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Jannike Stöhr: „Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben.“

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(C) jannikestoehr.com

Jannike Stöhr, 32, ist „Job-Testerin“, Autorin und Coach für berufliche Neuorientierung. Nach einem erfolgreichen Berufseinstieg bei VW verließ sie 2014 ihre gut bezahlte Festanstellung ebenso wie ihre Wohnung und reiste ein Jahr lang durch ganz Deutschland, um insgesamt dreißig unterschiedliche Berufe kennen zu lernen. Daraus ist ein Buch entstanden: „Das Traumjob-Experiment“. Jannike wird seitdem für Vorträge gebucht um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zudem arbeitet sie als Business-Coach und berät Menschen, die sich im Prozess beruflicher Neufindung befinden. 2018 hat sie gemeinsam mit dem Sachbuchautor Emilio Galli Zugaro ihr zweites Buch veröffentlicht: „Ich bin so frei. Raus aus dem Hamsterrad – rein in den richtigen Job“, ein Ratgeber, in dem es ebenfalls um berufliche Neuorientierung geht. Was Jannike zu ihrem bisherigen Werdegang bewegt hat und warum ihre Erfahrungen auch für Allein- und Getrennterziehende hilfreich sein können, erzählt sie hier.

Wie würdest du deinen Beruf jemandem beschreiben, der sich unter ‚Bloggerin‘, ‚Speakerin‘ oder ‚Job-Testerin‘ nichts vorstellen kann?

Einem 5-Jährigen würde ich sagen: In meinem Beruf begleite ich Leute, gucke mir an, was sie machen, mit was sie zufrieden sind, wenn sie es machen und dann schreibe ich darüber und veröffentliche das im Internet. Ich mache das, weil es mein Ding ist. Weil es mich wirklich sehr interessiert.“

Ich frage Jannike, warum sie genau diese Tätigkeiten mit solcher Begeisterung ausübe. Sie erklärt mir daraufhin, dass das Thema „Orientierung“ für sie selbst über viele Jahre sehr bedeutend gewesen sei. Sie habe sich immer gefragt: „Wo gehöre ich eigentlich hin, was ist mein Ding?“ Zudem sei Lernen an sich für sie genussvoll. Eine weitere Frage, die sie antreibe, sei also: „Was will ich neu lernen und begreifen?“ Auch die Werte Freiheit und Abwechslung seien wichtig für sie. All diese Aspekte könne sie in ihrem „Berufs-Portfolio“ vereinen und daher sei sie so zufrieden damit.

Die Frage „Warum machst du das?“ ist ja immer eine Frage, die zu viel Zufriedenheit bei der Arbeit führen kann, weil sie dir einfach den Sinn hinter deinem Tun deutlich macht.

Jannike betont, ob man eine Tätigkeit als sinnvoll empfinde, liege in der eigenen Biographie begründet und vielen sei erst einmal unklar, in welchem Beruf sich dieser Sinn für sie finde. So gibt es ihrer Meinung nach auch keinen objektiven „Traumjob“, sondern vielmehr Tätigkeiten, die uns erfüllen, weil wir persönlich sie als sinnvoll erachten. Dies wiederum liege darin begründet, dass etwas an unserer Tätigkeit in uns auf Resonanz treffe und unser Impuls zu handeln dadurch eine ganz andere Kraft bekomme.

„Beispiel Entwicklungszusammenarbeit in Afrika: Das ist ja per se eine sehr sinnvolle Tätigkeit. Und trotzdem würde ich für mich sagen, mein Antrieb ist eher das Thema Orientierung, weil ich persönlich so lange um berufliche Orientierung gerungen habe. Für jemanden, der in Afrika gelebt hat, der dort Hunger und Leid mitbekommen hat, hat die Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika eine ganz andere Bedeutung als für mich. Deswegen ist die Frage nach dem Sinn einer Tätigkeit auch sehr individuell.“

Ich frage Jannike, ob ein Blick auf die eigene Biographie ihrer Meinung nach auch nach einer Trennung im Prozess der Neuorientierung hilfreich sein kann.

