Familie, Gesellschaft

Frauen, die NEIN sagen, sind unbequem. Yeah!

Ernst blickende junge Frau. Hinter ihr Graffiti: „No“


„Nein, am Mittwoch kann ich nicht um 13 Uhr an der Schule sein. Ich bin beruflich verhindert.“ „Nein, einen Kuchen werde ich diesmal nicht backen. Ich habe keine Zeit.“ „Rufen Sie bitte den Vater an. Unserer Absprache nach holt er unser Kind bei Krankheit ab.“ Sätze wie diese schon gesagt? Oder nur gedacht? Wie leicht geht dir ein NEIN in solchen Situationen über die Lippen? Und falls du tatsächlich Nein sagst, was denkst du danach über dich?

Ein klares Nein – Ein Problem?

Warum machen wir uns als Frauen überhaupt Gedanken, ob ein klares Nein in Fällen wie diesen „angemessen“ sein könnte? Oder zu harsch? Zu unfreundlich? Zu unkooperativ? Einfach eben irgendwie zu viel?

Ziemlich sicher, weil wir – gegebenenfalls schon als Mädchen – Sätze wie diese gehört haben: „Sag danke zu Tante Frieda. Du magst ihren Kuchen nicht, aber sie hat sich solche Mühe gemacht. Ein Stück davon kannst du doch probieren!“ oder „Streitet euch nicht! Du als große Schwester solltest es besser wissen.“ oder auch „Es klingst echt hysterisch, wenn du so rumschreist!“ 

Vielleicht auch, weil wir gesehen haben, wie unsere eigene Mutter immer für uns da war. Mit Kopfschmerzen noch das Dreigangmenü für 10 Gäste am Abend gekocht hat. Oder nie Kopfschmerzen hatte, zumindest ihrer Aussage nach. Weil eine Fehlgeburt, genauso wie der fremdgehende Ehemann oder die geliebte verstorbene Mutter weggelächelt wurden: „Geht schon. Kein Problem!“ Weil Weihnachten eben ausgefallen wäre, hätte sie nicht noch mit 38 Grad Fieber eben schnell die Geschenke besorgt.

Sorgen für andere – über die eigenen Grenzen hinaus

All diese Situationen bestimmen Frauenleben. Auch 2024 noch. Wer sorgt? Sie sorgt. Oft über ihre eigenen Grenzen hinaus. Ich selbst habe nur einen Bruchteil dieser Situationen am eigenen Leib erlebt. Und ich kann auch recht gut NEIN sagen. Ob ich mich danach immer gut fühle, ist ein anderes Thema. 

Denn, noch subtiler, bekommen wir schon als Mädchen Lob dafür, „so eine saubere Schrift“ oder „so ein nettes Lächeln“ zu haben. Wir sind „vernünftig“, „höflich“, „gut erzogen“, ein „echter Gewinn für die Gemeinschaft“ und das, weil wir möglichst exakt erfüllen, was von uns erwartet wird. Wir sind „Vorbild“, „Leistungsträgerin“, oft schon in frühem Alter, und verinnerlichen wie nebenbei: „Wenn ich gut und richtig sein will, muss ich mich gut und richtig verhalten.“ 

Brave Mädchen werden oft Frauen, die sich ihr NEIN erst erkämpfen müssen. Und wenn nicht äußerlich, so innerlich. 

  • Nein, ich übernehme diese Aufgabe nicht.
  • Nein, dazu habe ich keine Lust.
  • Nein, das will ich nicht (und ich sorge aktiv dafür, dass ich es nicht tun muss).

Unsere Eltern wurden vielleicht noch geschlagen oder mit Verachtung bestraft, wenn sie es wagten, nein zu sagen. Uns selbst wurde vermutlich eher die Doppelbotschaft mitgegeben: „Du kannst alles erreichen, was du willst. Aber sei dabei bitte brav, freundlich und nett anzusehen!

Gleichberechtigung braucht unser klares JA und NEIN,

Wenn wir wie aktuell in der Debatte um Gleichberechtigung und gerecht verteilte (Care-) Aufgaben, an Grenzen stoßen, liegt das auch daran, dass wir als Frauen noch viel zu oft innerlich begrenzt aufgewachsen sind. Gerade in persönlichen oder gar intimen Beziehungen fällt es uns dann schwer, für uns einzustehen, uns Raum zu nehmen, eben aus vollem Herzen JA – oder eben NEIN – zu sagen! 

Wenn uns auf der anderen Seite Männer – ehemalige Jungs – gegenüber stehen, die schon immer viel sein durften: Laut, rauflustig, übermütig, flapsig, kritisch, diskussionsbereit – haben wir einfach massiv anderes „Handwerkszeug“: Die Erfahrung „Ich weiß,  was ich will und bekomme es auch“ versus „Ich weiß, was die anderen wollen und richte mich möglichst perfekt danach“. 

Ein bisschen „braves Mädchen“ steckt sicher noch in vielen von uns, auch wenn wir heute starke, selbstbewusste Frauen sind. Und es ist mehr als unsere individuelle biografische Erfahrung. Es ist eine Kultur, die uns Frauen sehr lange – zum Teil heute noch – dafür abstraft, wenn wir zu laut, zu „anders“, zu unbequem sind. Die Erfahrung, dazu zu gehören und dabei anders zu sein, haben nur wenige von uns machen dürfen.

In kleinen Schritten zu großer Veränderung

Daher: Verurteile dich nicht, wenn du nur schlecht Nein sagen kannst – oder dich schlecht fühlst, wenn du es tust. Mache dich nicht nieder, wenn es dir schwer fällt, auch Selbstverständliches zu fordern wie  Entlastung, wenn du krank bist oder Zeit zum Essen oder Schlafen. Sei dir bewusst: Du lebst als Frau in einer Welt, die erst seit kurzem beginnt, Frauen Raum zu geben – kein Wunder, dass du vielleicht noch verinnerlicht hast, nicht zu raumgreifend, nicht zu fordernd sein zu dürfen. 

Wenn wir wollen, dass die Welt sich verändert, hin zu Beziehungen auf Augenhöhe, weniger Angst und Unterdrückung von Frauen, mehr Gleichberechtigung – dann dürfen wir im Großen wie im Kleinen damit beginnen, NEIN zu sagen – und damit JA zu uns uns den Werten, die uns wichtig sind. Auch wenn am Anfang vielleicht noch ein recht zögerliches JEIN daraus wird. Die kleinen Schritte machen den Unterschied. 

In diesem Sinn: „Gehst du noch schnell einkaufen? – NEIN. Gehst du?“

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.

Mehr von mutter-und-sohn.blog?

Ja, du willst keinen Beitrag mehr verpassen!

Auch über die sozialen Netzwerke Facebook oder LinkedIn kannst du dich mit mir vernetzen. Mehr zu aktuellen Terminen und Projekten als Autorin erfährst du über Instagram.

Ich freue mich auf dich!

[Foto: Pixabay]

Ein Gedanke zu „Frauen, die NEIN sagen, sind unbequem. Yeah!“

  1. liebe sarah! meine große herausforderung seit drei jahren ist die krebserkrankung meiner verlobten. die chemo hat sie hinter sich. seit zwei jahren erfolgen die nachbehandlungen. wir haben noch einen sehr weiten weg vor uns.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar