
„Wenn wir Gleichberechtigung in Familien wollen, müssen wir die Väter fördern.“ „Wer Vereinbarkeit von Familie und Beruf will, muss das für Männer überhaupt erst möglich machen.“ „Wer engagierte Väter will, muss sie auch dazu ermutigen.“ ECHT JETZT?
Nicht falsch verstehen: Ich sehe den Punkt, dass es für Männer und Frauen dringend notwendig ist, Erwerbsarbeit nicht länger so zu gestalten, dass Elternsein nur entweder in Vollzeit zuhause, abends nach 18 Uhr oder gehetzt zwischen Job und Kind in der Teilzeitfalle lebbar ist.
Ich sehe, dass Männer und Frauen dringend flexiblere Arbeitszeitmodelle brauchen. Dringend bessere und umfassendere Kita- und Ganztagsbetreuung für ihre Kinder (wenn sie das brauchen oder wünschen) und vor allem viel weniger Vorurteile, was die verschiedenen Formen des Elternseins angeht. Halb im Beruf, halb beim Kind, Vollzeit beim Kind oder sehr viel im Beruf und das Kind in guten Händen, zum Beispiel bei dem/der Lebenspartner:in. Solange es für Eltern und Kind gut funktioniert, sind meiner Meinung nach alle drei Lebensentwürfe legitim.
Mütter, nicht Väter, leisten den Großteil der Care-Arbeit
Was ich aber auch sehe: Aktuell stehen noch weit überwiegend die Mütter vor der Frage: Wie vereinbare ich konkret Familie und Beruf? Väter denken auch darüber nach – oh ja – aber dann doch eher theoretisch, glaubt man zumindest dem Väterreport 2023. Nach dem sind 77 (!) Prozent der Väter, die sich als „engagiert“ bezeichnen, schon kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder in Vollzeit oder vollzeitnah erwerbstätig. Bei den Müttern ist überhaupt nur knapp jede Zweite überhaupt wieder berufstätig, davon bis zum dritten Lebensjahr des Kindes die allermeisten in Teilzeit.
Daraus zu schließen, Väter bräuchten mehr Förderung im Beruf, ist ein bisschen so wie zu fordern, jemand möge Vätern endlich mal zeigen, wie die Waschmaschine funktioniere. Dann würden sie sie auch bedienen.
Abgesehen davon, dass sehr viele Väter inzwischen sehr wohl wissen, wie Haushaltsgeräte korrekt zu nutzen sind (sorry für das Klischee im Absatz davor), bleibt doch die Tatsache, dass sie sehr wohl auch heute schon die Möglichkeit hätten, länger in Elternzeit zu gehen, später ebenso wie ihre Partnerinnen in Teilzeit zu arbeiten und überhaupt den Fokus, zumindest, solange ihre Kinder noch klein sind, auf die Familie zu legen.
Sie tun es im weit überwiegenden Teil nicht. Zumindest nicht, indem sie aktiv Care-Arbeit übernehmen. Warum? Weil sie in den Familien noch immer die Hauptverdiener sind? Weil sie im Job Angst vor der Kündigung haben, wenn sie Elternzeit nehmen? Weil es einfach nicht cool ist, wegen „kinderkrank“ das wichtige Projekt-Meeting zu verpassen?
Ganz ehrlich: als Mutter ist das alles auch nicht so cool. Komischerweise machen wir es trotzdem – mit allen entsprechenden Konsequenzen wie noch breiterem Gender Pay Gap nach dem ersten Kind, Kündigungen direkt nach der Elternzeit und dem Ruf der „Mutti“, die im Job nicht zuverlässig verfügbar ist.
Väter beruflich fördern, damit sie für ihre Kinder sorgen?
Müssen wir jetzt also Väter fördern, damit die endlich den Part übernehmen, den wir Mütter schon lange, lange – mehr oder weniger zähneknirschend – einfach übernehmen? Müssen wir wirklich die Arbeitswelt väterfreundlicher gestalten?
Ja, wir müssen die Arbeitswelt so gestalten, dass Mütter und Väter neben dem Beruf ohne Nachteile für ihre Kinder sorgen können.
