Familie, Gesellschaft, Politik

Wie Corona das Beste und Schlechteste in uns zutage bringt

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Vor zwei Wochen hätte ich nicht geglaubt, dass ich in meinem Blog einmal über ein fremdartig klingendes Virus aus der chinesischen Provinz Hubei berichten würde. Vor zwei Wochen hätte ich es aber auch nicht für möglich gehalten, dass die Landesregierungen deutschlandweit innerhalb weniger Tage alle Schulen und Kindergärten schließen, Städte öffentliche Veranstaltungen (fast) komplett untersagen und die Bundesregierung die Grenzen zu Nachbarländern „dicht“ machen würden. Auch dass Menschen in Deutschland bereit sein würden, vor Supermärkten in Schlangen zu warten, um dort überhaupt einkaufen zu dürfen, erschien mir unvorstellbar.

Ich gebe zu, ich hielt „dieses Virus“ relativ lange bloß für eine weitere Schreckensmeldung unter vielen. Über Krisen, Tote und Verletzte informiert zu werden, gehört medial ja fast zum „guten Ton“: Klima-Alarm weltweit, Giftgasangriff in Aleppo – und Hannover 96 steigt in die zweite Bundesliga ab. So what? Noch ein Bier im Park?

Corona betrifft uns unmittelbar

Anders ist diesmal, dass die Einschläge uns deutlich näher kommen. Zunächst waren es nur Bekannte, deren Reise auf die Philippinen nicht stattfinden konnte wegen Corona. Dann der eigene Urlaub nach Italien – ersatzlos gestrichen. Erste Erkrankte in Italien, Österreich, dann in Deutschland. Zunächst Einzelfälle, aber nur Tage später Dutzende, Hunderte. In Italien die ersten Toten. Schließlich Corona in der Nachbarschaft – eine Lehrkraft in einer Schule nur einige Straßenzüge entfernt, der Mitarbeiter einer Bank in der Nähe. Auf einmal sogar Freunde von Freunden in Quarantäne…

Diffuse Bedrohung macht uns Angst. Ein Virus, gegen das es (noch) kein Gegenmittel gibt und das sich offenbar rasend schnell verbreitet – natürlich wirkt das bedrohlich auf uns. Ein Krankheitserreger, der tatsächlich Menschenleben kostet, weckt in uns leicht Urängste. Ist unser Leben und das unserer Liebsten in Gefahr? Was passiert mit mir, wenn ich selbst erkranke? Kann ich darauf zählen, gut versorgt zu werden? Wer kümmert sich um mich und die mir Anvertrauten, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage bin?

Corona als mediale Sensation

Als wenig hilfreich empfand ich in diesem Zusammenhang die „Live-Ticker“ zahlreicher Zeitungen und Fernsehsender, die deutschlandweit fast minütlich neu Erkrankte und schließlich auch Tote meldeten. Auch die offizielle Empfehlung des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet, nach den Schul- und Kindergärtenschließungen die Hilfe von Großeltern auf keinen Fall für die Betreuung in Anspruch zu nehmen, empfand ich zwar einerseits als sinnvoll, hatte andererseits aber auch das Gefühl, dass solche Aussagen die Angst vieler erst recht schürten. Wenn sogar die Landesregierung drastische Schritte wie diese empfahl, musste das Virus ja gefährlich sein.

Corona ist keine Bagatelle

Und es ist ja auch gefährlich. Für Alte und Kranke. Für Menschen mit einem schwachen Immunsystem und Vorerkrankungen. Und – auf einer ganz anderen Ebene – inzwischen auch für Selbstständige und (Klein-) Unternehmer, denen auf einmal alle Aufträge wegbrechen, bzw. die Kunden wegbleiben. Für Alleinerziehende, die allein für ihre Kinder verantwortlich sind und ohne verlässliche Kinderbetreuung oft noch nicht einmal ihre Arbeit ausüben können. Und wie ich nachwievor finde, auch für die sozialen Strukturen innerhalb unserer Gesellschaft.

