Familie, Gesellschaft, Politik

Auf Abstand. Wie ich mir die Welt für meine Kinder NICHT wünsche

Bild: Junge Frau mit Mund-Nasen-Maske, dazu Schriftzug: Gratis Mund Nasen Maske zu Ihrer Bestellung
Eine gratis Mund-Nasen-Maske als Giveaway zur Bestellung…

November. Eine Anzeige trudelt in meinen E-Mail Posteingang: Ein Versandhandel bietet bunte Mund-Nasen-Masken als Giveway bei der Bestellung an. „Die Sicherheit unserer Kunden liegt uns am Herzen“, so die Botschaft, „danke für Ihre Solidarität“. Ich sitze mit Schnupfen und Halsschmerzen zuhause und frage mich: nette Idee? Oder Grund für einen Novemberblues?

Eine Freundin von mir erhielt letzte Woche einen positiven Corona-Test. Sie hatte ihn zur Vorsicht gemacht. Wirklich krank fühlte sie sich nicht – erkältet eben. Nun ist sie in Quarantäne und 12 Leute mit ihr, darunter ihre sechsjährige Nichte, die gerade erst ihr erstes Schuljahr begonnen hatte. Symptome hat keiner von ihnen, noch nicht einmal ein positives Testergebnis. Dennoch besteht das Gesundheitsamt auf 14 Tage Selbstisolation.

Das Leben ändert sich manchmal sehr schnell

Ich muss daran denken, dass mein Vater, gerade Mitte 50, vor inzwischen 14 Jahren seinen letzten Winter erlebt hat. Im November ahnte er davon noch nichts. Im Gegenteil: sein Leben lief auf Hochtouren, er arbeitete viel, pflegte seine sozialen Kontakte. Manchmal fühlte er sich abends erschöpft. Aber kein Grund zur Besorgnis. Ende Februar 2007 lebte er dann nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen war er an einer Gehirnblutung gestorben.

Seitdem weiß ich: das Leben kann sehr plötzlich sehr anders sein. Gesundheit ist ein wirklich kostbares Gut, das maßgeblich zur Qualität unseres Lebens beiträgt. Ich möchte keinen Menschen gefährden, dessen Leben durch den Kontakt mit mir bedroht ist. Andererseits ist mir auch sehr bewusst: Gesundheit umfasst weit mehr, als frei von Krankheiten (oder Krankheitserregern) zu sein. Soziale Kontakte, körperliche und geistige Aktivität, die Möglichkeit, sein Leben im Austausch mit anderen zu gestalten – das alles ist für mich Teil eines im umfassenden Sinn gesunden und lebenswerten Lebens. Vor allen Gefahren des Lebens schützen können wir uns zudem schlicht nicht.

Soziale Isolation ist ein Stressfaktor

Vielleicht bedrücken mich die Vorsichtsmaßnahmen, die unser Leben aktuell bestimmen, deswegen so sehr? Soziale Isolation und das Gefühl dauerhafter latenter Bedrohung erzeugen erwiesenermaßen Stress und schwächen unser Immunsystem. Paradoxerweise erzeugen wir diesen Stress für viele Menschen gerade selbst. Und gerade Alte, schwer Erkrankte und deren Angehörige, die wir doch eigentlich schützen wollen, sind davon besonders betroffen

Quarantäne zur Unterbrechung von Infektionsketten  – schön und gut. Aber wer kümmert sich um die Kinder Alleinerziehender, wenn diese tatsächlich schwer erkranken? Wer übernimmt überhaupt die Betreuung (mehrerer) Kinder, wenn diese wegen Infektionsfällen in Kita oder Schule zeitversetzt für jeweils 14 Tage zuhause bleiben müssen? Wer pflegt Alleinstehende und fängt Menschen emotional auf, die unter den eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten leiden oder durch die Schließung von Gastronomie- oder Kultureinrichtungen von Existenzsorgen betroffen sind?

Jeder kann Überträger sein?

