Familie, Gesellschaft

Schmerzverteilung. Warum es erstmal gut tut zurückzuschlagen

Kleiner Junge, der Gesicht in die Hände vergräbt.

Der Titel klingt irritierend? Dann ging es euch wie mir. Ich wurde neugierig, als mir Magdalena und Julia vom Blog zweisiebenfuenf.de dieses Thema für ihren Gastbeitrag vorschlugen. Das Austeilen und Zurückschlagen widerspricht ja erst einmal allem, was wir als sozial eingestellte Eltern unseren Kindern vermitteln wollen. Besonders, da die lieben Kleinen sich längst nicht immer so pazifistisch verhalten. Und wir selbst, wenn wir ehrlich sind, auch nicht. Eh voila – ich freue mich sehr, euch den ersten Gastbeitrag vorstellen zu dürfen, der mich aus der Blogger-Community auf meine Einladung Ende Oktober hin erreicht. Er beginnt mit einer Szene mitten aus dem (Familien-) Leben:

Vor wenigen Tagen hüpfen Neele und Fritz auf unserem Trampolin. Fritz hat großen Spaß und erfreut sich vor allem daran gemeinsam mit Neele zu springen. Neele hingegen verliert langsam das Interesse und will vom Trampolin herunterklettern. Fritz sagt ihr, dass sie noch bleiben und weiter mit ihm hüpfen soll. Doch sie will nicht, sagt Nein und steigt weiter hinunter. Da greift Fritz im letzten Moment zu und hält sie an den Haaren fest. Neele beginnt zu schreien vor Schmerz und Wut. Sie reißt sich los, wobei sie einige ihrer langen Haare in Fritz Händen zurücklässt und kommt weinend angerannt. Auch Fritz beginnt zu weinen. 

Als ich daraufhin mit ihm rede, wird schnell deutlich, dass er traurig ist. Er hatte solche Freude an dem Spiel und war enttäuscht, traurig, wütend und verletzt, dass Neele diese Freude nun nicht mehr mit ihm teilen wollte. Vermutlich auch ein wenig hilflos, weil alleine zu springen ihm heute nicht solch ein Vergnügen bereitete. Ich hatte es schon kommen sehen, war aber trotzdem nicht rechtzeitig bei den beiden gewesen, um einzugreifen und den Konflikt zu moderieren. So hatte Fritz seinen unangenehmen Gefühlen Luft gemacht, indem er Neele ebenfalls Schmerzen zugefügt hat. Es tat ihm scheinbar weh, dass sie sich nun für ein anderes Spiel entschied. Neele wurde von ihm verletzt und war nun enttäuscht, wütend und traurig, dass ihr Freund ihr so weh tat. Außerdem hatte sie sich auch etwas hilflos gefühlt, weil sie der Situation nicht schmerzfrei entkommen konnte. 

Schmerzverteilung als Lösungsstrategie

Ein ganz simples Beispiel, welches ein Phänomen anschaulich macht, was uns immer wieder begegnet. Sei es bei uns selbst, bei unseren Kindern oder sogar in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ich nenne es mal die Schmerzverteilung. 

Das Beispiel macht deutlich, dass Fritz sich so unwohl gefühlt hat, dass er einfach von seinem Schmerz etwas abgegeben wollte. Dies war sehr effektiv. Wenn man sich das Beispiel genau anschaut, hat Neele nachher nämlich genau die Gefühle, die Fritz vorher empfunden hat. 

Wir erleben diese Situation öfters. Zum Beispiel hat Lotti aus Versehen etwas von Penny kaputt gemacht, worüber diese traurig ist. Pennys erster Impuls ist es dann oft, auch etwas von Lotti zu zerstören, um ihr Schmerz zurückzugeben. Nicht immer trifft es die Person, die den Schmerz ausgelöst hat. Zum Beispiel ist Jay wütend, weil es wegen eines Termins von uns Erwachsene nicht möglich ist, dass er bei Penny übernachtet. Hier ist es gut möglich, dass wir ihm das sagen und er, nachdem er alle Argumente ausgeschöpft hat, sich umdreht und Theo anrempelt, woraufhin sich dieser beginnt aufzuregen über die Ungerechtigkeit etc.. Auch hier hat die Schmerzverteilung bestens funktioniert. 

