Familie, Persönliches

Die Sache mit der Aufmerksamkeit: Wenn Kleinkinder ständig dazwischenreden

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Vor kurzem traf ich mich mit einer Freundin und meinem Sohn (3 1/2) zum Essen. Wir wollten grillen, mein Sohn hatte sich auf die Würstchen mindestens genauso gefreut wie ich mich auf meine Freundin und so saßen wir zu dritt gut gelaunt im Garten am Tisch und meine Freundin setzte an, mir von den Ereignissen der vergangenen Woche zu erzählen.

Nun ja, wir kamen nicht weit, denn mein Sohn: „Ma-ma, ich will auch was sagen! -“ „Was ist?“ – „Kann ich den Senf haben?“ Klar. Ich gab ihm den Senf, wir setzten an, unser Gespräch fortzusetzen. Etwa 30 Sekunden später: „Ma-ma, ich will noch was sagen!“ „Ja?“ „Da war eine Fliege auf dem Tisch.“ „Aha.“ Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Meine Freundin begann mir von beruflichen Plänen zu berichten, ich versuchte, ihr dabei zu folgen, da – „Ma-ma! Die Wurst schmeckt gut!“ Diesmal Lautstärke und Tonlage schon deutlich fordernd.

Okay, die Wurst schmeckte gut, die Sonne schien, ein herrlicher Frühsommertag – aber ich merkte trotzdem, wie die Gereiztheit in mir aufstieg. Was sollte das? Sah mein Kind nicht, dass ich mich gerade unterhalten wollte? Auch meine Freundin schien zu erwarten, dass ein Gespräch unter uns Erwachsenen im Beisein meines Sohnes kein Problem sein sollte. Und – verdammt nochmal, eigentlich fand ich das auch. Jedenfalls ohne Unterbrechung alle 30 Sekunden.

„Es tut mir leid, dass er so ist…“

Tja… mein Sohn unterbrach uns deswegen nicht weniger. Dafür begann ich, mich für ihn zu rechtfertigen. Erzählte etwas davon, dass er es nicht gewohnt sei, dass Erwachsene sich länger am Stück und so intensiv in seiner Gegenwart unterhielten (stimmt sogar, solche Gespräche führe ich sonst meist, wenn er schläft oder bei Treffen mit Freundinnen, wenn er gerade nicht bei mir ist). Besser wurde das Ganze nicht dadurch, dass meine Freundin bemerkte, bei ihrer Tochter sei das kein Problem, aber sie sei es vermutlich schlicht gewohnt in dieser Weise entspannt und ohne ständige Reaktion seitens der Erwachsenen „mit dabei“ zu sein. 

AUTSCH, da war sie, die „Bei-uns-ist-das-gar-kein-Problem“-Keule, samt kritischem Subtext: „Machst-du-als-Mutter-vielleicht-irgendetwas-falsch?“

Sehr gut möglich, dass meine Freundin das gar nicht so meinte, aber vermutlich, weil ich ihre Ansichten ansonsten sehr schätze, fühlte ich mich durch den Vergleich mit ihrer Tochter verunsichert und auch vage kritisiert. Jedenfalls sprang die „Rechtfertigungstante“ in mir an. Und daneben – sie hatte ja Recht – überschritt mein Sohn gerade tatsächlich eine Grenze für mich: ich wollte von ihm nicht unterbrochen werden, ich wollte in Ruhe ein Gespräch mit meiner Freundin führen können, auch in seiner Anwesenheit. Also nur eine Frage der inneren Entschlossenheit? War ich einfach nicht klar genug ihm gegenüber?

Ich ging an diesem Nachmittag jedenfalls mit einem unguten Gefühl nach Hause. Tatsächlich schämte ich mich: Für das aufgedrehte und fordernde Verhalten meines Sohnes an diesem Nachmittag. Dafür, dass ich offensichtlich nicht in der Lage gewesen war, ihn darin zu stoppen – aber paradoxerweise auch dafür, dass mir überhaupt so wichtig war, mit einem „höflichen“ Kind bei meiner Freundin einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Fehlen innerer Klarheit

Mit etwas Abstand merke ich: ich hatte in diesem Moment tatsächlich meine innere Klarheit verloren. Aber nicht im Sinn platter „Konsequenz“ à la „Du siehst doch, Mama redet, Störungen werden ignoriert.“ Genau das hatte ich versucht und damit nur noch weiteres Insistieren seitens meines Sohnes bewirkt. 

