Gesellschaft, Politik

Sie haben die Macht! In Finnland führen Frauen das Land

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Von links: Bildungsministerin Li Andersson, Finanzministerin Katri Kulmuni, Ministerpräsidentin Sanna Marin und Innenministerin Maria Ohisalo.


Seit Anfang der Woche hat Finnland eine neue Regierung. Sozialdemokratin Sanna Marin (34) löst den gescheiterten Ministerpräsidenten Antti Rinne ab und wird damit jüngste Regierungschefin der Welt. Die wichtigsten Positionen ihrer Regierung werden von fünf Frauen bekleidet. Vier von ihnen sind jünger als 35.

Finanzministerin der neu gebildeten Regierung ist die 32 Jahre alte Katri Kulmuni. Sie wurde mit 28 Jahren ins finnische Parlament gewählt und ist seit September Chefin der Zentrumspartei. Ebenfalls 32 Jahre alt ist die Linken-Parteichefin und Bildungsministerin Li Andersson. Nur zwei Jahre älter ist Maria Ohisalo, Vorsitzende der Grünen und Innenministerin. Anna-Maja Henriksson, Justizministerin und Vorsitzende der Schwedischen Volkspartei Finnlands, ist mit 55 die älteste der fünf finnischen Regierungsvertreterinnen. Insgesamt sind neun der 16 Regierungsmitglieder weiblich.

Jung, weiblich, kompetent?

Man stelle sich ein solches Bild in der deutschen Regierungskoalition vor. Lediglich zwei der 16 Regierungsmitglieder sind aktuell unter 45 und auch wenn das Geschlechterverhältnis mit sechs Ministerinnen und neun Ministern sowie der Kanzlerin inzwischen einigermaßen ausgeglichen ist, sind wir doch noch weit von finnischer „Frauen-Power“ entfernt. Natürlich sind Geschlecht und Alter keine Kriterien für Kompetenz oder Nicht-Kompetenz von Politiker*innen. Beeindruckend sind die Karrieren der fünf finnischen Regierungsvertreterinnen jedoch allemal und sie klingen zum Teil wie die Utopien einer Diversity-Kampagne.

Ministerpräsidentin Sanna Marin

Regierungschefin Marin (34) wuchs als Kind einer alleinerziehenden Mutter auf, die später mit ihrer Partnerin in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebte. Sie ist die erste Person in ihrer Familie, die eine Universität besuchte. Noch vor ihrem Masterabschluss als Verwaltungswissenschaftlerin war sie Vorsitzende des Stadtparlaments der drittgrößten Stadt Finnlands. Mit gerade einmal 29 Jahren wurde sie ins finnische Parlament gewählt. Anfang des Jahres vertrat sie kommissarisch Antti Rinne, den Vorsitzenden der Sozialdemokraten, als dieser krankheitsbedingt sein Aufgaben nicht erfüllen konnte. 

Nun folgt sie ihm in das Amt des Ministerpräsidenten. Nebenbei ist sie Mutter einer 22 Monate alten Tochter, deren Betreuung während ihrer Amtsgeschäfte zukünftig wohl zu einem großen Teil ihr Mann übernehmen wird.

Finanzministerin Katri Kulmuni

Finanzministerin Katri Kulmuni (32) ist erst seit vier Jahren Mitglied des finnischen Parlaments und nun Leiterin des Finanzministeriums, das neben dem Innenministerium als das bedeutendste Ressorts der finnischen Regierung gilt. 2018 schloss sie ihr Studium der Sozialwissenschaften ab. Ihre erste Rede als Ministerin nutzte sie, um auf die Situation von Menschen mit geringem Einkommen und auf die Benachteiligung sozial schwacher Schülerinnen und Schüler aufmerksam zu machen. Ihr Ziel: die Stärkung regionaler Wirtschaft und Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Innenministerin Dr. Maria Ohisalo

Innenministerin Dr. Maria Ohisalo (34), aufgewachsen in schwierigen familiären Verhältnissen, trat 2008 der Grünenpartei Finnlands bei und ist seit 2015 Vize-Vorsitzende sowie seit 2019 Vorsitzende der finnischen Grünen. Parallel absolvierte sie bis 2011 ihr Studium der Sozialwissenschaften und promovierte 2017 über Langzeitobdachlosigkeit. Als Innenministerin setzte sie sich bereits in Antti Rinnes Regierung für transparentere Asylverfahren, ökologische Nachhaltigkeit und die Bekämpfung sogenannter „Hate Speech“, also der verbalen Abwertung bestimmter Lebensweisen oder sozialer Gruppierungen, ein.

