Beruf, Gesellschaft, Persönliches

Mrs. Keating? Mein Beruf, mein Leben und ich

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(C) Der Club der toten Dichter

Lieben Sie Ihren Beruf? Nach fast zehn Jahren als Lehrerin konnte ich heute tatsächlich wieder einmal sagen: Ja, tue ich.

Besuch der alten Dame

Mit einer meiner Klassen, jungen Erwachsenen zwischen zwanzig und dreißig aus Deutschland, Afghanistan, Syrien und Polen, lese ich seit einigen Wochen das Drama „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Für einige ist dies die erste Begegnung mit einem dramatischen Werk überhaupt. Die Sprache ist einfach, die Themen des Werks hochaktuell: was bin ich bereit für Geld und persönliches Vorankommen zu tun? Wie korrumpierbar bin ich in Bezug auf meine Wertvorstellungen? Wie gehe ich mit der Wahrheit um, wenn sie meinen persönlichen Interessen widerspricht? Und mache ich mich schuldig, wenn ich „nur“ dasselbe Unrecht begehe, das alle tun? 

Dürrenmatt packte diese Fragen 1956 in einen recht simplen Plot: eine als junge Frau mittellose, nun reiche „alte Dame“ kehrt in ihr Heimatstädtchen zurück, um sich an ihrem ehemaligen Geliebten zu rächen. Dieser hatte sie Jahrzehnte zuvor verleugnet und im Stich gelassen; nun bietet sie der verarmten Gemeinde eine Million für seinen Tod. 

Wie die Bürgerinnen und Bürger auf ihr Angebot reagieren, wie ihr Handeln allmählich ihre moralische Verkommenheit deutlich macht, war über mehrere Stunden Thema des Unterrichts. Dabei hatten wir verschiedene Szenen auch in Bezug auf ihre sprachliche Gestaltung hin untersucht – „klassischer“ Deutschunterricht eben, wie er vielen teils leidvoll, teils freudvoll vertraut ist: literarische Werke formal und inhaltlich analysieren, bis ihnen der letzte Lebenshauch entwichen ist…

Ad hoc-Theater

An diesem Tag hatte ich davon selbst genug. Es fing damit an, dass ich spontan entschied, eine kurze Szene des Stücks zu spielen statt zu lesen. Als der von Gewissensbissen geplagte betrunkene Lehrer des Dörfchens stieg ich entsprechend der Szenenanweisung kurzerhand zwar nicht auf ein „Fässchen“, wie im Drama beschrieben, aber auf den nächsten Stuhl und machte mich daran, lallend und voller Reue „die Wahrheit“ über die Moral des Städtchens zu verkünden. 

Was soll ich sagen: der Funke sprang über – den weiteren Dialog spielten meine Studierenden selbst, verwandelten sich zu Bürgern des Städtchens, empört und selbstgerecht, scheinheilig und verlogen.

Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen

Was die Philosophin Hannah Ahrendt, Berichterstatterin der Nürnberger Prozesse, 1963 als die „Banalität des Bösen“ bezeichnete, wurde auf einmal greifbar: schuldig mache ich mich auch, wenn ich innerhalb eines Unrechtssystems nur kritiklos meine „Pflicht“ erfülle. Wie gehe ich damit um, wenn ich gefordert bin, Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen?

Dürrenmatt selbst formulierte bereits 1955:

Die heutige Welt, wie sie uns erscheint, lässt sich […] schwerlich in der Form des geschichtlichen Dramas Schillers bewältigen, allein aus dem Grunde, weil wir keine tragischen Helden, sondern nur Tragödien vorfinden, die von Weltmetzgern inszeniert und von Hackmaschinen ausgeführt werden. (Theaterprobleme, 1955)

Was ist der Weg, wenn ich mich nicht von Demagogen und „Weltmetzgern“ instrumentalisieren lassen will? In Bezug auf welche Punkte erlebe ich mich selbst als verführbar?

