Familie, Gesellschaft, Persönliches

Alter Affe Angst. Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht kontrollieren kann?

E676889B-5901-4B85-8671-23C212696713

Meinen heutigen Blogbeitrag möchte ich einem Thema widmen, das mich schon des Längeren beschäftigt: Wie gehen wir mit Dingen um, die wir nicht kontrollieren können? Natürlich bietet die aktuelle Virenhysterie einen konkreten Anlass hierzu. Aber letztlich bringt uns das Thema mit tiefen Fragen unseres Lebens in Berührung: Wie leicht oder schwer tue ich mich damit, mir selbst, anderen und dem Leben zu vertrauen? Wie gehe ich mit Schwäche und Kontrollverlust um? Welche Bedeutung schreibe ich mir selbst in meinen Beziehungen zu?

Drei Beispiele für Kontrollverlust:

1) Eine Freundin rief mich vor wenigen Tagen an, sie müsse unser lang geplantes Treffen in Köln, auf das wir uns beide sehr gefreut hatten, absagen. Ihr Partner habe zu große Angst, sie könne sich bei der halbstündigen Bahnfahrt mit Corona anstecken.

2) Eine andere Freundin machte die Erfahrung, dass ihr Ex-Partner, mit dem sie sich das Sorgerecht teilt, mit allen Mitteln eine Reise blockierte, die sie mit ihrem gemeinsamen Sohn geplant hatte. Letztlich mussten sie und ihr Sohn auf die Reise verzichten.

3) Eine dritte Freundin erlebte, dass ihr Partner das Kind, das sie gemeinsam erwarteten, zunächst nicht mit Freude, sondern mit Ablehnung begrüßte. Erst nach zahlreichen mühevollen Gesprächen  war er bereit, überhaupt über seine Ängste zu sprechen und seine Haltung zu hinterfragen.

Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht kontrollieren kann?

Drei auf den ersten Blick komplett unterschiedliche Situationen – und dennoch konfrontieren sie uns alle drei mit der Frage: „Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht kontrollieren kann?

Im Buddhismus wird die Angst (ebenso wie übrigens Verbitterung, Neid und Selbstsucht) als eine Art Wahrnehmungsfehler gesehen, der uns hindert, das Leben wahrzunehmen, wie es wirklich ist. Was geht in dem Mann vor, der seiner Partnerin am liebsten verbieten möchte, sich jedem potentiellen Risiko auszusetzen? Was geht in dem Ex-Partner vor, der eine Reise blockiert, die seinem Sohn sicher gut tun würde? Was geht in dem jungen Mann vor, der das gemeinsame Kind am liebsten zur alleinigen Sache seiner Partnerin machen würde?

In allen drei Fällen spielt die Angst eine tragende Rolle. Angst vor Kontrollverlust, Angst, einer anstehenden Situation nicht gewachsen zu sein, Angst, Beziehungen womöglich hinterfragen zu müssen und mit eigenen Schwächen konfrontiert zu werden.

Wollen wir uns unserer Angst stellen?

Ja, wir tun uns oft nicht leicht, uns dieser Angst zu stellen. Statt dessen gehen wir in den Kampf, werden aggressiv und kontrollierend oder versuchen instinktiv der Situation zu entfliehen, indem wir uns unserer Verantwortung nicht stellen, einem Thema ausweichen, die Augen verschließen. Gerne werfen wir uns dann unsere gegenseitige Abwehrstrategie vor: „Du willst die Tatsachen nicht sehen“ vs. „Du verrennst dich in diese Sache“. Manchmal ist unsere Angst (und Selbstsucht) so groß, dass wir den anderen in seinen Bedürfnissen gar nicht mehr wahrnehmen. Wir sind tatsächlich blind, gefangen in unserem „Trugbild“ und sehen die Welt nur noch als bedrohlich. Dann werden Menschen, die wir eigentlich schätzen, für uns zum „unkalkulierbaren Risiko“, wir beginnen wild gegen die Entscheidungen anderer zu kämpfen oder ziehen uns aus Beziehungen zurück.

Was ist der Weg aus dieser Angst?

Es gibt vermutlich nicht den einen, unfehlbaren, Weg aus dieser Angst heraus. Ein Schritt mag sein, uns unsere Angst überhaupt einzugestehen. Dann argumentieren wir nicht mit Fakten oder ziehen uns hinter vermeintlich stichfeste Argumente zurück, sondern wir lassen sichtbar werden, warum wir diese Fakten ins Felde führen: „Ich habe Angst um dich.“ Vielleicht auch: „Ich habe Angst um mich.“ „Ich versuche, die Situation zu kontrollieren, weil ich mich nicht stark genug fühle, mich ihr zu stellen.“ Vielleicht auch: „Ich möchte Macht über dich, weil ich mich im Kern hilflos fühle.“

Solche (Selbst-) Eingeständnisse sind extrem schwer für Menschen, deren Selbstbild um eine Festung vermeintlich unerschütterlicher Stärke herum aufgebaut ist. Weniger „blumig“ formuliert: Wenn ich Angst habe, schwach zu sein, bekämpfe ich alles, was in mir Gefühle von Schwäche und Kontrollverlust erzeugt. Und oft versuche ich eben eher, der vermeintlichen Bedrohung im Außen zu entfliehen, bzw. sie zu kontrollieren, statt mich meinem Bedrohungsgefühl im Inneren zu stellen.

