die Kontrollkommission der Partei sie zu einem Verhör vorlud. Assmus stritt jede Beziehung zu den Amerikanern an, aber sie fürchtete um ihr Leben. Nachdem sie 1951 nach Westberlin ausgereist war, weigerte sie sich ihren Auftraggebern gegenüber, in die Parteihochschule zurückzukehren. Ihr Überlebenswille war stärker als jede Loyalität einem politischen Regime gegenüber.

In Westberlin lebte sie nun in einer vermeintlich „freien Welt“ und fühlte sich innerlich doch unfreier und unselbstständiger denn je: „In meinem Leben war es nie darauf angekommen, sich eine eigene Meinung zu bilden, sie war gar nicht gefragt. […] Und nun kam ich zum ersten Mal in eine bürgerliche Welt, traf auf Menschen, die sehr selbstbewusst auftraten und auf eine Art miteinander umgingen, die ich nicht kannte. […] Ich war sehr allein.“

Die Geburt der Carola Stern

Beruflich baute sich Erika Assmus jedoch rasch eine weitere Karriere auf: sie wurde erst Hilfsassistentin, dann Assistentin am Institut für politische Wissenschaft der FU in Westberlin und übernahm schließlich erste Aufträge als Journalistin. Dabei kamen ihr ihre Kenntnisse als ehemalige Funktionärin der SED zugute. Als „Expertin für das System der DDR“ wurde sie schließlich auch zu „Carola Stern“. Um die Staatssicherheit des Nachbarlandes nicht auf sich aufmerksam zu machen, veröffentlichte sie ihre Artikel und Kommentare zunächst anonym, lediglich gezeichnet mit drei Sternen. Als der Chefredakteur einer Zeitschrift, für die sie schrieb, sie bat, sich statt dessen ein Pseudonym zu überlegen, wurde daraus der Name Stern. Als Verehrerin der Schauspielerin Carola Neher wählte Erika Assmus den Vornamen Carola. Die Autorin Carola Stern war geboren.

Als Autorin Stern begann sie sich zunehmend sicherer in einer fast reinen Männerwelt zu bewegen. Ihre Mentoren, Kollegen und auch Konkurrenten waren durchweg Männer. Sterns Themen (das DDR-Regime und die Gegenwartspolitik) galten in den 50er Jahren als „unweiblich“. Nach ihrer eigenen Aussage meinten die meisten Männer, denen sie beruflich begegnete, sie sei zu intelligent, um eine „richtige“ Frau zu sein. Die junge Frau litt darunter, aber sie wollte doch ihre beruflichen Ziele verfolgen. Außerdem begegnete ihr schlicht niemand, der als potentieller Partner in Frage gekommen wäre.

Heinz Zöger: Verbundenheit und Freiheit

Erst 1960, mit Mitte 30, lernte sie ihren späteren Mann Heinz Zöger kennen, einen Journalisten, der wie sie aus der DDR geflohen war. Ihr erster Eindruck von ihm war der eines „gebrochenen Menschen“ voller Lebenshunger: in ihrer Suche nach Austausch und Halt waren sie sich ähnlich. Nach jahrelanger Ehe sagte sie über ihn: „Ich bin eine emanzipierte Frau geblieben und er hatte Freude daran, mit einer emanzipierten Frau zusammenzuleben, mit der man sich unterhalten konnte.“ Als Stärke ihres Zusammenlebens beschrieb sie, „dass […] wir ein immer intensiveres Gefühl der Zusammengehörigkeit hatten, aber jeder gleichzeitig seinem Bedürfnis nachgehen konnte, ein eigener Mensch zu sein und zu bleiben, und der andere dies respektierte.“

So wurde Carola Stern ab Mitte der 1960er Jahre eine erfolgreiche Autorin und als Journalistin des WDR und Amnesty-Vorsitzende eine geachtete politische ExpertinZugleich verlor sie zunehmend ihre Unsicherheit und entwickelte sich zu einer selbstbewussten Frau mittleren Alters. Ihr Wunsch nach Anerkennung blieb jedoch ihr lebenslanger Antrieb, Neues zu wagen und über sich hinauszuwachsen. Ab Anfang der 1960er Jahre arbeitete sie für den Kölner Verlag Kippenheuer und Witsch (KiWi) als Lektorin und bestimmte dessen Programm zehn Jahre lang maßgeblich mit.

Rückkehr in eine fremde Heimat

1989, bei der Wiedervereinigung Deutschlands, war sie bereits über 60 Jahre alt. Ein Besuch im Ort ihrer Kindheit 1990 wurde für sie zur Versöhnung mit ihrer Vergangenheit. Zugleich war ihr klar, dass die Erika Assmus von damals eine ganz andere war als Carola Stern, die den kleinen Ort nahe der polnischen Grenze nun besuchte. „Ich hatte das Gefühl, in meine Heimat zurückzukehren, aber auf Besuch. […] Die Menschen haben sich von mir entfernt und ich mich von ihnen.“

Als sie bereits über 70 war, verfilmte ein junger Regisseur ihr Leben (der Film kam 2004 unter dem Titel „Doppelleben“ in die Kinos). Ihm gegenüber formulierte sie auch eine Art Fazit, das ihre Lebenserfahrung zusammenfasst: „Ich habe oft gesagt, dass ich eine glückliche alte Frau geworden bin, aber dass ich eine sehr unglückliche junge Frau gewesen bin.

Erika Assmus, Erika Zöger, Carola Stern: eine Frau, die, wie sie in ihrer Autobiografie „Doppelleben“ schreibt, „fast so viele Namen wie Berufe hatte“. Eine widersprüchliche, beeindruckende Frau, die sich in drei völlig unterschiedlichen politischen Systemen bewegte und der dabei schließlich das Wichtigste gelang: jenseits aller Rollen als selbstbestimmte, emanzipierte Frau zu sich selbst zu finden.

Mehr von Carola Stern?

Carola Stern: Doppelleben. Rowohlt TB, 2002.

Carola Stern: Uns wirft nichts mehr um. Eine Lebensreise. Aufgezeichnet von Thomas Schadt. Rowohlt TB, 2004.

[Foto: privat; Zitate aus dem Buch „Uns wirft nichts mehr um. Eine Lebensreise“. Dieser Beitrag enthält Buchempfehlungen und ist somit Werbung, für die ich jedoch kein Geld erhalte.]

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