
Wieder einmal fällt die Tür zu. Wo eben noch Lachen, Zank, Geschrei, wildes Toben war; der Kampf um den gelben Kinderschal, Protest gegen die Jacke, weil „gar nicht warm“ – da ist jetzt geradezu betäubende Stille. Ich sitze reglos da, auf dem Sofa, noch mit einem Kinderschuh neben mir, und versuche das Gefühl einzuordnen, das mich überkommt. Ist es Wehmut, ist es Freude? Wohl beides.
Meine Kinder jede Woche zweimal ihrem Vater zu übergeben, bedeutet: Sie schlafen fünf von sieben Nächten bei mir. Und an zwei Abenden ist es plötzlich, mit einem Schlag, ungewohnt still. Es heißt auch: Ich trage verdammt viel Verantwortung, meine Tage haben 12 bis 15 Stunden, manchmal von fünf Uhr morgens bis halb zehn Uhr abends. Der Vater meiner Kinder wird ersehnt. Für ihn basteln sie Bügelperlenbilder, legen ihm eines ihrer heißgeliebten Kaubonbons zur Seite, fallen ihm beim Wiedersehen in die Arme.
Mit mir teilen sie ihren Alltag, was neben zärtlicher Zuneigung auch Protest, Geschwisterrivalität, die Wut, die sich in Kita oder Schule angestaut hat oder einfach sich wiederholende Routine bedeutet. Eine Mischung aus Höchstleistung und phasenweiser Monotonie. Wenn mir das Brotdosenrichten jeden einzelnen Abend, der Eiertanz ums Zähneputzen, Umziehen, Ausziehen, Anziehen, das Schlichten, Vermitteln, Werte vertreten zuviel wird, gibt es Chicken Nuggets statt Selbstgekochtem, zwei Pullis übereinander statt der Regenjacke und die Zähne werden am nächsten Tag geputzt. Manchmal ist es gut so. Manchmal reicht es nicht aus und ich könnte schreien, weil ich einfach spüre: Es-ist-zuviel. JETZT. Aber da ist keiner, der mir meine Kinder gerade jetzt abnimmt, der da ist, dem ich die Last meiner täglichen Verantwortung auf die Schulter legen kann.
Der Vater meiner Kinder entzieht sich dieser Last, ohne es überhaupt richtig zu bemerken, von den meisten der anstehenden Termine hat er keine Ahnung, reagiert auf explizite Bitten, macht ansonsten das Leben seiner Kinder zu meinem (mit Tagesbesuchen bei ihm). Er liebt sie, dessen bin ich sicher, was mich freut. Die Verantwortung für sie trage ich zu 90% allein. Das freut mich weniger.
So geht unser Leben dahin, das Leben meiner Kinder zwischen zwei Eltern, die sich nicht (mehr) richtig mögen, sich allerdings bemühen, sich zu tolerieren, zu akzeptieren. Du bist okay und ich bin okay. So in etwa. Gelingt mal besser, mal schlechter.
Was es wohl mit ihnen machen wird, Elternschaft nur getrennt zu erleben? Und dass die beiden Menschen, die sie am meisten lieben, sich nicht (mehr) lieben?
In den seltenen ruhigen Momenten, wenn die Stille mich umschließt als Verheißung und Bedrohung zugleich, frage ich mich, was dieses Alleinerziehendsein mit ihnen, mit mir, mit uns macht. Die langen Tage, aufeinander zurückgeworfen, aufeinander angewiesen. Ich bin für sie in vielen Momenten der Fixpunkt. Papa ferne Sehnsucht. Dann wieder, bei ihm, ist er ihre Mitte und ich stehe für den Alltag, zu dem sie (manchmal) nur widerstrebend zurückkehren.
Alleinerziehend zu sein ist so viel mehr als nur die soziale Stellung, als gesellschaftliche Normen und Erwartungen. Es ist eine zutiefst einschneidende Erfahrung Familie zu leben, zu gestalten. In einer Form, die auf das Wesentliche zurückgeworfen ist. Nicht reduziert, denke ich, dazu fühlt sich mein Leben mit mir selbst, meinen Kindern, meinen Freunden, mit spannenden Bekannten, mit Plänen und Projekten zu voll an. Aber doch auf seine kleinste Form zurückgeworfen. Der Kern unserer Familie, das sind jetzt nur noch meine Kinder und ich, bzw. für sie ein seltsam changierendes Konstrukt: Mama und sie, und Papa und sie, zeitgleich existent, aber beinahe nie zusammen.
