Familie, Gesellschaft, Persönliches

Frohe Weihnachten!

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Heute im Bad: mein Sohn schnappt sich den Hocker, auf dem er normalerweise steht, um sich am Waschbecken die Hände zu waschen, setzt sich darauf, breitet ein Handtuch über die Knie und streckt mir die Hand entgegen. Verwundert sehe ich ihn an. Kein Zuhause“, beginnt er in klagendem Ton: „Bitte ein bisschen Geld geben?

Ich bin perplex. „Woher hast du das denn?“ frage ich ihn und weiß die Antwort sofort selbst: er „spielt“ den Mann, vermutlich rumänischer Herkunft, der uns am Vortag, von seinem Platz vor der örtlichen Post aus, bittend die Hand entgegengestreckt hat. Mein Sohn hatte schon da wissen wollen, ob der Mann „kein Zuhause“ habe und ich hatte ihm versucht zu erklären, dass er arm sei, die Menschen um Geld bitte, um sich etwas zu essen zu kaufen, was man eben so sagt, wenn man mitten in Deutschland mit seinem Kind einem bettelnden Menschen begegnet…

Mein Sohn fährt fort: „Ich keine Mama. Und keinen Papa. Und keine Großmutti, keine Oma und keinen Opa. Du mich in dein Zuhause einladen?“ Abermals verblüfft knie ich mich neben ihn: Das hatte ich ihm am Vortag nicht erzählt. Aber offensichtlich hat er die Not und wohl auch die Einsamkeit des Mannes gespürt und daraus geschlossen, ihm müssten alle fehlen, die meinem Sohn in seiner Welt die Liebsten sind…

Gerührt und auch ein wenig betroffen nehme ich ihn in den Arm: „Natürlich lade ich dich zu mir nach Hause ein!“ Dabei denke ich, wie weit entfernt von meiner „echten“ Reaktion das ist: ein paar Münzen, mit einem freundlichen Lächeln in einen Pappbecher geworfen, ein flüchtiger Gruß, krude Mischung aus Mitgefühl und leichter Scham, nicht mehr zu tun. „Man kann eben nicht allen helfen, oder?“ –

Herzlich frohe Weihnachten euch, in einem – hoffentlich – sicheren, warmen Zuhause! Danke fürs Mitlesen, Mitdenken und den Austausch mit euch hier im Blog. Für die nächsten Tage wende ich mich meinen Lieben und dem Leben außerhalb des Schreibens zu. Hier im Blog lest ihr wieder von mir im neuen Jahr!🙂

Alles Gute, Sarah

[Foto: Pixabay]

 

 

2 Gedanken zu „Frohe Weihnachten!“

  1. Liebe Sarah, deine Geschichte berührt mich, vor allem der Teil mit deinem Sohn. Ich glaube, als Kinder nehmen wir (noch) sehr viel wahr, was wir als Erwachsenen dann oft übersehen.
    Vielleicht könnt ihr das nächste Mal ja kurz stehenbleiben und mit dem Mann auf der Straße reden, oder anders eine Kommunikation herstellen?
    Frohe Weihnachten!
    Eva

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Eva,
      ja, das habe ich tatsächlich auch schon gemacht, stehen geblieben und z.B. gefragt: „Möchten Sie lieber Geld oder soll ich Ihnen einen Kaffee vom Bäcker nebenan holen?“ Einfach normal und freundlich ein paar Worte reden. Ich glaube, was schmerzt, ist vermutlich für viele der dort Sitzenden gar nicht zuallererst die Armut selbst, sondern dass sie die Blicke der Menschen nur noch streifen, statt dass sie ihnen begegnen. Darum hat mich die Reaktion meines Sohnes auch so berührt.
      Herzlich frohe Weihnachtstage dir am anderen Ende der Welt!🙂
      Sarah

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