Familie, Hochsensibilität, Persönliches

Das magische Alter: Echte Monster und fiktive Gedanken

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Zwischen drei und sechs Jahren leben Kinder in einer aufregenden Welt. Manchmal schenken sie uns einen kurzen Einblick in dieses Wunderland. „Hallo, Otto!“ – Neben ihnen sitzt ihr Fantasiefreund und löffelt seine Suppe; der süße Hund der Nachbarin kann sprechen, auch wenn Mama und Papa ihn nicht verstehen und wie ist das abends?  Ich will nicht allein schlafen, weil im Schrank dieses Monster wohnt – nein, Mama, du kannst es nicht hören, es bewegt sich nur, wenn du draußen bist!…“

Die Entwicklungspsychologie nennt diese Zeit der regen, geradezu magischen, Fantasie kleiner Kinder im Vorschulalter auch das Alter des „magischen Denkens“. Kinder können dabei ganz in ihrer imaginären Welt versinken. Jedenfalls, bis sie von manchen Eltern unsanft wieder daraus hervorgeholt werden: „Es gibt keine Gespenster, stell dich nicht so an!“, „Du wirst doch nicht im Ernst glauben, dass der Gartenschlauch beißt?!“ Solcherart Reaktionen sind wenig hilfreich, wenn die Einbildungskraft unserer Kinder zu Aufregung oder gar Angstgefühlen führt. 

Auch wenn ein Elternteil nach einer Trennung die gemeinsame Wohnung verlässt und damit ein Stück weit aus dem Leben des Kindes „verschwindet“, kann dieses im magischen Alter davon überzeugt sein, es habe Schuld an der Entwicklung, da es sich den Vater oder die Mutter während eines Wutanfalls „weggewünscht“ hat. Kinder zwischen drei und sechs bei einer Trennung zu begleiten, heißt also auch, diese Besonderheit ihrer Gedanken- und Gefühlswelt zu berücksichtigen und feinfühlig auf ihre Ängste und Erwartungen einzugehen. 

Das Glück im Rollenspiel

Ich selbst merke, dass mir das „magische Denken“ unseres jetzt 31/2-jährigen Sohnes einen ganz besonderen Zugang zu ihm ermöglicht. Zugute kommt uns beiden vermutlich, dass mir seine reiche Fantasie selbst Freude bereitet. Unser Sohn liebt z.B. selbsterdachte Rollenspiele. Da werden zwei hintereinander gestellte Stühle zum „Zug“, in den wir einsteigen um zur Großmutti zu fahren. Ein „Zoowärter“ füttert den „Gorilla“, der unter dem Tisch hinter dem (Backofen-) Gitter auf seine Banane wartet. Außerdem bevölkern Geister, Monster und „Aliens“ seine Welt. Diese werden wahlweise zu Kaffee und Kuchen eingeladen oder in „Räuber-und-Gendarm“-Manier gejagt. 

Ich steige gerne in diese Szenarien mit ein, denke mir auch gern selbst Geschichten aus und diese sind durchaus auch mal absurd und phantastisch. Mein Sohn liebt die spontan zusammenfabulierten Erzählungen während des Anziehens, Zähneputzens etc. Die allzu realistische Welt erfährt in diesen Momenten wohl für uns beide neuen Zauber.

Aberglaube, Ticks und Marotten

Gleichzeitig frage ich mich, warum wir Erwachsenen eigentlich der Meinung sind, das „magische Denken“ beschränke sich auf das Alter zwischen drei und sechs? Bloß weil wir nicht mehr glauben, beim Ablassen des Badewassers könnten wir mitsamt dem Schaum im Abfluss verschwinden? Oder uns bei Regen weinende Wolken und beim Abendessen zankende Hände vorstellen („Mein Brot, nein, mein Brot!“)? 

Immerhin nehmen wir bei wichtigen Terminen immer einen bestimmten Ring/ unser Einstecktuch/ dieselbe Tasche mit („Hat uns ja mal Glück gebracht“), lächeln, wenn wir einem Schornsteinfeger begegnen oder freuen uns, sobald wir ein vierblättriges Kleeblatt gefunden haben. Aberglaube, Ticks und Marotten – sind sie nicht Reste des Glaubens, dass da mehr sein könnte, als wir rein rational erfassen? 

