Familie, Psychologie

Merry Christmas – Wie ihr an Weihnachten gesunde Grenzen setzt

Frisch gebackene Plätzchen, darüber Schriftzug „Merry Christmas“


Du bist, gerade als Mutter, vermutlich seit Tagen unter Strom: die letzten Geschenke müssen besorgt werden, Einkaufslisten geplant, Essen vorbereitet und die Wohnung geputzt und festlich dekoriert werden. Daneben läuft der Alltag mit Kind oder Kindern weiter. Womöglich gibt es zusätzliche Termine oder Weihnachtsfeiern in Kindergarten oder Schule, die Ganztagsbetreuung endet, je nach Wohnort, schon mehrere Tage vor den Feiertagen und du hast zu all der Planung und Organisation auch noch die Kinder zuhause, die um dich herumtoben. Wie da einen ruhigen Kopf bewahren? Ich selbst kenne die Situation nur zu gut, als Mutter zweier wilder Jungs im Kleinkind- und Grundschulalter und noch dazu mit sehr reizsensibler Wahrnehmung. Was mir im Alltag in unterschiedlichen Situationen hilft, habe ich schon mehrmals hier im Blog beschrieben. 

Festtage wie Weihnachten und Ostern, aber auch Ferien und sonstige Zeiten, in denen ihr als Familie alle zusammen seid, sind, wie ich finde, in Bezug auf die Erfüllung von Bedürfnissen und das Setzen von Grenzen eine ganz besondere Herausforderung. Erstens verbringt ihr als Familie so viel Zeit am Stück miteinander wie sonst nur selten – und zusätzlich fallen fast alle äußeren Strukturen weg, die euch und euren Kindern im Alltag Halt und Orientierung geben. Was könnt ihr also tun, um in all dem Trubel Ruhe zu bewahren?

1) Bewahrt euch das Gewohnte im Besonderen

Klar, Ferien- und Feiertagszeiten sind unter anderem deswegen schön, weil ihr ausschlafen und gemütlich den Tag verbummeln könnt, wenn ihr wollt. Meine Erfahrung mit zwei (noch) kleinen Kindern ist allerdings: je weniger Struktur, desto größer die Gefahr, dass am Ende alle aufgedreht, überreizt und gestresst sind, statt wirklich entspannt. Also behaltet einen Teil eurer Alltagsstrukturen bei. Bei der Frage, was davon ihr erhalten wollt, orientiert euch daran, was euch im Alltag entlastet. Für mich ist das zum Beispiel die heiße Dusche am Morgen, allein im Badezimmer, für meinen Partner eine Zigarette morgens vor der Tür, während der sich der jeweils andere um die Kinder kümmert. Außerdem genieße ich, wenn ich ehrlich bin, die Zeit vormittags, in der meine Jungs in Kindergarten und Schule sind, da es wirklich die einzige Zeit am Tag ist, an der ich für mich sein, Gedanken zu Ende denken und neben meiner Arbeit komplexere Dinge, die unsere Familie betreffen, in Ruhe organisieren kann. Ein Kompromiss an Feiertagen kann sein, dass mein Partner vormittags mit den Kindern zwei bis drei Stunden nach draußen geht und ich so die Zeit für mich habe. Außerdem werden unsere Jungs auf diese Weise die Energie los, die sie sonst in Kita und Schule lassen können. Nachmittags kann ich dann selbst für zwei bis drei Stunden mit ihnen nach draußen gehen – und mein Partner hat seine Auszeit.

Ihr seid alleinerziehend? Lasst euch genau auf diese Weise durch Freunde und/oder Familienangehörige entlasten: Oma geht mit den Kindern am 24.12. morgens auf dem Spielplatz oder die beste (kinderlose) Freundin. Plant rechtzeitig, nehmt den Raum, den ihr braucht, ernst – und schafft ihn euch! 