Wehmut oder Stolz, Trauer oder Freude? Es liegt beides nah beieinander, als ich schließlich aufstehe, den Kinderschuh in die Garderobe räume und den Abend beginne: Nur mit mir.
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
Mehr von mutter-und-sohn.blog?
[Foto: Pixabay]

Das hast du sehr schön beschrieben.. Auf den Punkt gebracht. Ein virtuelles Herz von mir…
LikeLike
Herzlichen Dank!😊
LikeLike
Ich fühle das so sehr. Auch wenn es Unterschiede gibt und mein Kind nicht zum Vater geht, so doch ab und an zu Freunden. Die Verantwortung ist nicht zu fassen für jemanden, der das nicht kennt.
Danke ❣️
LikeGefällt 1 Person
Ich hab mich in deinen Zeilen so wiedergefunden. Danke, jetzt fühle ich mich mit diesen Gedanken, Gefühlen und Ängsten nicht mehr so alleine.
LikeGefällt 1 Person
Und dann noch das sehnsüchtige Seufzen von Müttern in bestehenden Beziehungen: „Du hast es schon sehr schön, alle zwei Wochen ein freies Wochenende“. Sie meinen es gar nicht böse, denke ich, sind nur absolut nicht in der Lage, sich die Situation einer Alleinerziehenden vorzustellen.
LikeGefällt 1 Person
Warum den Vater nicht mehr in die Pflicht nehmen? In diesem Fall gibt es ja offensichtlich ein geteiltes Sorgerecht, also sollte auch mental load geteilt werden. Er ist für wiederkehrende Augenarzt- und Zahnarzttermine verantwortlich und für die Organisation, Bezahlung und Termine je eines Hobbys der Kinder. Schwimmkurse oder Turnkurse gibt es auch am Wochenende. Arzttermine auch am Freitagnachmittag. Mal so als Denkanstoß. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Mütter so froh sind, dass die Väter sich überhaupt mit den Kindern noch treffen, dass sie aus ihrer Verantwortung genommen werden….
LikeLike
Schöner Beitrag
LikeLike
Puh! Ich gebe zu, dass ich tatsächlich etwas neidisch bin. Der Vater meiner Tochter hat überhaupt keinen Kontakt zu ihr und ich bin zu 100% alleinerziehend. Einfach mal einen Abend für mich zu haben, wäre der Hammer… Vieles aber deckt sich gefühlsmäßig mit deiner Beschreibung. Wir sind in dieser Familien-Reduktion bzw. Konstruktion die Lebensader für unsere Kinder.
LikeGefällt 1 Person
Hallo, danke für deinen Kommentar! Das Bild der „Lebensader“ finde ich sehr schön. Umso wichtiger aber, dass wir als Mütter unser Leben so gestalten, dass es auch für uns lebenswert ist. Unter anderem dafür schreibe ich Beiträge wie diesen!😊 Für Wertschätzung unserer täglichen Leistung und den Blick darauf, dass wir als Mütter selbst Raum, Zeit und Möglichkeiten zum Auftanken brauchen, um dauerhaft für unsere Kinder da sein zu können. Herzlichen Gruß!
LikeLike
Bin gerade auf diesen Beitrag gestoßen, weil sich bei uns die Umgangswochenenden eher verringern, aus mangelndem Interesse des Kindes sowie des Vaters sowieso seit jeher. Es ist wirklich strange, immerzu gegensätzliche Gefühle gleichzeitig zu empfinden.
Magst du vielleicht meinem kleinen WhatsApp Kanal folgen? Das ist meine Zwischenlösung, bis ich wieder Zeit für meinen geliebten Blog habe. Schau gern mal unverbindlich rein in meinen Versuch, etwas nur für mich zu tun ab und an https://whatsapp.com/channel/0029Vb6Cb5d5kg7Ae6i8iN0C
Ganz liebe Grüße!
LikeLike