Wir brauchen Gesetze für Familien:
Dafür müssen Gesetze geändert oder neu geschaffen werden. Konkret:
- Eine Elternschutzgesetz, das, anders als das Mutterschutzgesetz, auch Väter bereits während der Schwangerschaft ihrer Partnerin vor Kündigung schützt.
- Eine reformierte Elterngeldregelung, die den Bezug des vollen Elterngelds an eine gleiche Verteilung der Elternzeit knüpft.
- Eine bezahlte Väterfreistellung nach der Geburt, gern auch länger als die aktuell angedachten zwei Wochen.
- Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal im AGG (schützt auch Väter vor Diskriminierung).
- Schaffung einer Individualbesteuerung, die annähernd gleiche Löhne innerhalb der Partnerschaft (und auch Ehe) belohnt und nicht – wie aktuell das Ehegattensplitting – zum Nachteil macht.
Das nur als einige konkrete Punkte.
Väter, werdet aktiv – jetzt seid ihr an der Reihe
Was wir meiner Meinung nach aber nicht brauchen, ist der Ruf nach mehr Förderung explizit für Väter. Vor allem nicht durch uns Mütter (und diese Forderung höre ich tatsächlich von Frauen- und Mütterseite). Solidarität – ja. Ein Schulterschluss zugunsten besserer Arbeitsbedingungen für Eltern – JA!
Aber letztlich sehe ich jetzt euch Väter in der Verantwortung, aktiv zu werden. Für eure Rechte und damit die eurer Partnerin und eurer Kinder! Für das Recht, aktiver Familienvater sein zu dürfen, Zeit mit euren Kindern zu verbringen und die Entscheidung zu aktiver Vaterschaft nicht mit beruflichem Abstieg und finanziellen Einbußen bezahlen zu müssen.
Für dieses Recht kämpfen wir Mütter seit Jahren. Sollen wir den Kampf jetzt auch noch für euch Väter aufnehmen? Nein. Die Möglichkeiten sind grundsätzlich gegeben. Jetzt ist es an euch, sie zu nutzen und zu fordern, dass euch daraus kein Nachteil erwächst. Das braucht Mut, Kraft, ein stützendes Netzwerk.
Dafür stehen wir Mütter gern an eurer Seite. Aber euch zu diesem Mut zu tragen, womöglich an euer statt unsere Stimme zu erheben, nun eure Förderung zu fordern – sorry, das geht mir zu weit.
Wer an unserer Seite steht, muss nicht von uns „gefördert“ werden
Denn ganz ehrlich, wer bereits jetzt an unserer Seite steht, den mussten – und müssen – wir dazu nicht an die Hand nehmen. Solche Väter brauchen wir als Mütter. Die nicht nur denken, wünschen und reden, sondern bereits handeln. Indem sie die Care- und Erwerbsarbeit innerhalb der Familie ganz selbstverständlich mit uns teilen, für ihre Kinder im Alltag da sind, sich nicht länger hinter traditionellen Rollen verstecken. Einfach bereits selbstbewusst Seite an Seite mit uns stehen!
„Väterförderung?“ Mir zuviel Muttirolle in der Mann-Frau-Debatte. Ihr seid dran, liebe Väter, euer Recht auf Familie zu fordern. Nicht wir als Mütter, euch dafür den Weg freizuschaufeln.
Was denkt ihr? Berechtigte Kritik oder zu harte Worte? Ich freue mich auf eure Kommentare!
Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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Liebe Sarah. Mit diesem Artikel sprichst Du mir aus der Seele! Ich finde deine Worte überhaupt nicht zu hart, sondern sehe sie als absolut berechtigte Kritik! Liebe Grüße, Hannah
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Danke dir!😊
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Ich muss immer innerlich lachen, wenn ich solche Artikel lese. Als mein Sohn vor 5 Jahren geboren wurde, war ich mit Abstand die Hauptverdienerin. Ich bin natürlich trotzdem für 12 Monate in EZ gegangen, weil ich es für mein Kind und mich so wollte – habe aber die finanzielle Lücke auch aus meinem Ersparten aufgefüllt. Der Vater hat jeweils um Weihnachten herum 4 Wochen EZ geschafft und ist auch in der ersten Nacht, in der wir zu Hause waren, zum Nachtdienst gegangen… Nach Beendigung meiner EZ bin ich mit 100% (40Std plus ca. 6x24Std Dienste) im Krankenhaus wieder eingestiegen und habe zu Hause trotzdem den Großteil der Care Arbeit übernommen. Daran ist die Beziehung leider am Ende auch zerbrochen. Ich weiß einfach nicht, welche Motivation Väter benötigen, um sich an Care Arbeit und Co zu beteiligen.
