Familie, Gesellschaft

Die Pausenlosigkeit des Elternseins. Vom Dauereinsatz als Mutter oder Vater – und wie es anders geht

Weinendes Baby


Blogreihe „Neue Wege für eine familienfreundliche Gesellschaft“ geplant. Du kannst mit deiner Idee oder deinem Projekt dabei sein. Wie? Alle Infos am Ende des Beitrags!

Du hast ein Kind unter 6 Jahren? Vielleicht sogar mehrere? Wann hast du zuletzt ein Buch in weniger als zwei Wochen gelesen?  Von vorne bis hinten, vertieft in die Handlung – und nicht zwanzig Seiten am Abend, bevor dir vor Müdigkeit die Augen zufielen? Wann hast du als Mutter zum letzten Mal länger als eine halbe Stunde gebadet? Und als Vater dich in Ruhe rasiert? Wann hast du eine Mahlzeit vollkommen ungestört zu dir genommen? Wann warst du das letzte Mal allein auf dem Klo? Bist einfach ins Bett gegangen und aufgestanden, wann du wolltest? Elternseins bedeutet anwesend sein: körperlich, geistig – je kleiner die Kinder, umso mehr gilt: fast rund um die Uhr. Was macht das mit uns?

Stille und Zeit für mich – wie ich als Mutter meine Akkus auflade

Wer meinen Blog schon länger liest, weiß: ich bin gern unter Menschen, ich liebe meine – mittlerweile zwei – wilden Jungs und zugleich liebe und brauche ich die Stille, den Rückzug, das Ganz-bei-mir-sein-Können. Es ist meine Art, meine Akkus wieder aufzuladen, als Frau, Mutter, Partnerin. Fehlen mir die Ruhepausen über zu lange Zeit oder beschränkt sich das „Abschaltenkönnen“ auf hier mal zwei Stunden, dort mal eine Stunde abends ohne Kinder, merke ich, wie mit der Zeit mein Stresspegel steigt, ich gereizt und launisch werde, noch schlechter schlafe als ohnehin schon mit einem nachts oft unruhigen Kleinkind und wie ich schlicht einen Teil meiner Lebensfreude verliere. 

So hart und klar muss ich das sagen: eine wirklich gute (das heißt, auch geduldige und fröhliche) Mutter kann ich nur sein, wenn ich im Alltag Pausen vom Muttersein habe

Der Rahmen für glückliches Elternsein

Genau deswegen setze ich mich in meinen Beiträgen dafür ein, dass Mütter – und natürlich auch Väter – unter Rahmenbedingungen mit ihren Kindern leben können, die ihnen nicht nur das Funktionieren ermöglichen, sondern auch Entspannung und Erholung. Es ist KEINE Errungenschaft, wenn die Arbeitszeit die gesamte Zeit füllt, in der das Kind außer Haus betreut wird. Wenn jeder Tag mit der Hetze beginnt, rechtzeitig irgendwo zu sein. Das große Kind in der Schule, das kleine im Kindergarten, die Eltern am Arbeitsplatz. Es ist KEINE Errungenschaft, wenn wir Müttern sagen: du kannst ja zuhause bleiben, dann hast du den Stress nicht (zumal längst nicht jede Familie sich eine/n Alleinverdiener/in leisten kann und längst nicht in jeder Familie zwei Elternteile leben). Es ist KEINE Errungenschaft, wenn wir berufstätige Eltern damit ködern, Vollzeit arbeiten zu können, weil ihre Kinder noch bis in den Abend hinein oder gar nachts betreut sind. Es mag im Einzelfall hilfreich sein – aber letztlich ist es doch absurd, dass wir Kinder haben, um sie dann den größten Teil der Zeit von anderen Menschen betreuen zu lassen.

Genauso absurd empfinde ich aber auch den Anspruch, eine Person (meist doch die Mutter), solle alles alleine stemmen. Die Betreuung der Kinder, Erziehung, Fürsorge, Haushaltsorganisation, daneben womöglich einen (Teilzeit-) Job und natürlich das Engagement als Partnerin, Freundin, Nachbarin und soziales Mitglied der Gesellschaft. 

Mehr als Mama oder Papa sein – was brauchen Eltern dafür?

Eltern (und ihre Kinder) sollen nicht fast pausenlos funktionieren müssen – sie brauchen ein Umfeld, Arbeitsbedingungen, eine Gesetzgebung und den finanziellen Rahmen, der Freiraum möglich macht: räumlich und zeitlich – Zeit ohne tieferen Sinn und ohne gleich wieder anstehende Verpflichtung. Raum, um einfach mal NICHTS zu tun – oder eben wieder das, was uns neben dem Elternsein alles auch ausmacht. Wir sind albern, kreativ, faul, antriebslos, unordentlich, sprunghaft, neugierig, abenteuerlustig und vieles mehr.

