Familie, Persönliches

Wieviel unserer Eltern steckt in uns? Eine Suche nach meinen Wurzeln

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Mit 15 knallte ich vor Wut mit Türen und fühlte mich schrecklich unverstanden von meinem Vater. Mit 25 war ich im Ausland gewesen, beendete mein (erstes) Studium und hatte meine Eltern – und besonders meinen Vater – als erwachsene Frau kennen gelernt. Aber eigentlich war ich vor allem mit mir selbst beschäftigt. Mit 35 bekam ich mein eigenes Kind und mein Vater lebte bereits seit sieben Jahren nicht mehr.

Unsere Eltern sind der Grund, auf dem wir wachsen

Vor kurzem bin ich auf einen beeindruckenden Text gestoßen. Esther Donkor, Journalistin und Autorin, berichtet darin über ihre deutsch-ghanaischen Wurzeln und ihr, phasenweise nicht einfaches, Verhältnis zu ihrem Vater. Als Rentner versucht dieser sich als Autor und bittet seine Tochter um das Korrekturlesen seiner Texte. „Aber ich weigerte mich zunächst das zu lesen, was er da geschrieben hat. Ich brauchte ein Jahr bis ich es tat. Weil da Wut war in mir. Auf ihn.

Ich selbst habe keine Wut auf meinen Vater, obwohl es Zeiten gab, in denen mein Verhältnis zu ihm nicht einfach war. Als Jugendliche fühlte ich mich von ihm nicht ernst genommen und erst rund zehn Jahre später begann ich zu ahnen: er war letztlich nur überfordert gewesen. Von meinen überbordenden Gefühlen, von meinem Wunsch, er solle sich mir zeigen, den ich so explizit selbst gar nicht verstand und als Forderung und wütenden Vorwurf an ihn richtete.

Postwendende Briefe

Als ich von Zuhause auszog und für ein Jahr im Ausland lebte, schrieb er mir, fast postwendend, lange Briefe, in denen er mir von seinem Alltag und seinen Gedanken und Gefühlen erzählte. Durch diesen Austausch durfte ich ihn als Menschen kennen lernen, der neben großer Stärke auch über Sensibilität, Humor und Einfühlsamkeit verfügt. Mein Vater erlaubte mir, einen Blick auf ihn selbst zu werfen, jenseits seiner Rolle als „Familienoberhaupt“. Das heilte etwas in mir.

Esther Donkor schreibt auch über den Anspruch, den ihr Vater an sich selbst und an seine Kinder hatte:

Weil eine 2 noch lange keine 1 war, stellte er eines Abends sogar eine Tafel im Wohnzimmer auf, um uns Extraunterricht zu geben. Englisch zum Beispiel oder Mathe. Dabei konnte er das alles auch nicht richtig. Ich habe es gehasst.

Auch mein Vater hatte einen hohen Anspruch an sich selbst und an uns, seine Kinder. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, aber auch Leistungsbereitschaft und die Erwartung, eigene Bedürfnisse zugunsten zu erfüllender Pflichten zurückzustellen, waren Maximen, die sein Leben prägten – und natürlich auch Einfluss auf das Leben seiner Familie hatten. Besonders die Verlässlichkeit und praktische Fürsorge, mit der er für uns, meist sonntags, aufwendige Gerichte kochte, uns pünktlich wie ein Uhrwerk von der Schule abholte oder mit riesigen Wocheneinkäufen dafür sorgte, dass unser Keller einem gut sortierten „Tante-Emma-Laden“ glich – all das sind wärmende Erinnerungen, die ich an ihn habe.

Leistungsanspruch an andere und an sich selbst

Zugleich war mein Vater fordernd, ja zuweilen fast hart, was die Erfüllung eingegangener Verpflichtungen anging. Er schonte sich selbst nicht, arbeitete oft schon früh morgens für seinen Beruf, den er im Grunde liebte, der aber auch viel Verantwortung mit sich brachte und nur wenig leichte und heitere Momente. Entsprechend erschöpft nahm er abends und an den Wochenenden nur noch „am Rande“ am Familienleben teil. Als Jugendliche vermisste ich die persönliche Ansprache und gemeinsame Aktivitäten, auch einmal nur mit ihm allein.

Heute, selbst berufstätig und mit einem kleinen Kind, kann ich nachvollziehen, wie müde er in den Abendstunden wohl oft war und warum sich seine Beteiligung am Familienleben dann auf das Dabeisitzen mit einer Zeitung vor dem Gesicht beschränkte.

