Familie, Gesellschaft

Kein Mensch ist eine Insel – Die Säuglingsmama aber manchmal schon.

Mutter mit Säugling

Es klingt verlockend, was Spielzeughersteller und Krabbelgruppenanbieter jungen Familien suggerieren: Babys erstes Jahr als eine Art verspielte Dauerfreizeit, eine Aneinanderreihung glücklicher Momente. Die Wahrheit sieht oft anders aus. Vor allem Mütter geraten innerhalb weniger Wochen häufig in erschreckende Isolation. Dies ist einerseits bedingt durch die umfassende Bedürftigkeit des Neugeborenen, aber vor allem durch die noch immer bestehende gesellschaftliche Erwartung, Mutter und Baby seien eine untrennbare Einheit, die Frau „natürlicherweise“ monatelang hauptverantwortlich für die Betreuung des Neugeborenen. Nicht wenige Mütter werden so mit der Geburt ihres Kindes herauskatapultiert aus (fast) allen sozialen Gefügen, vor allem im beruflichen Kontext sind sie auf einmal in spürbar anderer Position als ihre kinderlosen Kolleg/innen. Kein Mensch ist eine Insel – die Säuglingsmama manchmal schon. 

Ich schreibe hier bewusst über Mütter. Den Vater des Neugeborenen betrifft dieses Phänomen nämlich deutlich seltener. Nicht nur nehmen noch immer die meisten Männer maximal zwei Monate Elternzeit, beziehungsweise engagieren sich sogar mehr als vor der Geburt ihrer Kinder im Beruf – selbst wenn Väter sich mit ihren Partnerinnen die Fürsorgearbeit gleichberechtigt teilen, geraten sie seltener ins gesellschaftliche Abseits. Ihr Engagement wird zwar womöglich skeptisch beäugt, aber doch keinesfalls für so selbstverständlich gehalten, wie das bei Müttern oft der Fall ist. Der Vater eines Neugeborenen, der andererseits bekennt, mit diesem noch wenig anfangen zu können, erntet gegebenenfalls sogar Verständnis, wobei eine Mutter, die ähnliches äußert, schnell als selbstsüchtig oder gar „unweiblich“ wahrgenommen wird. 

Mutterschaft ist ein hoch emotionales Konzept, Autorinnen wie Sheila Heti („Mutterschaft“), Susanne Mierau („Mutter. Sein“) oder Orna Donath („Regretting Motherhood“) haben es bereits aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und hinterfragt. Ich selbst möchte an dieser Stelle die Frage stellen, warum wir die soziale Isolation von Müttern so wenig im Blick haben, obwohl durch sie doch ganz offensichtlich ein nicht geringer gesellschaftlicher und auch wirtschaftlicher Schaden entsteht. Frauen, die sich nach der Geburt ihres Kindes einsam und überlastet fühlen, fällt es nicht nur schwerer, dauerhaft fürsorglich ihren Kindern gegenüber zu sein. Ihnen bleibt auch weniger Kraft, berufliche Aufgaben zu erfüllen und ihre Partnerschaft leidet in vielen Fällen darunter, was zu Trennungen und – oft kostspieligen und für alle Beteiligten emotional belastenden – Scheidungen führen kann. Und selbst eine Mutter, die scheinbar mühelos Kinderbetreuung, Beruf und Partnerschaft unter einen Hut bringt, zahlt oft einen Preis, nämlich den, sich selbst in all den Anforderungen des Alltags zu verlieren.

Dass das Elternsein mit Kindern im Säuglings- und Kleinkindalter ein herausfordernder, kräftezehrender Dauerjob ist, dürfte sogar Kinderlosen bekannt sein. Dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen dabei allerdings immer noch so gestaltet sind, dass Eltern – und eben vor allem Mütter – nach der Geburt ihres Kindes häufig mit beruflichem Abstieg und finanziellen Einbußen regelrecht bestraft werden und übergroße Erwartungen in Bezug auf ihre Selbstlosigkeit und ihr familiäres Engagement an sie gestellt werden, ist ein Problem. 

Die politischen Maßnahmen des letzten Jahres zur Eindämmung der Corona-Pandemie verschärfen die Situation für viele Mütter aktuell zusätzlich. Wo zuvor Krabbelgruppen, Elterncafés und Beratungsangebote sowie Netzwerke in Familie und Nachbarschaft Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme boten, leben nun nicht wenige Familien mit Kindern im Baby- und Kleinkindalter komplett auf sich selbst zurückgeworfen. Glücklich, wer  hierbei eine funktionierende und auch emotional erfüllende Partnerschaft führt. Aber auch ohne alleinerziehend zu sein oder in einer lieblosen Ehe festzustecken, sind vor allem Mütter im Alltag häufig weitgehend auf sich gestellt. Ein Umstand, der selbst bei Frauen, die ihre Mutterrolle annehmen und auch ihre Kinder lieben, zu Überlastung und Frustration führen kann. 

