Hochsensibilität, Persönliches

Sieh dich im Spiegel an: du bist wunderbar

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Ich bin selbstsicher. Aber nicht immer. Ich bin selbstbewusst. Aber nicht in jeder Situation. Ich bin mir meines eigenen Wertes bewusst. Und dennoch fällt es mir manchmal schwer, mich wirklich zu schätzen, wie ich bin.

In einer Welt, in der Stärke, Unerschrockenheit, Leistungsfähigkeit und Fröhlichkeit positiver bewertet werden als Unsicherheit, Sensibilität, Schwäche und Traurigkeit, fällt es auch mir nicht immer leicht, mich mit all meinen Gefühlen und Empfindungen anzunehmen. 

Mach das besser. Stell dich nicht so an. Sei weniger empfindlich.

Sätze, die genau so vermutlich nie jemand mir gegenüber ausgesprochen hat. Jedenfalls nicht, als ich ein Kind war. Und dennoch kenne ich die Empfindung: es ist gut (und ich bin gut), wenn ich verständig, fröhlich, verantwortungsbewusst bin. Wenn ich in der Schule gute Noten schrieb und heute aus der Arbeit gute Laune mit nach Hause bringe. Weniger gut ist, wenn ich Angst habe, wenn ich als Jugendliche keine Lust hatte zu lernen, mich fremd und einsam fühlte unter meinem Freundinnen.

Wann habe ich gelernt, mein schutzloses Inneres zu verbergen? Wann habe ich überhaupt das Bedürfnis nach Schutz negativ besetzt? Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Sätze offensiv als Anspruch an mich gestellt wurden. Am ehesten noch habe ich erlebt, dass Menschen, die mir wichtig waren, sich selbst wenig Schwäche und Schutzbedürftigkeit zugestanden haben. Ja, zum Teil nicht einmal wahrnahmen, dass sie das Bedürfnis nach Schutz, Fürsorge und Erholung hatten. 

Auch heute muss ich mich immer wieder vergewissern, dass alle Gefühle, die ich habe, da sein dürfen. Dass ich mich danach sehnen kann, mich anzulehnen, meine Arme auszustrecken und in der Umarmung eines anderen Menschen zu versinken. Und dass ich zugleich aus mehr als meiner Bedürftigkeit bestehe, dass ich mir selbst Schutz und Geborgenheit schenken kann. Der erste Schritt ist, dass ich mich annehme mit allem, was da ist: Unsicherheit, Trauer, Trotz, Wut und Ängstlichkeit.

Annehmen, was ist

Ein heilendes Element aller Achtsamkeitspraxis ist das Annehmen dessen, was IST. Das sagt sich leicht. Darüber spricht und schreibt es sich leicht. Aber wie nehme ich mich an, wenn ich gerade genau so bin, wie eine Stimme in mir mich niemals haben möchte?

Liebes Kind in mir, du sehnst dich nach Nähe und hast Furcht zurückgewiesen zu werden. Du fühlst dich schwach und unvollkommen und hast höllisch Angst, dich so zu zeigen. Du spürst den hohen Anspruch an dich selbst und hast Angst, ihm nicht gerecht zu werden. 

Mir hilft in solchen Momenten, mich da sein zu lassen mit all diesen Gefühlen. Ja, ich habe Angst, ja, ich fühle mich einsam und traurig. Und ja, ich spüre einen starken Widerstand dagegen, so zu empfinden! DANN IST DAS SO. 

Alles was ist, wandelt sich. Gefühle sind die Wachhunde der Seele. Sie „bellen“ nur umso stärker, je weniger du ihnen Gehör schenkst. Aber zugleich sind sie nicht das, was dich ausmacht. Also lass dich nicht von ihrem zähnefletschendem Grimm erschrecken. Sieh sie an, sei DA mit ihnen und beginne zugleich wahrzunehmen, dass sie nur ein Teil von dir sind. 

Wir sagen leichthin: Ich bin traurig, ich bin verletzt, ich bin wütend. Oder gar: „Du machst mich traurig“, „Du verletzt mich“, „wegen dir bin ich wütend“.

Aber es ist immer nur ein Teil in uns, der gerade mit Trauer, Wut, Verletztheit, Misstrauen, Furcht auf das Außen reagiert. 

Auch als erwachsene, im Leben stehende Frau reagiere ich manchmal mit Verschlossenheit, wo ich mich eigentlich danach sehne, mich zu öffnen oder mit Aggression, wo etwas in mir eigentlich nach Schutz verlangt. Noch immer versteckt sich zuweilen mein wahres Sein. Ich verstecke es vor mir und vor der Außenwelt. 

Mich sehen, wie ich bin

In solchen Momenten spüre ich: Ich will und muss innehalten. Ich will auf mich lauschen, meine Gefühle und Empfindungen betrachten, ohne ganz in ihnen aufzugehen. Aber auch, ohne direkt auf sie zu reagieren, sie zum „Schweigen“ bringen zu wollen. Dann bin ich einfach DA mit allem, was ist. Und das ist in solchen Momenten wirklich nicht leicht.

