Beruf, Gesellschaft

Was Lehrerinnen und Lehrer brauchen um wirklich guten Unterricht halten zu können

Lehrerin vor Tafel mit Mikrofon in der Hand.

Homeschooling, bzw. Distanzunterricht, ist DAS Thema der Stunde. Schülerinnen und Schüler geben ihr Bestes an Laptop und PC, Eltern ächzen und die Lehrerinnen und Lehrer? Schlagen sich so durch. Mehr oder weniger versiert wird Teams oder Moodle genutzt, wird über Datenschutz gestritten, online werden Unterrichtsstunden in Echtzeit gehalten oder auch nur Arbeitsblätter verschickt. Alle reden über digitales Lernen. Und ich sage jetzt einfach mal: Das geht am Thema vorbei

Ende Januar 2021 veröffentlichte Satiriker Jan Böhmermann als Teil der Sendung ZDF Magazin Royal eine Parodie über digitales Lernen in der Pandemie. Erschreckend treffsicher stellte er darin 45 Minuten lang all die kleinen Marotten dar, die wir Lehrerinnen und Lehrer sehr wohl im Schulalltag aufzuweisen haben. Langwierige Erklärungen ohne echten Mehrwert, Kettenfragen, die wir gleich selbst beantworten, die Erwartung digitaler Kompetenz von unseren Schülerinnen und Schülern, während wir selbst kaum den Videorekorder zum Laufen bringen. Dazu ein Habitus gönnerhafter Besserwisserei, der zurecht als „lehrerhaft“ verschrien ist…

Ja, natürlich sind wir Lehrerinnen und Lehrer nicht alle so inkompetent wie Böhmermanns „Prototyp“. Zudem würde ich behaupten, es ist nicht wirklich schlimm, wenn wir unseren Namen bei der Vorstellung an die noch feuchte Tafel schreiben, so dass ihn keiner lesen kann. Und dennoch – und das sage ich als Lehrerin mit inzwischen fast 15 Jahren Berufserfahrung – in unserem Schulsystem ist noch an mancher Stelle Luft nach oben.

Was kritisieren Menschen „von außen“, also Eltern und die Schülerinnen und Schüler, aber auch nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer, denn am deutschen Schulsystem? Schwerfällige Entscheidungsprozesse und starre Hierarchien. Leistungsdruck. Unterrichtsstoff, der an den Interessen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler vorbeigeht. Lernen für Benotung und wenig Fehlertoleranz.

Versuche, diese Mängel zu beheben, gibt es genug. Kleinere Klassen, mehr Fortbildungen oder aktuell das Allheilmittel Digitalisierung. Viele Ideen setzen an den strukturellen Bedingungen an, unter denen Schule stattfindet, oder an der Art des Unterrichts. Beides ist sicherlich wichtig. Als Lehrerin sage ich jedoch: die beste Ausstattung, die besten Fortbildungsangebote nützen nichts, wenn wir Lehrerinnen und Lehrer vor allem eines wollen: keine Fehler machen.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer wirklich gute Arbeit leisten?

Was Lehrerinnen und Lehrer meiner Meinung nach brauchen, um wirklich gute Arbeit leisten zu können:

  1. Eine Ausbildung mit Fehlertoleranz
  2. Viel mehr Teamwork in der Schule
  3. Eine wertschätzende Feedback-Kultur, unabhängig von Laufbahnbewertungen
  4. Die Verpflichtung zu Praxisbezug

1. Eine Ausbildung mit Fehlertoleranz

Das Referendariat war für viele Lehrerinnen und Lehrer vermutlich die schlimmste Phase ihrer beruflichen Laufbahn. Je nach Bundesland 1,5 bis 2 Jahre lang gefühlt dauerbewertet werden, sich zu verausgaben und zu verbiegen, um als „fertige Lehrerin oder Lehrer“ endlich tun und lassen zu dürfen, was man will. So würden es wahrscheinlich nicht wenige Kolleginnen und Kollegen als bitteres Fazit ihrer Ausbildungszeit formulieren. 

