Familie, Persönliches

(Kinder-) Erziehung = Beziehung. Oder: Immer gut für Wasser sorgen unter’m Beziehungsboot

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„Erziehung“ bedeutet für mich, in Beziehung zu gehen. Immer. Sei es bei meiner Arbeit als Lehrerin, als Mutter meines mittlerweile vierjährigen Sohnes, oder auch – und das vielleicht sogar besonders – wenn ich mein eigenes Verhalten ändern möchte.

Ein Artikel der Journalistin und Familienberaterin Uta Allgair hat mich vor kurzem zum Nachdenken gebracht. Sie beschreibt darin mehrere Situationen, in denen der 2-Jährige Sohn einer ihrer Coaching-Klientinnen massiv deren Aufmerksamkeit einfordert und ein „Nein“ seiner Mutter scheinbar nicht akzeptieren kann. Zitat: „Fast jedes ‚Nein‘ führt zu einem Anfall mit Zerstörungswut. Er wirft dann etwas runter, beißt seinen Bruder oder tritt nach der Mama.“ Uta rät ihrer Klientin, ihre Grenzen besser wahrzunehmen, diese klar zu formulieren und Verhaltensweisen, die tatsächlich inakzeptabel sind, wie Hauen oder Beißen, nicht zu akzeptieren.

Wasser unter’m Beziehungsboot

Neben der Bemühung um „Echtheit“ und klare Kommunikation seitens der Mutter ist meiner Meinung nach ein zweiter Aspekt jedoch genau so wichtig, damit Austausch  – und damit gegebenenfalls auch eine Verhaltensänderung beider (!) Seiten – möglich ist: die zwei müssen sich (wieder) wohl miteinander fühlen.

Ich zitiere damit aus einem der ganz wenigen (Paar-) Beziehungsratgeber, die ich tatsächlich mit Genuss – und meinem Empfinden nach auch mit Gewinn – gelesen habe („Was glückliche Paare richtig machen“). Autor Christian Thiel vertritt darin den pragmatischen Ansatz: Nur wenn ich mich mit dem anderen wohl fühle, bin ich auch (innerlich) bereit, mich für ihn zu verändern.

Anders gesagt: Ist die Stimmung bereits schlecht, helfen auch keine Problemgespräche. Im Gegenteil – es geht darum, wieder „Wasser“ unter das gestrandete Beziehungsboot zu bekommen. Christian Thiel empfiehlt hierzu eine Reihe von „Sofortmaßnahmen“:

  • Drei Tage lang keine, wirklich keine, Kritik am anderen.
  • Etwas außerhalb der Beziehung angehen, was einem schon lange unter den Nägeln brennt.
  • Sich klar machen, was man am anderen schätzt.
  • Während des gesamten „Sofortprogramms“ wirklich liebevoll zum anderen sein.

Lassen sich diese „Sofortmaßnahmen“ für Paare auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern übertragen? Natürlich ist ein Zweijähriger kein reflektierter „Beziehungspartner“. Aber benehmen wir uns als Erwachsene in Beziehungen nicht manchmal auch wie Zweijährige? Unser Verhalten in Partnerschaftskonflikten ist oft erstaunlich irrational und lässt sich auf die Nichterfüllung grundlegender Bedürfnisse zurückführen: Sicherheit, Zuneigung, Autonomie. Um nichts anderes geht es wohl sowohl Mutter als auch Sohn im oben beschrieben Beispiel. Vielleicht lohnt sich also doch der Versuch der „Soforthilfe“?

Keine Kritik

Ich lasse all das elterliche „Genörgel“, mit dem ich meinem Kind – lange vor seinem störenden Verhalten – in den Ohren liege: „Jetzt stell das hin!“, Nicht so schnell!“, „Vorsicht!“ „Nicht so laut!“, „Beeil dich!“ etc. Statt dessen reagiere ich klar und konsequent auf echte Störungen, d.h., ich nehme – nach Ankündigung – z.B. die laute Tröte weg oder gehe kurz aus dem Raum, ohne die Beziehung zu meinem Kind durch weitere Ermahnungen zu belasten. Und ich lasse mein Kind ansonsten, soweit keine Gefahr für es selbst und andere besteht, auch einfach mal machen.

Ich gehe – als Mutter oder Vater – etwas außerhalb der Beziehung an, was mir unter den Nägeln brennt.

Ich verschaffe mir also an anderer Stelle Erfolgserlebnisse und lenke meinen Blick von dem Konflikt, in dem ich gerade mit meinem Kind stecke, zurück zu mir selbst. Also Erwachsenenthemen, Erwachsenengespräche. Ich plane die Fortbildung, die ich so gerne machen möchte, aber wegen der Kinder schon ewig verschoben habe. Oder repariere die Türklinke, die am Gartentor seit Monaten wackelt. Oder treffe mich endlich wieder mal mit einer Freundin auf ein Glas Wein. „Ich weiß mir selbst zu helfen!“ Das fühlt sich viel besser an als das innerliche „Ich schaffe das nicht!“, in das mich die Auseinandersetzungen mit meinem Kind zu drängen drohen.

