Familie, Gesellschaft

Vereinbarkeit auf dem Land – Was tun, wenn die Kita um 14 Uhr schließt?

Frau beugt sich über Laptop und fasst sich dabei an den Rücken, als ob sie Rückenschmerzen habe.

Auf dem Spielplatz, ein Gespräch unter Müttern: „Wie geht es dir?“ „Wenn ich ehrlich bin, gerade nicht so gut. Mein Vater ist seit gestern im Krankenhaus. Verdacht auf Herzinfarkt.“ „Ach du meine Güte – das ist sicher nicht leicht für euch!“ „Ja, wir machen uns alle Sorgen um ihn. Dazu kommt, dass ich dadurch keine Kinderbetreuung mehr habe. Meine Eltern haben doch tagsüber auf die Kleine aufgepasst, seitdem ich wieder arbeite.“ „Stimmt – ihr habt ja keinen U3-Kita-Platz bekommen!…“ „Ja, leider.“ Alltag für Mütter 2022 in der süddeutschen Provinz.

Betreuung „light“ in der Provinz

Unser Umzug aus Köln in eine Kleinstadt nahe Heidelberg vor knapp einem Jahr hat viel Gutes mit sich gebracht: meine Familie sehe ich jetzt viel häufiger. Außerdem genießen wir nun einen eigenen Garten und ein deutlich größeres Zuhause, unverbaute Natur vor der Tür sowie Nachbarn, die wir beim Namen kennen und die an Ostern für die Jungs bunte Eier in unserem Garten versteckten. 

Eine Umstellung war allerdings das Betreuungsangebot für unsere zwei Jungs. Einerseits sind wir froh, überhaupt für beide einen Platz in Kita und Kindergarten ergattert zu haben. Betreuungszeiten von 7-14 Uhr, bzw. 8-15 Uhr (in einem der Kindergärten vor Ort sogar lediglich von 7.30-12.30 Uhr…) sind aber nur machbar, wenn eines der Elternteile die meiste Zeit zu Hause bleibt – oder aber die Großeltern oder weitere Unterstützer/innen mit anpacken. 

In der Großstadt Köln war die Situation bei der U3-Betreuung nicht unbedingt besser. Auch dort waren die Plätze rar. Was uns hier allerdings auffällt: hole ich meinen älteren Sohn gegen 14.30 Uhr im Kindergarten ab, ist er oft einer der Letzten aus seiner Gruppe, die dort noch spielen. Momentan, noch in Elternzeit und mit flexibler freiberuflicher (Neben-) Tätigkeit, kann ich mit diesen Zeiten gut umgehen – schon ein 20h-Teilzeitjob außer Haus mit nur insgesamt einer Stunde Fahrweg wäre in dem Zeitfenster aber nur knapp unterzubringen. Als in Vollzeit berufstätige Mutter wäre ich auf jeden Fall auf anderweitige Betreuung angewiesen. 

Großeltern als Plan B in der Kinderbetreuung 

Tatsächlich packen hier die Großeltern in vielen Fällen ganz selbstverständlich mit an. Auf den Spielplätzen sehe ich vormittags regelmäßig Damen (und vereinzelt Herren) um die 60, die ihre Enkel im Buggy herumschieben. Was aber, wenn Opa und Oma weiter entfernt wohnen? Selbst noch berufstätig sind? Oder einfach nicht fit genug, um ihre Enkel jeden Tag mehrere Stunden lang zu betreuen? Oder wenn sie, wie bei der Mutter im Spielplatzgespräch, aufgrund von Krankheit plötzlich als (kostenlose) Betreuungsmöglichkeit ausfallen? 