Natürlich, das ist plakativ und ich freue mich über jeden und jede, die andere Erfahrungen gemacht haben, aber JA, auch ich habe völlig unrealistische, zehn Stunden lang vorbereitete „Vorführstunden“ abgeliefert und aus erster Hand mitbekommen, wie Referendarskolleginnen und -kollegen unter der schulischer Verantwortung, parallel zu den Erwartungen am Lehramtsseminar, fast zusammengebrochen sind. Oder sogar von ihren Fachleitern und Fachleiterinnen in Unterrichtsbesuchen bloßgestellt und regelrecht schikaniert wurden. An meiner jetzigen Schule habe ich mehrere Jahre lang Lehramtsstudierende betreut, die – noch völlig ohne Notendruck – im Rahmen eines dreimonatigen Praxissemesters in den Schulalltag „hineinschnuppern“ sollten. Selbst in dieser Phase, die erklärtermaßen der Orientierung und dem Sammeln erster praktischer Erfahrungen dienen soll, war die Frage „Bin ich gut genug?“ omnipräsent. Unterrichtsbesuche der Fachleiter und Fachleiterinnen wurden – auch ohne Bewertung – ganz klar als „Prüfungssituation“ empfunden und entsprechend akribisch vorbereitet.

Was mich an all dem stört?

Lehramtsanwärterinnen und -anwärter lernen während ihrer Ausbildung meiner Meinung nach immer noch viel zu häufig, sich an die Erwartungen ihrer Ausbilder und Ausbilderinnen anzupassen, auf deren Wohlwollen und gute Benotung sie angewiesen sind, und Fehler und persönliche Überforderung möglichst zu kaschieren. Das aber führt langfristig zu einer Kultur fehlender Kreativität und geringer Fehlertoleranz sich und anderen gegenüber, Eigenschaften, die Schulen als sich ständig wandelndes System dringend nötig hätten.

2. Viel mehr Teamwork in der Schule

Lehrerinnen und Lehrer sind zudem – zumindest meiner Erfahrung nach – noch immer viel zu oft ziemliche Einzelkämpfer. Der Austausch im Lehrerzimmer bleibt punktuell und auf konkrete Probleme mit Schülerinnen und Schülern bezogen. Gegenseitige regelmäßige Unterrichtshospitation und ein wirklich fächerübergreifendes Arbeiten Hand in Hand über längere Zeit, mit Kolleginnen und Kollegen zusammen? Einzelne versuchten das umzusetzen, aber die Strukturen, z.B. in Form von fest im Stundenplan verankerten Zeiten für gegenseitige Unterrichtshospitation und -besprechung unter Kolleginnen und Kollegen, sind einfach noch viel zu selten vorhanden. 

Teamwork findet meiner Erfahrung nach in der Schule statt, aber oft lediglich auf organisatorischer und verwaltungstechnischer Ebene, zum Beispiel bei gemeinsamen Klassenfahrten oder einer im Tandem übernommenen Stufenleitung, und noch viel zu selten in Bezug auf den Unterricht. Dabei kann ich auch hier – aufgrund des regelmäßigen Austauschs mit Referendarinnen und Referendaren, Lehramtsstudierenden sowie aus eigener Erfahrung – sagen, fast nichts verbessert so nachhaltig den eigenen Unterricht, wie der wertschätzende Austausch über die Stundengestaltung mit Kolleginnen und Kollegen

Eingeschliffene Verhaltensweisen zu hinterfragen, mehr als die eigene Perspektive wahrzunehmen und auch zu merken, wie viel gegenseitige Toleranz die Arbeit im Team nötig macht, würde sicher die Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen deutlich stärken – und damit auch unseren Schülerinnen und Schülern zugute kommen. Außerdem ist die Arbeitsentlastung zu zweit vor einer Klasse in einem gut funktionierenden Team gewaltig. Auch hier erfahre ich von Kolleginnen und Kollegen an Grund- und Förderschulen, dass dort unterrichtsbezogenes Teamwork bereits viel häufiger praktiziert wird als zum Beispiel an Gymnasien. Warum?

3. Eine wertschätzende Feedback-Kultur

Eng mit dem Punkt „fehlendes Teamwork“ verknüpft ist meiner Meinung nach, dass ich als Lehrerin oder Lehrer nach meiner Ausbildung viel zu wenig wirklich hilfreiches Feedback erhalte. Ich bekomme im Verlauf meines Berufslebens natürlich jede Menge Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern und deren Eltern, manchmal positiv, vor allem aber, wenn etwas nicht rund läuft. Und ich werde, jedenfalls, wenn ich mich um eine Beförderung bemühe, auch von meinem Schulleiter oder meiner Schulleiterin im Unterricht besucht und anschließend bewertet. 