Auch wir Erwachsenen geben unseren Schmerz weiter

Ich glaube, dass unsere Kinder diese Schmerzverteilung noch offener ausleben. Wir Erwachsenen haben meist gut gelernt sie zu tarnen oder sie gar nicht mehr bewusst wahrzunehmen. Da ist zum Beispiel eine bestimmte Person, an der ich kein gutes Haar lassen kann. Oder ein Konflikt, wo der andere mich nicht zu verstehen scheint und ich beschließe, ihm nun auch nie wieder entgegen zu kommen oder behilflich zu sein. Wenn ich mich selbst ganz ehrlich beobachte, dann entdecke ich diese Tendenz auch in mir. Da wo ich verletzt bin, will ich den Schmerz zurückgeben. Nicht mehr allein mit meinen schlechten Gefühlen sein, sondern in dem anderen die gleichen Gefühle verursachen. Natürlich tun wir das meistens nicht bewusst. Aber wenn man sich selbst beobachtet, kommt man nicht umhin, dass einem diese Tendenz bewusst wird. 

Wenn ich mir die Fernsehduelle in Amerika ansehe, dann kommt es mir vor als schaue ich meinen Kindern bei ihrer Schmerzverteilung zu. Der eine hat mich angegriffen, dann schlage ich zurück. Und je betroffener, unsichererer oder verwundeter man ist, umso härter wird oft zurückgeschlagen. 

Neulich habe ich mit den Kindern philosophiert, warum Kriege entstehen. Wir haben darüber gesprochen, dass Kai Theos Auto aus Versehen kaputt macht. Theo dann wütend ist, dass Kai es einfach genommen hat ohne zu fragen und das jetzt auch noch passiert ist. Er rennt in Kais Zimmer und holt sich sein Legoflugzeug und wirft es auf den Boden. Daraufhin läuft Kai wutentbrannt in Theos Zimmer und nimmt sein neues Feuerwehrauto und wirft es aus dem Fenster. So würde es nun immer weitergehen und vermutlich, würde jeder versuchen dem anderen jeweils etwas mehr Schmerz zurück zu geben. Es war ihnen sehr eindrücklich und auch selbstverständlich, dass dies kein wirkungsvoller Lösungsweg ist. Und doch ist es eben oft erstmal der leichtere Weg…

Warum es manchmal gut tut, anderen weh zu tun

Ich glaube, dass dies einen ganz entscheidenden Grund hat: Denn dem anderen Schmerz zurückzugeben, macht zunächst selbstwirksam. Man erlebt sich nicht mehr ohnmächtig und ausgeliefert. Anstatt den eigenen Schmerz zu fühlen, tut man etwas, was einen zwar langfristig nicht wirklich zufriedener macht, aber fürs Erste ziemlich schnell wieder ein Gefühl von Handlungsfähigkeit hervorruft. Man hat das Gefühl diese unangenehme Situation aus eigener Kraft zunächst bewältigt zu haben. In unserem Beispiel zu Beginn, hat Fritz die Situation auf dem Trampolin erstmal aus eigener Kraft gelöst. Neele ist zwar nicht weiter mit ihm gehüpft, aber er blieb zumindest nicht alleine mit seinen schlechten Gefühlen.

Dennoch ist wohl allen klar, dass diese Selbstwirksamkeit auf Kosten anderer erfolgt. Nur Menschen, die selbst so verunsichert sind, glauben wohl noch, dass dies ein effektiver Weg ist und die besten Schmerzverteiler „gewinnen“. (Umso erschreckender, wenn solche Menschen auch noch politische Macht bekommen und von Menschen gewählt werden. Vielleicht haben diese Menschen selbst solch großen Schmerz, dass sie jemand suchen, der den Schmerz für sie am besten auf der ganzen Welt verteilt, damit sie damit wenigstens nicht mehr alleine sind.)