Ich mache mir klar, was ich an meinem Kind schätze.

Natürlich, ich liebe mein Kind. Aber mag ich es gerade auch? Oder hat sich nicht doch ein negativer Filter zwischen uns gelegt? Christian Thiel nennt dies den „Bösen Blick“: „Er ist so anstrengend!“ „Sie ist so laut!“ „Schon wieder Streit!“ „Er lernt auch nie dazu!“ Wie wär’s, wenn ich mich statt dessen ganz aktiv daran erinnere, was ich an meinem Kind schätze? „Sein herzerwärmendes Lachen“, „Ihre Energie, mit der sie auf Neues losstürmt!“ „Sein verträumter Blick, wenn er eines seiner Fundstücke betrachtet!“ Das hilft mir nicht nur, mein Kind wieder mit all seinen Seiten wahrzunehmen, es entspannt mich auch und gibt mir neue Energie, mich für unsere Beziehung einzusetzen.

Ich mache meinem Kind eine Freude

Für meinen Sohn (4) ist es im Moment das Größte, wenn ich mit ihm spiele. Die Parade der Matchboxautos, Kuchenbacken für die Kuscheltiere, ein Wettrennen durch die Wohnung. Hauptsache ich bin bei ihm. Ganz. Also – „Sofortprogramm“ – nehme ich mir die Zeit genau dazu. Erst recht, wenn wir gerade eine konflikreiche oder angespannte Zeit miteinander haben. Ich wende mich bewusst ihm zu statt von ihm ab. Und kann danach viel klarer auch wieder meine eigenen Interessen vertreten. Oft folgt mein Kind mir dabei auch tatsächlich, denn sein Liebes- und Zuneigungstank ist wieder voll und gibt ihm (neue) Kraft, zu kooperieren.

Ein „Sofortprogramm“, wie das oben genannte, kann für die Entspannung sorgen, die ich – und mein Kind – benötigen, damit eine Veränderung zwischen uns überhaupt möglich ist. Als Eltern die Balance zu finden zwischen „Gut-bei-sich-Bleiben“ und der Zuwendung zum anderen ist ohnehin nicht leicht. Sie gelingt meiner Meinung nach eher, wenn wir uns in unserer gemeinsamen Beziehung wohl und sicher fühlen. Die oben beschriebenen „Sofortmaßnahmen“ können meiner Meinung nach auch Eltern helfen, in stürmischen Zeiten das „Familien-Beziehungsboot“ auf Kurs zu halten.

Was meint ihr? Wie immer freue ich mich über eure Kommentare!

Herzlichen Gruß, Sarah

[Foto: privat]

4 Gedanken zu „(Kinder-) Erziehung = Beziehung. Oder: Immer gut für Wasser sorgen unter’m Beziehungsboot“

    1. Liebe Angela, danke für deinen Kommentar! Toll finde ich, dass ab einem gewissen Alter Empathie auch von Seiten unserer Kleinen-Großen möglich ist. Morgens war ich noch hundemüde, mein Sohn (4) schon hellwach. Er sah mich prüfend an, grinste und meinte: „Dann muss ich wohl spielen und du schlafen!“ Weg war er und spielte tatsächlich 1/2h alleine, während ich in Ruhe in den Tag starten konnte. An so Momente versuche ich zu denken, wenn es mit der Kooperation mal nicht so klappt!:-) Lg, Sarah

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  1. Sarah, ein wertvoller Beitrag, der mir sehr gefallen hat. Ich habe Glück, denn mein Minime ist generell aktiv, lebensfroh und fordernd. Bei uns sind es Phasen, wenn es mal so gar nicht passt. Das kommt dann mal vor und dauert zwei-drei Tage an. Dann kann die Stimmung auch mal explosiv sein, wenn er sich übt sich durchzusetzen und Mama womöglich gestresst von der Arbeit ist. Wenn die Situation mal wieder vorkommt, werde ich versuchen einen Schritt zurück zu machen und zu sehen, ob Dein Vorschlag passt oder wir es eventuell ohnehin schon intuitiv so machen. Ich bin gespannt. Dankeschön :o) Sovely

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    1. Danke für deinen Kommentar! Ja, ich denke, die „Theorie“ klappt manchmal und manchmal hilft gar nix mehr;-) Was ich auf jeden Fall als hilfreich empfinde: wenn ich innerlich sehr klar in meiner Haltung und zugleich gelassen sein kann. (Liebevoll) Führen, statt zu Nörgeln oder Herumzukommandieren. Da merke ich immer, dass mein Sohn sich auch entspannt und wir genießen dann die Zeit viel eher miteinander. Lieben Gruß, Sarah

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