Aber wann sitzt schon einmal ein Kollege oder eine Kollegin bei mir in der Stunde und weist mich anschließend ehrlich auf all die Dinge hin, die ich gut gemacht habe – oder aber verbessern könnte. Wo ist die verpflichtende Evaluation unserer Arbeit und damit einhergehend zum Beispiel auch die Möglichkeit, für besonders engagierten und/oder innovativen Unterricht befördert zu werden und nicht vor allem für Verwaltungstätigkeiten, wie es heute der Fall ist. Als Lehrerinnen und Lehrer sind wir Profis darin, unsere Schülerinnen und Schüler zu bewerten. Aber wir selbst nehmen, zumindest habe ich das bisher so erlebt, viel zu selten die Möglichkeit in Anspruch, aus konstruktivem Feedback zu lernen.

4. Die Verpflichtung zu Praxisbezug

Und schließlich: Zumindest staatliche Schulen sind – zum Glück – ja nicht nach den Prinzipien der Wirtschaftlichkeit organisiert. Nicht alles, was vermittelt wird, muss im Alltag verwertbar sein. Also lesen Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe Texte von Lessing oder Kleist, aber die darin beschrieben Themen bleiben seltsam abstrakt. Dabei böten viele der in der Schule behandelten Themengebiete die Möglichkeiten, von ihnen ausgehend die Welt außerhalb der Schule zu erforschen

Dies aber geschieht – zumindest habe ich das bisher so erlebt – meist nur punktuell in Form von Exkursionen, Theater- oder Museumsbesuchen und eben doch wieder nur als „Extra“, das ich mir mit meiner Klasse erlauben kann, wenn der prüfungsrelevante „Stoff“ abgearbeitet ist. Wann wollen wir eigentlich aufhören, unsere Schülerinnen und Schüler in dieser Weise an ihrem Leben vorbei zu unterrichten? Und auch strukturell: warum werden Lehrerinnen und Lehrer, die an Grund- und Berufsschulen tatsächlich die praxisnahen Grundlagen unterrichten, nach wie vor schlechter bezahlt als ihre Kolleginnen und Kollegen der Sek II? 

Schule zu einem Ort des Lebens machen 

Um Schule zu einem Ort zu machen, an dem Menschen wirklich (wechselseitig) voneinander lernen – und nicht die Erwachsenen gönnerhaft Kinder und Jugendliche an ihrem „Wissensvorsprung“ teilhaben lassen, zu einem Ort, an dem Lehrerinnen und Lehrer wirklich gute Arbeit leisten können und Schülerinnen und Schüler Dinge erfahren und ausprobieren, die sie tatsächlich für ihr Leben nutzen können, braucht es sicher noch mehr als die oben genannten Punkte. Aber ich denke, diese könnten ein Anfang sein.

Schule, in der wir echtes Teamwork kultivieren, uns ehrlichem Feedback stellen und es zur Weiterentwicklung unseres Unterrichts nutzen, in der wir Referendare und Referendarinnen zum Experimentieren und zur Kreativität ermutigen, statt sie möglichst stringent auf die Erwartungen der Lehramtsprüfungsordnung hin zu trainieren und in der wir schließlich als Lehrerinnen und Lehrer genauso von unseren Schülerinnen und Schülern lernen, wie diese von uns – tja, diese Art von Schule wäre wirklich so, dass ich meine eigenen Kinder gern dorthin schicken würde. 

Ob wir dann als Lehrerinnen und Lehrer Video-Tutorials erstellen und Whiteboards nutzen, oder aber weiter mit Kreide auf grünen Tafeln zu schreiben, ist meiner Meinung nach zweitrangig. Schule, in der Wissen nicht vermittelt, sondern wirklich geteilt wird, kann meiner Meinung nach so oder so funktionieren. 

Und warum, verdammt nochmals, muss ich darüber auch heute noch im Konjunktiv schreiben?!

Nachdenkliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin (momentan in Elternzeit), freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: JCamargo/Pixabay]

14 Gedanken zu „Was Lehrerinnen und Lehrer brauchen um wirklich guten Unterricht halten zu können“

  1. Liebe Sarah, du schreibst mir so aus der Seele.

    Als ich damals meine Lehrerausbildung gemacht habe, das war 1989 bis1991, wurde mir folgender Satz eingetrichtert: „Der liebe Gott weiß alles, aber der Lehrer weiß alles besser“. Ich habe es gehasst, dieser Norm zu entsprechen, denn es macht mich als Lehrer/in groß und hält den Schüler/die Schülerin dumm und klein. Auch später, als ich bei unseren 4 Mädels jahrelang im Elternbeirat war, kämpfte ich gegen diese „Zweiklassengesellschaft“. Teilweise bis in die höchsten Gremien. Es war ein Kampf gegen die Windmühlen, denn es hat sich in all den Jahren nichts verändert.