2) Ladet nur Menschen zu euch nach Hause ein, mit denen ihr euch wirklich wohl fühlt

Dieser Punkt ist mir wichtig. Euer Heim, euer Reich! Was bringt es euch, wenn ihr zur ganzen Vorbereitung an den Feiertagen den Stress habt, die Zeit bei euch zuhause mit Menschen zu verbringen, die ihr das ganze Jahr über vielleicht aus gutem Grund nicht seht. Fragt, ob ihr statt dessen (kurz) bei ihnen vorbeikommen könnt. Vielleicht wollen auch nur eure Kinder gewisse Verwandte besuchen oder ihr oder euer Partner allein. Eltern, Schwiegereltern und weitere Verwandte sucht ihr euch nicht aus (sie euch übrigens auch nicht): zwingt euch gerade am „Fest der Liebe“ nicht zu Heuchelei. Freundlichkeit und das Anerkennen des Bedürfnisses nach Kontakt ist trotzdem möglich. 

3) Seid fair zu eurem Partner oder euer Partnerin

Meine Erfahrung, zumindest in meiner Partnerschaft: nachdem beide im Alltag rödeln, wünschen wir uns an Feiertagen und in Ferienzeiten oft eigentlich eine Auszeit von Alltagspflichten – genau dann, wenn noch mehr Trubel auf uns einstürmt. Dann wie selbstverständlich vom anderen zu erwarten, dass er oder sie möglichst alles übernimmt, funktioniert nicht, sondern führt nur zu Vorwürfen und zusätzlichem Stress. Teilt statt dessen wirklich die Verantwortung – und ja, dazu gehört auch bereits die Planung der Feiertage! Was macht ihr am 24.12. vormittags, wann und wo ist die Bescherung, was gibt es zu essen, wer kocht, wer ist eingeladen oder wohin fahrt ihr zum Feiern? Wer hat wann Auszeit-Inseln? Wer kann einspringen, wenn euch beiden alles zu viel wird? Klingt zu „generalstabsmäßig“ durchgeplant? Keine Sorge, mit kleinen Kindern wird genügend Unvorhergesehenes geschehen, so dass ihr froh seid über alles vorab Geplante, das ihr nicht ad hoc entscheiden müsst. Und bitte: seid fair dabei! Lasst euch nicht im Stich mit Sprüchen wie „Die Planung kannst du doch viel besser als ich!“ oder „Schaffst du das überhaupt alleine?“ Traut euch gegenseitig Verantwortung zu und werdet diesem Vertrauen gerecht. Beide! Das heißt übrigens nicht, dass beide genau dasselbe machen müssen. Aber an Aufgaben zu denken und sie ausgewogen zu verteilen, ist meiner Meinung nach Hauptgarant dafür, dass ihr auch als Paar die Festtage friedlich verbringt.

4) Schließlich: Es ist „nur“ Weihnachten!

Klar, Weihnachten findet nur einmal pro Jahr statt, ist in genau dieser Form und mit genau diesen Menschen vielleicht nie wieder möglich. Leuchtende Kinderaugen und prägende Erinnerungen – das sind berechtigte Wünsche. Sie können euch aber auch ganz schön unter Druck setzen. Daher: feiert, wie es euch gefällt! So groß oder so klein, wie ihr wollt. Mit Baum oder ohne. Im großen Verwandtenkreis, mit Freunden oder nur mit euren Kindern. Backt und kocht – oder lasst euch das Essen liefern. Ihr entscheidet. Es ist euer Fest. Und wer sagt „So muss es sein!“, dem hört gut zu, warum es für ihn oder sie so sein „muss“. Meist erfahrt ihr dann viel über (gegenseitige) Erwartungen, Familientraditionen und Gewohnheiten. Über all das, was Weihnachten so schön und manchmal so stressig macht! Aber lasst euch nicht dazu verleiten, über das zu streiten, was für den anderen sein „muss“ und für euch vielleicht nicht. Ihr dürft es an Weihnachten auch anders machen als gewohnt. Dürft auch eigene Wege gehen und müsst nicht alles synchron genießen. Vor allem aber dürft ihr die Erwartung loslassen, dass diese zwei, drei Tage im Jahr perfekt werden. Perfektion tötet nämlich das, was Weihnachten tatsächlich wunderschön machen kann: echtes Zusammensein. Liebevoll, grantig, fröhlich, chaotisch – wunderbar unvollkommen!

In diesem Sinn tatsächlich herzlich schöne Weihnachtstage – wie auch immer ihr sie gestalten wollt!

Im neuen Jahr (ab 07.01.23) lest ihr hier im Blog wieder von mir.

Herzliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes.

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Ich freue mich auf dich!

[Foto: privat]

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