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Ich habe mein Kind bis 6 Jahre zu 90 % in Vollzeit betreut und dann kam die Trennung. Nun bin ich im Wechselmodell lebend und nun will er das Kind nach 4 Jahren ganz. Zuvor wollte er keine Reduzierung und Elternzeit nehmen. Ich denke, wer sich beteiligen will, tut das von sich aus… ich habe das auch zuvor angesprochen.
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Ernsthaft, diese Generation der Väter sollte klar es wollen. Allerdings sehe ich das nur bei bestimmten Vätern. Meiner hat es nicht gemacht, erst mit Trennung war ihm bewusst, dass er das Kind will und zieht nach 4 Jahren vor Gericht…
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Was soll diese Pauschalierung und das Gejammer wieder!
Väter arbeiten in der Regel voll, weil sie die Hauptverdiener sind. Mütter bleiben zu Hause, weil sie es nicht sind, in der Regel wesentlich weniger verdienen als der Mann und es auch nicht anders wollen und können (oder soll der Vater das Kind stillen?).
Die Aufteilung der Arbeit im Haushalt ist eine Sache der Absprache. Das funktioniert nicht automatisch. Aber manche Frauen vergessen, dass der Partner, wenn er abends nach Hause kommt schon 8 h gearbeitet hat und wollen die „Care-Arbeit“ aufrechnen. Macht euch das mal klar!
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Liebe Sarah, das ist eine sehr interessante Debatte! Ich verstehe deine Ansichten komplett und im ersten Moment stimme ich dir voll zu und empfinde eine Väterförderung als lächerlich.
Aber ich denke auch, dass wir nicht vergessen dürfen, wie lange traditionelle Familienmodelle in unserer Gesellschaft vorherrschten. Denkt doch mal an eure Eltern. War euer Vater genauso präsent wie eure Mutter? Ich denke wir kennen alle die Antwort auf diese Frage. Und genau dieses Modell wurde uns vorgelebt und hat auch unsere Generationen geprägt. Und auch wenn die fortschrittliche 2024-Frau es nicht wahrhaben möchte, es gibt weiterhin ganz klar unterschiedliche Rollenerwartungen an Männer und Frauen, die in unserer Gesellschaft manifestiert sind. Das lässt sich nicht innerhalb einer Generation abstellen. Das braucht Zeit.
Nun soll der Mann neben den „alten“ Erwartungen noch mindestens den gleichen Anteil an der Versorgung und Betreuung der Kinder haben, wie die Frau. Ich weiß, es ist total bescheuert, aber Männer fühlen sich laut Umfragen z.B. weniger männlich, wenn sie finanziell nicht für ihre Familie sorgen können. Du und ich, wir rollen bei solchen Aussagen vielleicht mit den Augen und denken sowas wie: „ey komm mal klar, das 21.Jahrhundert hat begonnen…“ Aber dieser „Glaube“ steckt eben in sehr vielen Männern drin. Die werden so geprägt – von klein auf an! Das kann man im Erwachsenenalter nicht einfach ablegen, wie ein Kleidungsstück, welches plötzlich aus der Mode gekommen ist. Und für Männer, die ihrer Vaterrolle gerecht werden wollen, ist es doch super. Wenn sie eben einfach nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, weil sie z.B. gerade mitten im Studium sind oder eine steile Karriereleiter hochkrakseln, ist es doch wertvoll, eine Unterstützung zu haben, die es möglich macht, diese unterschiedlichen Rollen unter einen Hut zu kriegen. Im Endeffekt ist es ja vor allem auch eine Initiative für die Frauen, denn wenn der Mann mehr Erziehungsarbeit leistet, kann die Frau z.B. das Studium abschließen, Vollzeit in drei verschiedenen Jobs arbeiten oder zum Mond fliegen. Frauen, die das für sich erkennen, kämpfen daher wahrscheinlich auch für die Väterförderung. Oder vielleicht einfach, weil sie es sich für ihre Kinder so wünschen?