Justizministerin Anna-Maja Henriksson

Justizministerin Anna-Maja Henriksson (55) ist Teil der schwedischsprachigen Minderheit Finnlands und seit 2016 erste weibliche Vorsitzende der Schwedischen Volkspartei Finnlands. Sie übte bereits von 2011-15 das Amt der Justizministerin aus und übernahm es erneut 2019 unter dem damaligen Ministerpräsidenten Antti Rinne. Die Mutter zweier Töchter wuchs zweisprachig auf und arbeitete vor ihrer politischen Karriere als Anwältin einer Bank.

Bildungsministerin Li Andersson

Bildungsministerin Li Andersson (32), ebenfalls Teil der schwedischsprachigem Minderheit Finnlands, ist seit 2015 Mitglied des finnischen Parlaments, wurde 2016, mit gerade einmal 29 Jahren, Vorsitzende der Linksbündnis-Partei und 2019 Mitglied der finnischen Regierung. Sie setzt sich für Visumsfreiheit zwischen Russland und Finnland ein, für einen veganen Lebensstil und kontroverse Themen wie die Legalisierung von Cannabis-Konsum. Ihr Studium der Sozialwissenschaften absolvierte sie mit dem Schwerpunkt internationales Recht und Flüchtlingsrecht.

Finnische Emanzipation

Finnland ist nicht nur wegen seines aktuellen Regierungsbündnisses ein spannendes Land. Einerseits ist Finnland geprägt durch eine Geschichte der Okkupation, u.a. durch die Besatzungsmacht Russland. Soziale Probleme wie Alkoholismus und eine hohe Arbeitslosigkeit belasten zusätzlich das Land.

Andererseits ist Finnland die Nation, in der Minderheiten wie die Finnlandschweden und Samen, aber auch Roma oder finnische Juden friedlich mit der finnischen Mehrheitsbevölkerung zusammenleben; das Land, das 1906 als erstes Europas das Frauenwahlrecht einführte und ein Bildungssystem besitzt, das sich die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen aller sozialer Schichten auf die Fahnen geschrieben hat. Viele junge finnische Frauen sind ehrgeizig und beruflich erfolgreich. In finnischen Kindergärten und Schulen wird Gleichberechtigung groß geschrieben. Vielleicht führt dies nun zu der jüngsten und „weiblichsten“ Regierung Europas.

Wie sich das weibliche Power-Quintett schlagen wird, werden die nächsten Monate zeigen – ein beeindruckendes und ermutigendes Signal ist die Ernennung der Ministerinnen unter Ministerpräsidentin Marin auf jeden Fall. Bleibt nur die Frage, wann die erste deutsche Kanzlerin unter 40 ihr Amt antritt!

Herzlichen Gruß, Sarah

[Foto: picture alliance/dpa]

3 Gedanken zu „Sie haben die Macht! In Finnland führen Frauen das Land“

  1. Wir Männer haben der Welt Technologie und Fortschritt beschert; aber auch Gewalt, Folter und Atombombe.
    Krieg, Zerstörung und Vernichtung kenne ich aus erster Hand.
    Es scheint eine humane Welt, nur mit Frauen an der Macht, möglich zu sein.
    Vielleicht werden dann die Armeen und Generäle überflüssig; und diese enormen Ressourcen kommen der Menschheit zugute.
    In dem Sinne, Frohe Weihnachten und guten Rutsch!

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    1. Danke für deinen Kommentar! Ich selbst würde weder Frauen noch Männern pauschal Friedfertigkeit oder Aggressivität zuschreiben. Nicht jeder Mann ist Hernán Cortés, der einerseits Mexiko eroberte und andererseits die Azteken fast ausrottete und nicht jede Politikerin (oder Frau überhaupt) ist per se reflektiert oder friedfertig. Insofern ist der Jubel über diese jungen Frauen an der Spitze einer Regierung auch ein wenig „platt“. Andererseits machen sie vielleicht tatsächlich Dinge anders als ihre 60-jährigen männlichen Vorgänger. Und allein, das herauszufinden finde ich schon mal richtig spannend!🙂 Auch dir friedliche Feiertage, Sarah

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