Familie, Gesellschaft

Warum unsere Gesellschaft uns Mütter braucht – und was das Ganze mit einem Spaziergang durchs australische Hinterland zu tun hat

Australisches Straßenschild: Kanguru in 2km


Australisches Hinterland? Ich sitze ganz gemütlich in meinem Arbeitszimmer in einem süddeutschen Kleinstädtchen, während ich diese Zeilen schreibe. Dabei kommen mir die Worte einer Kommentatorin in den Sinn, deren Sätze ich vor kurzem auf Social Media gelesen habe: „Als meine Mutter uns als Kinder mit in den Australischen Busch nahm…“ Sie schreibt auf Englisch „bushwalking“; von meinen eigenen Reisen weiß ich, was sie meint. 

Familienausflug auf Australisch

Die Wanderungen durch wilde, kraftvolle Landschaften. Oft über Stunden, ohne anderen Menschen zu begegnen, durch Schluchten, an Farnen, riesigen Bäumen und steilen Hängen vorbei. Für uns in Deutschland ein Abenteuer. In Australien Familienausflüge. Was schreibt sie nun dazu? 

„Meine Mutter erinnerte uns daran, dass wir uns immer an dem schwächsten und verletzlichsten Mitglied unserer Gruppe orientieren sollten.“ Und sie fährt fort: „Daran sollten wir uns auch heute erinnern, wenn wir Wege planen: Wo und in welcher Weise sich Frauen bewegen können, wird oft dadurch bestimmt, wohin kleine Kinder gehen und was sie tun können.“ In anderen Worten: Mütter entwickeln durch ihre Verantwortung Kindern gegenüber den selbstverständlichen Blick für die Bedürfnisse und Belange von Menschen, die abhängig von ihnen, schwächer und verletzlicher sind als sie selbst.

Was macht das mit uns Müttern?

Und was würde ein solcher Perspektivwechsel mit unserer Gesellschaft machen? 

Eine Gesellschaft, die ganz automatisch Entscheidungen mit Blick auf die schwächsten und verletzlichsten ihrer Mitglieder treffen würde – und nicht, wie aktuell, mit Blick auf diejenigen, die – möglichst unabhängig von anderen – Leistung erbringen? 

Sarah Zöllner & Aura-Shirin Riedel

Mütter. Macht. Politik. – Ein Aufruf!

Magas-Verlag, 18 €
ISBN: 978-3-940537-11-0


Wir hätten in aller Selbstverständlichkeit überall Barrierefreiheit. Rampen und breite Türen, Ansagen an Bahn- und Bushaltestellen, Braille-Schrift im öffentlichen Raum, Formulare mit einfacher Erklärung, Waschbecken auf Hüfthöhe, um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Wir hätten Verständnis dafür, dass Dinge Zeit brauchen. Sich anziehen, sich bücken, vorankommen. Tempo ist nur EIN Maßstab für Qualität. Ein anderer kann sein, Dinge durch Muße und Konzentration in weit mehr Tiefe zu erfassen. Das Diktum „schnell = gut“ würde uns aus seinem Klammergriff entlassen und endlich hätten wir – gefühlt – auch wieder Zeit für all das andere, was unser Leben lebenswert macht, könnten hinsehen, wahrnehmen, genießen, uns in Austausch vertiefen. 

Wir wüssten wieder, warum wir unsere Kräfte entfalten: Weil sie die Balance halten aus Geben und Nehmen. Weil wir sie (sinnvoll) für andere entwickeln und bewahren dürfen – und nicht nur für unser eigenes Wohlergehen. Weil wir umgekehrt das Glück erleben können, tiefer Dankbarkeit zu begegnen und auch der Stärke, die darin liegt, Hilfe anzunehmen. Wir würden uns ganz neu und anders begegnen: Nicht auf unsere Funktion, Profession und Leistung ausgerichtet, sondern auf uns als Person und Persönlichkeit. Statt „Was machst du beruflich? Was verdienst du? Was sind deine Ziele?“ die Fragen „Wer bist du? Wofür stehst du? Wofür setzt du dich aus tiefer Überzeugung ein?“

Das alles würde unserer Gesellschaft ein natürliches Netz aus Bindung und (positiver) Verpflichtung schaffen. Wir als Individuen verwoben in die Verantwortung anderen gegenüber. Aber nicht aus Zwang und äußerer Notwendigkeit, sondern weil wir tief in uns erfahren dürften: Gemeinschaft lebt davon, dass wir die schwächsten unter uns tragen. Und nicht nur kommt unser Engagement oft ganz praktisch zu uns zurück – denn einmal werden ganz sicher auch wir schwach sein; auf anderer Ebene stärkt es auch enorm, sich verbunden mit anderen zu fühlen. Wir dürften erleben, was echte Gemeinschaft ist, jenseits von Konsum, Dienstleistungsaustausch und punktueller Anerkennung.

Das alles wäre kombiniert mit einem gut geerdeten, im praktischen Tun verankerten Blick für das Wesentliche. Wir würden wieder lernen, uns Zeit zu nehmen für die Dinge, die uns wichtig sind und uns mit einem Gefühl von Sinn erfüllen und weniger das ausführen, was uns andere als sinn- und wertvoll vor die Nase halten. Wir würden wieder mehr zu unserem eigenen Kompass und damit in aller Verbundenheit und auch wechselseitigen Abhängigkeit innerlich frei. 

Was macht uns als Menschen glücklich?

Wem das jetzt allzu abgehoben klingt, der frage sich, wo und wann Menschen besonders glücklich sind

  • Es ist, wenn Zeit da ist.
  • Wenn Gemeinschaft da ist, die trägt und zugleich Raum lässt.
  • Wenn das Bewusstsein da ist, in etwas eingebunden zu sein, das größer ist als ich selbst.

Im besten Fall kennen wir Mütter diesen Zustand – aus den Glücksmomenten, die wir im Privaten wie Beruflichen in tiefer Schaffens-, Fürsorge- und Schöpferkraft erleben dürfen. 

Unsere Gesellschaft braucht mehr von diesem Blick, der über uns selbst hinausgeht. Sie braucht mehr Mütterlichkeit im besten und umfassendsten Sinn. Denn diese Form, zu schützen, zu bewahren und die Schwächsten unter uns im Blick zu behalten ist im Kern eine enorme Stärke. Sie ist nicht auf Frauen – und erst recht nicht auf Mütter – beschränkt, auch Väter, Großeltern, Kinderlose können sie entwickeln. Aber sie greift eine Erfahrung auf, die Mütter eben in besonderem Maße kennen.

Für andere zu sorgen ist eine grundlegende Qualität; und eine Gemeinschaft, die die Sorge für andere in ihr Zentrum stellt, hat eine ganz besondere Kraft. Lasst uns erkennen, dass wir ein solches – wirklich gutes – Leben wert sind. Auch im Ganzen, als Gesellschaft. So vieles ist möglich, wenn wir das endlich (wieder) begreifen! 

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

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[Fotos: Pixabay, Magas-Verlag]

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