alleinerziehend, Familie

Lütkehaus/Matthäus: Umgang im Wechselmodell (Buchrezension)

Buchcover „Umgang im Wechselmodell“

Wie regeln wir den Umgang mit unserem gemeinsamen Kind, bzw. den gemeinsamen Kindern, wenn wir uns trennen? Vor dieser Frage standen 2017 auch der Vater meines älteren Sohnes und ich. Wir entschieden uns damals für das Wechselmodell, unser Sohn sollte also abwechselnd bei seinem Vater und bei mir leben. Für uns als Familie die richtige Entscheidung. Und dennoch gerade in der ersten Zeit nach der Trennung nicht einfach umzusetzen. Dr. Isabell Lütkehaus und Thomas Matthäus haben im dtv/Beck-Verlag einen Ratgeber zum Wechselmodell herausgegeben.

Mut machen und Perspektiven aufzeigen

Nach eigener Aussage möchten die Autor/innen des Buches ihren Leserinnen und Lesern Mut machen und Familien helfen, nach einer Trennung positive Zukunftsperspektiven zu finden. Entsprechend praxisnah ist der Ratgeber. Neben Erfahrungsberichten von Familien, die das Wechselmodell bereits praktizieren, kommen auch Expertinnen und Experten, wie z.B. Gerichtsgutachterin Marianne Nolde oder Miriam Hoheisel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) zu Wort. Lütkehaus und Matthäus selbst beziehen weder für noch gegen das Wechselmodell Position. In der Einleitung des Ratgebers formulieren sie ihren Standpunkt: „Wir halten das praktizierte Umgangsmodell nach einer Trennung zunächst für eine private Angelegenheit jeder einzelnen Familie. Und jede Familie ist anders.“ Auf der Basis langjähriger Erfahrung mit Trennungsfamilien als Mediatorin (Lütkehaus) und Umgangsbegleiter (Matthäus) möchten die beiden vielmehr einen möglichst umfassenden Überblick über Vor- und Nachteile des Modells geben, so dass Paare sich nach einer Trennung selbst für oder gegen das Wechselmodell als Umgangsform entscheiden können.

Das Buch spannt dementsprechend den weiten Bogen von Überlegungen, was Familie überhaupt ausmacht und welche Umgangsformen nach einer Trennung möglich sind, bis hin zu den rechtlichen Grundlagen des Wechselmodells und internationalen Studien, die zeigen, wie und mit welchen Konsequenzen das Modell in anderen Ländern praktiziert wird. 

Klare Struktur und Praxisbezug

Auffällig sind die farblich abgehobenen Gastbeiträge der Expertinnen und Experten sowie die Interviews mit Familien, die das Wechselmodell bereits praktizieren. Im Text sind auch immer wieder Ausschnitte aus den Berichten der zehn Familien eingefügt, die bereit waren, Lütkehaus und Matthäus ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Wechselmodell zu schildern. Hierdurch wird deutlich, dass der Prozess, ein für alle Beteiligten passendes Umgangsmodell zu finden, nicht immer leicht ist. 

Neben praktischen Fragen wie der Entscheidung, in welchem Rhythmus der Wechsel stattfinden oder wie die Übergaben gestaltet werden sollen, beinhaltet die Wahl eines Umgangsmodells ja auch grundlegende Fragen wie die nach den Konsequenzen für die Bindung zwischen Kind und Elternteil oder der „Erziehungskompetenz“ des Ex-Partners, beziehungsweise der Ex-Partnerin. Vermutlich auch deswegen wird die Frage „Wechselmodell – ja oder nein?“ häufig sehr emotional diskutiert. 

Der Ratgeber bietet hier eine angenehm unparteiische Entscheidungsgrundlage, ohne zu verhehlen, dass das Thema des Umgangs nach einer Trennung mit starken Gefühlen verbunden sein kann. Interessant finde ich persönlich in diesem Zusammenhang die umfangreichen „Checklisten“ am Ende des Buches, die Paaren helfen sollen, sinnvolle finanzielle Absprachen zu treffen oder die  Kindesübergabe am Wechseltag harmonisch durchzuführen. Auch wenn ich persönlich eine solch analytische Herangehensweise in der akuten Trennungssituation vermutlich nicht gewählt hätte, mögen die in den Checklisten enthaltenen Punkte helfen, sich über den eigenen Standpunkt klar zu werden und typische Streitpunkte zu vermeiden