Ich glaube, dass ein Blick auf die Biographie immer sinnvoll ist, weil der Umstand, wie wir Dinge erlebt haben und sie einschätzen, einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart hat. Mir war das „Warum?“ als ich ausgestiegen bin noch gar nicht klar. Das habe ich erst während meines Tuns gefunden. Und ich glaube, wenn dir etwas wichtig ist, wie mir in dem Fall, dass ich meinen Platz finden wollte, entwickelst du eine ganz besondere Kraft. Mir war diese Frage so wichtig, dass ich 2014 alles aufgegeben habe und herumgereist bin. Der Impuls war einfach so stark.“

In ihrem Buch „Ich bin so frei“ betonen Jannike und ihr Mitautor Emilio Galli Zugaro zudem immer wieder, dass es nicht reiche, abstrakt etwas ändern zu wollen und in Gedanken Alternativen durchzuspielen. Ab einem gewissen Punkt müsse man einfach handeln.

Wenn du die Erfahrung dazu nicht hast, dann wird es halt immer ein Gedanke bleiben. Du kannst nicht „die Perfektion“ erreichen im Kopf. Thesen aufstellen, ist meine Devise, tut nicht weh, das ist noch keine endgültige Entscheidung. Also mach das ruhig. Aber dann schau in der Realität, wie es wirklich ist, unternimm also relativ schnell Dinge in die Richtung, die du dir beruflich vorstellen kannst und begleite oder befrage Menschen, die schon dort sind, wo du gerne wärst. Da passiert ganz viel, was wir gar nicht absehen können. Es entwickelt einfach eine Kraft, weil wir es erleben und erfahren.“

Natürlich frage ich Jannike, die selbst in einer festen Partnerschaft lebt und bisher keine Kinder hat, wie Allein- oder Getrennterziehende nach einer Trennung, an einem Punkt, an dem sie in vielerlei Hinsicht geschwächt sind, die Kraft zu dieser Entschlossenheit finden sollen. Jannike bestätigt mir, dass gerade die Unsicherheit, die eine berufliche wie private Neuorientierung mit sich bringe, Menschen ihrer Erfahrung nach am meisten Angst mache. Das sei auch bei ihr so gewesen.

Ich hatte mir, bevor ich ausgestiegen war, Horrorszenarien ausgemalt, was alles schief gehen könnte. Dass ich mich total verschulden würde, dass alles nur eine Schnapsidee wäre, ich niemanden für mein Projekt begeistern könnte. Ein Coach hat mal zu mir gesagt, Menschen sind auf einem Level von 20% Zufriedenheit in ihrem Leben und sie sehen etwas, das könnte ein Level von 50% Zufriedenheit oder gar 100% mit sich bringen, aber vorher müssen sie durch eine Kuhle durch. Das heißt, es geht erst mal bergab, weil sie die Unsicherheit aushalten müssen. Veränderung ist selten angenehm. Und weil Menschen so viel Angst vor dieser Kuhle haben, bleiben sie lieber auf diesem Level von Zufriedenheit, anstatt eine Veränderung anzustreben. Ich glaube, es ist die Unsicherheit, die Angst macht – und diese Angst kenne ich auch von mir.“

Ich frage, was Jannike einer jungen Frau raten würde, die einen Beruf hat, in dem sie 40h im Schichtdienst tätig ist und somit eigentlich nicht alleinerziehend für ihr Kind da sein kann. Wie soll sie ganz praktisch eine berufliche Neuorientierung angehen? Jannike rät, vor allem nicht alles sofort zu wollen:

„Es gibt eine Studie der Psychologin Herminia Ibarra, die berufliche Neuorientierungsprozesse untersucht hat. Ein Ergebnis war, dass von der Erkenntnis „Ich möchte nicht mehr, ich möchte etwas anderes machen“ bis zu dem Gefühl „Ich bin angekommen“ etwa drei Jahre vergehen. Es ist eine schrittweise Hinentwicklung. Man muss der Persönlichkeit beim Umstieg auch die Möglichkeit geben, sich mit zu entwickeln. Es muss nicht alles von heute auf morgen passieren. Also muss man sich, gerade in einer Situation wie der oben beschriebenen, nicht auch noch den Druck machen, sofort den perfekten Job zu finden. Aber man kann sich auf den Weg machen und Schritt für Schritt gucken, was zeitlich und finanziell möglich ist. Wie viel Zeit kann ich investieren, um zu schauen, was ich beruflich machen will, um diese Thesen dann an der Realität zu überprüfen und mich somit Schritt für Schritt umzuorientieren? Und auf finanzieller Ebene: Kann ich meine Arbeitszeit eventuell reduzieren, mir da Freiräume schaffen? Was für einen Lebensstandard habe ich? Brauche ich das alles wirklich? Es kostet tatsächlich Zeit, sich zu orientieren, aber man hat keine Eile. Man kann Schritt für Schritt vorgehen. Allein zu wissen, dass dieser Prozess Zeit braucht, kann einem schon viel Stress nehmen.“

Mich interessiert auch, was sie einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehendem Vater raten würde, die Verpflichtungen den eigenen Kindern gegenüber haben oder z.B. durch Umgangsregelungen an den Wohnort des Ex-Partners gebunden sind. Wie sollen sie damit umgehen, ganz real in der Verwirklichung ihrer Pläne gebremst zu sein?

