Familie, Gesellschaft, Politik

Mit Kind auf dem Elektro-Scooter? Wie familienfreundlich sind Leih-Rad und Co?

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Ein Nachmittag Ende November. Ich bin mit dem Rad auf dem Weg nach Hause. Entlang der Strecke überall Leih-Fahrräder, E-Scooter, Carsharing-Autos und zum ersten Mal sehe ich auch Elektro-Motorroller, die sich offensichtlich über eine App aktivieren lassen. Fluch oder Segen alternativer Mobilität?

Als Familie umweltbewusst unterwegs

Als Mutter eines inzwischen vierjährigen Sohnes ist mir eine umwelt- und sozialverträgliche Lebensweise wichtig. Hierzu gehört für mich der achtsame Umgang mit meinen Mitmenschen, aber auch der schonende Umgang mit Ressourcen und eben die Reduktion umweltschädlichen Verhaltens. So versuche ich z.B. Kleidung eher Secondhand zu erstehen und trage einmal erworbene Kleidungsstücke meist über Jahre. Auch Verpackungsmüll versuche ich zu beschränken und ich verzichte bewusst auf ein eigenes Auto. Innerhalb der Großstadt, mit guter öffentlicher Verkehrsanbindung, ist das auch mit Kind gut möglich.

Wie familienfreundlich sind die modernen Transportmittel?

Das führt mich zu der Frage, was ich, unterwegs mit Kind, in Bezug auf öffentliche Transportmittel wirklich brauche:

  • Sicherheit
  • Flexibilität
  • Stauraum
  • nicht zu hohe Kosten

Positiv fallen mir diesbezüglich die Leih-Räder eines Anbieters mit integrierter Sitzschale über dem Gepäckträger auf sowie Carsharing-Unternehmen, bei denen eine Sitzerhöhung in einigen der ausleihbaren Modelle vorhanden, bzw. ein Kindersitz auf Nachfrage reservierbar ist. Ebenfalls hilfreich finde ich ausleihbare Lastenräder, zumal diese in der Anschaffung ja oft relativ teuer und mir im Alltag normalerweise zu unhandlich sind. Toll fände ich auch die Möglichkeit eines Mietservices für Fahrrad-Kinderanhänger, wie ihn in den Sommermonaten manche Fahrradverleihe in Ferienorten anbieten.

Positiv-Beispiel „Deutsche Bahn“

Positiv hervorheben kann ich in diesem Zusammenhang die ansonsten oft kritisierte Deutsche Bahn. Zumindest im ICE auf Mittel- und Langstrecken gibt es neben extra Kleinkindabteilen auch fast immer pro Zug mindestens einen Familienbereich. Hier sind lebhaft spielende Kinder kein Problem, es finden sich auch unkompliziert „Reisebekanntschaften“ zwischen gleichaltrigen Kindern inklusive spontanem Spielzeugtausch. Babys und Kleinkinder fahren zudem kostenlos mit, Kinder und Jugendliche bis einschließlich 15 (!) Jahren ebenfalls, insofern sie in Begleitung der Eltern, deren Lebenspartner, des Vormundes oder der Großeltern reisen und bei der Buchung auf der Fahrkarte vermerkt wurden. Einziger Wermutstropfen: die „Familienreservierung“ (für 2 Erwachsene und bis zu drei Kinder) ist mit 9€ pro Strecke relativ teuer, wenn man mit seinem Kind alleine unterwegs ist, zumal die Reservierung durch nicht eingesetzte Wagenteile oder verspätete Züge doch relativ häufig verfällt. Ich persönlich reserviere für bis zu 3-stündige Bahnfahrten inzwischen nur noch während absoluter Stoßzeiten, z.B. vor Feiertagen oder zu Ferienbeginn. Oft finden sich nämlich tatsächlich noch zwei Plätze im Kinderabteil, auch wenn diese online gar nicht mehr als verfügbar angegeben werden. Bei mehr als zwei Reisenden empfiehlt sich allerdings die Reservierung.

