Familie, Persönliches

Über das Vertrauen. Wie wir Menschen helfen können, die aus Angst wütend werden

Kennst du das? Manchmal wirft dir ein Mensch etwas vor, von dem du sicher weißt, dass es mehr mit ihm als mit dir zu tun hat. Mir ist das vor kurzem geschehen: auf meine Nachfrage, ob er eine bestimmte Sache erledigt habe, schleuderte mir ein mir nahe stehender Mensch entgegen, ich habe kein Vertrauen in ihn. Das aber habe ich. Warum wollte er es mir nicht glauben?

Wir alle kennen es, verletzt zu werden

Wir alle erwerben im Verlauf unseres Lebens Blessuren, größere und kleinere Verletzungen durch unbedachte Äußerungen anderer Menschen. Wir alle erleben, dass andere unzufrieden mit uns sind, uns kritisieren – und auch, dass wir selbst mit uns nicht im Reinen sind. 

Diese Erfahrungen per se sind ja nicht schlimm. Wir sind nun einmal begrenzt in unserem Menschsein und in unseren Grenzen stoßen wir an die Grenzen anderer. Nicht immer gelingt es uns dann, diese wohlwollend anzunehmen. Und so kämpfen wir womöglich sinnlos dagegen an, dass wir nun einmal sind, wie wir sind, ebenso wie andere sind, wie sie eben sind. 

Vergiftend wird dieser Prozess nur, wenn wir uns die Schuld dafür geben, begrenzt zu sein. Wenn wir uns verurteilen dafür, die Erfahrung des Scheiterns und der Begrenztheit zu machen. Wir sind alle so wenig perfekt – wem schadet es? Nur wir selbst schaden uns, wenn wir für diesen Umstand über uns Gericht halten. 

Der mir nahe stehende Mensch hat Angst vor dem Urteil anderer, letztlich davor, nicht zu genügen. Dabei ist da niemand, dem er genügen muss. Er ist, wie er ist. Die Erwartungen der anderen, denen er meint, gerecht werden zu müssen, sind wie Schatten, die riesengroß werden, je mehr er ihnen zu entgehen versucht. Denn eigentlich könnte er frei sein und das tun, was in ihm liegt. Es würde alle erleichtern. 

Unsere Erfahrungen als Kind

Vielleicht erwerben Kinder, deren Empfindungen und deren ganz eigener Wahrnehmung wenig Glauben geschenkt wurde, die wenig in ihrem So-Sein bestärkt und viel kritisiert wurden, diese Eigenschaft, sich selbst nicht wirklich zu vertrauen. Vielleicht auch Kinder, deren erwachsene Gegenüber ihr So-Sein selbst nicht recht kannten, nicht annehmen oder zumindest nicht klar vertreten konnten. Dann schwimmt ein Kind in Unklarheit, ist mit Botschaften konfrontiert, die es nicht wirklich entschlüsseln kann und beginnt womöglich an sich selbst zu zweifeln. 

Im Erwachsensein bleibt davon das Schielen auf das Urteil anderer, die Suche nach Anerkennung und Bestätigung von außen. In düsteren Momenten der Kampf gegen „Schattenmonster“, gegen den scheinbar fehlenden Respekt, die mangelnde Liebe, die Missachtung der anderen. 

Dabei ist der Weg der Heilung jederzeit beschreitbar: indem wir unsere Verletzung – und Verletzlichkeit – wahrzunehmen beginnen, unsere Furcht vor Kritik, Ablehnung und Urteil. Unsere Angst, nicht genug zu sein. Und indem wir beginnen, uns in Momenten solch essenzieller Unsicherheit zu behüten. Wir müssen nicht ohne Furcht sein. Wir dürfen sanft zu uns in unserer Furcht sein. 

Wie helfe ich einem Menschen, der aus Furcht heraus wütend wird?

Was kann ich nun tun, wenn ein mir lieber Mensch ganz in dieser Furcht vor Ablehnung gefangen ist und quasi vorsorglich um sich schlägt, die Schatten bekämpft, die er oder sie selbst groß erhält?

  1. Ich kann zunächst einmal mir vertrauen. Dass mich meine Wahrnehmung nicht trügt. Dass ich bereits liebevoll handle, wenn ich die Furcht hinter der Aggression wahrnehmen kann. Dass dies der erste Schritt ist, um dem anderen einen Ausweg aus seinem Kampf gegen Schatten zu zeigen. 
  2. Und ich handle auch liebevoll, wenn ich mich klar gegen die Aggression abgrenze, ohne die Furcht dahinter zu verurteilen. 
  3. Ich handle weiterhin liebevoll, wenn ich meine eigenen „Schattenmonster“ ansehe, die mich in diesem Moment womöglich besonders verletzt reagieren lassen. Wenn ich mich meinen eigenen Zweifeln, meinem eigenen fehlenden Vertrauen stelle. 
  4. Und nicht zuletzt handle ich wunderbar liebevoll zu mir selbst – und letztlich auch zu anderen – wenn ich all diese (nur scheinbar) widersprüchlichen Empfindungen schlicht da sein lasse. Gleichwertig, unkommentiert. Verletztheit, Ärger, Wut, Schmerz, Trauer, Furcht. Aber auch Mitgefühl. Zärtlichkeit. Wertschätzung. Fürsorge.

Tiefe Sehnsucht, dem Leben zu vertrauen

Dann mag ich auf einmal wieder erkennen, welche tiefe Sehnsucht uns alle in dieser Welt verbindet: nämlich, wirklich angenommen zu werden, wie wir sind. Vertrauen in uns zu finden. Ein Vertrauen, dass sich daraus speist, dass wir die Welt und die Menschen um uns herum als letztlich gut und wohlwollend erfahren. 

Dann legen wir dem wütenden, womöglich mit Worten um sich schlagenden, Menschen die Hand auf die Schulter und teilen ihm, mit unseren eigenen Worten oder auch wortlos, mit: ich verstehe dich. Ich begreife dein tief im Inneren erschüttertes Vertrauen in dich und in die Welt. Und ich habe selbst das Vertrauen, dass du letztlich Sicherheit finden wirst

Gib dich hin. Du wirst nicht fallen. 

Herzlich, Sarah

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[Foto: Pixabay]

2 Gedanken zu „Über das Vertrauen. Wie wir Menschen helfen können, die aus Angst wütend werden“

  1. Wunderbar geschrieben! Ich kenne das aus sämtlichen Perspektiven so verdammt gut… Leider habe ich auch schon zu oft die Erfahrung gemacht, das meine aus Solidarität gereichte Hand, weil ich selbst dieses fehlende Vertrauen in mich kenne und anderen zeigen will, dass sie nicht perfekt sein müssen, einfach weggebissen und als zusätzliche Provokation empfunden wird. Es ist manchmal schwer, bestärkend für andere da zu sein.

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    1. Ja, liebe Lea, wir sind eben alle unvollkommene Menschen und wer erlernt hat, statt Trauer oder Furcht lieber die Wut nach draußen zu lassen ist in diesem Moment wohl zu sehr damit beschäftigt, sich vermeintlich verteidigen zu müssen, um eine hingestreckte Hand noch zu sehen. Aber auch diese bissigen „Wachhunde der Seele“ lassen sich mit viel Geduld, Selbstbeobachtung und Mitgefühl allmählich zähmen. Diese Zuversicht habe ich auf jeden Fall. Auch als Erwachsene/r können wir bei innerer Bereitschaft noch wachsen und innere Sicherheit erlangen. Herzlichen Gruß, Sarah

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