Familie, Gesellschaft

2023 hält bereit: Feministische Perspektiven auf Elternschaft

Buchcover „Aus dem Bauch heraus“, „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“, „Feministische Perspektiven auf Elternschaft“.


Wenn ihr euch für das neue Jahr etwas wünscht, was wäre es? Ich persönlich würde „Verbundenheit“ wählen. Verbundenheit im Privaten, aber auch Verbindung, die über die individuelle Ebene hinaus geht. Passend dazu drei Bücher, die ich euch heute vorstellen möchte und die ihr vermutlich sonst eher unter dem Motto „Frauenpower“ oder Feminismus verorten würdet. Zwei davon haben es bereits auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft, das Dritte richtet sich eher an ein soziologisch interessiertes Fachpublikum – spannend sind alle drei. Und in allen dreien geht es meinem Eindruck nach um die Überwindung künstlicher Grenzen und Beschränkungen – um Verbindung eben. Hier geht’s zu meinen (Kurz-) Rezensionen!

„Aus dem Bauch heraus“ von Jana Heinicke

Buchcover „Aus dem Bauch heraus“ von Jana Heinicke


Jana Heinicke schreibt in ihrem Buch „Aus dem Bauch heraus“ über das Muttersein, darüber, wie sie selbst Mutter wurde und was das für sie bedeutet. „Es ist weder Zufall noch persönliches Versagen, wenn wir Mütter das Gefühl haben, am gesellschaftlichen Ideal zu scheitern“ – die Kernaussage ihres Buches findet sich bereits auf dem Titel. Denn genau das ist der Zustand, in dem die Autorin sich als Mutter auf einmal wiederfindet: konfrontiert mit dem Ideal der immer verfügbaren, fürsorglichen, selbstlosen Mutter, fühlt sie sich nicht nur persönlich heillos überfordert. Als Autorin und reflektierte Frau analysiert sie zudem, wie Menschen, die Kinder gebären können, unter dem Label des Mutterseins systematisch mit Erwartungen überfrachtet und ihrer Freiheit und der Möglichkeit zu ökonomischer und sozialer Entfaltung beraubt werden. „Das Ideal der Mutterliebe ist erschaffen worden, um ein Wirtschaftssystem zu unterstützen, das diesen Planeten und damit die Zukunft unserer Kinder über kurz oder lang zerstören wird […]. Ich finde, das hat eine gewisse Ironie“, seziert Heinicke im Kapitel „Muttergefühle“ schonungslos unsere Gesellschaft, die aktuell auf dem Rücken derjenigen existiert, die für andere sorgen: Was ihr Buch berührend und intellektuell spannend zugleich macht, ist, dass sie selbst so offensichtlich von Mutterliebe erfüllt ist – und sich dabei nicht blenden lässt von dem, was Müttern als das Ideal des Mutterseins verkauft wird. Klug, scharf analysiert und sehr persönlich. Lesenswert!

„Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ von Alexandra Zykunov

Buchcover „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“ von Alexandra Zykunov.


Ähnlich klug und prägnant und zudem mit einem ordentlichen Schuss Ironie nimmt Alexandra Zykunov in ihrem ebenfalls 2022 erschienenen Buch „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ typische „Bullshit-Sätze“ auseinander, mit denen Frauen gerade als Mütter nach immer viel zu oft konfrontiert werden, sei es in Bezug auf Sauberkeitsstandards im gemeinsamen Haushalt, dem nach Meinung der Kommentator/innen zu frühen oder zu späten Wiedereinstieg in den Beruf oder überhaupt in Bezug auf die Erfüllung durch das Muttersein, die gerne genau dann eingefordert wird, wenn Mütter Ambitionen zeigen, die über ihre Mutterrolle hinausreichen. Auf den Punkt gebracht: Gleichberechtigt sind wir alle noch längst nicht. Dieses Buch liefert wütend, lustig und prägnant Argumente, wie wir gegen die herrschende Doppelmoral, die Frauen und insbesondere Müttern viel zu oft begegnet, angehen können. „Vermisst du dein Kind nicht, wenn du ein Wochenende lang allein weg bist?“ „Doch, aber ich weiß, dass nicht nur ich als Mutter gut für es sorgen kann!“ Genau. Tolles Buch: Lesen!

Handbuch „Feministische Perspektiven auf Elternschaft“, herausgegeben von Lisa Yashodhara Haller und Alicia Schlender

Buchcover „Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft“


Buchtipp Nr. 3 ist verglichen zu den beiden feministischen Perlen davor eher schwere Kost – aber nichts desto trotz unbedingt lesenswert. 50 Essays und wissenschaftliche Abhandlungen thematisieren im „Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft“ das Elternsein wirklich facettenreich: über die grundsätzliche Definition, was Mutterschaft und Vaterschaft bedeutet, unterschiedlichste Formen von Eltersein (Co-Parenting, lesbische und schwule Elternschaft, Pflegeelternschaft, getrennt lebende Eltern) bis zu vielfältigen Wegen, überhaupt Eltern zu werden und die damit einhergehenden Themen (Kinderwunschbehandlung, Pränataldiagnostik, Abgänge und Fehlgeburten, Trage-/Leihmutterschaft). Schließlich widmet sich ein Abschnitt des Buches den Herausforderungen des Elterseins mit einem bunten Themenspektrum (Paardynamiken, Mental Load, Mütter mit Depressionen, feministische Vaterschaft usw.). Das letzte Kapitel thematisiert die politischen und sozialen Rahmenbedingungen von Elternschaft mit Themen wie „Emanzipation und die Liebe zum Kind“, „Familienpolitik“, aber auch Utopien kollektiver Elternschaft, die über das Kleinfamilienmodell hinausgehen. Dem Buch in wenigen Sätzen gerecht zu werden, ist fast nicht möglich, zumal sich die Essays, darunter von bekannten Autor/innen wie Patricia Cammarata, Jochen König, Theresa Bücker oder auch Antje Schrupp, thematisch und auch von ihrer „Lesbarkeit“ her extrem unterscheiden. (Bei Interesse: Eine ausführliche Rezension der Soziologin und Care-Aktivistin Sonja Bastin findet ihr hier). Toll finde ich persönlich die Offenheit, mit der das Thema „Elternsein“ behandelt wird und mir gefällt der Ansatz, nicht mehr allein den Fokus auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in und außerhalb der Familie zu legen, sondern die Rahmenbedingungen von Familie selbst zu thematisieren und was es für alle Menschen braucht, um mit Kindern in vielfältigsten Familienformen ein gutes Leben führen zu können. Was mir etwas fehlt, ist die thematische Rahmung und Einordnung der doch sehr unterschiedlichen Texte, zum Beispiel durch ein Vor- und Nachwort der Herausgeberinnen Lisa Yashodhara Haller und Alicia Schlender. Auch wird mir die Zuordnung der Beiträge zu den einzelnen Kapiteln nicht immer klar und teilweise gibt es hier auch inhaltliche Doppelungen. Insgesamt aber eine definitiv spannende  Sammlung von Texten zur aktuellen feministischen Debatte um Elternschaft – auch für interessierte Leser/innen außerhalb des akademischen Diskurses.

Und, neugierig geworden? Welches der drei Bücher spricht euch spontan an? Und: Welche vermeintlichen Gegensätze wollt ihr dieses Jahr verbinden und welche Grenzen – im Kopf und in der Gesellschaft – überwinden?

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes.

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[Fotos: privat]

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