Der Weg aus der Angst ist das Vertrauen.

Und zwar ein Vertrauen, das so tief geht, dass ich mich mit meiner Angst zeige. Indem ich mich meinem Gegenüber mit meinen Gefühlen von Schwäche und Überforderung anvertraue, oder vielleicht auch – im Gebet oder Zwiegespräch- einer höheren Instanz. Ich offenbare meine Angst. Ich unterwerfe mich ihr nicht weiter blind, sondern mache sie sichtbar. Ich lasse sie da sein, ohne sie sofort zu bekämpfen, aber auch, ohne mich von ihr sofort zu weiterem Kampf oder Abwehr anstacheln zu lassen.

Beginne ich die Angst als das zu sehen, was sie ist, nämlich als ein Nebel, der mich umgibt, als ein Zerrspiegel, der mir das Leben bedrohlicher erscheinen lässt, als es tatsächlich ist, nehme ich ihr die Macht über mich.

Der Weg aus der Angst ist auch das Mitgefühl.

Beginne ich, mehr als mein individuelles Wohlergehen in den Fokus zu nehmen, mich tatsächlich für die Bedürfnisse meines Gegenübers zu interessieren und mich mit diesen auseinanderzusetzen, mache ich einerseits vielleicht die verblüffende Erfahrung, dass wir uns in unseren Wünschen und Erwartungen ähnlicher sind als erwartet (vielleicht haben wir sogar beide Angst?). Andererseits erlebe ich überhaupt wieder den Bezug zur Welt und zu meinen Mitmenschen. Statt gefangen in meiner Angst und damit letztlich isoliert zu sein, erfahre ich mich als Teil einer Gemeinschaft und kann aus dieser auch neue Kraft schöpfen.

Von guten Mächten wunderbar geborgen.

Mir persönlich hilft, mich dabei auch im Gebet einer höheren Macht anzuvertrauen:

Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarte ich getrost, was kommen mag, / egal, ob heute oder morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Diese Sätze schrieb sinngemäß der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, als er im Gefängnis der Nationalsozialisten auf seine Hinrichtung wartete. Für mich spricht daraus weder Resignation noch der fatalistische Glaube, sich tatenlos seinem „Schicksal“ ergeben zu müssen. Vielmehr kommt für mich darin eine tiefe Demut dem Leben gegenüber zum Ausdruck: Jawohl, ich kann nicht alles beherrschen, jawohl, das Leben konfrontiert mich mit Dingen, die mich ängstigen, tief verstören oder unglücklich machen. Und JA, ich kann mit diesen Dingen leben. Letztlich bin ich tief geborgen und getragen, auch in meinem Leid.

Machen wir das Vertrauen zu unserer Wahrheit, verliert der „alte Affe Angst“ seine Macht über uns.

In diesem Sinn vertrauensvolle Grüße Sarah

PS. Das komplette Gedicht Bonhoeffers, inklusive der Strophe, die ich in meinem Beitrag etwas umformuliert habe, findet ihr z.B. hier: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

[Foto: Pixabay]

Ein Gedanke zu „Alter Affe Angst. Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht kontrollieren kann?“

  1. Liebe Sarah,
    danke, ein sehr schöner und wahrer Text. Obwohl ich Atheistin bin, kenne ich den Bonhoeffer-Text und die Gedankenwelt des Vertrauens in eine höhere Macht, da auch mein Ex-Mann sehr in dieser (progressiv) christlichen Denke lebte. Ich für mich finde den Gedanken der Selbstwirksamkeit und des Vertrauens in mich und meine Einflussmöglichkeiten viel stärkender und beruhigender als das Vertrauen in irgendetwas Externes – sei es nun real, imaginiert oder irgendwas dazwischen. Ich tue, was in meiner Macht steht, um einer Gefahr oder Bedrohung zu begegnen. Dafür analysiere ich rational, informiere mich und tue, was ich eben kann. Wenn ich all das getan habe und alles in meinen Möglichkeiten stehende geregelt ist, kann ich mich zurücklehnen und den Rest dem Zufall überlassen, denn mehr gibt es aus meiner Sicht da draußen nicht. Aber ich habe eben mein Möglichstes getan, damit bin ich aus dem Schneider und kann nur hoffen, dass das reicht. Für mich ist das beruhigend genug – Angst oder Panik ist nicht mein Ding, ich verzweifle lieber an tatsächlich schon schiefgelaufenen Dingen, nicht an solchen, die potentiell noch in die Hose gehen können.
    liebe Grüße
    Lea

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s