Ich stelle mir tatsächlich die Frage, was wir uns nehmen, wenn wir zum Schutz vor Erkrankung unsere älteren Verwandten nicht mehr treffen, einander monatelang nur via Zoom oder Telefon begegnen, wenn wir auf Berührungen verzichten, nicht mehr ins Theater oder zum Treffen mit Freunden ins Café gehen. Eine Zeit lang mag all das entbehrlich sein. Auf Dauer möchte ich ein solches Leben allerdings nicht

Ganz abgesehen von der psychologischen Komponente: Eine Erkrankung, die eine vierzehntägige Isolierung mit Kontrolle durch das Gesundheitsamt erforderlich macht, selbst wenn man nur das Pech hatte, mit einem/r positiv auf Corona Getesteten in einem Raum gewesen zu sein, muss ja gefährlich sein. Andererseits kann offenbar praktisch jeder Überträger/in sein, auch mit nur geringen oder gar keinen Symptomen. Es ist fast logisch, dass dies bei vielen Vorsicht, wenn nicht sogar Angst, erzeugt.

Mit Schnupfen Corona-Test?

Meiner Freundin geht es zum Glück wieder gut. Tatsächlich ging es ihr nie wirklich schlecht. Ein Schelm, wer rechnet, wer zwischenzeitlich wieviel an den Tests und Laboruntersuchungen verdient hat, wieviel Menschen mit der Abstrichabnahme und Auswertung beschäftigt waren. Wieviel Verunsicherung und Sorge erzeugt wurde. Und bei meiner Freundin ein schlechtes Gewissen, weil sie mit Erkältungssymptomen ihre Familie besucht hat. Verharmlose ich die Gefährlichkeit der Pandemie, wenn ich einen Teil der sie begleitenden Maßnahmen in Frage stelle? Oder zumindest nach deren „Kosten“ frage? 

Also Schnupfen, Halsschmerzen, leichter Hustenreiz – ab zum Arzt? Ich war kürzlich wegen einer anderen Vorsorgeuntersuchung bei meinem Hausarzt. Die Stimmung dort? Gelinde gesagt, angespannt. „Wir werden überrannt von Menschen, die den Corona-Test machen wollen“, so die Arzthelferin: „Mit Husten, Schnupfen und auch ganz ohne Symptome. Wir sind am Rand der Belastbarkeit.

Was gibt uns Sicherheit?

Wollen wir warten, bis ein Impfstoff gegen Corona uns alle in neuer Sicherheit wiegt? Oder sollen AHA-Regeln, saisonale Schließungen kultureller Einrichtungen und eine ständige latente Vorsicht im sozialen Umgang (keine Umarmung, die Frage nach möglichen Symptomen) zu unserem neuen Alltag werden?

Ehrlich gesagt, so wünsche ich mir mein Leben nicht auf Dauer. Infektionskrankheiten, auch potenziell tödliche, gab es schon immer und wird es immer wieder geben. Ich will deswegen kein Leben, in dem ich mich aus Selbstschutz und zum Schutz anderer dauerhaft von anderen und letztlich vom Leben selbst fernhalten soll

Ich selbst bleibe mit meinem Infekt jedenfalls zuhause, verschiebe ein Treffen mit meiner Mutter, bis ich keine Symptome mehr habe. Das hätte ich vor Corona getan und tue es auch jetzt, um sie zu schützen. Aber danach treffen wir uns – auf unseren beiderseitigen Wunsch hin – wieder, umarmen einander auch. Dass wir dies tun, ist unsere Entscheidung. Keiner muss ähnlich handeln. Aber ich bin sehr froh, dass wir es tun

Herzliche, nachdenkliche Grüße

Sarah (mutter-und-sohn.blog)

[Foto: privat]

Mehr zum Thema?

Hier der Bericht einer fünfköpfigen Familie aus der Quarantäne.

Außerdem die aktuellen Informationen des Robert-Koch-Instituts zu Covid 19 sowie eine leicht lesbare, informative Übersicht über die Eigenschaften des Virus sowie die aktuelle Forschungslage der WDR-Wissenschaftsendung Quarks.

