Gesellschaft, Persönliches

„Wünsch dir was!“ Die Kraft der Herzenswünsche

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„Alles Gute für das neue Jahr!“, „Ein glückliches 2020!“ Der Jahreswechsel ist eine Zeit der Wünsche und Segenssprüche, selbst unter uns eher prosaisch veranlagten Deutschen. Bereits in der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit klingelten mir die Ohren vor gut gemeinten Beschwörungen: „Frohe Weihnachten!“, „Besinnliche Feiertage!“. Inzwischen, kurz nach Neujahr, weiß wohl jeder, ob die Wohlmeinenden erhört wurden und die Feiertage tatsächlich fröhlich und entspannt verlaufen sind.

Mit der Tradition des Wünschens dringt ein geradezu archaischer Zauber in unseren eher nüchternen Alltag. Wir sehen eine Sternschnuppe – am nachts hell erleuchteten Stadthimmel tatsächlich ein seltenes Geschenk – und wünschen uns still etwas. Wir entdecken eine Wimper auf der Wange unseres Liebsten, streichen sie sanft mit dem Finger ab und flüstern dabei: „Möge dein Wunsch in Erfüllung gehen!“ Wir schreiben erkrankten Freunden „Gute Besserung!“ und wünschen vor (Lebens-) Prüfungen „Viel Erfolg!“

Floskel oder flehende Bitte

Manches davon bleibt Floskel, dahingesagt, wenn auch gut gemeint. Manchmal aber werden unsere Wünsche zur dringenden Bitte, fast schon zum Flehen, und es stellt sich die Frage, an wen wir sie dann richten: an eine „höhere Macht“, „das Schicksal“, „Gott“ oder letztlich an uns selbst?

Julia fragt auf ihrer Seite athenmosaik im Rahmen einer Blogparade nach den Traditionen, gemäß denen wir unsere Wünsche zelebrieren, nach den Erwartungen, die wir mit ihnen verbinden – und durchaus auch nach dem tieferen Sinn des Wünschens

Der Sinn des Wünschens?

Was ist nun der Sinn all dieser Wünsche und Segenssprüche, die wir täglich laut oder auch nur in Gedanken formulieren? Geht es darum, dass wir Halt finden in einer Welt, die uns zuweilen halt- und ratlos zurücklässt? Wünschen wir uns „Gesundheit!“, da Krankheit uns wie ein Spuk überkommen kann, (fast) außerhalb menschlicher Kontrolle? Vielleicht waren Wünsche und Segenssprüche deswegen in früheren Zeiten so verbreitet: je unberechenbarer die Welt, desto stärker die Sehnsucht nach einer Instanz, die das Chaos lenken sollte und an welche die Wünsche gerichtet wurden. „Führe uns nicht in Versuchung“, „Erlöse uns von dem Bösen“ – vom Wunsch zum Gebet ist es gar nicht weit.

Heute, in atheistischeren Zeiten, suchen viele Menschen ihren Halt an ganz anderer Stelle: in der stetig Wünsche produzierenden Warenwelt. „Wenn ich erst das neue Haus / Auto / den Urlaub auf Florida besitze, werde ich glücklich sein.“ Nicht umsonst schreiben schon Kinder ganze Spielzeugsammlungen auf ihre Weihnachtswunschzettel. 

Für mich persönlich hat dieses Wollen, das auf äußere Befriedigung ausgerichtet ist, nichts mit echtem Wünschen zu tun. Ein Herzenswunsch macht mich nicht fordernd, sondern demütig.

Nicht müde werden / sondern dem Wunder / leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten.

So beschreibt die im 3. Reich aus Deutschland vertriebene Autorin Hilde Domin ihre Sehnsucht. Ihre Worte drücken für mich die wahre Kraft des Wünschens aus: Ein Herzenswunsch ist kein „Wollen“ und kein „Mehr-Mehr“. Vielmehr öffne ich mich durch ihn dem Leben selbst und allem, was es mir schenken mag.

Wenn ich schwer krank bin und mir Gesundheit wünsche, liegt das nur bedingt in meiner Hand. Ich kann aber wünschen – oder bitten, oder beten? – dass ich mich bald besser fühlen werde. Und selbst wenn es nicht so sein sollte, werde ich das Leben sicher besser (er-) tragen können, wenn ich mich ihm mit Demut anvertraue. Ähnlich „unwünschbare“ Bereiche des Lebens sind meiner Meinung nach die große Liebe, für manche Paare der gemeinsame Kinderwunsch oder schlicht Zufriedenheit. Vielleicht ist gar nicht, was ich mir wünsche, das eigentliche Wunder, sondern das Vertrauen, das in mir wächst, während ich die Hand hinhalte.

Ich greife nicht nach dem Wunder, ich öffne ihm die Hand.

In diesem Sinn wünsche ich euch für das neue Jahr, dass ihr euren Herzenswünschen den Raum in euch gebt, sie nicht durch euer Wollen beschwert und die Freiheit findet, euch dem Leben selbst anzuvertrauen.

Herzlich alles Gute, Sarah

[Foto: privat]

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