Betreuung ist nämlich teuer hier im Süden. Für zwei Kinder und jeweils einen Halbtagsbetreuungsplatz in einem Kindergarten ohne Extras wie z.B. eine warme Mahlzeit, würden wir knapp 500€ monatlich bezahlen (eingerechnet einer Ermäßigung von 30%, die die Stadt für U3-Betreuung beisteuert sowie einem reduzierten Beitrag für Geschwisterkinder in der Einrichtung, sind es immerhin noch knapp 350€ monatlich). In privaten Krippen sind dagegen oft nur 45h-Plätze buchbar (unabhängig vom tatsächlichen Betreuungsbedarf), die pro Kind dann gleich um die 600€ pro Monat kosten können. 

Ganztagsbetreuung oder Teilzeitjob?

Für Eltern stellt sich somit die Frage: investieren wir in eine relativ teure Betreuung mit ausreichend Stunden und arbeiten beide wieder (annähernd) Vollzeit – oder bleibt einer die meiste Zeit zu Hause und wir wählen den bezahlbaren Halbtagsplatz? Die Antwort zeigt sich mir vormittags auf den Spielplätzen der Stadt. Dort sitzen dann die Mütter der 1-3 Jährigen und schaufeln Sand in Förmchen. Nachmittags kommen die Mütter mit Kindern zwischen 3 und 6 dazu… Mit Partnern in (meist) Vollzeitjobs bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig. 

Ich merke es gerade ja selbst: als Lehrerin an einer der Schulen in der Umgebung auch nur ein Vierteldeputat (= 7-8 Unterrichtsstunden pro Woche) annehmen? Wie, wenn mein Partner, wie aktuell, Vollzeit arbeiten muss und somit von 7-19 Uhr jeden Tag in der Woche alle Alltagsorganisation, Hausarbeit und Kinderbetreuung in meiner Verantwortung liegt? Zwar wird auch unser Jüngster demnächst die Kita besuchen (insofern die Eingewöhnung gut klappt), aber dann eben bis maximal 14 Uhr. Der Große dafür erst ab 8 Uhr morgens. Das ließe mir ein Zeitfenster von rund 6 Zeitstunden, würde ich die Betreuungszeit komplett nutzen. Minus Fahrzeit rund 4 1/2 Stunden reine Arbeitszeit zwischen etwa 8.45 und 13 Uhr. Mit intensiver Care-Arbeit davor und danach von 6.30 bis 8 Uhr sowie von 14 bis etwa 21 Uhr, wenn beide Kinder schlafen, versteht sich. 

60 Stunden Arbeit pro Woche, davon 7 bezahlt

Unter diesen Umständen und mit Blick auf die noch gar nicht abgeschlossene Eingewöhnung sowie den anstehenden Schulstart unseres Großen habe ich mich, obwohl ich meinen Beruf als Lehrerin mag, dagegen entschieden, bereits jetzt wieder an einer Schule einzusteigen. Es wäre einfach zu viel. 

Denn mein Job wären eben NICHT nur die 7-8 Stunden Präsenzzeit an der Schule pro Woche, für die ich dann bezahlt würde, sondern noch mindestens dieselbe Stundenzahl (eher mehr) für Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Organisatorisches in der Schule, Konferenzen und Klausurkorrekturen. Dazu täglich ca 9 Stunden Fürsorgearbeit in der Familie. Und es wäre der – mir als berufstätige Mutter nur zu bekannte – Spagat zwischen zwei Welten: dem Beruf mit all seinen Herausforderungen einerseits und ohne Pause davor und danach der Alltag mit zwei Kindern zuhause. Unvorhergesehenes wie kranke Kinder, eine geschlossene Kita, Extratermine auf Arbeit oder eine eigene Erkrankung nicht eingerechnet. 

Überschlage ich das Ganze, komme ich für den Zeitraum von Montag bis Freitag auf eine Arbeitszeit von rund 60 Stunden pro Woche – 7 davon bezahlt. Und auf sehr, sehr viel Extrastress für verdammt wenig Extrageld. Statt mich in der Zeit, in der meine Kinder betreut wären, also auch noch der Bildung und Erziehung fremder Kinder zu widmen, werde ich die (wenigen) kinderlosen Stunden nutzen, um meine Tätigkeit als Autorin und Journalistin auszubauen. Im Home-Office und mit weitgehend frei einteilbaren Arbeitszeiten. 