Mir ist wichtig zu sagen, dass ich die Gefährlichkeit des Virus mit Artikeln wie diesem nicht herunterspielen möchte. Wie das RKI schreibt: „Coronaviren […] verursachen beim Menschen vorwiegend milde Erkältungskrankheiten, können aber mitunter schwere Lungenentzündungen hervorrufen.“ Vorsicht ist also angebracht. Die Frage nach den sozialen und psychischen Nebenwirkungen der aktuell massiven Vorsichtsmaßnahmen und die regelmäßige Überprüfung ihrer Verhältnismäßigkeit ist meiner Meinung nach dennoch essentiell. Auch (scheinbar) vollkommen gesund hält das Leben zahlreiche Risiken bereit. Viele davon sind uns, wie der im Artikel beschriebene Todesfall meines Vaters deutlich macht, gar nicht bewusst. Der Versuch, diese immer weiter zu minimieren, kann uns am Leben selbst hindern. Genau deswegen ist mir so wichtig, in der aktuellen Situation der Pandemie darauf hinzuweisen, dass Gesundheit im umfassenden Sinn mehr ist als der Zustand, frei von Krankheit zu sein. Maßnahmen, die durchaus die epidemiologischen Auswirkungen einer Krankheit einschränken können, können auf anderer Ebene (psychisch und sozial) sehr wohl dauerhaft negative Auswirkungen haben. Hier Kosten und Nutzen bewusst gegeneinander abzuwägen ist meiner Meinung nach essentiell, um vielen Menschen wirklich zu helfen und für die dauerhafte Akzeptanz politischer Entscheidungen innerhalb einer Gesellschaft zu sorgen.

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6 Gedanken zu „Auf Abstand. Wie ich mir die Welt für meine Kinder NICHT wünsche“

  1. Liebe Sarah,
    ja, Du hast Recht, dass aufgeklärte und bewusst mit der Bedrohung umgehende Menschen wie Du und Deine Mutter selbst entscheiden können und sollten, wie viel Nähe und Risiko sie zulassen. Aber schau Dir an, wie unvorsichtig viele sind und wie dieser Leichtsinn Einzelner das Infektionsgeschehen anheizt. Ohne Regeln und Verbote, Bußgelder und Strafandrohungen scheint es leider nicht zu gehen, weil die meisten Menschen letzten Endes doch nur egoistisch ihren eigenen Wunsch nach Normalität sehen und den Schutz der Anderen nicht ernst genug nehmen.
    Auch meine Hausarztpraxis klagte schon seit Wochen über die vielen Menschen, die getestet werden wollen, teils auch nur aus Bequemlichkeit, um sich nicht selbst quarantänisieren zu müssen und Termine wahrnehmen zu dürfen. Es hieß, die Anspruchshaltung der Leute auf Freitestung sei schon heftig, das Telefon stand nicht stilll. Und trotzdem bestellte die Praxis mich sofort ein, als ich wegen Symptomen eines heftigeren grippalen Infekts dort anrief und fragte, ob ich mich testen lassen sollte. Mein Ergebnis war dann zum Glück negativ, aber die Symptome hätten zu Covid-19 gepasst und wirkten auf mich zu anders als die Erkältungen, die ich normalerweise von mir kenne, so dass ich schon gern auf Nummer Sicher gehen wollte. Um mich selbst hatte ich weniger Angst als um meine vorerkrankte Mitbewohnerin und meine alten Eltern, die ich häufig treffe. Ich würde also weit von mir weisen, dass ich mich aus egoistischen Gründen habe testen lassen, aber wo genau liegt jetzt der Unterschied zwischen mir und den ganzen Leuten, die die Praxis verstopfen? Es ist schwer, das alles zu entscheiden. Und an der Geschichte Deiner Freundin wird auch klar, dass selbst so ein rein vorsichtshalber gemachter Test eine tatsächliche Infektion zu Tage fördern kann. Vorsicht, gegenseitiger Schutz und Rücksichtnahme sind und bleiben aus meiner Sicht noch für eine ganze Weile der einzig gangbare Weg.

