Familie, Gesellschaft

„Kind, kauf dir was Schönes!“ Elternsein und Konsum

Spielzeugkasse mit Spielgeld von oben

Als ich selbst noch ein Kind war, kamen zuweilen mein Opa und meine Tante zu Besuch. Mein Opa immer mit den Armen voller Laugenbrezeln und sonstiger Leckereien. Noch mit zehn, elf Jahren setzte ich mich Brezeln essend auf seinen Schoß und kuschelte mich an ihn. Diese Momente liebten mein Opa und ich gleichermaßen; bis heute verbinde ich damit die Erinnerung, wie liebevoll – und ganz praktisch – er für uns, seine Liebsten, sorgte. Ein Moment der Zärtlichkeit und der erwartungslosen, heiteren Freude am Zusammensein.

Ist Konsum grundsätzlich schlecht?

Vor kurzem las ich in einem Artikel des Neurowissenschaftlers Gerald Hüther die Aussage: „Das Leben besteht nicht darin, sich irgendwelche Konsumbedürfnisse zu erfüllen. […] Menschen, die nicht wissen, wer sie sein wollen, kann man alles aufschwatzen. „Was ist eigentlich die Würde? Was für ein Mensch will ich sein?“ Das sind Fragen, die passen nicht in eine Konsumgesellschaft.“ Ist Konsum also „Bäh“ – für uns, für unsere Kinder – und wir sollten alle möglichst darauf verzichten? Ganz so einfach ist das Ganze wohl nicht. Denn mein Opa zum Beispiel kaufte ja auch Dinge für uns. Und schenkte mir – als Zeichen seiner Zuneigung – sogar Geld. 

„Guter“ und „schlechter“ Konsum?

Für mich besteht dennoch bis heute ein Unterschied zwischen den Laugenbrezeln, die er für uns kaufte und dem Schein im Kuvert, den er mir ab und zu zusteckte.

Denke ich an die für uns gekauften Brezeln, erinnert mich das an die Zoobesuche mit meinem Sohn, noch vor Corona. Ich bin froh, dass ich damals eine Jahreskarte für uns gekauft habe. So begrüßten wir nach dem Kindergarten zeitweise zweimal pro Woche die Krokodile im Tropenhaus, spielten eine Runde auf dem Spielplatz und radelten danach glücklich und mit klebrigen Mundwinkeln vom spendierten Eis nach Hause. Wenn ich statt dessen im Moment beim Online-Versand das Playmobil-Zoo-Set erstehe, oder beim Supermarkt das Eis im Zehnerpack, erfreut das meinen Sohn ohne Zweifel auch. Tatsächlich essen wir das Eis aber gemeinsam und er zeigt mir anschließend, wie der „Zoowärter“ seines Spielsets die Tiere versorgt – würde ich ihn kommentarlos mit Eis und Spielset stehen lassen, wäre die Freude vermutlich nur halb so groß

Was bewegt mich zum Kauf?

Dass mich das Geld im Kuvert damals vergleichsweise kalt ließ, liegt sicher daran, dass der Tausch „Ware gegen Geld“ für Kinder noch abstrakt ist. Klar, Mama oder Papa kaufen mit Geld Dinge, aber das Geld an sich ist eben erst mal nur buntes Papier – was es tatsächlich ja auch ist. „Geld gegen Zufriedenheit“ – auf diesen Kuhhandel lassen eigentlich erst wir Erwachsenen uns ein – und vermitteln ihn dann leider oft nur zu schnell unseren Kindern. Dann ist das selbstgemachte Eis plötzlich weniger wert als das gekaufte und es soll die teure Jeans oder das Markenrad sein – preiswert oder gar umsonst scheint auf einmal suspekt zu sein.

Die Frage ist also wohl nicht, ob wir überhaupt Dinge kaufen, denn wenn wir nicht gerade als Selbstversorger auf dem Land leben, tun wir das ohnehin. Die Frage ist: aus welchen Beweggründen kaufen wir? Brauchen wir diese Dinge tatsächlich (wie Grundnahrungsmittel oder eine Basisausstattung an Kleidung) oder machen wir uns oder anderen mit ihnen eine Freude? Oder versuchen wir durch den Kauf einen, wie auch immer gearteten, Mangel zu beheben? Kaufen wir unserem Kind das neueste Spielzeug, weil wir gerade zu wenig Zeit mit ihm verbringen? Weil wir es kurz zuvor gestresst angeschnauzt haben oder einfach, weil wir selbst gewohnt sind, uns über Konsum zu belohnen oder abzulenken?