„Safe lives – stay at home“, kursiert als Slogan im Netz. Und jawohl: es ist definitiv sinnvoll, die Verbreitung des Virus’  zu verlangsamen, indem nicht mehr jeder jeden in der Bahn anhustet, im Biergarten die Köpfe zusammensteckt oder halbkrank zur Arbeit geht. Das sogenannte „Social Distancing“ wird aber von nicht wenigen auch als Appell verstanden, sich einfach nur selbst in Sicherheit zu bringen. Gehortete Vorräte, auf Eis gelegte Kontakte und bissige Bemerkungen im Park, das eigene Kind bitte „auf Abstand“ zu halten, zeugen davon. Andere scheinen auf einmal von einer Art infantilem Trotz, bzw. demonstrativer Sorglosigkeit erfasst zu werden: „Klar treffen wir uns mit zwanzig Freunden im Park, gehen weiter zum Friseur oder feiern „Corona-Partys“!“

Der Staat wirkt massiv auf unser Leben ein

Unter anderem um solche Auswüchse der Rücksichtslosigkeit zu unterbinden, erwartet uns vermutlich in wenigen Tagen eine weitreichende Ausgangssperre. Bayern sowie einzelne Städte in NRW haben sie gestern schon verhängt. Sie beinhaltet strikte Vorgaben, wer mit wem auf der Straße angetroffen werden darf, zu welchem Zweck das Haus verlassen werden darf und welche Geschäfte überhaupt noch betreten werden dürfen.

Der Staat beschneidet innerhalb weniger Tage bürgerliche Rechte wie die Reise- oder Versammlungsfreiheit und kassiert für Wochen Schulpflicht und jede Form institutioneller Kinderbetreuung für große Teile der (arbeitenden) Bevölkerung. Statt dessen ist das bislang exotische Homeoffice auf einmal die Arbeitsform der Wahl. Neben der „Heim-Beschulung und -Betreuung“ der minderjährigen Kinder natürlich…

Dystopie oder gesellschaftliche Notwendigkeit?

Klingt wie eine Dystopie? Ich gebe zu, all das hätte ich mir vor zwei Wochen in meinen kühnsten – oder schlimmsten? – Träumen nicht vorstellen können. Es macht mir auch bewusst, wie abhängig ich als Großstadtbewohnerin von der Verfügbarkeit grundlegender Infrastrukturen bin: Müllbeseitigung, eine funktionierende Lebensmittellogistik, Zugang zu öffentlichem Raum. Und das noch komplett gesund. Es macht mir bewusst, wie weit staatliche Institutionen in mein privates Leben hineinreichen aufgrund von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Schul- und Arbeitsrecht und wie umfassend ich dabei letztlich Entscheidungen der Regierung ausgeliefert bin.

Es macht mir aber auch bewusst, wie individuell ich mit dieser vollkommen ungewöhnlichen Situation umgehen kann. Ich kann verzweifeln oder aktiv werden, mich allein auf mich selbst und meine Belange fokussieren oder andere, die Hilfe und Unterstützung ähnlich nötig oder nötiger als ich haben, unterstützen. Ich kann, wie ich finde, auch durchaus wach und wachsam bleiben, welche Eingriffe in Persönlichkeitsrechte tatsächlich dem Schutz vieler dienen und wo sie vielleicht über dieses Ziel hinausschießen und hinterfragt werden müssen. Auch politische Entscheidungen können von Angst motiviert sein – und Angst ist meiner Meinung nach immer ein schlechter Ratgeber.

Corona stellt uns und unsere Welt in Frage

Krisen wie diese bringen das Beste und Schlechteste in uns zutage. Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit, aber auch Hilfsbereitschaft, Erfindungsreichtum und tatsächlich Solidarität. Lasst uns wachsam sein, dass wirklich die Schwächsten unserer Gesellschaft geschützt werden. Dafür können wir für einige Zeit auch die Einschränkung persönlicher Freiheit und Lebensqualität in Kauf nehmen. Aber lasst uns ebenso wachsam hinterfragen, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind, welche Informationen seriös und welche Angebote tatsächlich dem Allgemeinwohl und z.B. nicht lediglich finanziellen Interessen dienen. Lasst uns solidarisch sein, indem wir wirklich auf andere achten, aber dennoch nicht blind jeder Meldung folgen.