Darauf freue ich mich bereits jetzt. Und schüttle zugleich den Kopf darüber, dass mir unter den Bedingungen, unter denen ich gerade lebe, eigentlich nichts anderes übrig bleibt. 

Wie seht ihr das? Schreibt mir eure Meinung! 

Was sind eure Erfahrungen? Wie regelt ihr gerade euren Alltag zwischen Familie und Beruf? Wie immer freue ich mich über eure Kommentare!

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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8 Gedanken zu „Vereinbarkeit auf dem Land – Was tun, wenn die Kita um 14 Uhr schließt?“

  1. An diesem Beitrag sieht man gut, was „auf dem Land“ vielleicht doch nicht so gut ist für junge Familien. Ich bin für ein Jahr mit meiner Familie auch in die Nähe von Heidelberg gezogen und meine Erfahrungen decken sich weitestgehend mit den hier geschilderten, mit dem Unterschied, dass ein Kind schon in die Schule gegangen ist. Aber aus Berlin kommend fallen sofort die horrenden Preise, die schlechtere Qualität der Betreuung, die mangelnde Verfügbarkeit am Nachmittag und vor allem die starken Geschlechterunterschiede in der Frage der Kinderbetreuung auf. Waren in Berlin etwa ein Viertel bis ein Drittel Väter auf Festen und Bastelevents, so bin ich dort der einzige Mann gewesen, der mit meinem Sohn beispielsweise eine Laterne gebastelt hat, während die Mutter arbeiten war. Und anders als man das aus medialer Rezeption vielfach hört, bin ich von den anwesenden Frauen überhaupt nicht bewundert oder gefeiert worden, sondern misstrauisch beäugt und ausgefragt („was arbeitet der eigentlich?“), denn im Süden ist beiden Geschlechtern klar, wer anschafft und wer hütet.

    Da ist mir auch bewusst geworden, weshalb viele meiner damaligen Schulkameraden „wieder in die Nähe ihrer Eltern“ ziehen, sobald die Familienplanung ansteht – was Menschen tun, deren Eltern dazu aus verschiedenen Gründen nicht geeignet sind, bleibt offen.

    Letztlich ist es dort gesellschaftlich wenig akzeptiert, als Mann weniger oder flexibel zu arbeiten und sich auch oder stattdessen um seine Kinder zu kümmern – der einzig sichere Ort ist da der Sportverein.

    Der Zustand der Kinderbetreuung und der gesellschaftliche Umgang mit ihr war mein stärkstes Argument, um meine Familie von einer Rückkehr nach Berlin zu überzeugen und ich halte daran fest, dass die Großstadt der bessere Ort ist, um Kinder abseits des klassischen Modells großzuziehen.

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    1. Danke für diese interessante Ergänzung meines Beitrags! Da ich persönlich bisher nur Stadt und Land in zwei verschiedenen Bundesländern kennen lernen konnte, stellt sich mir die Frage, ob sich diese Situation in allen ländlichen Regionen so zeigt, oder ob es z.B. nicht nur ein Nord-Süd, sondern auch ein Ost-West-Gefälle gibt, die institutionelle Kinderbetreuung im Osten Deutschlands in ländlichen Regionen also besser ausgebaut ist als z.B. im Süden.
      Wie stark das Diktum vom männlichen „Schaffer“ außer Haus und der mütterlichen „Hüterin“ zuhause einem gleichberechtigten Familienleben im Wege steht, zeigt sich übrigens nicht nur an den fehlenden Angeboten der Kinderbetreuung, sondern auch am Arbeitsumfeld selbst. Während von Arbeitgeber/innen hier im Süden Teilzeitarbeit für eine Frau mit kleinen Kindern offenbar quasi als Normalität angesehen wird, wird dem Mann selbst in Unternehmen, die sich als familienfreundlich bezeichnen, maximal eine 80%-Stelle und damit ein freier Tag angeboten. Wie das das innerfamiliäre Gleichgewicht zwischen Erwerbsarbeit und Haushalt/Kinderbetreuung herstellen soll, bleibt die Frage…
      Bisher überwiegen für uns insgesamt dennoch die Vorteile des Lebens „auf dem Land“ – aus emanzipatorischer Sicht und im Sinn der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (zumindest im klassischen Angestelltenverhältnis) liegt die Stadt aber klar vorn.
      Herzlichen Gruß, Sarah

