Familie, Persönliches

Erklär dich (nicht)! Warum wir unsere Kinder nicht „zutexten“ sollten

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Nein, nicht in die Pfütze springen, du trägst keine Gummistiefel, dann bekommst du nasse Socken, du erkältest dich, morgen wollen wir doch zu Oma, wenn du dann krank bist –

Das Kind ist mittlerweile außer Hörweite. Vielleicht hat es uns noch einen irritierten Blick zugeworfen. Vielleicht rennt es bereits auf die nächste Pfütze zu oder es trottet inzwischen mehr oder weniger teilnahmslos neben uns her. 

Zu viel regulieren zu wollen, nervt. Und die eigene Besorgnis in einen Redeschwall zu verpacken nervt noch mehr – wissen wir eigentlich selbst. Das „Zieh-dich-warm-an-und-isst-du-auch-immer-gesund?“ unserer Mütter (oder Väter?) klingt uns vielleicht noch in den Ohren und möglicherweise erinnern wir uns auch an die Mischung aus Nachsicht und Gereiztheit, mit der wir geantwortet haben „Ja, ja… ich denk dran, ja, mach ich…“, nur um das Angemahnte unmittelbar danach wieder zu vergessen.

Warum halten wir diese Monologe?

Warum verhalten wir uns, inzwischen selbst Mütter oder Väter von (Klein-) Kindern, dann häufig genau so? Ellenlange Erklärungen, warum etwas gehe oder nicht gehe, gesund oder nicht gesund, gefährlich oder ungefährlich sei? Wenn wir ehrlich sind, erreichen wir damit doch meist nur, dass unser Kind nochmals fragt, insistiert, jetzt wirklich die Kaugummikugel aus dem Automaten möchte („Ja, ja, ist ungesund, aber so schön bunt!“) oder endgültig nicht einsieht, warum es jetzt und sofort das Wasser im Bad abstellen soll („Was haben die Kinder in Afrika, Klimawandel, Ressourcenknappheit mit dem Spaß hier vor Ort zu tun?“)

Also schalten unsere liebreizenden Kleinen auf Durchzug, was uns zuweilen zu weiteren Redeschwällen veranlasst, nun schon mit deutlich gereizterem Unterton: „Ich hab dir doch gesagt, wir müssen gleich los. Du kannst jetzt nicht mehr mit dem Bagger spielen. Jetzt komm schon, die Bahn fährt in zehn Minuten und wenn ich zu spät komme, bekomme ich Ärger mit meinem Chef.“

Äh – was erzähle ich da gerade meinem Dreijährigen? Interessiert sich meine Vierjährige für die Fahrpläne des örtlichen Nahverkehrs? Will mein Dreijähriger über die Launen meines Chefs informiert sein? Nun ja… meine Gereiztheit, die zunehmende Spannung in der Luft nehmen sie jedenfalls wahr. Den halb anklagenden, halb quengelnd-resignierten Ton, mit dem ich meine Sätze vorbringe. Und eigentlich wollen sie doch einfach nur weiterspielen. Da – 

Schluss jetzt! Ich rede mir doch nicht den Mund fusselig. Wir gehen. Jetzt. Sofort!“

Mama schreit, Papa beugt sich mit wutrotem Gesicht über sie und unsere Kleinen-Großen verstehen nur eins: Irgendwas ist da mächtig schief gelaufen. 

Wie bekommen wir das besser hin?

Wie geht es UNS denn damit, wenn wir in eine Sache vertieft sind, sie „nur mal eben schnell“ noch fertig machen wollen? Wenn wir eine Mail schreiben, das Buchkapitel zu Ende lesen, unseren Kaffee austrinken wollen? „Ich komme gleich, warte, bin gleich da!“, sagen wir dann, meist ziemlich gedankenabwesend: „Noch fünf Minuten!“

Ganz ehrlich, viel anders geht es unseren Kindern auch nicht. 

Also Tipp 1: Zeit geben

Beim Spielen ankündigen: „Wenn ich wiederkomme, geht’s los!“ und dann noch 5 Minuten machen lassen. Beim Planschen im Bad 30 Sekunden gar nichts tun, einfach zusehen und erst DANN das Wasser abstellen. Ich habe das ein paar Mal probiert und tatsächlich: oft bewirkt dieses stille Abwarten, Begleiten und Raumgeben viel mehr als unmittelbares Drängen und verbale Forderungen und Erklärungen. Zeit geben statt (verbal) Druck machen also. 

Tipp 2: Kurz und knapp

„Setzt du dich bitte wieder hin? Ich möchte nicht, dass du beim Essen herumläufst.“ Einen solchen Satz versteht schon ein Zweijähriger. Auch ohne die Erklärung, dass er sich an der Gurke verschlucken/ den Saft verkleckern/ Brösel in der Küche verteilen könnte, wenn… Knapp ist klar und wirkt in diesem Zusammenhang einfach nur selbstbewusst und sicher.

Tipp 3: Ich-Botschaften (und Brücken bauen)

„Ich möchte jetzt gehen. Ziehst du dir bitte deine Schuhe an?“

Keine Wirkung trotz Ich-Botschaft und klarer Ansage? Vielleicht stehen wir schlicht zu weit weg? Wie wollen wir unsere Kinder erreichen? Indem wir sie aus der Ferne beschallen? Besser also, wir hocken uns hin, sehen unserem Kind ins Gesicht, stellen gegebenenfalls die Schuhe vor es hin und fragen: „Soll ich dir helfen?“

Ist es wirklich gerade in sein Spiel vertieft, wird seine Antwort ein mehr oder weniger unwilliges „Nein!“ sein. Dann hilft vielleicht Tipp 1: Zeit geben. Oder, wenn die Zeit knapp ist, Tipp 2 und 3: Klare Ansagen (mit einer goldenen Brücke): „Ich möchte, dass du dir jetzt die Schuhe anziehst. Wir müssen in fünf Minuten los. Wenn du magst, helfe ich dir!“

Und wenn das nicht fruchtet?

Dann hilft manchmal ohnehin nur noch: Klappe halten und den Redeschwall, bzw. Wutausbruch des Juniors aushalten. Dann ist das eben so. 

Spätestens, wenn wir das nächste Mal mit unserem Partner, unserer Freundin oder einem ähnlich leidgeplagten Elternteil auf dem Spielplatz zusammen treffen, können wir uns darüber ja wortgewaltig auslassen. Vielleicht hilft’s. Wenigstens hört uns dann jemand zu.😉

Und ihr? Auch schon Kinder mit Ohren auf Durchzug erlebt? Wenn ihr mögt, schreibt hier, wie ihr mit den kleinen Stoikern umgeht!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

4 Gedanken zu „Erklär dich (nicht)! Warum wir unsere Kinder nicht „zutexten“ sollten“

    1. Tja… unsere lieben Kleinen haben dann wohl ab und zu einen Filter, mit dem sie das für sie Relevante aus unserem Redefluss rauspicken – ist nur nicht immer das, was wir vermitteln wollten… Eine Prise Selbstironie und Luft holen, bevor man den Mund aufmacht, hilft!😜 Lg, Sunnybee

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