alleinerziehend, Gesellschaft, Politik

Drei Frauen. Beeindruckende Alleinerziehende und ihre Geschichte

Alleinerziehend ist offiziell, wer ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Der Begriff ist relativ neu, die Lebensform nicht unbedingt. Mich hat interessiert: Gab es schon früher beeindruckende allein- und getrennt erziehende Mütter, von denen es sich zu berichten lohnt? Hier stelle ich drei davon vor.

Mary Wollstonecraft (1759-1797)

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Die berühmteste der drei Frauen, die ich hier porträtiere, ist Mary Wollstonecraft, englische Feministin, Pädagogin und Schriftstellerin. Sie wurde 1759 in London geboren und starb 1797 mit gerade einmal 38 Jahren kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter an Kindbettfieber, vermutlich aufgrund mangelnder Hygiene des behandelnden Arztes. Bekannt ist sie bis heute aufgrund ihres Einsatzes für Frauenrechte. 1792 veröffentlichte sie ihr Werk „A Vindication of the Rights of Women“, worin sie sich vor allem für das Recht auf (staatliche) Bildung für Mädchen und Frauen aussprach. Rund 80 Jahre vor der Zulassung von Frauen an englischen Universitäten war dies tatsächlich ein revolutionärer Gedanke. Auch privat verweigerte sich Wollstonecraft bürgerlichen Konventionen. Sie wollte nie heiraten, schrieb mit 28 ihren ersten Roman und ging nach London, um Schriftstellerin zu werden. Dort verliebte sie sich in einen amerikanischen Geschäftsmann, der sie nach der Geburt der gemeinsamen Tochter sitzen ließ. Wollstonecraft durchlebte eine tiefe Krise, bevor sie ihren Weg, nun als alleinerziehende Mutter, weiter verfolgte. Mit 37 verliebte sie sich erneut und heiratete, bereits schwanger, entgegen ihrer Prinzipien, den Philosophen und Schriftsteller William Godwin. Beide hatten das Ziel, eine gleichberechtigte Ehe zu führen, was der frühe Tod Wollstonecrafts vereitelte. Ihre Tochter wurde von Godwin adoptiert und er brachte auch Wollstonecrafts Nachlass heraus. Die Zeitgenossen Mary Wollstonecrafts waren für ihre Radikalität jedoch nicht bereit und empörten sich über den vermeintlich „unsittlichen“ Lebenswandel der Autorin.

Mich beeindruckt, dass es Mary Wollstonecraft offensichtlich nach einer tiefen persönlichen Krise gelungen ist, ihren Weg weiter zu verfolgen und ihren Prinzipien treu zu bleiben. Ihr tragischer Tod und die Verurteilung durch ihre Zeitgenossen verdeutlichen jedoch auch die Beschränkungen, denen sich Frauen im 18. Jahrhundert ausgesetzt sahen.

Amalie Dietrich (1821-1891)

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Amalie Dietrich, deutsche Botanikerin und Zoologin, ist heute weitgehend unbekannt. Ihre Biografie bleibt jedoch beeindruckend. Sie gilt als eine der bedeutendsten Naturforscherinnen und Forschungsreisenden Deutschlands. 1821 in ärmlichen Verhältnissen geboren, heiratet sie zunächst und bringt mit 27 Jahren ihre Tochter zur Welt. Dietrichs Mann, ein Apotheker und Privatgelehrter, macht seine Frau mit den Grundbegriffen der Botanik vertraut. Hieraus entwickelt sich für Dietrich ihre berufliche Leidenschaft. Sie ist eine engagierte Forscherin und eine höchst unabhängige Frau. Das Mutterdasein verträgt sich nicht mit ihren beruflichen Zielen und auch ihr Mann zeigt wenig Verständnis für ihren Ehrgeiz und Entdeckerdrang. Ein radikaler Schnitt folgt: Dietrich trennt sich von ihrem Mann und gibt ihr Kind bei einer anderen Familie in Pflege. 1863 erhält sie die Möglichkeit, für einen gut bezahlten Forschungsauftag für zehn Jahre nach Australien zu reisen. Mit dem Geld, das sie dabei erwirtschaftet, finanziert sie ihrer Tochter, die in Deutschland aufwächst, eine gute Ausbildung. 1873 kehrt Amalia Dietrich schließlich nach Deutschland zurück und betreut noch mehrere Jahre das Hamburger Botanische Museum. Knapp 70jährig stirbt sie, betreut von ihrer Tochter, in deren Haus.

An dieser Frau beeindruckt mich die Radikalität, mit der sie ihren Weg verfolgt, jenseits aller Konventionen, die die Gesellschaft für Frauen des 19. Jahrhunderts vorsieht. Dass sie für ihre berufliche Erfüllung sogar ihre Tochter zurücklässt und dennoch offenbar während ihres gesamten Lebens eng mit ihr verbunden bleibt, beeindruckt mich zusätzlich und schockiert mich auch ein wenig. Eine Frau, die vermutlich auch heute noch mit ihrem Lebensweg polarisieren würde!