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  2. Ich verstehe dich extrem gut! In Bonn war ich auch zu Teilzeit gezwungen, das heißt 7 -13 Uhr war meine Arbeitszeit, denn 14:30 Uhr was schon Schluss mit Kinderbetreuung. Mein Mann hat allerdings auch Teilzeit gearbeitet, nur leider nachmittags 12-17 Uhr … eine Katastrophe! Sie löste sich erst mit dem Umzug nach Dresden. 6-18 Uhr hat die Kita auf, die Schule 6-17 Uhr. Und es gibt bis auf drei Tage noch nicht einmal Schließzeiten. Hier kann ich im Gegensatz zu Bonn gut arbeiten und habe das auch lange Vollzeit getan (6:30-15 Uhr). Inzwischen gönne ich mir 35 Stunden pro Woche, ein Luxus für mich, der nicht durch die Schule erzwungen wird.

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    1. Ja, von solchen Zuständen kann ich als Mutter (bald) zweier Kindergartenkinder gerade nur träumen… Hätte ehrlich gesagt, vor unserem Umzug nicht gedacht, dass die Umstände so spürbar anders als schon in der (westdeutschen) Großstadt sind.
      Kleine Anekdote von heute Morgen: eine Tafel an der Kita-Tür, in unserer Gruppe finde wegen Personalmangel nur eine Notbetreuung statt. Die Leiterin kommt an der Tür auf mich zu: „Können Sie Ihren Sohn heute zuhause lassen? Oder zumindest früher abholen?“ Äh – ja. Als Mutter habe ich offenbar immer Zeit und keine anderen Pläne?! Finde schon, dass das auch etwas über das Familienbild hier aussagt. Lieber wird am Personal in der Kita gespart – im Notfall können ja die Mütter (unbezahlt) einspringen… Verlässliche Betreuung geht wirklich anders!

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  3. In 2022 eigentlich ein Unding und ganz besonders, weil es ja anders geht. Ich bin da nahe bei Marc oben, selbst in unserer Arm-aber-sexy-kann-keinen-Flughafen-Hauptstadt kriegen sie es doch ganz gut hin, weil man es eben will und im Großen und Ganzen auch ein anderes Familienbild herrscht, würde ich mal sagen.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Ja, das – schon seeehr konservative – Familienbild im (ländlichen) Süden hat mich ziemlich kalt erwischt. Wahnsinnig viel hat sich offenbar nicht verändert, seitdem vor rund 40 Jahren meine Mutter uns hier großgezogen hat. Mein Kindergarten damals hatte zwar eine Nachmittagsbetreuung, aber mit „Mittagspause“, in der die Kinder abgeholt werden mussten um das zuhause von Mutti zubereitete Essen zu fassen… 2022 gibt es Betreuung über die Mittagszeit, aber dabei wird erwartet, dass Mutti vorkocht und das Essen in die Kita mitgibt. An anderen Tagen entschuldigen Eltern sich, wenn sie ihr Kind bei Personalmangel überhaupt in den Kindergarten bringen, obwohl Mutti z.B. mit jüngeren Geschwistern in Elternzeit ist und damit die gebuchte Zeit eigentlich gar nicht braucht?!… Au weia.

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