Jannike betont, dass es extrem wichtig sei, eigene Wünsche und Ziele zu kommunizieren.

Wenn man mit denjenigen, die einem etwas bedeuten, über seine Wünsche spricht und auch um Hilfe bittet, können viel mehr Freiräume geschaffen werden, als man sich vorstellt. Das habe ich bei meinem Experiment auch erfahren können: wenn man nicht fragt, passiert nichts. Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben. Fragen und sich mitteilen und darüber reden, was einen bewegt, das ist total hilfreich – auch in dieser Situation.“

Das meinen sie und ihr Mitautor in dem Ratgeber „Ich bin so frei“ wohl damit, das eigene Umfeld in den Orientierungsprozess mit einzubeziehen. Allerdings sei es nicht selten so, dass gerade das engste Umfeld mit Angst und Vorbehalten auf die Neuorientierung reagiere. Gerade dann sei es wertvoll, sich mit Menschen außerhalb des engsten Kreises zu unterhalten, die nicht so starre Vorstellungen von der eigenen Person haben. Jannike betont, dass sie ohnehin versuche, sich mit Menschen zu umgeben, die sie förderten, unterstützten und auch herausforderten:

Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Wenn mich jemand wirklich blockieren und demotivieren würde und ich ihm oder ihr nicht aus dem Weg gehen könnte, würde ich schauen, dass ich die Schnittstellen so gering wie möglich halte und z.B. über manche Themen mit dieser Person nicht spreche. Andererseits ist natürlich auch eine interessante Frage: Blockiert er oder sie dich wirklich oder kannst du vielleicht konstruktive Kritik aus den Einwänden ziehen?“

Jannike verweist in diesem Zusammenhang auf ein Buch des Autors Jia Jiang („Wie ich meine Angst vor Zurückweisung überwand und unbesiegbar wurde“), in dem dieser beschreibt, wie er sich bewusst mit Situationen konfrontierte, in denen er Ablehnung riskierte. Dadurch lernte er vor allem zwei Dinge: 1) eine Ablehnung hat meist mehr mit dem anderen als mit einem selbst zu tun. 2) Es lohnt sich, sie als Inspiration zu sehen: Vielleicht hast du das falsche Publikum gewählt? Oder du musst dein Thema nochmal überdenken? Vielleicht hast du irgend etwas nicht bedacht?

Ich frage Jannike, was ihr persönlich die Kraft gibt, trotz äußerer Widerstände an ihren Zielen festzuhalten. Ihre Antwort ist klar:

Ich weiß heute, warum ich die Dinge tue. Das empfinde ich als extrem wichtig. Bei einem Projekt wie dem der 30 Jobs der Zukunft weiß ich einfach, das wird Realität, egal wie viele Leute mir absagen, das werde ich schaffen. Und manchmal dauert es eben länger, manchmal sieht das Ergebnis ein bisschen anders aus, aber irgend ein Weg wird sich finden. Man malt sich ja manchmal Dinge aus und erst während des Machens merkt man, dass man etwas ändern muss. Oder man wird auf Dinge hingewiesen, die man so noch nicht bedacht hat. Deswegen, denke ich, ist es auch legitim, seine Ziele anzupassen, wenn man denkt, es wäre anders besser.“

A propos Ziele: Zum Ende des Gesprächs frage ich Jannike nach ihren Plänen für die nahe Zukunft. Auch hier greift sie das Thema „Lernen“ auf: Ihr aktuelles Projekt („Dreißig Jobs der Zukunft“), der Ausbau ihrer Tätigkeit als Business-Coach, ein Aufenthalt in New York, auf den sie sich sehr freut. Natürlich, von diesen Möglichkeiten, das eigene Leben, vor allem auch räumlich und zeitlich, so frei und selbstbestimmt zu gestalten, können viele Allein- und Getrennterziehende nur träumen. Dennoch empfinde ich Jannikes Fazit als ermutigend.