Ich zumindest kann sagen: darf ich all die anderen Facetten meiner Persönlichkeit zu lange nicht ausleben – meine Abenteuer- und Reiselust, meine Spontanität und durchaus auch mal meine Verschrobenheit und Egozentrik, wenn ich mich nur um mich selbst kümmere – verkümmern allmählich auch die Großzügigkeit, Herzlichkeit und Offenheit, mit der ich sonst für meine Kinder – und überhaupt für Menschen um mich herum – da bin. 

Neue Wege für eine familienfreundliche Gesellschaft

Will unsere Gesellschaft Kinder zu ebenfalls großzügigen, resilienten und offenen Persönlichkeiten heranwachsen lassen, muss sie denjenigen, die hier und heute für sie sorgen, den Rücken stärken. Nicht nur finanziell, sondern auch über die Anerkennung der täglichen Anstrengung und Leistung, die das Elternsein bedeutet. Ja, es stimmt, wir haben uns (meist) aus freien Stücken für unsere Kinder entschieden. Aber kaum jemand, der Kinder hat, würde wohl sagen, wir wollten und wollen unter Bedingungen leben, die uns als Eltern erschöpfen, überfordern und letztlich mutlos machen. 

Als Mutter frage ich mich daher zusehends: wie kann das auch anders gehen? In Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in Bezug auf unsere Kinder und unsere Partnerschaft, auf das Leben in der Kleinfamilie und zugleich unser soziales Miteinander in der Gesellschaft. Fragen wie diese werde ich in der nächsten Zeit auch hier im Blog stellen – demnächst in einer eigenen Blogreihe! 

Wollt ihr mit dabei sein?

Ich freue mich sehr, falls ihr mir mit euren eigenen Erfahrungen und Gedanken hier in den Kommentaren helft, Antworten zu finden! 

Gerne könnt ihr euch auch melden, falls ihr euch selbst privat oder beruflich für die Stärkung von Eltern einsetzt, mit neuen Formen der Vereinbarkeit experimentiert oder einfach nur berichten wollt, wie es euch gelingt, als Mutter oder Vater im Familienalltag wirklich glücklich zu sein. Wenn mich euer Projekt oder Ansatz anspricht, stelle ich euch womöglich schon bald hier auf mutter-und-sohn.blog vor. Ich freue mich auf euch!

Herzliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes.

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Ich freue mich auf dich!

[Foto: Pixabay]

4 Gedanken zu „Die Pausenlosigkeit des Elternseins. Vom Dauereinsatz als Mutter oder Vater – und wie es anders geht“

  1. Da bin ich ganz bei dir. Klar, wir „haben uns (meist) aus freien Stücken für unsere Kinder entschieden“ ABER die Gesellschaft sollte ein großes Interesse an diesem Nachwuchs haben, denn sonst gibts keinen der die begehrten Renten erwirtschaftet, uns später mal „untenrum“ trockenhält, von „links auf rechts“ dreht oder den Rollstuhl repariert 😉

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    1. Ganz abgesehen davon, dass Interesse an Menschen jeden Alters nicht von ihrer „Nützlichkeit“ abhängen sollte. Kinder brauchen (wie gebrechliche Senior/innen oder Menschen mit irgendeiner Form von Handicap) viel Zeit, Geld, Energie und gute Nerven, die jemand einfach für sie aufbringen muss. Diejenigen, die das tun, dann finanziell, beruflich usw. auflaufen zu lassen ist schlicht dumm. Denn – schwupps – kann JEDE/R, der/die eben noch niemanden brauchte und top funktionierte, auf die Fürsorge anderer angewiesen sein. Schön blöd, wenn diese Fürsorge dann keine/r übernehmen will, weil sie sich schlicht nicht „lohnt“ oder sogar Nachteile mit sich bringt…

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  2. Das klingt echt spannend! Tatsächlich hat mich mit Baby oder mit Baby und Kleinkind dieses Thema auch sehr beschäftigt, weil meine Kinder bis 22 oder 23 Uhr wach waren und es gefühlt nie eine PAUSE gab. Eine Lösung habe ich nicht gefunden, die Kinder sind nur älter geworden und irgendwann konnten wir Eltern dann wieder mehr schlafen (das macht soooo viel aus!) oder mehr den eigenen Hobbys nachgehen.

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    1. Ja, es wächst sich (hoffentlich) aus… wobei mir Freund/innen mit Kids im Teenageralter dann auch wieder die ein oder andere Story erzählen…😉
      Aber es müsste auch nicht so „pausenlos“ sein, wenn mehr Schultern diese Riesenaufgabe der Kinderbegleitung tragen würden. Und vielen noch klarer würde, WAS es wirklich bedeutet, buchstäblich Tag und Nacht für so kleine Menschen da zu sein. Das verdient alle aktive, konkrete, finanzielle und soziale Unterstützung, die möglich ist. Und nicht, dass Eltern berufliche Nachteile fürchten, wenn sie die Elternzeit im Lebenslauf angeben, dass Krisen weggelächelt und Augenringe weggeschminkt werden. Klar, Kinder sind echt was Tolles – aber eben auch wirklich herausfordernd. Das sollte niemand alleine meistern müssen!

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