In Regionalzügen habe ich mit Kinderwagen und Gepäck oft gut im Fahrradbereich Platz gefunden und U- und Straßenbahnen sind zum Glück inzwischen auch meist mit dem Kinderwagen nutzbar. Leider verfügen noch immer nicht alle Haltestellen über erhöhte Bahnsteige, so dass zum Ein- und Umsteigen zuweilen die Hilfe netter Mitreisender nötig ist, die einem den Kinderwagen in die Bahn hieven. Auch verdreckte, bzw. nicht funktionierende, Rolltreppen und Aufzüge sind, unterwegs mit Baby oder Kleinkind, natürlich ein Ärgernis. Aber grundsätzlich ist das Reisen mit Bus, U-Bahn oder Fernzug mit Kind durchaus gut machbar.

Vom Land in die Stadt? No way.

Ein echtes Manko sehe ich allerdings in der Anbindung von Vororten oder dem ländlichen Raum an das öffentliche Verkehrsnetz. Ein Bus alle drei Stunden oder nur während der (Schul-) Pendelzeiten sowie zu selten eingesetzte (Regional-) Bahnen laden geradezu dazu ein, von außerhalb eben wieder mit dem privaten PKW in die Stadt zu pendeln. Und mit Kleinkind und Gepäck ist auch der Umstieg von der Bahn auf das Leihfahrrad an der Zielstation keine echte Alternative.

Auch Carsharing-Stationen werben hauptsächlich um ein junges und meist urbanes Publikum. E-Scooter und und E-Motorroller-Verleihe sowieso. Gerade die elektrischen Tretroller, die inzwischen an fast jeder (Innenstadt-) Kreuzung großer Städte zu finden sind, sehe ich aus Familiensicht kritisch. Sie blockieren oft Gehwege und gefährden durch ihr beachtliches Tempo z.B. Passanten mit Kinderwagen. Mit Kleinkind sind sie zudem nicht nutzbar. Und nicht zuletzt findet der Transport zurück zur Ladestationen ironischerweise im Sprinter statt, der zu diesem Zweck die überall verstreuten Roller einsammelt. Eine umweltfreundliche Alternative zu Rad oder PKW sieht anders aus, oder?

Mein Fazit, nach vier Jahren mit Kind unterwegs mit alternativen Transportmitteln?

  • Der Verzicht auf ein eigenes Auto ist innerhalb großer Städte möglich, wird aber bei einer Wohnlage am Stadtrand und erst recht in ländlichen Regionen zum Problem. Hier sind echte Alternativen zum eigenen PKW gefragt. Hinweise und Tipps gern in den Kommentaren!
  • Für Familien sind Lastenräder, ausleihbare Fahrradanhänger und ggf. Fahrräder mit integrierter Sitzschale interessant, diese sollten noch viel flächendeckender verfügbar sein.
  • Für lange Strecken ist die Bahn eine gute Alternative zum eigenen PKW. Ohne Ermäßigung, z.B. durch eine BahnCard, bleibt die Bahn allerdings relativ teuer und gerade für Familien mit mehreren Kindern nicht in jedem Fall attraktiv.
  • Für Ausflüge und Urlaubsreisen, sowie in der Stadt ggf. auch im Alltag, können Carsharing-Anbieter für Familien interessant sein. Sie sind zumindest ein Kompromiss zwischen den relativ inflexiblen öffentlichen Verkehrsmitteln und dem eigenen PKW.
  • E-Scooter und E-Motorroller machen Eltern mit Kinderwagen oder mit Kleinkind an der Hand eher den öffentlichen Raum streitig und sind meiner Meinung nach aus Familiensicht überflüssig.

Alternativ unterwegs zu sein ist möglich – aber noch immer vor allem in der Stadt

Alternativ unterwegs zu sein mit Kind ist also möglich. Aber zumindest bisher bleibt dieses Privileg noch immer vor allem der Stadtbevölkerung vorbehalten. Private Anbieter suchen natürlich auch immer das Geschäft und nutzen (kurzfristige) Trends, wie momentan die Elektromobilität, für ihre Geschäftsideen. Die Lücke besteht meiner Meinung nach dort, wo kein kurzfristiger Gewinn zu machen ist. Hier müssten nachhaltige umwelt- und familienfreundliche Alternativen her: ein wirklich flexibles und dichtes Bus- und Bahnnetz auch in ländlichen Regionen,  funktionierende CarSharing-Angebote auch auf dem Land oder E-Bike-Verleihstationen auf den Dörfern.