Anschaulicher und übersichtlicher Ratgeber

Insgesamt ist das Buch tatsächlich ein anschaulicher und übersichtlicher Ratgeber, der leicht verständlich die wichtigsten Informationen zum Wechselmodell zusammenfasst und dabei die aktuelle Gesetzeslage und Rechtssprechung, aber auch psychologische Fragen, berücksichtigt. Gut gefällt mir der Blick auf die Bedürfnisse aller Beteiligten, also auch die der Eltern. „Es ist wichtig, dass Sie als Eltern nicht vergessen, dass Sie NICHT nur Eltern sind. […] Gehen Sie achtsam mit sich um und finden Sie die Rollenaufteilung, die zu Ihnen passt“, so die Autor/innen. Denn entscheidend sei nicht, „ob die Eltern sich trennen, sondern wie die Trennung erfolgt und wie danach der Kontakt zu beiden Eltern erhalten bleibt“. 

Ich würde diesen Ratgeber somit Eltern empfehlen, die auch nach einer Trennung ihr Familienleben so gestalten wollen, dass es für ihre Kinder und sie selbst möglichst harmonisch und gut lebbar ist. Dass eine Trennung auch für Kinder zunächst krisenhaft ist, verhehlen Lütkehaus und Matthäus nicht, geben Trennungsfamilien mit diesem Ratgeber jedoch ein Mittel an die Hand, mit dem alle Beteiligten das Beste aus der Situation machen können. Empfehlenswert!

Die Autorin ist Lehrerin, freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: privat; ich danke dem Verlag für das zu Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Der Beitrag gibt dennoch ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und ist keine beauftragte Werbung.]

10 Gedanken zu „Lütkehaus/Matthäus: Umgang im Wechselmodell (Buchrezension)“

    1. Laut Literaturverzeichnis u.a. der Familienreport Deutschland 2017 und eine Studie der Forschungsgruppe Petra sowie der Väterreport 2018 (alles im Auftrag des BMFSFJ). Außerdem diverse Ratgeber zu Trennung und Scheidung und dem Wechselmodell, u.a. von Hildegard Sünderhauf, Marianne Nolde etc. Weitere Infos geben die Autor/innen selbst bei Interesse sicher gerne. Oder einfach im Buch nachlesen. 🙂

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  1. Das 50/50 Modell ist praktikabel, wenn die Elternteile sich verstehen und Entfernungen nicht zu weit sind.
    Meine Erfahrung ist positiv, denke für alle Beteiligten kann es eine gute Lösung sein.
    Insbesondere ist die alleinerziehende Situation geteilt und somit mehr Freizeit für die Elternteile.
    Wir habe es so gemacht, dass jeder 5 Tage kinderfrei hat.

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    1. Ja, ich denke, es kann funktionieren, wenn beide Eltern noch vernünftig miteinander kommunizieren können, beide Eltern vorher schon eine starke Bindung zum Kind hatten und bereit sind, weiter ziemlich viel miteinander zu tun zu haben bezüglich Absprachen etc. Wichtig finde ich, immer wieder zu prüfen, ob es für alle Beteiligten (also auch für die Kinder) noch passt, oder ob z.B. die zeitlichen Abstände geändert werden müssen.
      Schwierig wird es, wenn das Modell als finanzielles Druckmittel herhalten soll, oder ein Elternteil dem anderen die gleichberechtigte Elternschaft nach der Trennung nicht zutraut oder sie dem/der Ex-Partner/in vielleicht auch nicht gönnt. Aber da kann auch das Residenz- oder ein anderes Umgangsmodell schwierig werden. Und ob die Kinder das Wechseln annehmen? Vermutlich umso besser, je klarer – und zufriedener – die Eltern damit sind.

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    2. Bei allen Modellen darf man immer wieder schauen, ob es für alle Beteiligten passt.
      Einzige Schwierigkeit bei 50/50 können Behörden sein, die gehen oft davon aus, Kind lebt bei Mutter.
      Und 50/50 ist scheinbar sehr ungewöhnlich, noch ungewöhnlicher, wenn beide Elternteile eine identische Adresse haben.

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