Und sind, auf einer anderen Ebene, nicht alle Hoffnungen und Befürchtungen, die wir mit uns tragen und nach denen wir unser Leben ausrichten, nicht auch ein Stück weit „magisches Denken“? Wie oft waren wir schon hocherfreut, verzweifelt oder empört, weil wir das Verhalten eines anderen Menschen auf eine bestimmte Weise gedeutet oder eine bestimmte Reaktion nur in Gedanken vorweggenommen haben? Die „Monster“ der Erwachsenen wohnen nicht mehr unter dem Bett, aber ihre Wirkungskraft ist kaum weniger groß. Sollen wir um unseren Job bangen, weil der Chef die letzten Wochen so unzufrieden wirkte mit unserer Arbeit? Wenn wir neben dem Telefon sitzen bleiben (bzw., in modernen Zeiten, das Handy nicht aus den Augen lassen), ruft ER an – garantiert… Und wenn wir uns nur kräftig genug im Fitnessstudio quälen/den Rhetorikkurs belegen/uns in Achtsamkeit üben, werden wir mit Erfolg und Glück gesegnet sein.

Wie zähmen Kinder ihre „Monster“?

Vielleicht sollten wir genau beobachten, wie unsere Kinder mit ihren „Monstern“ und „Glücksgeistern“ umgehen? Ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Aufregung und Freude ist so real wie unsere. Wir mögen deren Auslöser zwar zum „Hirngespinst“ erklären – aber haben unsere Ängste und Hoffnungen realere Ursachen? Liegt ihnen nicht oft allein unsere Deutung einer bestimmten Situation zugrunde? Also Spekulation, Interpretation, letztlich bloße Gedanken? 

Ja, wir können nicht mehr zu Mutti – oder Vati – laufen und um Beistand bitten, wenn wir von Angst geschüttelt im Dunkeln liegen. Und ja, wir teilen nur mit wenigen unsere wildesten Träume und Phantasien. Aber vielleicht können wir uns selbst ein Stück weit die feinfühlige Mutter, der liebevolle Vater sein, der uns im Umgang mit unseren ganz persönlichen Geistern begleitet?

Hat mein Sohn nachts Angst, allein aufs Klo zu gehen, weil es ihn im dunklen Flur gruselt, sage ich nicht: „Es gibt keine Gespenster, stell dich nicht so an!“ Ich nehme ihn an die Hand und verspreche ihm: „Wenn dir eines begegnen sollte, beschütze ich dich.“ Erzählt er mir von seinem Fantasiefreund und dessen Abenteuern, sage ich nicht „Lüg doch nicht!“, sondern freue mich mit ihm. So gehen wir – in Freude und Furcht – für einen Moment gemeinsam durch seine Welt. 

Warum sollte ich mir selbst nicht eine ähnlich liebevolle Begleitung sein? Bedrängen mich das nächste Mal meine ganz persönlichen (Gedanken-) Geister, nehme ich mich an die Hand und führe mich durch meine Furcht. Und andererseits erfreue ich mich an meiner reichen Gedankenwelt und begleite mich mit Freuden in mein ganz persönliches Land des Zaubers und der Magie. 

Wir brauchen nicht als Alice (oder Alois) im Wunderland neue Welten zu entdecken. Es reicht, wenn wir uns von der Magie unserer ganz realen Welt berühren lassen. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

2 Gedanken zu „Das magische Alter: Echte Monster und fiktive Gedanken“

  1. Sehr schön, liebe Sunnybee. Vor allem dieser Satz gefällt mir: „Vielleicht sollten wir genau beobachten, wie unsere Kinder mit ihren Monstern und umgehen? Ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Aufregung und Freude ist so real wie unsere.“ Und wie schön, dass du deinen Sohn so liebevoll vor den Gespenstern im Flur beschützt.
    Das magische Alter unserer Kinder endet irgendwann. Genieß es, so lange es geht. Ich mache das auch. Denn nicht mehr ewig, dann kommen sie in die Pubertät 🙂
    Liebe Grüße, Christina

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    1. Liebe Christina,
      danke – wieder einmal – für deinen lieben Kommentar! Bis zur Pupertät ist es bei meinem kleinen Racker ja hoffentlich noch ein paar Jahre hin, aber ich genieße es tatsächlich, mitzuerleben, wie sich jetzt, mit 31/2, nach der rasanten körperlichen Entwicklung der ersten 2-3 Jahre, ganz offensichtlich sein Geist, sein Humor, seine Phantasie, überhaupt seine Persönlichkeit zu entfalten beginnen. Echt spannend und wirklich oft SEHR schön, das als seine Mama zu begleiten!🙂
      Herzlichen Gruß, Sunnybee

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