Schmerzversorgung statt Schmerzverteilung

Aber was kann man stattdessen tun? Welche alternativen Wege kann man einschlagen? Bei sich selbst, in Beziehungen und im Umgang mit Kindern?

Wir sehen eine große Chance in einem Weg der Schmerzversorgung, anstatt den Schmerz an andere zurückzugeben oder zu verteilen. Dieser Weg der Schmerzversorgung ist durchaus nicht einfach. Doch wir glauben, dass er langfristig Beziehungen schützt und Frieden stiftet.

Wie dieser Weg aussehen kann, wollen wir in den folgenden Punkten kurz skizzieren:

1. Bewusster wahrnehmen

Um eine Schmerzverteilung zu stoppen bzw. erst gar nicht damit zu beginnen, muss man den eigenen Schmerz überhaupterstmal wahrnehmen. Eine Schmerzverteilung funktioniert ganz automatisch, sozusagen ein Reflex zum Selbstschutz. Die Schmerzversorgung hingegen, ist eine bewusste Entscheidung, sich um sich selbst zu kümmern, anstatt die eigenen Gefühle an andere zu verteilen. Hier ist es hilfreich sich selbst zu beobachten. Wie fühle ich mich, wenn ich Schmerz verteilen will? Eher traurig? Eher wütend? Oder ganz anders? Merke ich vielleicht sogar in meinem Körper etwas bestimmtes, wenn ich Schmerz verteilen möchte? Ich kann zum Beispiel spüren, wie mein Brustkorb ganz fest wird. Oder es gibt bestimmte Sätze, die einem in solchen Momenten durch den Kopf huschen, wie z.B. „Nicht mit mir!, Das lasse ich mir nicht gefallen!, Ok, ich kann auch anders!, Jetzt ist das Maß voll!, Mit mir kann man es wohl machen?!“ oder ähnliches. All diese Beobachtungen können Hinweise darauf sein, dass wir uns grade innerlich in Not befinden und dringend unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Diese Gefühle, Körperwahrnehmungen oder inneren Sätze zu bemerken, verschafft den Raum inne zu halten. Zu merken, dass man jetzt gleich „ausrasten“ wird, ist schoneine enorme Hilfe und vergrößert den eigenenHandlungsspielraum. 

2. Meins oder deins

Nun kann man genauer hinschauen, um wessen Schmerz es sich hier eigentlich handelt. Bin ich verletzt? Oder hat mir jemand seinen Schmerz gegeben?

Wenn Penny wütend ist, dann bin ich oft die dümmste Mama, die es auf der Welt gibt – und das ist noch die salonfähigste Variante. Sie verhält sich dann manchmal so, dass sie Dinge tut oder sagt, die irgendwann in mir ebenfalls heftige Gefühle auslösen. Manchmal sage ich dann zu ihr: „Jetzt ist es bei mir angekommen!“ Sie hat ihren Schmerz an mich verteilt und ich fühle es jetzt auch. Anstatt ihn ihr jetzt wieder zurückzugeben, versuche ich mich darin, sie zu sehen in dem wie es ihr geht. Meine eigenen Gefühle sind mir da oft eine große Hilfe, denn sie löst meist ganz Ähnliches in mir aus, wie das, was sie grade empfindet. Sobald es mir gelingt das zu bemerken, versuche ich den Schmerz nicht zu meinem eigenen zu machen. Im Bild gesprochen, nehme ich ihn zwar, aber nicht in mich auf, sondern halte ihn in meinen Händen, so dass wir gemeinsam darauf schauen können.

Wenn ich hingegen bemerkte, dass mich etwas emotional auslöst und ich am liebsten Schmerz verteilen will, ist es sinnvoll inne zu halten. Dies ist oft schon ein ganz entscheidender Schritt. Wenn ich zum Beispiel meinem Partner in einem Konflikt sage, dass ich grade sehr betroffen bin, mich erstmal sortieren will und gerne zu einem späteren Zeitpunkt weiterreden möchte. So kann die Schmerzverteilung gestoppt werden und ich bekommen die Möglichkeit mich zunächst selbst zu versorgen.

