Familie, Persönliches

Von Schmusekissen, Radtouren und vermeintlicher Sicherheit. Wie unsere Kinder uns das Loslassen lehren

Schlafendes Kind mit Kuschelkissen

„Kuschel ist weg.“ Unser Sohn sieht mich erwartungsvoll an, während er mir die Neuigkeit unterbreitet. Offenbar haben sein Vater und er sein geliebtes Schmusekissen bei ihrem gemeinsamen Ausflug verloren. Sekundenlang kann ich meine Bestürzung nicht verbergen. Das Kissen hat uns die letzten gut 2 1/2 Jahre überallhin begleitet, hundertfach geflickt und immer von Neuem „abgeliebt“ – und auf einmal ist es weg! Mein Sohn scheint dies jedoch relativ gelassen hinzunehmen. Gelassener als ich?

Irgendwie ist mir das abgeranzte Kissen ans Herz gewachsen. Ein bisschen wie ein stummes Haustier: über Jahre geliebt und unentbehrlich, bemerke ich tatsächlich Trauer darüber, dass es jetzt vermutlich in einer Straßenecke liegt und wie „Müll“ in einer Tonne entsorgt werden wird. Auch meinem Sohn fehlt sein muffiger Begleiter. Dennoch ist kein „Ach, hätten wir doch besser aufgepasst“, kein „Das hätte nicht passieren dürfen!“ von ihm zu hören.

Warum hadern wir Erwachsenen mit Verlust?

In Bezug auf ein Schmusekissen hört sich das vielleicht dramatisch an. De facto hat unser Sohn seinen „Kuschel“ über Jahre aber zärtlich geliebt. Er trauert also tatsächlich um ihn.

Das tun wir Erwachsenen bei anderen Dingen auch. Aber wie oft quälen wir uns zusätzlich damit, dass wir unsere Trauer nicht annehmen? Es darf nicht sein, dass mir das solchen Schmerz zufügt! Paradoxerweise wandelt sich unsere Trauer in diesem Moment zu Aggression. Diese richtet sich in Form streitbarer Rechthaberei gegen andere oder aber gegen uns selbst, indem wir Schuld über das eigene „Versagen“ empfinden. Letztlich nehmen wir uns dadurch aber die Möglichkeit, die Trauer tatsächlich zu verarbeiten. Wenn wir uns einreden, an unserer Trauer und unserem Schmerz selbst schuld zu sein, ist das ebensowenig hilfreich, wie wenn wir anderen den Vorwurf machen, uns ins Elend gestürzt zu haben.

Gefühle sind wie Wolken. Sie bauschen sich auf, werden groß – und lösen sich wieder auf. Wenn wir bereit sind, sie zu durchleben, können wir sie letztlich auch ziehen lassen. Diese simple und doch umfassende Erkenntnis können wir meiner Meinung nach von unseren Kindern lernen. Besonders, wenn diese (noch) nicht gelernt haben, ihre Wut, Trauer oder Angst einzudämmen und lediglich in „gesellschaftlich konformer“ Form zu zeigen.

Erkenntnisreicher Heimweg mit dem Rad

Hierzu ein weiteres Erlebnis mit meinem Sohn: Nach einem langen Tag unterwegs sind wir auf dem Weg nach Hause beide erschöpft. Die Müdigkeit meines Kindes entlädt sich in hilfloser Wut über den Wind, der zu kalt sei, über den zu langen Weg und überhaupt: er werde keinen Schritt weitergehen!

Einen Moment lang spüre ich selbst heiße Wut in mir aufsteigen. Ich will unseren Sohn gerade scharf daran erinnern, dass wir nur noch etwa 800 Meter von zuhause entfernt sind und er sich nicht so „anstellen“ solle – da bringt mich mein Kind dazu, das einzig Richtige zu tun: Mit Zornestränen in den Augen schreit er mir entgegen: „Mama, halt dein Rad an. Du sollst mich in den Arm nehmen!“ Mit einem Schlag fühle ich ihn wieder. Statt ihm, selbst erschöpft und verärgert, Vorwürfe zu machen, bin ich wieder bei ihm. Ich lasse tatsächlich mein Rad stehen, knie mich neben ihn und umarme ihn fest. Sein Schluchzen und seine Wut verebben fast sofort.

Meinem kleinen, gerade einmal fünfjährigen, Menschlein ist es in diesem Moment gelungen, nicht nur sein wahres Bedürfnis zu erkennen, sondern es auch zu formulieren und damit mir Erwachsenen die Lösung zu der verfahrenen Situation zu zeigen. Nicht auf seine Wut und seinen Widerstand sollte ich reagieren, sondern auf seinen Wunsch nach Nähe und Trost. Neben Zärtlichkeit erfüllt mich das mit Bewunderung, als ich ihn in den Armen halte. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass die letzten Meter nach Hause kein Problem mehr sind. Obwohl sichtlich müde, fährt mein Sohn auf seinem Kinderrad anstandslos und sogar leise vor sich hinsingend neben mir her. Mein Herz wird ganz weit vor Liebe zu ihm. 

Ja, unsere Kinder lehren uns oft mindestens so viel wie wir sie!

Herzliche Grüße, Sarah

[Foto: privat]

2 Gedanken zu „Von Schmusekissen, Radtouren und vermeintlicher Sicherheit. Wie unsere Kinder uns das Loslassen lehren“

  1. Wow, Dein Sohn ist ein echter Lehrmeister für viele Dinge, u.a. wertschätzende Kommunikation, in der das Erkennen und Benennen eigener Bedürfnisse so wichtig ist. Gerade das fällt so vielen Erwachsenen so furchtbar schwer – mir selbst auch. Und der Kleine macht das einfach so – perfekt. Herzlichen Glückwunsch zu so einem tollen Kind! Er wäre mit Sicherheit nicht so, wenn Du ihm vieles nicht vermittelt hättest. Also bist offensichtlich auch Du in dieser Hinsicht gut aufgestellt 🙂
    Liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lea, danke für deinen Kommentar und deine warmherzigen Worte! Ja, in solchen Momenten staune ich über seine emotionale Klugheit – die ich selbst im Alltag auch nicht immer habe. Aber sind wir nicht auf der Welt, um uns zu entwickeln und nicht, um schon perfekt zu sein?! Und offensichtlich werden uns dazu auch die Menschen geschenkt, die uns im Alltag begleiten…:-) Lieben Gruß, Sarah

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