    Mein Traum vom Unterrichten sieht so aus, dass ich meinem Gegenüber in Respekt und Achtung auf Augenhöhe entgegenkomme. Und das beginnt bei der Geburt eines Kindes und endet nicht, solange der Mensch lebt. Nicht an dem was ich rede, lernt jemand von mir, sondern dabei, dass ich als Vorbild lebe.

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    1. „Mein Traum vom Unterrichten sieht so aus, dass ich meinem Gegenüber in Respekt und Achtung auf Augenhöhe entgegenkomme. Und das beginnt bei der Geburt eines Kindes und endet nicht, solange der Mensch lebt. Nicht an dem was ich rede, lernt jemand von mir, sondern dabei, dass ich als Vorbild lebe.“

      Liebe Edith, so sehe ich das auch – und eigentlich ist das doch ohnehin die Haltung, mit der wir unseren Kindern begegnen sollten, nicht nur als Lehrer/innen… danke für deinen Kommentar!:-)

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  2. Seufz!
    Was du beschreibst kenne ich nicht nur aus der Schule, sondern aus meiner Zeit im Marketing.
    Lernen, aber auch vieles in der Arbeitswelt, benötigt mehr Teamgeist und kreativen Freiraum.
    Ich hatte vor paar Monaten ein Posting zum Thema, über Schulen in Neuseeland.
    In Deutschland ist der Mut für Fehler verloren gegangen, dabei sind sie der Schlüssel für große Erfindungen und Entwicklungen.
    Interdisziplinär ist mein Zauberwort, welches ich sowohl aus meinen Job im Marketing und meinem Job als Erzieher mitgenommen habe. Ich könnte jetzt ein halbes Buch zum Thema schreiben.
    Digitalisierung ist ein Werkzeug, kein Heilmittel. Ein guter Lehrer begeistert und schafft Freude für das Lernen, gibt dem Ganzen etwas Abenteuerliches.
    Hier mein Posting mit dem Link zu dem Artikel über Neuseeland: https://aquasdemarco.wordpress.com/2020/08/22/feiert-die-fehler/
    Falls du neue Ideen für Schule benötigst, gerne melden, paar Sachen dümpeln in meinem Kopf.😉

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    1. Danke für deinen Kommentar und den Hinweis auf den Neuseeland-Artikel. Den habe ich damals schon gelesen und fand die Ansätze darin sehr gut. Also Hoffnung behalten: Jede große Veränderung – vielleicht ja doch auch in unserem Schulsystem – beginnt damit, dass viele Menschen im Kleinen Dinge ändern. Mal sehen…😉😅

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  3. Ich kenne Lehrer/Innen, die zu Zeiten des Refs heimlich Psychotherapeuten aufgesucht haben, aus der Angst heraus später den Beamtenstatus nicht zu bekommen.
    Manche machen es womöglich nicht, in Zeiten der seelischen Not, so etwas darf nicht sein.

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  4. Liebe Sarah,
    wenn ich das so lese, scheint sich seit meiner eigenen Schulzeit erschreckend wenig verändert zu haben – und mein Abitur ist nun 21 Jahre her. Ich unterschreibe Deine Gedanken und Forderungen jedenfalls voll und ganz, vor allem die Sache mit dem Realitätsbezug und den Unterrichtsthemen und -stoffen, die oft viel zu abstrakt und lebensfern bleiben. Viele Bezüge zwischen dem Schulunterricht und dem echten Leben sind mir erst Jahre später bewusst geworden und ich habe mich gefragt, wie meine Lehrer*innen es damals geschafft haben, diese Zusammenhänge dermaßen im Dunkeln zu lassen – als hätten sie förmlich gezielt die Bezüge _nicht_ hergestellt. Oder ich war einfach zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um es zu kapieren, aber eigentlich wäre ich über jede Anregung und Inspiration froh gewesen. Sie hätten mich nur da abholen müssen, wo ich eben damals stand. Und das gelang und gelingt offenbar bis heute wohl den Wenigsten, was nicht die Schuld der Einzelnen sondern ein systemisches Problem ist.
    liebe Grüße und viel Erfolg beim Kampf für diese bessere Lernwelt!
    Lea

