Familie, Gesellschaft, Kunst

Ritter Berthold. Oder: „Der ist ziemlich doof, oder?“

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In loser Abfolge empfehle ich hier im Blog Kinderbuchschätze und Illustrationsschmuckstücke. Mit meinem Sohn (4) arbeite ich mich regelmäßig durch die aktuelle U6-Lektüre. Diesmal erreichte uns ein Werk aus der Pixibuch-Reihe als Nikolauspräsent des Kindergartens. Eigentlich sehr nett. Und doch saß ich wenig später kopfschüttelnd da…

Ritter Berthold und sein Fetisch

Der Plot in drei Sätzen: Ritter Berthold ist in seine Rüstung verliebt. Er zieht sie überall an und geht damit nicht nur seinem Pferd, welches das Extragewicht tragen muss, auf die Nerven, sondern auch seiner Frau. Bis er schließlich erkennt: alles halb so wild, kein Feind weit und breit, ich kann das Metall wohl an der Garderobe hängen lassen.

Soweit, so schön (und pazifistisch). Aber Ritter Berthold Brechtstein lebt auch – nun ja – wohlig umsorgt mit Frau und Tochter „auf ner Burg im Donaublau“. Wenn er dort von seinem morgendlichen Kontrollrundgang zurückkehrt mit „Frühstückshunger“, warten Frau und Kind schon samt gedecktem Tisch.

Doof und wohl behütet

Mein Sohn wollte die Geschichte gleich zweimal hören. Sein trockener Kommentar: „Der ist ganz schön doof, der Ritter!“ Ihm war offensichtlich die feine Ironie nicht entgangen, mit der die Kampfeslust des Ritters dargestellt wird. Immerhin kommt dieser samt Rüstung nur per Seilwinde aufs Pferd und muss somit den ganzen Weg zur Burg zu Fuß zurücklaufen, als sein Ross unterwegs stolpert und ihn abwirft.

Frei jeder Ironie zeigt sich allerdings das Familienbild, das sich rund um Ritter Berthold und seine Burg entfaltet: „Papa, warum trägst du Rüstung? / Keine Feinde sind in Sicht, / und du musst dich richtig plagen, / dass dir schon der Schweiß ausbricht“, bemerkt, durchaus verständig, das Töchterchen. Als „ganzer Kerl“ lässt sich der Ritter davon jedoch nicht beirren: „Liebe Tochter, ich bin Ritter / und als solcher stets bereit, / euch und meine Burg zu schützen – / hier und jetzt, zu jeder Zeit!

Alles klar: Frau und Töchterchen werden ritterlich beschützt, stellen die Fragen und richten das Abendbrot. Denn als Ritter Berthold am Ende eines langen Tages in die Burg zurückkehrt, „Frau und Tochter ihn erwarten / mit dem leckren Abendschmaus“. Und den nimmt Vater Ritter dann im Lehnstuhl ein, sein Hündchen bringt ihm die Pantoffeln, ein Diener reicht das kühle Bier und die Gattin steht hinter dem Stuhl und hält lächelnd die Freizeithose bereit. Auf dem nächsten Bild hängt die Rüstung im Apfelbaum, Ritter Berthold sitzt breitbeinig mit Bierhumpen und den Füßen im kühlenden Fußbad auf einer Bank: „reckt sich, streckt sich, fühlt sich leichter / und genießt das Bier mit Schaum“.

Okay, mein Sohn: das ist, was echte Männer tun nach einem harten Tag! Danke, dass Autor Rüdiger Paulsen und Illustratorin Sabine Legien uns gar nicht erst auf falsche Gedanken kommen lassen: Seine Rüstung lässt Ritter Berthold am Ende zwar liegen, das Familienbild der 50er transportiert er aber fleißig in die Kinderzimmer der (bald) 2020er Jahre…

Gegen-Vorschläge? Gibt es auch (Pixi-) Bücher mit weniger reaktionärem Frauen-, Männer- und Familienbild? Bitte schreibt mir die Titel in die Kommentare, ich möchte unsere „Heimbibliothek“ positiv ergänzen!

Herzlichen Gruß, Sarah

PS. Wie’s besser geht? Hier eine Liste von Büchern, die nicht die gängigen Klischees und Familienbilder transportieren! 🙂

[Foto: “Ritter Berthold“. Carlsen-Verlag, 2015.]

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