So kann uns Corona vielleicht sogar als Gesellschaft stärker machen. Und bleibt uns nicht bloß irgendwann als Anekdote in Erinnerung: 2020, das Jahr, als das Leben in Deutschland Kopf stand und nach dem alle weitermachten wie zuvor.

Nachdenkliche Grüße, Sarah

[Foto: Pixabay]

9 Gedanken zu „Wie Corona das Beste und Schlechteste in uns zutage bringt“

  1. Gute Gedanken dazu! Ich habe den Irrsinn Homeoffice mit Kindern jetzt ehrlich gesagt aufgegeben und werde die nächsten Wochen meine Ersparnisse aufbrauchen. Wie gut, dass ich dieses Finanz-Polster und damit diese Möglichkeit habe. Es ist eine schwierige, turbulente Zeit! Aber wie du schreibst: es macht uns vieles extrem bewusst, was sonst selbstverständlich ist.

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    1. Liebe Nadine, ja, und wie viele haben dieses finanzielle Polster nicht oder gar keine Wahl und müssen arbeiten gehen – ggf. auch noch gering bezahlt an Orten, an denen sie selbst (und damit letztlich ihre Familien) ständig der Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind? Auch die Supermärkte, die geöffnet bleiben, laufen ja z.B. nicht von allein, ebenso wenig wie die ohnehin schon überlastete Pflege in Krankenhäusern und bei häuslichen Pflegediensten… Mit Blick darauf empfinde ich es gerade fast als „Luxusproblem“, sich zuhause über die Spielideen für die eigenen Kinder Gedanken machen zu müssen.😅 Viel Kraft und Zuversicht euch! Sarah

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  2. Danke für deine besonnenen Ausführungen. Ich mache mir inzwischen auch eher Gedanken darum, was dieses Virus mit unserer Gesellschaft anrichtet und wer davon eigentlich profitiert.
    Niemand hat registriert, dass die Länder Europas ihre Grenzen geschlossen haben, ohne das vorher im EU-Parlament zu diskutieren. Dass die Kanzlerin nicht gesagt hat, sie würden natürlich wieder geöffnet, sondern sie hoffe es. Dass die Telekom unsere Handy-Bewegungsprofile mit dem RKI teilt, ohne uns vorher zu fragen. Dass wir momentan nicht mehr demonstrieren oder streiken dürfen, und zwar unbegrenzt. Dass in Israel das Parlament faktisch entmachtet wurde und Netanjahu, der eigentlich gerade abgewählt wurde, einfach weiterregiert – ohne demokratische Legitimation. Was wird wohl noch alles per Verordnung geändert, und was wird so lange in Kraft bleiben, dass wir uns daran gewöhnen und nach Corona vergessen, es wieder rückgängig zu machen?

    Nachdenkliche Grüße aus Dresden
    Jenny

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    1. Danke auch dir für deinen Kommentar. Mir ist wichtig, dass ich nicht zu allgemeiner Skepsis Regierungsentscheidungen gegenüber aufrufen möchte, sondern eben zu Besonnenheit und demokratischer Wachheit gerade auch in einer solchen Ausnahmesituation, wie wir sie gerade erleben. Populismus und wilde Verschwörungstheorien helfen uns gerade meiner Meinung nach genauso wenig wie das sture Ignorieren politischer Maßnahmen oder das Ausklinken aus aller sozialen Verantwortung. Ich hoffe, wir kommen auch als Gesellschaft und soziale Gemeinschaft gut durch diese Krise!
      Herzlichen und ebenfalls nachdenklichen Gruß, Sarah

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lydia, nun ja, nicht nur wir Frauen, aber doch oft Frauen in unterbezahlten und jetzt auf einmal als essentiell wahrgenommenen Berufen: Altenpflegerinnen, Krankenschwestern, Kassiererinnen – eben klassische Fürsorge- und Dienstleistungsberufe. Im besten Fall kommt hier bezüglich Wertschätzung und Bezahlung nach Corona auch etwas in Bewegung!…

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