Was mir eigentlich fehlte, war: das Bei-mir-Sein, die innere Unabhängigkeit in Bezug auf das Urteil meiner Freundin. Vor ihr wollte ich in diesem Moment als Mutter gut dastehen, sie schien das Verhalten meines Sohnes, wenn nicht zu missbilligen, so doch zumindest irritierend zu finden und ich wollte ihr tatsächlich beweisen, dass ich ein solches Verhalten nicht „durchgehen“ ließ. Das war aber keine echte, aufrichtige Reaktion meinerseits. Ganz „bei mir“ hätte ich nach der dritten Unterbrechung vermutlich schlicht genervt geäußert: „Jetzt lass mich doch mal ausreden!“ und nach dem ersten Ärger darauf reagiert, was ich eben auch spürte: er wollte eben mit dabei sein. Und wenn ich diese Freundin offensichtlich so sehr schätzte und mich so gut mit ihr unterhielt – klar, warum sollte er dann still daneben sitzen? 

Leben in Gemeinschaft 

Die Zeiten, in denen Kinder bei Tisch am besten nicht hörbar sein sollten, sind zum Glück vorbei. Und besonders wertschätzend war das Verhalten von uns Erwachsenen an diesem Nachmittag ja auch nicht, oder? Drei sitzen am Tisch, zwei vertiefen sich sofort ins Gespräch und will der Dritte sich beteiligen, wird ihm – verbal und nonverbal – nur beschieden: kein Interesse. Ist das angemessener, bloß weil Nr. 3 ein Kind ist? 

Kinder sollen lernen, sich in Gemeinschaft einzufügen. Und – ja – ich bin tatsächlich der Meinung, dass es Kindern nicht gut tut, zu sehr der Nabel ihrer kleinen Welt zu sein. Dabei bilde ich mir ein, recht gut zu spüren, wann unser Sohn einfach Aufmerksamkeit möchte (und gegebenenfalls auch braucht) und ab wann es ein Ausprobieren ist, wieviel noch geht, welches Verhalten ich toleriere und womit er bei mir auf Widerstand stößt. Beides ist mit 3 1/2 völlig okay, denke ich. Mein Sohn braucht nicht „brav“ eine Stunde lang neben mir und einer Freundin zu sitzen und uns beim Reden zuzuhören. Ganz abgesehen davon, dass vermutlich erst wenige Kinder diesen Alters in der Lage sind, andere Menschen längere Zeit nicht zu unterbrechen – erst recht ohne wirkliche eigene Beschäftigung. Umgekehrt ist es aber auch in Ordnung, dass ich nicht alle 30 Sekunden von meinem Kind unterbrochen werden möchte. Dann fehlt ihm wohl an anderer Stelle Sicherheit. 

Was also tun? 

  1. Ich bin klar und authentisch in meiner Reaktion: „Hör zu, dass du mich ständig unterbrichst, stört mich. Das will ich nicht!“
  2. Ich sorge als Erwachsene/r gut für mich: Was will ich stattdessen? Mich mit meiner Freundin unterhalten? Dann helfe ich meinem Kind, eine eigene Beschäftigung zu finden oder wir Großen verschieben unseren intensiven Austausch tatsächlich auf einen Zeitpunkt ohne Kind. Oder will ich eigentlich mein Kind mit ins Gespräch einbeziehen? Dann tue ich genau das, erkläre mich meiner Freundin gegenüber und bitte sie, ihre Gedanken zu einem anderen Zeitpunkt mit mir zu teilen. 
  3. Ich kommuniziere meinem Kind gegenüber klar, entweder: „Ich möchte noch mit meiner Freundin sprechen. Wie wäre es eine Weile mit Spiel XY, so dass wir uns in Ruhe unterhalten können?“ oder eben: „Schön, dass du auch da bist! Also lass hören, was du zu sagen hast!“

Und was mache ich, wenn ich mit meiner Freundin sprechen will, mein Kind aber partout gerade meine Aufmerksamkeit möchte? Dann kann ich mich vielleicht fragen: habe ich es an diesem Tag schon mehrmals vertröstet, sollte es sich allein beschäftigen, meine Aktivitäten oder Gespräche nicht unterbrechen? Bei uns war das bis zu dem Treffen mit meiner Freundin tatsächlich der Fall gewesen, so dass das Verhalten meines Sohnes vielleicht auch ausdrücken sollte: „Jetzt bin mal ich dran. Brav und pflegeleicht „mit dabei“ war ich heute schon lang genug!“

Einfach ist es für mich tatsächlich nicht, in dieser Weise rasch und sicher meine Bedürfnisse zu erkennen, Grenzen zu setzen und andererseits auch noch flexibel in meiner Reaktion zu bleiben. Insofern hat meine Freundin recht: mein Sohn lernt viel von mir, aber auch ich lerne von ihm eine Menge. Interessantes Thema. Darüber sprechen meine Freundin und ich am besten nochmal zu zweit! 😉

Wie war eure Reaktion in einer ähnlichen Situation – oder wie hättet ihr regiert? Ich freue mich über eure Kommentare! 