Meine Studierenden diskutierten an diesem Vormittag wach und mit berührbarem Herzen. Und ich weiß wieder, warum ich meinen Beruf als Lehrerin trotz zuweilen frustrierender Rahmenbedingungen und der „Doppelbelastung“ als berufstätige Mutter liebe: weil in den besten Momenten Gespräche wie diese möglich sind. Weil ich meine Studierenden erreiche und sie in sich selbst Neues entdecken. Weil genau das für mich Lernen ist: Ein Erkennen der Welt und sich selbst und weil es mich tatsächlich glücklich macht, meine Schülerinnen und Schüler dabei zu begleiten!

Herzliche Grüße, Sunnybee

PS. Wen es interessiert: der Titel spielt auf den Film „Der Club der toten Dichter“ (1989) an. Ein wenig pathetisch, etwas brachial in seiner Aussage – und eben doch berührend. Eine Rezension hier!

7 Gedanken zu „Mrs. Keating? Mein Beruf, mein Leben und ich“

  1. Liebe Sunnybee,
    einfach nur toll! Solche Erlebnisse sind wunderbar und geben bestimmt genau die Kraft und Motivation, die aus jeder Deiner Zeilen sprechen. Es ist so schön, jungen, lernenden Menschen solche brennenden Funken einpflanzen und ihre Neugier auf Hintergründe und den eigenen Bezug zu den Dingen wecken zu können.
    Ich persönlich finde ja, die Analyse bis ins letzte Detail haucht Texten oft erst Leben ein, aber das empfindet eben längst nicht Jede*r so und diesen Effekt erzeugen zu können, ist eine tolle Sache!
    liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Lea, für deine Mit-Freude!🙂
      Ja, diese Momente tragen mich durch den Schulalltag, der natürlich auch durch manches geprägt ist, was ich als weit weniger angenehm empfinde. Das eigentliche Unterrichten macht mir aber auch nach knapp 10 Jahren im Beruf oft noch richtig Spaß und ich empfinde es als tief befriedigend, diese jungen Erwachsenen an den „Funken“ in sich zu erinnern, bzw. ihn mit ihnen gemeinsam zu einer Flamme der Begeisterung und des Erkennens werden zu lassen!
      Merke, das mit der Flamme und dem Geist, der uns erfüllt, passt sogar zu den Pfingsttagen gerade, wenn auch ohne religiösen Kontext…😜
      Herzliche Grüße nach Aachen, Sunnybee

      Liken

  2. Hallo Sunnybee
    Es ist doch toll, nach zehn Jahren zu so einem Fazit kommen zu können. Ich arbeite auch seit vielen Jahren mit Kindern, zur Zeit als Betreuerin in einer Offenen Ganztagsschule. Ich freue mich jeden Tag auf meine „Arbeit“, denn es ist so befriedigend, wenn du siehst, dass du Kindern helfen kannst, ihren Weg zu finden.
    „Was ist der Weg, wenn ich mich nicht von Demagogen und „Weltmetzgern“ instrumentalisieren lassen will? In Bezug auf welche Punkte erlebe ich mich selbst als verführbar?“
    Sich selbst zu reflektieren und sich nicht instrumentalisieren zu lassen, erfordert ein gewisses Maß an Wachsamkeit. Das erlebe ich für mich immer wieder im Alltag und zwar bereits bei Kleinigkeiten. Interessant zu diesem Thema finde ich auch das Buch „Die Welle“ von Morton Rhue , das ja auch verfilmt wurde.
    Liebe Grüße,
    Britta

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Britta,
      danke für deinen Kommentar und deinen Bericht aus dem eigenen (Arbeits-) Leben! Das Buch „Die Welle“ habe ich, glaube ich, vor Jahren sogar in der Schule gelesen, noch als Schülerin. Da hatte ich wohl auch so eine engagierte Lehrerin!…😉
      Ja, es ist eine tolle, anspruchsvolle Aufgabe, in dieser Weise Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu begleiten und aus Momenten wie diesen ziehe ich die Kraft für die anstrengenden Momente meiner Arbeit (die es natürlich auch gibt)!
      Herzlichen Gruß und schöne Pfingsttage dir, Sunnybee

      Gefällt 1 Person

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