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    1. Liebe Lea, danke auch dir für deinen Kommentar! Positivbeispiele gibt es unter Lehrer/innen ja zum Glück auch. Die Strukturen sind es, in denen sich auch engagierte Pädagog/innen oft aufreiben, da gebe ich dir recht. Und das ist es, was auch mich am „System Schule“ stört. Lg, Sarah

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  5. Danke Sarah. Toller Beitrag. Meine Eindrücke aus dem „Homeoffice mit Homeschooling“-Alltag unterstreichen das nur. Nur eine kleine Auswahl …
    1. Die Tochter bekommt einen Text von Brecht nach Hause geschickt. Zur Interpretation. Ohne auch mal nur ansatzweise drüber zu reden wer denn dieser Brecht war und in welchem Umfeld er geschrieben hat. Das ist doch kein „Schooling“ und man könnte auch hinterfragen, ob das in Corona-Zeiten nun so wichtig ist.
    2. Die Lehrkräfte wirken wie „Kleinunternehmer“, jeder wuselt für sich. Zwar folgen sie vermutlich dem Lehrplan, aber jeder „stöpselt“ sich den Stoff auf seine Weise zusammen. Nicht selten kriegen wir irgendwelche steinalten Kopien geschickt. Nun nicht mehr als Papier sondern gescant. Aber das ist doch nicht digitales Lernen, oder?
    3. Der ganze content scheint bei den Lehrkräften zu Hause in Ordnern zu liegen. Das macht dezentrales Lernen oder auch den Vertretungsfall unmöglich.
    4. … ich könnte noch weiterschreiben

    Mein Eindruck ist, man wollte mit Augen zu schnell durch die Corona-Zeit kommen, ohne dieses Thema anzugehen. Das war zu kurz gedacht. Denn digitales Lernen, hat doch erst einmal gar nichts mit Corona zu tun. Wenn die Kinder digital lernen können, wenn der Stoff online verfügbar ist, kann der von überall verwertet werden. Also auch in Regionen, wo es wenig Schulen gibt (Stichwort Chancengerechtigkeit), wo die Anfahrtswege weit sind (Stichwort Ökologie) oder wenn sich der Jonathan das Bein gebrochen hat (Stichwort Kontinuität) oder ein Kind im Rollstuhl sitzt (Stichwort Inklusion)

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    1. Danke für deinen Kommentar mit den konkreten Beispielen! Ja, ich denke, gerade bekommen Eltern die Arbeit der Lehrer/innen einfach noch einmal viel deutlicher mit – und wie in jedem Berufsfeld wird hier eben auch nur mit Wasser gekocht. Lehrer/innen müssen für mich keine „Übermenschen“ mit täglichem pädagogischen Feuerwerk sein. Aber wo es für mich bedenklich wird, ist, wenn die Art der Vermittlung die Freude der Schüler/innen am Lernen eher verringert, statt sie zu verstärken.
      Und wie du schreibst – guter Punkt! – Digitalisierung als Selbstzweck oder für den schönen Schein ist Schwachsinn – die Chancen, die in ihr liegen (Inklusion, Kontinuität des Unterrichts und überhaupt Zugang zu Bildung) werden so, wie sie aktuell praktiziert wird, aber oft noch in keiner Weise realisiert. Eher im Gegenteil. Digitalisierung ist wie jede didaktische Methode ein Werkzeug. Es kommt nicht darauf an, dass jetzt alle mit Tablet auf dem Schoß dasitzen, sondern was Lehrer/innen und Schüler/innen damit tatsächlich machen. Das kann wirklich sinnvoll und im besten Sinne lehrreich sein – oder eben auch kompletter Mist.

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    2. Was mich bei der Diskussion so ärgert ist, dass sie häufig so schwarz/weiß geführt führt. Da kommt schnell das Contra-Argument „Homeschooling kann echten Unterricht nie ersetzen“. Das soll es ja auch nicht. Wie du schreibst, kann digitales Lernen an bestimmten Stellen ergänzen und echt gut sein. Selbst für uns Eltern. Was wären wir denn ohne Lehrerschmidt in diesen Tagen … 😉

      Btw, darf ich auf deinen Beitrag verlinken?

      Gefällt 1 Person

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