Louise Aston (1814-1871)

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Ebenfalls Anfang des 19. Jahrhunderts wird die deutsche Schriftstellerin, Revolutionärin und Frauenrechtlerin Louise Aston geboren. Anders als Amalie Dietrich kommt sie aus bürgerlichen Verhältnissen und wird mit gerade einmal 17 Jahren zur Ehe mit dem englischen Fabrikanten Samuel Aston gezwungen. Aston gebiert drei Töchter, von denen nur eine überlebt. Ihre Ehe wird zweimal geschieden, 1844 endgültig. Mit ihrer Tochter lässt sie sich in Berlin nieder, um ihre schriftstellerische Karriere zu verfolgen. Dort gilt sie, rauchend und hosentragend, bald als „Mannweib“ und wird 1846 sogar aus Berlin verbannt. Unerschrocken veröffentlicht sie wenig später das Pamphlet „Meine Emanzipation, Verweisung und Rechtfertigung“, in dem sie sich radikal für das Recht der Frau auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit ausspricht. Aufgrund ihres nach Ansicht der Zeitgenossen unmoralischen Lebenswandels verliert sie daraufhin das Sorgerecht für ihre Tochter. Dies radikalisiert sie noch weiter, so dass sie sich 1848 den Freischaren anschließt und als Pflegerin am Schleswig-Holsteinischen Feldzug gegen Dänemark teilnimmt. Dabei lernt sie ihren zweiten Mann kennen, veröffentlicht weitere gesellschaftskritische Werke und verlässt mit ihm schließlich Deutschland, um im Krimkrieg auf russischer Seite in der freiwilligen Krankenpflege zu arbeiten. Das Paar lebt während der nächsten Jahre in der Ukraine, in Siebenbürgen, Ungarn und Österreich, bis es 1871 wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo Louise Aston verarmt und politisch isoliert stirbt.

An Louise Aston berührt mich, welche Opfer sie auf ihrem Weg brachte und auch welchem moralischen Druck sie als politische Aktivistin und unabhängige, alleinerziehende Frau Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt war. Heute kennt sie fast niemand mehr, dabei verfolgte sie ihre Ziele mit einer Entschlossenheit und Radikalität, die ich noch immer beeindruckend finde.

Drei Frauen als Inspiration

Frauen wie Louise Aston, Amalie Dietrich und Mary Wollstonecraft sind heute weitgehend unbekannt. Sie wählten alle drei, unbeeindruckt von Widerständen, ihren Lebensweg und waren dabei sicher keine einfachen, aber auf jeden Fall beeindruckende, Persönlichkeiten. Meiner Meinung nach Grund genug, sich an sie zu erinnern. „Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen“, beschreibt bereits 1120 der Philosoph Bernhard von Chartres das Verhältnis aktueller Wissenschaft zu den Leistungen früherer Generationen. Fortschritt entstehe, indem wir uns auf vergangene Errungenschaften besännen und von diesen ausgehend unsere Leistung vollbrächten. Ein Grund mehr, unseren Blick auf diese „Riesinnen“ der Frauenemanzipation zu richten und uns von ihnen inspirieren zu lassen!

Welche (historischen) allein- oder getrennterziehenden Frauen kennt ihr? Welche weiblichen Persönlichkeiten beeindrucken euch? Ich freue mich über eure Kommentare mit weiterer Anregung und Inspiration!

Herzlich, Sarah

PS. Informationen zu den genannten Persönlichkeiten habe ich u.a. dem Nachschlagewerk „Berühmte Frauen. 300 Portraits“ (Insel-Verlag 1999) entnommen. Ich empfehle es hier als beeindruckende Lektüre, ohne davon finanziellen Vorteil zu haben.

[Fotos: Wikipedia Commons]

6 Gedanken zu „Drei Frauen. Beeindruckende Alleinerziehende und ihre Geschichte“

    1. Liebe Nadine, und ich kannte davor nur Mary Wollstonecraft… Umso mehr Anlass, sich von diesen starken Frauen beeindrucken zu lassen und sie ein Stück weit sichtbarer zu machen, oder?🙂 Herzlichen Gruß nach Dresden, Sarah

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  1. Danke für diese doch recht unbekannten Geschichten über drei bemerkenswerte Frauen.
    Die meisten Alleinerziehenden der Geschichte waren aber wohl Witwen.
    Und gerade in gesellschaftlich nicht geachteten Schichten gab es auch immer ledige Mütter.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Nathalie, danke für deinen Kommentar. Ja, an diesen drei Frauen finde ich vor allem die Entschlossenheit, mit der sie ihren persönlichen Weg – auch gegen Widerstände – gegangen sind, beeindruckend. Gerade diese Radikalität kann aber auch sicher polarisieren. Eine Reaktion, die ich auf den Artikel bekam, war z.B., Amalie Dietrich sei egoistisch gewesen, ihr Kind zurückzulassen. Ja, das war es vielleicht sogar (ich hätte es wohl nicht getan), aber trotzdem stört mich die starke negative Wertung, die in diesem Urteil mitschwingt. Frauen durften ganz lange ihren eigenen Weg nicht gehen, und wenn sie es taten und tun, werden sie auch heute noch teilweise verurteilt, bei Männern (und Vätern) erscheint mir das gesellschaftliche Urteil oft nachwievor weniger streng.
      Herzlichen Gruß und Danke fürs Mitlesen! Sarah

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    1. Liebe Angela,
      das freut mich sehr, danke! Ich war auch schon auf deiner Seite und habe dir vor ein paar Tagen eine Nachricht als Kommentar zum Artikel geschrieben, aber vielleicht ist die versehentlich im Junk-Mail-Ordner gelandet?!
      Auf Facebook findest du mich hier: https://m.facebook.com/sarah.sunnybee.9. Freue mich wirklich, dass du meinen Blog vorstellst. Ich schaue auch immer mal wieder bei dir vorbei und hole mir Reisetipps und -ideen!🙂
      Ganz herzlichen Gruß, Sarah

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