Beruf, Familie, Gesellschaft

Karriere im Eimerchen? Die TAZ über Frauen in Führungspositionen – und meine Antwort dazu

Caroline Rosales, Journalistin, Autorin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, äußerte sich vor wenigen Tagen in einem Artikel der TAZ zu Frauen in Führungspositionen. Anlass ihres Kommentars ist der Rücktritt der Westwing-Vorständin Delia Lachance Anfang März 2020, die kurz vor der Geburt ihres Kinder ihre Position im Vorstand ihres Unternehmens aufgab, da auf ihrer Karriereebene von Seiten des deutschen Arbeitsrechts ganz offiziell kein Mutterschutz möglich ist. „Mutterschutz ist für eine Vorständin nicht vorgesehen. Das offenbart, wie sehr das deutsche Gesetz noch in den 50er Jahren steckt“, titelt die TAZ.

Letztlich weitet Rosales ihren Beitrag jedoch auf Frauen in Führungspositionen, bzw. generell im Beruf, aus und kommentiert launig: „Die ideale deutsche Mutter schneidet morgens um sechs Uhr Apfelschnitzen und stanzt belegte Toastbrote zu Sternen für die Butterbrotdosen aus. Das glockenhelle Kinderlachen beim Picknicken auf karierten Decken ist ihr größter Lohn. […] Die weniger gute Version einer Mutter geht Vollzeit arbeiten, wirkt immer gehetzt, überfordert, hat ein merkwürdiges Elternsexleben und bei jeder Konferenzschalte Kacke unter den Fingernägeln.“ Danach der Verweis auf die, natürlich wahre, Tatsache der vielerorts noch immer unzureichenden institutionellen Kinderbetreuung, der Doppelbelastung aus Familie und Beruf – und auch auf den Determinismus, um den wir Frauen eben tatsächlich nicht herumkommen: wir bekommen, in den allermeisten Fällen zumindest, unsere Kinder selbst, inklusive aller biologischen Konsequenzen, die das mit sich bringt. 

Eindeutig formuliert: Wir haben den Babybauch, die Geburtswehen, den Wochenbettfluss und den Milcheinschuss nach der Geburt. Deswegen sind wir in keiner Weise weniger fähig und in vielen Fällen auch nicht weniger bereit, relativ kurz nach der Geburt wieder berufliche Entscheidungen zu treffen. Aber als selbst (bald) zweifache Mutter sage ich: die acht Wochen dauernde Schutzfrist – und das damit einhergehende Arbeitsverbot für Angestellte nach der Entbindung – ist in meinen Augen in den meisten Fällen durchaus sinnvoll. Schlicht zur körperlichen und seelischen Erholung der Frau, ganz zu schweigen davon, dass nicht jeder Mutter der Sinn danach steht, ihr Kind noch mit Nabelschnurrest in die U3-Betreuung zu geben. Rosales’ nüchternes Fazit am Ende ihres Artikels: „You can’t have ist all“, oder, wie sie ihre sechsjährige Tochter zitiert: „Ich will später mal keine Kinder. Viel zu anstrengend.“

Kein Fazit aus den 50ern für mich! Oder: Wo sind in diesem Szenario die Väter? 

Ehrlich gesagt, dieses Fazit finde ich noch mehr „50er-Jahre-mäßig“ als das deutsche Arbeitsrecht. Für uns Frauen also wieder das „Entweder-oder“, während Männer beides – Kind und Karriere – vereinbaren können? In den 50ern war mit dem Kind für Frauen jede berufliche Ambition gestorben, jetzt entscheiden sich beruflich ehrgeizige Frauen für die kaum attraktivere Alternative: Frau macht alles auf einmal, ist dadurch im Dauerstress – oder aber bekommt gleich gar keine Kinder?!

Mir fehlen hier ganz eindeutig die Männer als maßgeblicher Bestandteil der Familie. Mir fehlt der interessierte und im pragmatischen Sinn „lernbereite“ Blick von uns Frauen auf deren jahrzehntelang tradierte „Selbstverständlichkeiten“ und die Fähigkeiten, die sie damit einhergehend erworbenen haben. Für männliche Führungskräfte gelten die wenig familienfreundlichen Bedingungen des deutschen Arbeitsrechts ja auch. Wie lösen viele von ihnen das Problem? Indem ihre Frauen (oder weibliche Angestellte) die Kinderbetreuung maßgeblich übernehmen – und sie selbst ihre Netzwerke nutzen, um trotz Kindern ganz nach oben zu kommen und dort zu bleiben. 