Eigentlich haben wir genug

Denn tatsächlich gibt es genug andere Wege, wie wir einander beschenken und eine schöne Zeit verbringen können. In gewisser Weise haben uns das auch die letzten 11/2 Jahre der Pandemie gezeigt: Zeit in der Natur, ein selbstgebackener Kuchen oder die vorgelesene Geschichte – das alles ist (fast) kostenlos und bringt uns dennoch Freude und Verbundenheit. Und selbst Alltägliches, wie unseren Bedarf an Lebensmitteln, könnten wir eigentlich aus den decken, was ohnehin schon da ist. Wir leben in einem solchen Überangebot, dass wir uns gut von dem ernähren könnten, was zum Beispiel Supermärkte oder Restaurants einfach wegwerfen. Initiativen wie die „Tafeln“, die deutschlandweit kostenlos Essen ausgeben oder auch die „Lebensmittelrettung“, die Nutzung von weggeworfenen, noch verwertbaren Nahrungsmitteln, verfolgen genau diesen Ansatz.

Zugleich lässt das vergangene Jahr vermuten, dass wir immer dann, wenn andere essentielle Dinge fehlen, wie die Nähe zu unserem Liebsten, Entspannung und ausreichend Zeit, dazu tendieren, besonders viel und wahllos zu konsumieren. Zumindest könnte das einer der Gründe sein, warum der Online-Versandhändler Amazon im vergangenen Jahr Rekordzahlen schrieb, ebenso wie die fünf größten deutschen DAX-Unternehmen. (Übermäßiger) Konsum als Kompensation für andere, nicht mit Geld erwerbbare, Dinge, an denen es uns gerade mangelt?

Wege zu einem bewussteren Konsum

Was bedeutet das alles in Bezug auf unsere Rolle als Eltern? Natürlich können wir unsere Kinder auch mit materiellen Dingen beschenken. Zudem werden sie spätestens ab dem Kindergarten durch ihre Umwelt ohnehin mit Geld und seiner Bedeutung konfrontiert. Um das materielle Schenken allerdings nicht an die Stelle wichtigerer Dinge zu setzen, können wir uns konkrete Fragen stellen: 

  • Möchte mein Kind dieses Geschenk aus einer Laune heraus oder ist es ein lang gehegter Wunsch?
  • Schenke ich, um meinem Kind oder eher mir selbst eine Freude zu machen?
  • Gibt es eine Aktivität, die ähnlich viel Freude macht, aber nichts (oder weniger) kostet?
  • Unterscheidet mein Kind schon zwischen Gekauftem und Selbstgemachtem und bewertet es das Gekaufte höher? Leben ich oder Menschen in seinem Umfeld ihm das vor?
  • Wie gehe ich mit Spielzeug um, das defekt ist: repariere ich es oder werfe ich es weg und kaufe etwas Neues?
  • Bekommt mein Kind Geschenke (auch Geld) zur Belohnung für kooperatives Verhalten im Alltag?
  • Wieviel Zeit nehme ich mir für mein Kind?

Letztlich möchten wir uns über den Konsum wohl tatsächlich tieferliegende Bedürfnisse erfüllen. Und ich gebe Gerald Hüther recht: sind wir uns unseres inneren „Kompasses“ nur wenig bewusst und verfolgen nur in geringem Maß Werte, die wir aus uns selbst heraus vertreten, sind wir leichter für das Versprechen von außen zu haben, auf dem aller (Über-) Konsum basiert: „Kauf mich, ich mach dich glücklich!“ Umgekehrt können wir – und unsere Kinder – uns dieser Verlockung umso eher entziehen, je glücklicher wir bereits sind. Die Frage ist also nicht: wie können wir weniger konsumieren? Die Frage ist: was macht uns und unsere Kinder tief im Herzen glücklich? Dann verliert äußerer übermäßiger Konsum ganz von alleine seinen Reiz. 

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: privat]

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