Mein Vater war ein Flüchtlingskind

Meine eigenen Wurzeln erschienen mir nie so international wie z.B. Esther Donkors. Meine Haut ist weiß und die Eltern meines Vaters sind Deutsche. Allerdings erlebten beide als junge Menschen die Vertreibung aus ihrer Heimat, der damaligen Tschechoslowakei, bzw. Ungarn. Ich erinnere mich an im Ofen gebackene Kürbisse meiner Uroma, die ich „Oma“ nannte und deren Bild, eine drahtige kleine Frau mit Kittelschürze und Kopftuch, mir lebhaft vor Augen steht. Sie sprach von einem „Daham“, einer Heimat, die ich nicht kannte und von der ich nichts verstand. Es war ihre Sehnsucht, aber Daheim war für diese Familie jetzt Deutschland. Und mein Vater war geboren worden, als seine Eltern hier gerade Fuß zu fassen versuchten. Ein Leben, in dem wenig Platz, Geld und Zeit war, dafür Familie auf engem Raum, die Notwendigkeit zur Anpassung aneinander und an eine Umwelt, die diese „Tschechen- und Ungarndeutschen“ nicht gerade mit offenen Armen empfing.

Letztlich war mein Vater ein Flüchtlingskind. Um hier zu bestehen, galt: Ärmel hochkrempeln, Zähne zusammen und los! Fleißig, genügsam und zuweilen hart zu sich selbst.

Statt zu studieren, arbeitete mein Großvater väterlicherseits nun als Maurer „auf dem Bau“, Kriegserfahrungen als halbes Kind, Vertreibung und die Erfahrung dieses kompletten Neuanfangs mit gleichzeitiger Verantwortung für Frau und Kind haben ihn sicher geprägt. Leider konnte ich ihn dazu nie wirklich befragen. Er selbst sprach, zumindest uns Enkeln gegenüber, nicht über diese ersten Jahre in Deutschland und auch mein Vater erzählte wenig.

Tod meiner Großmutter

Als mein Vater 18 Jahre alt war, starb seine Mutter, meine Großmutter väterlicherseits, die ich somit nie kennen lernen durfte. Mein Großvater verlor aufgrund dieses Schicksalsschlags emotional fast den Halt, so dass mein Vater phasenweise die Verantwortung für die gesamte Familie übernahm, inklusive seines damals gerade elfjährigen Bruders. Auch hier verstehe ich erst heute, bzw. kann eigentlich nachwievor erst erahnen, was der plötzliche und so frühe Tod seiner Mutter für meinen Vater bedeutet haben musste. Sein ohnehin ausgeprägtes Verantwortungsgefühl wurde noch verstärkt, er wurde bereits mit 18 Jahren „erwachsen“ und verlor – so zumindest berichtet es meine Mutter – einen Teil seiner Unbeschwertheit und Fröhlichkeit.

Meine Mutter lebte die Heiterkeit

Meine Mutter hatte eine ganz andere Jugend verbracht in der wohlhabenden, vom Krieg verschonten, Schweiz. Ihre Leichtigkeit und Lebensfreude war wohl das Glück, das mein Vater in ihrer gemeinsamen Beziehung fand und während ihrer fast dreißigjährigen Ehe genießen durfte. Allerdings hatte auch meine Mutter schon früh die Erfahrung gemacht, Verantwortung zu übernehmen und in gewisser Weise auf sich gestellt zu sein. Ihre berufstätigen Eltern hatten einfach nicht die Zeit, sie in allen praktischen und emotionalen Dingen zu begleiten. Vielleicht erkannten sich meine Eltern in dieser Stärke, die sie dabei entwickelt hatten, aber auch in ihrer Sehnsucht nach „Heimat“ in einem anderen Menschen, der immer für sie da war. Jedenfalls lebten sie bis zum Tod meines Vaters mit Mitte 50 eine sehr enge, liebevolle Ehe.

Mein Leben mit meinen Eltern

Ich selbst bin meinen Eltern sehr dankbar und sie haben mein Leben definitiv geprägt. Auch für mich ist Verantwortungsbewusstsein und Fürsorge meinen Liebsten gegenüber ein wichtiger Wert. Dabei versuche ich jedoch, nicht über meine Grenzen zu gehen und auch der Lebensfreude und Leichtigkeit in meinem Leben genügend Raum zu geben, was mein Vater, zumindest in meiner Wahrnehmung, zuweilen vergaß.

