Wurzeln und Flügel: Was darf man Kindern zutrauen?

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Lydia, von lydiaswelt stellt in ihrem Blog die interessante Frage: Wie viel Eigenständigkeit darf man Kindern eigentlich zutrauen? 

Darf eine 2 1/2-Jährige selbst ihr Brot mit dem Brotmesser in Stücke schneiden? Erlaube ich meinem Sechsjährigen, beim Bäcker um die Ecke, zu dem wir jeden Morgen gehen, alleine Brötchen holen zu gehen, wenn er das möchte? Und lasse ich meine Elfjährige mit dem Zug allein zu Oma fahren? 

Gefährde ich meine Kinder, wenn ich ihnen viel zutraue? 

In der Frage „Was darf ich meinen Kindern zutrauen?“ schwingt ja die Besorgnis mit, sie gegebenenfalls zu überfordern oder gar zu gefährden, dadurch, dass ich Dinge nicht für sie übernehme. Und natürlich ist die Besorgnis einerseits berechtigt: einen Dreijährigen würde ich nicht alleine zuhause lassen um mal eben einkaufen zu gehen. Einen Sechsjährigen, zusammen mit seiner zehnjährigen Schwester, aber vielleicht schon? Und mein Dreijähriger darf an der Kasse mit dem Geld, das ich ihm gebe, „bezahlen“, den Einkaufswagen zurück zum Sammelpunkt fahren, ihn anschließen und die Pfandmünze entgegennehmen. Begleitet von mir, bzw. unter meinem aufmerksamen Blick aus der Ferne – aber gefühlt selbst gemacht.

Von Wurzeln und Flügeln

Ehrlich gesagt lebe ich seit der Geburt meines Sohnes vor gut drei Jahren in dem Bewusstsein: Meine Aufgabe ist, ihm Wurzeln zu geben – aber auch, ihn seine Flügel entdecken (und entfalten) zu lassen. Bestenfalls kann ich ihm das Vertrauen schenken, dass ich 100% für ihn da sein möchte und oft auch da sein kann. Von dieser Basis aus wird er seine eigenen Wege gehen (müssen). Und das ist – und wird in Zukunft noch weiter – meine zweite Aufgabe als Mutter sein: ihm soweit zu vertrauen, dass ich ihn loslassen kann. 

Im Kleinen erlebe ich das bereits heute, wenn mein inzwischen dreijähriger Sohn Dinge alleine machen möchte, die ich wenige Wochen zuvor noch für ihn erledigt habe. „Mama, selber!“ ist sein mehr oder wenig energisch geäußerter Satz, der im Moment unseren Alltag begleitet. Und ich lasse ihn sehr oft machen. Manchmal mit einem verstohlenen Blick, ob ihm das Selbermachen auch gelingt, oft durchaus mit der Mahnung: „Vorsicht, schwer, heiß, scharf!“ und natürlich lasse ich ihn nicht allein mit dem Fleischmesser oder der Gartenschere hantieren. Aber bereits mit 2 1/2 Jahren durfte er mit dem Laufrad vorneweg bis zur Bordsteinkante fahren, anfänglich begleitet von meinem Ruf: „Vorsicht, Straße!“ Natürlich hatte ich ihm davor gezeigt und erklärt, dass das Warten an der Straße unbedingt erforderlich ist, hatte es mit ihm einige Male geübt, durchaus theatralisch dabei auf die Gefährlichkeit der vorbeifahrenden Autos hingewiesen – aber dann ließ ich ihn fahren. Und er wartet jedes Mal genau an der Kante, Daumen hoch, ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht: „Schau, Mama, was ich kann!“

Zutrauen kommt von Vertrauen

Dass ich meinem Sohn viel zutraue hat auch damit zu tun, dass ich ihn von klein an als sehr umsichtig erlebt habe: vom Boden auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch – er klettert und balanciert unerschrocken, aber nicht, ohne zu prüfen, ob der nächste Schritt auch wirklich sicher ist. Er will sehr viel selbst machen, aber wenn ihm etwas nicht ganz geheuer ist, sagt er auch schon mal „Mama, du bitte!“ und beobachtet, was ich dann tue. Und genauso, wie er – wie alle Kinder – den Schalk im Nacken hat und durchaus schon mal die Plätzchendose vom Regal angelt, wenn ich sie ihm gerade verboten habe; – weise ich ihn im ruhigen und eindeutigen Ton auf die Gefährlichkeit eines heißen Herds oder des Kloputzmittels im Badezimmerschrank hin, lässt er tatsächlich verlässlich die Finger davon. 

Offensichtlich vertraut er mir, dass ich ihn nur bei wirklicher Gefahr in einem bestimmten ernsten Tonfall warne – und ich vertraue ihm, dass er mich versteht und vernünftig genug ist, sich nicht selbst zu gefährden. Ist das verfrüht bei einem Dreijährigen? Aber ab wann ist Vertrauen dann gerechtfertigt? Ab sechs, ab vierzehn, mit der Volljährigkeit?