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    1. Liebe Lea, danke für deinen ebenfalls sehr reflektierten und persönlichen Kommentar! Ja, es ist oft sehr schwierig zu entscheiden, was nun tatsächlich verhältnismäßig ist. Wäre meine Mutter z.B. Bewohnerin eines Seniorenheims, dürfte ich aktuell ggf. schon nicht mehr selbst entscheiden, ob ich sie zur Begrüßung umarme oder sie überhaupt besuche. Bußgelder und Verbote mögen eine verständliche Reaktion auf die Gedankenlosigkeit (oder auch den Egoismus) vieler sein. Sie beschränken aber auch massiv diejenigen, die sehr wohl in der Lage und bereit wären, verantwortungsbewusst und eigenverantwortlich zu handeln (und halten diejenigen, die die Maßnahmen ohnehin für ein Werk politischer Schikane halten, auch nur begrenzt davon ab, sich entsprechend ichbezogen zu verhalten…). Hier wünsche ich mir in einer Situation, wo es auf die Mitwirkung möglichst vieler ankommt, mehr Möglichkeit zur Mitentscheidung und fühle mich tatsächlich durch ein allzu schematisches (und manchmal schlicht unlogisches) Vorgehen beschränkt. Herzlichen Gruß und danke für dein Mitdenken und Kommentieren! Sarah

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  2. Es ist schwierig zu sagen, was richtig oder falsch ist. In Deutschland geben wir gerne Eigenverantwortung ab und haben gerne bei Misserfolgen einen Schuldigen.
    Es ist eine ungewohnte Situation und wir alle lernen etwas daraus: Wie wichtig Empathie und soziales Miteinander sind, wie wichtig eine gesunde Natur ist, die für all die Lebewesen, gesunde und ausreichende Lebensräume bietet. Dass unser Handeln immer Auswirkungen auf das große Ganze hat.
    Mit diesem neuen Wissen sind wir möglicherweise besser gewappnet für die kommenden Herausforderungen der nahen Zukunft. Diese Zeit bietet der Natur eine Pause und dem Menschen sinnige Einsichten. Unsere gelebte, sogenannte Normalität hat mehr als nur eine Schwachstelle gehabt. Unser Arbeitsleben, soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft etc. waren in der gelebten Normalität schon zu hinterfragen.
    Manchmal benötigt es im Leben Krisen, damit wir plötzlich neue, bessere Wege finden.

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    1. Danke auch dir für deinen Kommentar und deine positive Sichtweise. Auch ich hoffe, dass aus dieser weltweiten Erschütterung Gutes entsteht, befürchte allerdings, dass wieder das geschehen wird, was oft passiert: diejenigen, denen es (wirtschaftlich, sozial, emotional) besser geht, blenden in vielen Fällen so gut wie möglich aus, dass das nur für sie zutrifft. Das ist ja auch eine Art Selbstschutz, um angesichts des realen Leids anderer nicht zu verzweifeln, oder – bei manchen gilt das sicher auch – an den eigenen Privilegien festhalten zu können, ohne sich um deren Folgen für andere zu kümmern. Und ich glaube, bevor man/frau hier auf andere zeigt, sollte man sich das eigene Leben durchaus kritisch ansehen.
      Ob das Ganze langfristig zu Gutem führt?! In Köln habe ich während des Lockdowns im Frühjahr in der Innenstadt morgens die Vögel singen hören, der Verkehr war spürbar minimiert. Inzwischen ist alles wieder beim Alten. Sagen wir es so: ich bin skeptisch und möchte gern optimistisch sein…😉 Liebe Grüße, Sarah

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  3. Ich bin gerade wieder sehr „geerdet“, weil Corona plötzlich so nah ist. Der Papa meiner besten Freundin war kürzlich mit Corona im Krankenhaus. Er arbeitet mit meinem Papa zusammen, der weiter arbeiten gegangen ist. Jetzt haben meine Eltern auch Corona (mein Papa wurde positiv getestet). Meine Oma (85) lebt auch mit im Haus. Die Pandemie belastet auf so vielen Ebenen.

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    1. Liebe Nadine, ja, mir ist bewusst, wie schnell die Krankheit einem sehr nah kommen kann und dass ein leichter Verlauf keineswegs selbstverständlich ist. Schau mal, ich habe dazu eben noch die Gedanken (und die konkrete Erfahrung) einer anderen Bloggerin gelesen, die ich in der momentanen Situation hilfreich finde: https://zweisiebenfuenf.de/2020/11/15/kurzes-coronaupdate/. Ich wünsche dir und deiner Familie von Herzen, dass ihr unversehrt durch diese Zeit kommt! Herzlich, Sarah

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