Herzlich, Sunnybee

[Foto:Pixabay]

 

13 Gedanken zu „Die Sache mit der Aufmerksamkeit: Wenn Kleinkinder ständig dazwischenreden“

  1. Hachja, das kenne ich auch gut mit dem Dazwischenreden. Das ist bei uns mal so und mal so – je nach Laune der Kinder. Am besten funktioniert es, wenn die Eltern zusammen sitzen und schnacken, während die Kinder unter sich und beschäftigt sind.^^

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    1. Ja, bei uns läuft’s auch am besten, wenn ein anderes Kind dabei ist, mit dem sich unser Sohn wirklich gut versteht. Still unter Erwachsenen auf den „Gesprächseinsatz“ zu warten ist vielleicht auch etwas viel verlangt mit gerade mal knapp vier Jahren. Um diesen Perspektivwechsel ging es mir auch in dem Artikel.
      Lieben Gruß, Sunnybee

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  2. Na, das war aber auch ein ein wenig ungünstig geplant, zwei Erwachsene, die etwas besprechen wollen und ein sich langweilendes Kleinkind (mein Kind hätte ununterbrochen am Grill rumgespielt; wenn ich reden will treffe ich mich ohne Kind).
    Manche Kinder lassen das mit sich machen, andere nicht.
    Man muss es langsam üben, wie fast alles, finde ich.
    Mitnehmen tu ich aus solchen Geschichten, dass ich mich, wenn die Situation umgekehrt ist, also ich gerade die ohne störendes Kind bin, mich dessen erinnere und empathisch bleibe.
    Liebe Grüße
    Natalie

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    1. Liebe Natalie,
      und ich nehme mit, meine Ansprüche an mich – und an meinen Sohn – etwas runterzuschrauben! Und ihm eine Beschäftigung zu geben, wenn ich mich (länger) mit einer Freundin unterhalten will. Klappt so auch viel besser!😉 Lg, Sunnybee

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  3. Ich musste heute das Telefonat mit meiner Mama nach 5 min beenden, weil beide Kinder ständig dazwischen geredet haben und sich neben mir in voller Lautstärke gestritten haben.
    Es war mir soooo peinlich, weil ich weiß, sie findet es daneben. Ich war sauer!
    Ich hasse telefonieren am Tag und ich hasse es, dass es einfach nicht funktioniert. Kurz mit auf der Bank oder dem Rathaus, mit Ankündigung, kein Problem. Aber einen Tratsch….undenkbar.

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    1. Ja, vermutlich ist es die Mischung aus „mit-dabei-sein-Wollen“ und dass für sie gerade wenig passiert, die unsere Kinder in solchen Situationen manchmal „aufdrehen“ lässt. Mir selbst hilft es, wenn ich mich von dem „Was denken die anderen“ loszumachen versuche. Und mir auch klar mache: mein Sohn ist so oft kooperativ, geduldig und „brav“ – dann darf es auch mal so laufen!😉 Lg, Sunnybee

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  4. Ich hatte mal was gelesen zu dem Thema und das mit meinem Sohn auch zelebriert, als er so 4, 5 war. Ich fand den Tipp gut und es hat erstaunlich gut funktioniert. Irgendwann ist es eingeschlafen. Aber jetzt erinnere ich ihn mal wieder daran!
    Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und er etwas sagen will, kommt er zu mir und legt seine Hand auf meine Schulter. Das ist das Zeichen dafür. Ich lege meine auf seine, das ist das Zeichen für: ich sehe dich, Rede noch zu Ende und dann hör ich dir zu. Warte solange.
    Es war echt klasse.

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  5. Oha, meine Tochter ist neun und wir leben zu zweit. Diese Situation haben wir meistens, wenn ihre großen Geschwister dabei sind. Ein Gespür brachte Klarheit. Jetzt ist sie anfangs mit dabei, darf sich mit einbringen und erzählen. Dann ist „Erwachsenenzeit“.

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    1. Gute Idee! Mir half es jetzt, vor allem wieder das Gespür dafür zu bekommen, was ICH will (und nicht, was ich denke, worauf andere Wert legen). So bin ich wieder klarer und mit meinem Sohn läuft es diesbezüglich auch viel besser. Liebe Grüße, Sunnybee

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  6. Ich musste gerade so lachen. Mein ältester Sohn war auch ein Dazwischenreder und das ist er heute noch (43 Jahre jung). Der quasselt einfach zwischen anderer Menschen Gespräche 😉 Sehr merkwürdig, meine beiden jüngeren Söhne zeigen dieses Symptom nicht. Wobei, nein nicht merkwürdig, weil sie nicht einen übertriebenen Permanentschutz der Mutter genossen haben, mein Ältester aber schon.

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