Ich persönlich fühle mich aktuell, rund drei Monate nach der Geburt meines zweiten Kindes und mitten im pandemiebedingten Lockdown, interessanterweise weniger isoliert, als dies bei meinem ersten Sohn der Fall war. Vermutlich einfach, weil ich schon weiß, welche emotionalen und physischen Herausforderungen das erste Babyjahr mit sich bringt. Auch meine „Fallhöhe“ im Beruf war bei der Geburt unseres zweiten Kindes nicht mehr so hoch. Es klingt vermutlich zynisch, aber ich hatte bereits nach Kind eins die Erfahrung gemacht, als Mutter mit kleinem Kind auf einmal beruflich nicht mehr ganz für voll genommen zu werden. Nun, bei Kind zwei, kann ich mich fragen: wie möchte eigentlich ich selbst mein berufliches Umfeld gestalten und welchem Arbeitgeber stelle ich meine kostbare Zeit und Energie zu Verfügung? Es muss ein Arbeitsumfeld sein, in dem gerade meine Kompetenz als Arbeitnehmerin UND Mutter geschätzt wird, inklusive Organisationstalent, erwiesener Belastbarkeit, Flexibilität und Frustrationstoleranz. Auch meine Partnerschaft gestalte ich inzwischen so, dass wir uns beide möglichst gleich verantwortlich für unsere Familie fühlen, also nicht ich die Koordinatorin bin und mein Partner lediglich „mithilft“, ohne sich aus eigenem Antrieb für die anstehenden Aufgaben verantwortlich zu fühlen (Stichwort „Mental Load“). 

Das klingt jetzt alles sehr rosig und nach feministisch-bewusster Powerfrau – daher verrate ich hier: ganz so ideal geht es auch in unserer Familie oft nicht zu. Dass wir uns um eine möglichst gleichberechtigte Aufgabenverteilung bemühen, heißt nicht, dass uns dies immer gelingt, beziehungsweise, dass wir uns nicht dennoch zeitweise überlastet fühlen. Auch uns fehlt als Kleinfamilie oft schmerzlich das „Dorf“ aus Großeltern, engen Freunden und anderen Alltagshelfern. Und dass ich einen Text wie diesen schreibe ist durchaus mein Versuch, der Isolation und Monotonie des Babyalltags etwas entgegenzusetzen. 

Als Mütter sollten wir ehrlich mitteilen, dass wir Kontakt und Unterstützung brauchen. Nur so entkommen wir dem Teufelskreis aus Isolation und Überlastung, in den wir in der Babyzeit leicht geraten können. Als Mutter wie auf einer Insel, abgetrennt vom Strom des sozialen Lebens, dahinzuvegetieren, muss nicht sein. Ich wünsche mir Väter, Nachbarn, Großeltern und Familienangehörige, ebenso wie Chefinnen und Chefs und Entscheidungsträger in Wirtschaftsgremien und Parteien, die mithelfen, dass es dazu immer seltener kommt. Einen Teil der Verantwortung sehe ich aber auch bei uns Müttern: wir müssen für unsere Rechte und Interessen eintreten, uns Gleichgesinnte suchen, statt einander womöglich kritisch zu beäugen und vor allem nicht weiter den Mythos der alles entschädigenden selbstlosen Mutterliebe verbreiten. Wir können gute Mütter sein, ohne unser ganzes sonstiges Leben aufzugeben. Vermutlich sind wir es sogar gerade erst dadurch.

Herzlich, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

Mehr von mutter-und-sohn.blog?

Dann abonniere meinen Blog über die sozialen Netzwerke Facebook oder Twitter oder vernetze dich mit mir über LinkedIn. Auch über nette „Likes“ und geteilte Beiträge freue ich mich!

[Foto: Pixabay]

3 Gedanken zu „Kein Mensch ist eine Insel – Die Säuglingsmama aber manchmal schon.“

  1. Auch wenn du absichtlich von Müttern sprichst, finde ich meinen Mann hier auf jeden Fall auch wieder. Er hat sich bewusst dafür entschieden, mit den Kindern zu Hause zu bleiben, aber nach drei Jahren merkte man, dass ihm die Isolation deutlich aufs Gemüt schlug. Er besuchte leider auch keine Elternkurse, weil es ihn nicht reizte, der einzige Mann in der Runde zu sein und den Babyliedern und den Klatschspielen ect. konnte er auch nichts abgewinnen. Andere Papas interessierten ihn allerdings auch weniger, weil diese häufig viel älter waren als er und über Hausbau und Vermögensaufbau redeten. Nicht seine Welt. Also am Ende war das Problem schon auch selbst verschuldet, wenn man immer nur mit den Kids zusammen ist, ist man natürlich isoliert, aber es ließ sich dann doch unglaublich gut und schnell lösen, als er arbeiten ging (er nahm eine Halbtagsstelle als Ergänzungskraft in der Grundschule an).
    Ich würde Müttern dennoch zu vielen Babykursen, Familienfrühstücken und anderen Veranstaltungen raten, wenn sie isoliert zu Hause sind. Wir sind soziale Wesen und daher tut es gut, andere Menschen zu treffen.

    Liken

    1. Liebe Nadine, danke für diese weitere Perspektive! Ja, das Gefühl der Isolation ist an die Situation und nicht an das Geschlecht gebunden. Nur betrifft es noch weit mehr Mütter, weil eben die in den allermeisten Fällen die (Haupt-) Fürsorgearbeit in der ersten Babyzeit übernehmen. Ihr seid da positive Exoten!:-) Dein Rat zum Besuch von Babykursen etc. teile ich. Nur ist er für frischgebackene Mütter (oder auch Väter) aktuell ja auch nicht, bzw. maximal online umsetzbar und das ist einfach etwas anderes als ein Treffen vor Ort. Daher war mir wichtig, im Artikel auch darauf hinzuweisen. Lg, Sarah

      Gefällt 1 Person

    2. Das ist dir auch sehr gut gelungen 🙂 Als positive Exoten sehe ich uns nicht. Wir haben es ja letztlich genauso verkehrt gemacht, nur andersrum 😀

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s