Übrigens ist diese Art der Betrachtung nicht nur in Stille und Abgeschiedenheit möglich, sondern mindestens genauso gut im Kontakt. Mit meinem Sohn, mit meinem Partner, mit Freundinnen und Kollegen. Es gibt Menschen, die machen mir das „Bei-mir-Bleiben“ im Kontakt leichter, nach Begegnungen mit ihnen fühle ich mich gestärkt und von neuer Sicherheit erfüllt. Es sind Menschen, die ihre inneren Muster und Reaktionen gut kennen und wenig Furcht haben, ihr Sosein zu vertreten. Die da sein können ohne Angriff oder Verteidigung. Menschen, die sich selbst schätzen und daher auch andere sein lassen können, wie sie sind. 

In manchen Momenten bin ich bereits selbst ein solcher Mensch. Für mich und für andere. In anderen bewerte ich und urteile negativ, über andere und über mich. Mich auch mit dieser wertenden, urteilenden Seite anzunehmen und vor allem die dahinterliegende Verletzlichkeit zu umarmen – das ist eine stetige Übung für mich. 

Vielleicht berühren dich meine Worte. Vielleicht erkennst du dich in ihnen. Dann fühle dich willkommen mit allem, was dich ausmacht. Zart und verletzlich, robust und gut geschützt. Du bist gut, wie du bist. 

Herzlich alles Gute, Sarah

 

8 Gedanken zu „Sieh dich im Spiegel an: du bist wunderbar“

  1. Liebe Sarah,
    vielen Dank für diesen wunderbaren Text. Besonders berührt hat mich Dein Sprachbild, dass Gefühle die Wachhunde der Seele oder Psyche sind – da ich nicht an Seelen glaube, würde ich es lieber Psyche nennen. Das Bild ist toll, denn es sagt noch viel mehr aus: Wenn ich mich meinen Gefühlen widme und sie zu verstehen lerne, zähme ich die wilden, bellenden und fletschenden Hunde, mache sie zu meinen Freund*innen, Gehilf*innen und zu wertvollen Partner*innen in der Bewältigung meines Lebens. Sie kleffen und fletschen nur, solange ich sie ignoriere oder ruhigzustellen versuche, aber wenn ich sie annehme, pflege und streichle, ihnen Aufmerksamkeit schenke, sind sie wunderbare, nützliche Begleiter*innen, eben Wachhunde, die auf etwas ganz wichtiges hinweisen.
    Danke für diesen schönen Gedanken an einem düsteren Morgen!
    liebe Grüße
    Lea

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    1. Liebe Lea, und danke dir für deinen schönen Kommentar! Herzlichen Gruß am frühen Morgen, hoffentlich lichtet der Tag sich noch für dich!😊 Sarah

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  2. Liebe Sarah, ein sehr schöner Text zum Wochenende. Mir gefallen auch besonders die „bellenden Wachhunde“ und vor allem dieser wahre Satz hier: „Menschen, die sich selbst schätzen, können auch andere so sein lassen wie sie sind.“ Very true.
    Freue mich auf unser Treffen heute beim Kongress.
    Viele Grüße,
    Christina

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    1. Liebe Christina,
      freue mich auch und danke für deinen Kommentar! Ja, vermeintliche Schwächen sind keine Schwächen, solange man sie an sich selbst zu schätzen weiß. War eben im Herbstsonnenschein draußen: die Spinnweben, auf denen sich Tautropfen sammeln, brüchige, bunt gefärbte Blätter, eine erste dünne Eisschicht am Morgen: alles zart und robust zugleich – die Natur macht es uns vor!🙂 Herzlichen Gruß, Sarah

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  3. Jeder Mensch ist ein Wunder! (Solange es sich nicht um ein kriminelles, pädophiles, tierquälendes, versifftes Dreckschwein handelt). Ich frage mich manchmal, wie wir manchmal auf die Idee kommen, nicht gut genug zu sein.
    LG
    Sabienes

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    1. Liebe Sabienes,
      ja, das ist eine gute und wichtige Frage. Der Blick nach außen auf die Bewertung anderer statt nach innen zu den eigenen Maßstäben spielt da sicher eine Rolle. Und unsere Gesellschaft, in der ohnehin gern bewertet wird, wohl auch ein Stück weit.
      Ich würde persönlich übrigens tatsächlich gar keinen Menschen als „Dreckschwein“ bezeichnen, selbst wenn ich sein Handeln komplett verurteile. Wir alle sind meiner Meinung nach grundsätzlich mit dem Potential versehen, zu wachsen und z.B. begangenes Unrecht ernsthaft zu bereuen. Ich möchte niemanden entmenschlichen, bloß weil er nach menschlichen Maßstäben unmoralisch handelt. Und wirklich amoralisches und antisoziales Verhalten entwickelt sich ja oft tatsächlich aus der Erfahrung heraus, einmal (z.B. als Kind) selbst als wertloses „Dreckstück“ behandelt worden zu sein.
      Viele Grüße und danke für deinen Kommentar! Sarah

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  4. Ein Text wie ein aus einem Felsen gebrochener Diamant. Offen, verletzlich, wunderbar, ehrlich, schonungslos, liebend, irritiert, verwirrt, suchend, findend, annehmend, dankbar,… Vom Licht geflutet, die die Dunkelheit kennt und deshalb heller scheinen möchte um Heilung zu finden…
    Akzeptieren was ist, verstehen was geht und lassen wer du bist: Ein Mensch.

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    1. Wow… ich kann nur nicken. Ein wunderschöner Kommentar, vielen Dank! In sich fast ein Stück Poesie. Davon möchte ich direkt mehr lesen. Ich besuche dich mal auf deinem Blog!🙂 Herzlichen Gruß, Sarah

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