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Leben Stück für Stück mehr fügt und dass runder und schöner wird, was vorher noch wie Stückwerk aussah. Dass die Teile immer mehr ineinander greifen und sich die Dinge festigen. Das ist total schön. Das kann ich auch genießen.“

Die Klarheit und Heiterkeit, die sie dabei ausstrahlt, gefällt mir gut. Und ich glaube ihr, dass sie durch ihre intensive Suche, durch ihre Offenheit und den Mut, ihren Fragen das entsprechende Handeln folgen zu lassen, ihren beruflichen Weg gefunden hat, bzw. immer wieder neu finden wird. „Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben“: Dieser Satz klingt auch nach dem Gespräch noch in mir nach.

Mehr Infos zu Jannike Stöhr und ihren Projekten findet ihr auf ihrer Website: jannikestoehr.com

 

3 Gedanken zu „Jannike Stöhr: „Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben.““

  1. Naja, die Situation ist schon eine ziemlich andere. Als Alleinerziehende bin ich raus, bevor ich überhaupt irgendwo drin bin: „Bereitschaft zu Schichtdienst/Wochenendarbeit/etc.?“ Nö, wenn ich dafür nicht jedes Mal einen Babysitter bezahlen will oder kann. Auch einem guten Jobangebot hinterher zu ziehen geht eher nicht. Geld ansparen um eine Weile herum zu experimentieren? Undenkbar. Und wenn ich vom Jobcenter abhängig bin ist es letzlich deren Entscheidung, welche Weiterbildungen etc. für mich „sinnvoll“ und „angemessen“ sind.
    Trotzdem bin ich froh, mein geisteswissenschaftliches Studium mit unsicheren Jobaussichten abgeschlossen zu haben. Und da ist es dann tatsächlich so wie in dem Beitrag beschrieben: Mit anderen seine Zweifel und Wünsche zu besprechen und sich motivieren zu lassen hilft.

    Manchmal höre ich auch schon leise mögliche Job-Themen rufen… Wenn der Umzug geschafft ist geht die Reise los. Dann werde ich zwischen Zwängen die Möglichkeitsschnipsel zusammenklauben, daraus einen schönen Patchwork-Flugteppich basteln und mir das Joblabyrinth von oben anschauen. (Frei nach Rainald Grebe „Ich bin immer auf dem Teppich geblieben, doch mein Teppich der kann fliegen“ ;))

    Danke für deinen Beitrag und liebe Grüße!

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    1. Liebe Hannah,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar, wirklich aus Alleinerziehendensicht. Ich stimme dir absolut zu, dass bereits ein Kind die Wahlmöglichkeit und die berufliche Freiheit, die Jannike hier beschreibt, massiv einschränkt und ist man oder frau dann auch noch allein für alles verantwortlich, reichen oft schlicht die Kräfte gar nicht für große Umbrüche.

      Was ich ansprechend an Jannikes Bericht fand, ist der Optimismus, der aus ihren Worten spricht und das Bewusstsein, dass Veränderungen schlicht auch Zeit brauchen, dass das aber kein Argument sein muss, sie erst gar nicht anzugehen.

      Ich habe selbst Interesse, weiter tatsächlich berufstätige Allein- und Getrennterziehende hier zu Wort kommen zu lassen (wie in den drei anderen Interviews bisher).

      Vielleicht hast du ja sogar, sobald du beruflich (wieder) Fuß gefasst hast, Lust zu einem Gespräch?

      Herzlichen Gruß, Sunnybee

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  2. Ja, das stimmt. Optimismus, Mut und Geduld sind immer gut (ob alleinerziehend oder nicht). Und den Bezug zur Lebenssituation Alleinerziehender hattest du in dem Interview ja auch angesprochen.
    Ich meinte auch nicht, dass der Beitrag nicht in die Rubrik rein passt. Im Gegenteil, ich finde da darf ruhig alles dabei sein (Alleinerziehende, Jobcoach, Selbstständige, Angestellte, Alleinerziehendenbeauftragte beim Jobcenter, Kinder alleinerziehender arbeitender Eltern etc. 😉
    Also ruhig weiter so!
    Und ja, wenn sich bei mir was ergibt bin ich auch gerne gesprächsbereit 🙂

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