Ich wünsche mir keine Gesellschaft, in der umgekehrt Männer genötigt werden, nach der Geburt ihrer Kinder, egal ob sie es wollen oder nicht, „Dad only“ zu sein und alle beruflichen Ambitionen zu begraben. Aber warum thematisiert Caroline Rosales die fehlende Kinderbetreuung und das in Teilen wenig familienfreundliche deutsche Arbeitsrecht als hauptsächlich relevant für Frauen? Warum fragt sie gar nicht erst danach, wie es anders gehen könnte? Indem z.B. Frauen auch als Angestellte Netzwerke schaffen, die ihnen ermöglichen, mit Kind ihre Führungsposition weiter auszuüben? Indem Frauen aufhören, sich gegenseitig zu behindern durch Aussagen wie „Führung ist nicht in Teilzeit möglich“. Und indem sich Väter wirklich dauerhaft und in relevantem Umfang an der alltäglichen Kinderbetreuung beteiligen und ihre Frauen das auch einfordern. 

Volle Leistung im Beruf ohne Netzwerk und Unterstützung?

Ich finde es kein Wunder, dass Frauen ohne dieses Netzwerk und die selbstverständliche Entlastung ihrer Partner Beruf und Kinderbetreuung nicht unter einen Hut bekommen. Aber es ist auch nicht allein ihr Problem, das zu verändern! Mit Kindern 50% im Beruf, 50% Fürsorgearbeit zuhause – wenn das für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, werden sich auch Frauen ganz selbstverständlich in Führungspositionen finden. Also keine Elternzeit von zwei Monaten für Väter, während die Frau (mindestens) ein Jahr zuhause bleibt. Statt dessen praktische Umorganisation in Unternehmen, um verantwortungsvolle Aufgaben – egal ob als Mann oder Frau – auch als „Leading-Team“ in Teilzeit übernehmen zu können. Weg von der Präsenzkultur („ganz nach oben kommt, wer zeitlich dauernd verfügbar ist“) hin zu projektbezogenem Arbeiten mit flexiblen Arbeitszeiten. Und ganz praktisch die Aufwertung der Aufgaben innerhalb der Familie

Kinderbetreuung, -erziehung und -förderung ist kein unbezahltes „Hobby“ der Frauen, sondern gesellschaftlich relevante Säule unseres auf dem Generationsvertrag basierenden Rentensystems. Es darf nicht länger gelten: wer als Angestellte/r eine solide betriebliche Rente beziehen will, muss sich möglichst Vollzeit auf den Beruf konzentrieren und ist entsprechend wenig an der Familienarbeit beteiligt. Sondern gerade umgekehrt: Familienarbeit ist gesellschaftlich unentbehrlich für den Weiterbestand unseres Sozialsystems. Nur wer sich in relevantem Umfang an der Familienarbeit beteiligt und damit an der Fürsorge für die zukünftigen Arbeitnehmer/innen unserer Gesellschaft, erhält auch im Beruf volles Gehalt. Kinderlose Mitarbeiter/innen haben somit die Möglichkeit, ihre Rente entsprechend „vorzufinanzieren“, indem sie in eine Rentenversicherung der Väter und Mütter mit einzahlen. Und innerhalb der Familien übernimmt, wer Vollzeit arbeiten will, auch 100% der Absicherung des nicht gegen Geld arbeitenden Elternteils. Oder beide teilen sich die Arbeit 50:50 und werden von den kinderlosen Kolleg/innen (s.o.) entsprechend unterstützt. 

Anspruchsvoll? Harte Forderungen? Aber sicherlich besser als der schon fast automatisierte Mechanismus des Karriereknicks samt Gehaltseinbußen und potenzieller Altersarmut für Frauen, sobald sie sich für Kinder und deren Betreuung entschieden haben, oder andererseits der Doppelbelastung aus Vollzeitarbeit und der Koordination und Finanzierung externer Kinderbetreuung. Ganz abgesehen davon, dass es nicht jedem Elternteil liegt, seine Kinder ab dem Alter von 6 bis 12 Monaten 9-10h pro Tag in externe Betreuung zu geben, was bei Vollzeitarbeit ohne Unterstützung nötig ist – viele Alleinerziehende wissen das aus leidvoller Erfahrung – und was übrigens auch längst nicht jedes Kind bewältigt und klaglos mitmacht. 