Verrückterweise – vielleicht ja auch naheliegenderweise – meine ich im Vater meines eigenen Sohnes Eigenschaften meines Vaters zu erkennen. Wie meine Mutter und mein Vater haben wir uns vor der Geburt unseres Sohnes wohl aufgrund eines tiefergehenden „Erkennens“ gefunden. Auch wir sind äußerlich sehr verschieden und beschäftigen uns innerlich doch mit ähnlichen Themen.

Was wird unser Sohn einmal über seine Eltern sagen?

An dieser Stelle frage ich mich, was unser Sohn wohl einmal über uns, seine Eltern, sagen wird? Welche Geschichten wird er an seine Kinder weitergeben, welche Spuren werden wir in ihn, bewusst oder unbewusst, geschrieben haben, was werden die Dinge sein, an die er sich zuerst erinnert, wenn er an uns denkt?

Als Eltern bleiben wir der Grund, auf dem unsere Kinder wachsen, egal, ob wir selbst als Paar zusammen leben, „nur“ gemeinsam Eltern sind oder ganz getrennte Wege gehen. Als Mutter und als Vater bleibe ich der Teil im Wesen meines Kindes, der es mit der Vergangenheit – und letztlich auch mit sich selbst – verbindet. Dieses Band ist nicht trennbar. Ich kann den Kontakt zu meinen Eltern verlieren, bewusst abbrechen, oder durch das Leben von ihnen getrennt werden, z.B. durch ihren frühen Tod. Aber letztlich verliere ich nie ganz, was meine Eltern mir sind.

Darum versöhne ich mich mit ihnen, heile Verletzungen und hüte die Freude, die ich mit ihnen leben durfte und darf. Denn mein Leben ist meines, doch meine Eltern sind immer ein Teil von mir. Und diesen Teil betrachte zumindest ich persönlich mit Wertschätzung und Dankbarkeit.

Und du? Wie prägt dich deine Familiengeschichte? Magst du darüber nachdenken? Dich mit deinen Liebsten darüber austauschen, oder vielleicht sogar hier darüber schreiben?

Herzlichen Gruß, Sarah

[Foto: Pixabay]

7 Gedanken zu „Wieviel unserer Eltern steckt in uns? Eine Suche nach meinen Wurzeln“

  1. Die Kindheit ist eine prägende Zeit und ich muss sagen, dass ich wirklich Glück hatte. Weder mein Vater noch meine Mutter haben sich als „Familienoberhaupt“ aufgeführt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Sie hatten keine großen Erwartungen an meine schulischen Leistungen, sondern waren immer zufrieden mit mir, was zum Teil natürlich daran lag, dass ich gut in der Schule war, aber das reichte eben. Es mussten keine 1en sein, die 2en waren völlig okay. Und wenn ich mit einer 4 nach Hause kam, dann machte das nichts. „Nächstes Mal wird‘s wieder besser.“

    Bei uns stammt meine Mutter aus einer „Vertriebenenfamilie“ (Polen, Schlesien), aber sie hatte Glück: 1. ist sie selbst in Deutschland geboren. 2. war sie ein Nachzügler (ihre Mutter war 42, ihr Vater 57) und dadurch konnte sie sicherlich eine andere Liebe genießen. Als Nesthäkchen sahen ihre Eltern bei ihr vielleicht einiges entspannter und sie hatte zudem noch die Liebe ihrer beiden großen Schwestern (damals schon 16 und 15 Jahre alt).

    Mein Vater wuchs mit sechs Geschwistern auf, hatte einen lieben Vater (soweit ich weiß) und ist auch selbst im Großen und Ganzen ein lieber Charakter, finde ich. Zwar lief in meiner Kindheit nicht alles perfekt und ich mache heute einiges anders in Erziehungsfragen, aber rückblickend denke ich: Meine Eltern waren beide noch recht jung, als sie Kinder bekommen haben (Mutti 21, Papa 27) und dafür haben sie es gut gemeistert.

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    1. Liebe Nadine,
      danke, dass du mich hier – und vielleicht auch andere, die hier mitlesen – an deiner Familiengeschichte teilhaben lässt! Ich finde berührend, was du zu deinen Eltern schreibst. Ja, neben der „äußeren“ Geschichte spielte es innerhalb der Familien sicher auch immer eine Rolle, an welcher Stelle unter den Geschwistern und mit welchen „Ressourcen“ die Kinder aufwachsen durften.
      Ich merke nur, vieles wurde von der Eltern- und Großelterngeneration lediglich als Information weitergegeben, aber die emotionalen Folgen schreiben sich über die Generationen hinweg fort.
      Ich habe meinen Vater übrigens gar nicht so sehr als denjenigen erlebt, der „auf den Tisch haut“, sondern eben manchmal emotional sehr in sich verschlossen, mit einer gewissen Vorsicht der Welt gegenüber und dadurch für mich als Tochter schwer erreichbar. Ein Wesenszug, den ich jetzt auch an Familienmitgliedern unserer „Kindergeneration“ wahrnehme. Aber wie das so ist in Systemen: jeder für sich kann sich bewegen und so können manchmal auch Dinge, die innerhalb einer Familie als Blockade wirken, wieder in Bewegung kommen.
      Herzliche Grüße dir, Sarah