Meine eigene Kindheit und Jugend

Meine eigenen Eltern haben mir früh viel zugetraut. Und ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Ich bin mit 19 Jahren zunächst für ein Jahr ins Ausland gegangen und danach von zuhause ausgezogen. Spätestens ab da konnten sie mich ohnehin nur noch aus der Ferne begleiten. Und ich habe sie durchaus noch oft um Rat gefragt – lege auch heute noch großen Wert auf ihre Meinung – aber meine Entscheidungen habe ich letztlich immer selbst getroffen, oft scheinbar mutig und unerschrocken, im Grunde aber vor allem mit dem Vertrauen, zu wissen, was ich mir zutrauen konnte – und kann.

Dieses Bewusstsein habe ich dadurch erworben, dass meine Eltern mir als Kind und Jugendliche ihr Vertrauen schenkten. Und das will ich meinem Sohn weitergeben: indem ich an seinem Leben Anteil nehme, ihn kennenlerne, um seine Wünsche und Ziele und seine Fähigkeiten weiß – und indem ich ihn dann machen lasse, seinem Alter, seinem Entwicklungsstand gemäß. Im Rahmen seiner Möglichkeiten und manchmal einen Schritt darüber hinaus. Dann halte ich innerlich vielleicht die Luft an: „Geht das gut?“, aber nur so wird er lernen können, was sein strahlender Blick an der Straßenkante heute schon zeigt: Ich kann das – und ich bin das Vertrauen meiner Liebsten wert! 

Wie seht ihr das? Wieviel traut ihr euren Kindern zu (und warum)? Und wo liegen bei euch die Grenzen des Vertrauens? Wenn ihr mögt, schreibt mir dazu oder antwortet Lydia auf ihre Blogparade !

Herzlichen Gruß, Sunnybee

10 Kommentare zu „Wurzeln und Flügel: Was darf man Kindern zutrauen?

  1. Toller Beitrag zur Blogparade. Ich denke auch gerade noch darüber nach, gehöre in einigen Punkten nämlich eher zu den „ängstlicheren“ Eltern… In anderen dann wiederum nicht, aber ich denke, da darf jeder seinen eigenen Weg finden und es gibt selten „richtig“ oder „falsch“.

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    1. Danke! Ja, mach mit, bin gespannt, was du zu dem Thema zu sagen hast!🙂 Als unser Sohn ganz klein war (Säuglingsalter) habe ich ihn übrigens wirklich „behütet“ und bei quasi jedem Mucks von Unbehagen auf ihn reagiert. Vielleicht ist er auch deswegen jetzt relativ entspannt und (selbst-) sicher?! Letztlich ist viel vermutlich auch der Persönlichkeit des Kindes und den sonstigen Einflüssen (Wohnort, Kita, weiteres Umfeld) zuzuschreiben. Und „richtig“ und „falsch“ gibt es wohl nicht, nur mehr oder weniger feinfühliges Wahrnehmen dessen, was wirklich zu einem selbst und dem eigenen Kind passt! Herzlichen Gruß, Sunnybee

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    2. Inzwischen habe ich auch an der Blogparade teilgenommen und es ein bisschen mehr aus meiner Perspektive beleuchtet „Was soll ich meinen Kindern schon zutrauen?“ – Da muss letztlich jeder seinen eigenen Weg finden. Ich übe mit meiner 5-jährigen Tochter gerade, allein über die Straße gehen (also lasse sie das jetzt einfach machen); mein Mann erlaubt es hingegen nicht, wenn er mit ihr unterwegs ist. Dafür ist er an anderen Stellen entspannter und lässt sie und die 4-jährige Schwester zur KiTa mit dem Fahrrad fahren. Mir stockt dabei vor jeder Einfahrt, aus der ein Auto kommen könnte, der Atem…. So unterschiedlich kann das sein.

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    3. Liebe Nadine,
      ich hatte in einem anderen Kommentar schon bemerkt, dass natürlich das Verhalten unseres Kindes, aber auch unsere eigenen Erfahrungen bestimmen, wie sicher wir uns in bestimmten Situationen fühlen und wie viel Freiraum wir somit gewähren (können). Was letztlich für unsere Kinder „gepasst“ hat, werden sie uns wohl dann in 20 Jahren sagen!😉 Herzlichen Gruß und danke für deinen Kommentar, Sunnybee

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  2. Schade, dass das Thema zu meinem Blog nicht so gut passt. Das Thema beschäftigt mich als zuschauende Oma nämlich auch oft. Während mein dreijähriger Enkel schon in die Kletterhalle geht und (natürlich gesichert) die Wand hoch hangelt, waren die Eltern meiner ältesten Enkelin ängstlicher. Das wirkt sich unglaublich stark auf den selbstbewussten Umgang mit dem Körper aus und auf die motorische Entwicklung.
    Unsere Ängste bremsen Kinder aus, im Umkehrschluss bringt Gelassenheit und Vertrauen dem Kind ganz viel für das Leben mit. Ein Beispiel: Mein Sohn konnte noch nicht schwimmen, wollte aber unbedingt vom Dreimeterturm springen. Dieser wahnsinnige Knirps im Vorschulalter hat den Sprung gewagt und ist unter Spucken an den Beckenrand getauchtschwommen. Klar stand ich dabei (bin Rettungsschwimmerin) und hätte ihn innerhalb Sekunden raus fischen können.