Ich freue mich über eure Kommentare: Wie kommt ihr alternativ und „grün“ von A nach B? Schreibt mir gern mehr dazu! 🙂

Herzlichen Gruß, Sarah

PS. Mit diesem Artikel beteilige ich mich an der Blogparade von Jani und Freddy, die ihren Leser*innen die Frage stellen: „Was ist wirklich wichtig für dich?“ Für mich ist eine Antwort auf diese Frage: Wirklich wichtig ist mir ein respektvoller und achtsamer Umgang mit meinen Mitmenschen und mit der Welt um mich herum, wozu für mich auch bewusste und nachhaltige Mobilität gehört. Ohne Dogmatik und mit allen (pragmatischen) Einschränkungen, die der Alltag mit Kind täglich mit sich bringt. Aber eben doch als Teil eines Lebens, das ich meinen Werten entsprechend als gut und stimmig empfinde!

[Foto: privat]

8 Gedanken zu „Mit Kind auf dem Elektro-Scooter? Wie familienfreundlich sind Leih-Rad und Co?“

  1. Liebe Sarah,
    ein paar Anmerkungen:
    1) Leihräder mit integriertem Kindersitz oder ebensolche Leihautos sind mir noch nie untergekommen. Find ich prima!
    2) Gute Nachricht: Wenn die Eltern begleiten, fahren Kinder über 5 und bis 15 Jahren weiterhin kostenlos, müssen nur auf der Fahrkarte eingetragen werden. Das hattest du, glaube ich, falsch verstanden.
    3) Nicht oder nur teilweise nutzbare Reservierungen erhält man komplett erstattet. An den Aufwand gewöhnt man sich…
    4) Wenn wir uns mal im Zug treffen, erkennen wir uns wahrscheinlich an unserem Kinder-Sammlerstück Benni ICE-Bus!

    Schönes Wochenende und geschmeidiges Fortkommen wünscht
    Frau Life Science

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    1. Oh, danke für die Hinweise, v.a. wg. der kostenlosen Reisemöglichkeit für Kinder von 6-15, das war mir so tatsächlich nicht klar, ich ergänze es im Artikel!🙂

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  2. Ich verstehe das gut. Für blinde Verkehrsteilnehmer sind die lautlosen E-Scooter eine Gefahrenquelle. Dazu kommt, dass die Teile gern mal irgendwo in der Gegend abgestellt werden und ich sie nicht immer mit dem Stock erfassen kann.

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  3. Dein Fazit kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich lebe in einer Kleinstadt und unser Neubaugebiet ist oben auf einem Hügel (fast Berg!) und mit dem Fahrrad oder zu Fuß von der Altstadt aus nur sehr blöde zu erreichen. Gegenüber von meinem Haus befindet sich der Kindergarten und morgens und zu den Abholzeiten sind hier ganze Kolonnen von Autos (SUVs) unterwegs, mit denen die Kinder gebracht oder geholt werden. Wann sind eigentlich Fahrgemeinschaften zum Kindergarten aus der Mode gekommen? Die Anbindung mit den Öffis in die Altstadt ist wirklich lächerlich und ohne Auto kommt man nur schlecht voran. Auch wenn es noch so schön ist, mit Kindern ländlich zu wohnen, so hat die Stadt durchaus ihre Vorteile. Und im Alter möchte ich hier oben auf meinem Berg nicht mehr leben.
    LG
    Sabienes

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sabienes,
      danke für deinen Kommentar. Ja, Fahrgemeinschaften mit dem Auto, eine sehr gute Idee. Meine Mutter ist, nachdem wir Kinder nicht mehr zuhause wohnen, extra ins Zentrum einer kleinen Stadt gezogen, von wo aus sie alles zu Fuß oder mit der Bahn erreichen kann. Und sie ist damit inzwischen sehr zufrieden. Paradox: wir suchen die (verkehrsarme) Vorstadt und pendeln dann mit dem Auto hin… Aber was sind echte Alternativen?
      Viele Grüße, Sarah

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