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    2. Liebe Sarah,
      tatsächlich ist es so, dass Emotionen und Erfahrungen über Generationen hinweg durch die Familie getragen werden. Deswegen leiden auch wir Kriegsenkel noch an den Folgen der Weltkriege. Das ist oft gar nicht offensichtlich, sondern man merkt es erst, wenn man sich mal wirklich damit auseinandersetzt. Ich finde das ein sehr spannendes Feld, auch wenn ich es selbst tatsächlich noch nicht weiter aufgeschlüsselt habe. Allzuviel wird in meiner Familie gar nicht über Vergangenes gesprochen. Erst dieses Jahr (und ich bin 32!) habe ich meine Eltern gefragt, was sie eigentlich am Tag des Mauerfalls gemacht haben und wann sie das erste Mal „drüben“ waren. Fazit: Es war extrem interessant. Ich muss definitiv mehr Fragen stellen und mir erzählen lassen! 🙂
      Viele Grüße
      Nadine

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  2. Liebe Sarah,
    danke für diesen persönlichen und bewegenden Beitrag.
    Es ist klug sich seiner eigenen (Familien-) geschichte bewusst zu sein, denn so verstehen wir uns besser, sind vielleicht auch nachsichtiger mit denen, die vor uns waren und denen, die nach uns kommen.
    Und ich glaube, nur Strukturen, die man durchschaut, kann man gegebenfalls auch hinter sich lassen.
    Erst als ich mich in das Gestrüpp wagte, in dem meine traumatisierte Pflegetochter verloren zu gehen drohte, begriff ich, wie schwer traumatisiert meine eigene Mutter war und ist; ihr Verhalten einzuordnen und letztlich auch meine eigenen etwas bizarren Angewohnheiten, die ich als Jugendliche und junge Frau hatte, zu verstehen, sie waren ein Versuch sich gleichzeitig anzupassen und auszubrechen.
    Ausgerechnet von der Therapeutin meiner Tochter lernte ich, was transgenerationale Traumen sind, dass Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung wirklich ein Fluch bis „ins siebte Glied“ sind, und konnte auch mich endlich annehmen und verstehen.
    Liebe Grüße
    Natalie

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    1. Liebe Natalie,
      auch dir vielen Dank für deinen persönlichen Kommentar und dass du mir einen Einblick in eure Familiengeschichte gibst!
      Ja, ich denke, es müssen noch nicht einmal Traumata sein, die sich von Generation zu Generation vererben, bzw. nicht jede einschneidende Erfahrung wird unbedingt zum (Familien-) Trauma. Beeindruckend finde ich dennoch, wie beiläufig innerhalb von Familien oft über die bedeutendsten Erfahrungen geredet wird (oder sie gar ganz verschwiegen werden). Spürbar ist dann nur atmosphärisch, „dass da etwas ist“ und das Nicht-Erzählte oder nur halb Erzählte wiederholt sich in Variationen wie zufällig in den nächsten Generationen.
      Vor allem, seitdem ich selbst Mutter bin, ist das schon ein Thema, das mich sehr interessiert.
      Herzlichen Gruß, Sarah

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  3. Liebe Sarah, ein wertvoller Beitrag, der nachdenklich stimmt. Ich bin auch weiterhin mit meinen Wurzeln beschäftigt, ja, die prägen uns und spannend auch, dass wir auch in unseren Genen einiges mit vererbt bekommen. Ich sende Dir herzliche Grüße, Deine Sovely

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    1. Ja, ich denke, die „dunkle“ Jahreszeit im Moment lädt auch zur Reflexion und der Auseinandersetzung mit den eigenen Ursprüngen ein. Was ich sehe und verstehe, zu dem kann ich mich in Bezug setzen. Daher hilft es meiner Meinung nach, die eigenen Wurzeln einmal „auszugraben“ und zu betrachten, um das eigene Handeln in der Gegenwart besser zu verstehen!
      Herzlichen Gruß, Sarah

      Gefällt 1 Person

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