Ich finde, für die Vision eines Arbeitslebens, das sowohl Männer als auch Frauen fördert und fordert, lohnt es sich zu kämpfen! Mehr als für eine Lösung, die wieder vor allem Frauen in der Bringschuld sieht, sich über immer ausgedehntere externe Kinderbetreuung für ein an sich familienfeindliches System verfügbar zu machen.

Was meint ihr? Ich freue mich über eure Kommentare!

Herzlich, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

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5 Gedanken zu „Karriere im Eimerchen? Die TAZ über Frauen in Führungspositionen – und meine Antwort dazu“

  1. Vollkommen zu Recht wird ein 50/50 der Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater gefordert. Aber ich denke, es gibt viele Väter (vielleicht nicht genug), die genau das auch tun. Das kommt mir oft zu kurz und ich fühle mich da als „Papa“ oft in die „Nur Karriere im Kopf und nie zu Hause“-Ecke gedrängt. Ja, ich habe nachts um 02:00 Uhr nicht gestillt. Das mag sein. Aber ich hatte durchaus „Kacke unter den Fingernägeln“ und habe auch die Brote für Kita und Schule gemacht. Und wenn Bett oder Auto-Rückbank vollgekotzt waren (sag ich jetzt mal so, wie es ist), dann war ich mit einem stabilerem Magen auch gern gesehen…
    Beide Elternteile müssen sich einbringen, jeder nach seinen Stärken und Schwächen. Ein exaktes 50/50 unter dem Motto „Jeder macht alles“ kann ich mir nur schwer vorstellen. Wenn Papa aber eher das Fahrrad repariert und Mama einen besseren Überblick über die Klamotten hat, folgt das vielleicht alten Klischees, aber das finde ich auch nicht schlimm, solange sich beide auf ihre Weise einbringen.

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    1. Hallo T., danke für deinen Kommentar! Ich glaube, allein, dass du dir die Mühe machst, hier zu kommentieren und dir Gedanken zu dem Thema machst, zeigt, dass dir Gleichberechtigung auch in der Familie was wert ist, oder? Ich persönlich finde das „Väter-tun-nix“-Bashing auch unsinnig (erlebe es persönlich übrigens auch nicht so). Was ich allerdings schon – auch in meinem persönlichen Umfeld – wahrnehme: für viele Väter bleibt es dabei, dass sie ihre Frauen bei der Familienarbeit „unterstützen“ und selbst schön weiter 100% arbeiten. Da bleibt dann de facto eben doch deutlich weniger Zeit und Energie für die Mutter, um im Beruf was zu stemmen. Und ich finde, Väter brauchen heute nicht mehr netterweise „mithelfen“, sondern können selbstverständlich 50/50 beteiligt sein. Genau dasselbe wie ihre Frauen brauchen sie dabei ja nicht tun, aber im gleichen Maß mitdenken, Verantwortung übernehmen, auch unangenehme Aufgaben erfüllen und zeitlich präsent sein. Und das ist offenbar tatsächlich in vielen Familien noch längst nicht selbstverständlich.
      Viele Grüße, Sarah

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    2. Danke, Sarah, für die ausführliche Antwort. Ja, da bleibt noch viel zu tun, bis dass in den Köpfen ankommt. Schon krass, dass in 2020 das „alte“ Familienbild und die „klassische“ Rollenteilung noch so manifestiert sind.

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  2. Übrigens… fast 500 Aufrufe dieses Beitrags innerhalb der letzten 12 Stunden, auf FB innerhalb einer Gruppe zu Elternthemen rege Diskussion, rund 70 Kommentare. Reaktionen männlicher Leser: 1 Kommentar (s.o.), zwei Likes… Ist das repräsentativ? Doch die Wahrnehmung: das Thema als „Frauenproblem“? Können meine männlichen Leser eine Antwort versuchen? Irgendwie macht mich das nachdenklich…😅

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