3. Ein liebevoller Blick auf mich selbst

Ich schaue liebevoll auf mich und mein momentanes Verletztsein. Sehe, welche Gefühle sich mir da zeigen und welche Bedürfnisse schmerzlich unerfüllt sind. All das, was ich dort in mir wahrnehme, lasse ich sein ohne es zu bewerten. Ich verurteile mich nicht, dass ich schon wieder… oder immer noch nicht… usw. Ich nehme es wahr und nehme es an. Vielleicht erinnert mich die Situation auch an bisher Erlebtes. Hat in mir zusätzlich noch alte Gefühle wiederbelebt, die jetzt auch alle noch mitmischen. 

4. Verantwortung übernehmen

Getreu dem Grundsatz der Gewaltfreien Kommunikation, dass andere Menschen nicht für meine Gefühle verantwortlich sind, übernehme ich die Verantwortung für mich und meine Gefühle. Ich warte nicht länger, bis ich mit meinen Verletzungen gesehen werde, sondern kümmere mich nun fürsorglich um mich selbst. 

Wo zeigen meine Gefühle mir meine unerfüllten Bedürfnisse? Welche sind das? Und welche Möglichkeiten habe ich noch meine Bedürfnisse zu erfüllen?5. Für mich selbst eintreten

Wenn ich mich selbst soweit versorgt habe, kann man oft geklärter wieder in Kontakt gehen. Mein Schmerz ist nun bei mir. Ich kümmere mich darum und setze mich und für das ein, was mir wichtig ist. Ich kommuniziere, was ich brauche. Bitte konkret um etwas. Wenn es der Beziehung entspricht, zeige ich mich mit dem, was in mir ausgelöst wurde. Lasse vielleicht auch alte Strategien los, von denen ich dachte, dass sie meine Bedürfnisse erfüllen und suche nach Alternativen.

Intensiver Weg der Selbstheilung

Dieser Weg ist wie gesagt nicht ganz einfach und ist bewusst, dass wir hier vieles nur seicht anreißen. Die einzelnen Punkte sind oft sehr intensive, heilsame Prozesse. Manchmal ist es hilfreich diese Prozesse nicht allein zu gehen, sondern sich Unterstützung zu holen. Zum Beispiel eine*n Freund*in, der/die bereit ist mit mir darauf zu gucken, was grade in und mit mir passiert. 

Meine Kinder lade ich auf den Weg der Schmerzversorgung ein, indem ich versuche die Schmerzverteilung möglichst zeitig zu stoppen und zu schauen, was eigentlich grade in ihnen los ist. Wenn sie dann in Kontakt kommen mit ihren verletzten Gefühlen und sich trauen, dem anderen diese auch zu zeigen, entsteht wieder Nähe. Es wird klar, was jeder gebraucht hätte und wo die Grenzen verletzt wurden oder Bedürfnisse unerfüllt blieben. Jeder versorgt seinen Schmerz und – das ist wirklich grandios – meistens wollen die anderen sogar sehr gerne etwas dazu beitragen, dass der Schmerz des anderen gelindert wird. Nicht weil sie müssen oder dafür verantwortlich sind, sondern weil sie frei sind und sich nicht mehr schützen müssen. Diese Erfahrung erhöht dann ebenfalls die Selbstwirksamkeit, aber ohne einem anderen Menschen Schaden zuzufügen.

Wer schreibt hier?

Magdalena und Julia vom Blog zweisiebenfuenf.de. Zwei junge Frauen mit insgesamt sieben Kindern (Wow!) und fünf Wochen Zeit: „Ab dem coronabedingten Lockdown im Frühjahr 2020 haben wir zu bloggen begonnen. Wir wollten gerne Menschen ermutigen und inspirieren in ihren Entwicklungsprozessen. Impulse für erfüllende Beziehungen in Familie, aber auch anderen Kontexten, weitergeben. Nach den ersten fünf Wochen, die wir ursprünglich angedacht hatten, hatte uns dieses Projekt schon selbst so begeistert, dass wir noch immer versuchen mit unserem Blog etwas zu diesem Herzensanliegen beizutragen.“

Lust auf euren eigenen Gastbeitrag?

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