    Im Blick haben und machen lassen, finde ich gut! 😉

    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Liebe Elke, wow, dein Beispiel mit dem Dreimeterturm ist eindrucksvoll!🙂 Das würde ich mich vermutlich nicht trauen, aber einfach, weil ich selbst nur so eine halb sichere „Sonntagsschwimmerin“ bin. Vermutlich ist es daher auch gut, dass ich an dieser Stelle „Nein“ sagen würde. Vertrauen in die Fähigkeiten seines Kindes zu haben heißt ja nicht, es leichtfertig alles machen zu lassen, was es möchte, sondern letztlich sekundenschnell abzuwägen: wieviel Schutz braucht mein Kind hier – und wieviel Freiraum kann ich ihm geben? Und meine Entscheidung wird eben auch dadurch bestimmt, wieviel „Schutzbedürfnis“ ich selbst habe: Eltern, die selbst schon einiges gewagt und ihre eigenen Grenzen erforscht haben, „gönnen“ diese Erfahrung vielleicht eher auch ihrem Kind als Eltern, die sich selbst stark daran orientieren, keine Grenzen zu überschreiten und alles „richtig“ zu machen. Ein objektives „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es bei der Frage aber wohl aus genau den oben genannten Gründen nicht. Danke für dein Mitlesen und vielleicht bis bald wieder einmal! Sunnybee🙂

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    2. Interessant wäre es, nachher zu vergleichen, ob es wirklich einen Unterschied macht. Meine Töchter (5 & 4 Jahre) klettern heute für ihr Leben gern und sehr geschickt, obwohl ich noch lange wie eine Helikoptermutter auf dem Klettergerüst mitgeklettert bin oder zumindest unten als Auffangschutz stand und Anweisungen gab wie „Geh direkt zur Rutsche!“ Ich finde nicht, dass man sich da selbst zu viel Druck machen sollte, wenn man einfach noch Angst um sein Kind hat.

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  3. Liebe SunnyBee,
    Ein schöner Text, der nach glücklicher Kindheit klingt.
    Meine Eltern haben mir übrigens eher wenig zugetraut – was die Gefahr eindeutig erhöht hat, denn ich habe vieles heimlich gemacht, z.B. mit Kerzen und Feuer rumexperimentiert.
    Da liebe ich es doch, wenn die Kinder neben mir in ihrer kleinen Feuerschale rumprurkeln, da verbrennen sie sich höchstens mal die Finger.
    Aber nicht alles geht mit allen Kindern.
    Mein Kleinster hält eben NICHT sicher mit dem Laufrad an – und er ist fast fünf. Außerdem heizt er immer wieder ungebremst auf Hunde und Passanten zu.
    Er kann seine Impulse schlecht kontrollieren, was an der Frühgeburt oder an vorgeburtlichen Schädigungen liegen wird.
    Ihm kann ich nicht vertrauen und deshalb warte ich jetzt auf die Lieferung einer Stange, die sein und mein Fahrrad verbinden wird, damit er Rad fahren darf.
    Das ist nur ein Beispiel von vielen.
    So werde ich oft als hysterische Gluckenmutter wahrgenommen und von z.T. Wildfremden kritisiert.
    Das ist nicht schlimm, aber auch nicht schön.
    Manchmal wünsche ich mir das Vertrauen, dass eine Mutter (oder ein Vater) ihr Kind vielleicht am besten kennen.
    Jedes Kind ist einzigartig, jedes braucht die richtige Dosis Vertrauen und Schutz.
    Liebe Grüße
    Natalie

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    1. Liebe Natalie,

      ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar! Ja, aus meiner bisher mit meinem Sohn gemachten Erfahrung schließe ich, dass meine Reaktion auf ihn, wieviel ich ihn also zutraue, zwar einerseits mit meinen eigenen Erfahrungen als Kind zu tun hat, andererseits aber auch ganz klar durch sein Verhalten bedingt ist (das in dem Punkt eben sehr verlässlich und für mich gut einschätzbar ist). Und über diesen Erfahrungswert verfügen wirklich nur Eltern oder andere Menschen, die sehr oft mit dem Kind zusammen sind. Jedes Urteil von außen verbietet sich da eigentlich. Konstruktiver wäre wohl die Frage: „Warum entscheidest du das als Mutter/Vater gerade so?“ Wie dein Kommentar zeigt, gibt es ja immer verschiedene Gründe für ein Verhalten, die von außen nicht alle erkennbar sind.

      Herzlichen Gruß und gern bis bald wieder einmal!
      Sunnybee

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