
Den Satz „Die größte Betreuungslücke ist der Vater“ las ich vor einigen Tagen auf einer Social Media Plattform. Er schmerzt. Auch mich als Mutter. Und doch denke ich, es ist in (zu) vielen Familien tatsächlich etwas Wahres daran.
Väter lieben ihre Kinder – aber kümmern sie sich auch?
Wenn ich Familien in meinem Umfeld betrachte, sehe ich Väter, die ihre Kinder lieben. Die auch im Alltag ihrer Kinder präsent sind. Die, insofern sie mit der Mutter ihrer Kinder zusammenleben, auch immer wieder Alltagsaufgaben übernehmen (Fahrten zu Schule und Kindergarten, morgens die Brotdosen richten, Kinder mit ins Bett bringen, auch Kochen oder sonstige Aufgaben im Haushalt). Und natürlich viel Spaß haben und „gute Zeit“ mit den Kids verbringen bei Ausflügen am Wochenende, im Schwimmbad, beim gemeinsamen Sport.
Wo ich dennoch eine ganz eigenartige Leerstelle wahrnehme, eine Lücke an Verantwortungsübernahme, ein diffuses „Nicht-zuständig-sein“, das ist dort, wo es wirklich ans Eingemachte geht: An die Organisation, Planung, Koordination des gesamten Familienalltags. Und an die emotionale Begleitung aller Familienmitglieder.
Mental und Emotional Load – oft weiter Frauensache
Da hat eben sie im Kopf, dass freitags wegen des Sportfests erst ab 10.30 Uhr Unterricht ist, plant die Sportkleidung ein und wer das Kind zwischen 8 und 10.30 Uhr betreut, während beide Eltern erwerbstätig sind. Sie hat die Geburtstage der Freunde der gemeinsamen Kinder im Kopf und oft auch die der gemeinsamen erwachsenen Freunde und Familienmitglieder. Sie plant die Geschenke, organisiert die Anfahrt zur Feier, überlegt und koordiniert, wer wann wo sein muss und worüber sich das Geburtstagskind freuen könnte. Er übernimmt dann das Bringen oder Abholen. Der ganze Rest: ihre Sache.
Mental Load, das ist die möglichst lückenlose Koordination des hochkomplexe Alltags von mindestens drei bis vier Personen, das spontane Umplanen, die Notfallgestaltung, wenn alles doch anders kommt, als vorgesehen. Das Immer-an-alles-Denken-Müssen. Emotional Load ist die emotionale Begleitung, das Einfühlen und Berücksichtigen der Bedürfnisse anderer, auch über eigene Bedürfnisse hinaus. Das Immer-für-alle-da-sein-Müssen.
Mütter tragen den Mental und Emotional Load – insbesondere, wenn ihn niemand anderes trägt. Und der Alltag verläuft dabei mehr oder weniger reibungslos. Aber spurlos geht das konstante Hintergrundrauschen, die nie endende Verantwortung und emotionale Verfügbarkeit nicht an uns Müttern vorbei. Der Preis dafür ist sogar sehr hoch: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen. Irgendwann gar nicht mehr abschalten können. Handy-, Ess- oder gar Alkoholsucht (wie viele Mütter trinken abends täglich das „Gläschen Wein“, um runterzukommen, stopfen sich mit Süßem voll, um Spannung los zu werden oder versacken stundenlang scrollend vor dem Handy?). Dazu fehlende oder nur noch erschöpft ab und an gepflegte Freundschaften.
Sie macht endlich „was Eigenes“ – aber die Verantwortung bleibt
Die Dauerpräsenz im Beruf und in der Familie – ohne Partnerschaft auf Augenhöhe und mit wirklich geteilter Verantwortung – erschöpft Frauen. Manchmal dauert es mehrere Jahre, bis klar ist: So kann es nicht weitergehen. Dann beginnen viele Frauen, Sport zu machen, zu töpfern, sich vielleicht sogar politisch zu engagieren. „Was Eigenes“, um sich wieder zu spüren, wieder etwas für sich selbst zu tun.
Nur geschieht auch das „on Top“: Während die Verantwortung, emotionale Begleitung und Organisation bei den Frauen und Müttern bleibt. Sie bekommen ihre 1,5h Freiraum am Tag und planen zugleich weiter, wer in der Zeit die Kinder betreut, wer dafür sorgt, dass danach das Abendessen auf dem Tisch steht, wer bedenkt, was alle brauchen.
Väter, kümmert euch – das ist Liebe!
Frauen und Mütter halten die Familie zusammen. Das klingt so schön. Und es ist auch etwas Schönes. Solange es mit Freude und innerhalb der eigenen Belastungsgrenzen geschehen kann. Ist das nicht mehr der Fall, wird die mentale und emotionale Last zu groß, ist es ein Missbrauchen der wunderbaren Fähigkeit, zu sorgen. Dann sorgt sie, weil es eben praktisch ist, wenn sie sich um alles kümmert. Weil es dann andere nicht tun müssen. Und keinen kümmert es, wie es ihr dabei geht.
Mütter sollten nicht erst ausfallen, psychisch oder körperlich krank werden müssen, bis wir als Partner:innen, Familienangehörige, Freunde und auch als Gesellschaft realisieren, was sie täglich leisten. Die Leerstelle, die dadurch entsteht, dass vor allem auch Väter organisatorisch und emotional ihrer Verantwortung nicht nachkommen, ist ein Skandal.
Mütter sorgen nicht automatisch „besser“ oder mit natürlicherer Begabung. Sie tun es oft genug nur, weil kein anderer es tut. Väter, füllt diese Lücke! Sonst brennen eure Partnerinnen und die Mütter eurer Kinder langsam aus. Und das hat dann rein gar nichts mehr mit Liebe zu tun.
Was sagt ihr dazu? Läuft es bei euch ganz anders? Und wenn ja – wie gelingt euch das? Oder erkennt ihr euch und eure Familie in diesem Text wieder? Ich freue mich über eure Kommentare!
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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