Nicht falsch verstehe: In mir schreit bei diesem Thema auch ein gewisses Maß an Diskriminierung und Ungerechtigkeitsempfinden auf. Aber auch wenn es weh tut und es heutzutage viele (vor allem Frauen) nicht mehr hören möchten: Männer und Frauen sind eben nicht gleich. Und solange eine Gleichstellung und Gleichbehandlung nur über Gesetze funktioniert, hat sich gesellschaftlich noch kein modernes Rollenbild etabliert.
Ich selbst lebe übrigens in einer Partnerschaft, die ich als relativ ausgeglichen bezüglich unserer Kinderversorgung empfinde, obwohl ich bei Kind No 2 die Elternzeit komplett allein übernehme. Mein Partner hat bei unserer Erstgeborenen mehrere Monate Elternzeit genommen. Außerhalb dieser, ließ der Job, der täglich 2h Fahrzeit forderte, Schicht- und Wochenendarbeit beinhaltete, aber kaum Familienzeit zu. Als ich mit Kind No 2 schwanger war, hat mein Partner auf zweitem Bildungsweg eine neue Ausbildung begonnen. Um diese nicht unnötig in die Länge zu ziehen, haben wir gemeinsam beschlossen, dass ich diesmal die Elternzeit allein übernehme. Da mein Partner bei Baby No 2 nicht in die Statistik der Elternzeitpapis zählt, könnte man im Umkehrschluss meinen, er leistet keine Care-Arbeit. Das ist aber in Wahrheit komplett anders. Denn nun hat er einen Arbeitsweg von 10 min und keine Wochenend- und Schichtarbeit mehr, sodass er aktuell viel mehr aktive Papa-Zeit für seine Kinder hat (und nutzt). Der Zusammenhang zwischen ‚Elternzeit nehmen‘ und ‚Care-Arbeit leisten‘ stellt also in meinen Augen gar kein realistisches Abbild der familiären Situation dar.
Ein diskussionswürdiges Thema mit viel Aufregung, Klischee, Potenzial und Pauschalisierung.
Ich denke, es liegt an uns, unseren Kindern ein modernes Rollenbild zu vermitteln, damit vielleicht unsere Urenkel von Mama und Papa zu gleichen Teilen umsorgt werden. Ich wünsche einen „aktiven Papa“ im Übrigen jeder dazugehörigen Mama, aber vor allem jedem Kind! Mit oder ohne Väterförderung.
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Herzlichen Dank für diesen ausführlichen und sehr spannenden Kommentar! Mir fallen zwei Dinge auf: Die Zwänge, die für Paare bei ihren Entscheidungen durch berufliche Rahmenbedingungen entstehen (du nennst lange Fahrzeiten zur Arbeit und Schichtarbeit) und umgekehrt, wie Familien (und damit Väter und Mütter) mit diesen Zwängen umgehen.
Daher sehe ich auch einen extrem wichtigen Ansatz darin, die Arbeitswelt durch Gesetze und innerbetriebliche Vereinbarungen familienfreundlicher zu gestalten – und umgekehrt für jedes Paar, die Priorität auch auf die Familie zu legen und ggf. nach Möglichkeiten zu suchen, bei einem neuen Arbeitgeber bessere Bedingungen zu findend. Rahmenbedingungen kann ich nicht immer ändern, aber ich kann mich (fast) immer für oder gegen diese entscheiden – und genau diese Eigenverantwortung fordere ich auch von Vätern. Bloß, weil der Chef oder die Chefin Überstunden verlangt, muss ich diese nicht selbstverständlich machen, wenn gerade mein Kind krank ist. Und umgekehrt kann ich entscheiden, ob ich dauerhaft in einer Form arbeiten will, die mir nicht ermöglicht, meine Kinder mehr als ein paar Stunden am Wochenende wach zu sehen.
Das Ganze ist übrigens relativ unabhängig von der Elternzeit, da gebe ich dir Recht – allerdings zeigen Studien auch, dass gerade beim ersten Kind eine mehrmonatige Elternzeit für Väter (die diese aktuell noch immer kaum nehmen) die Weichen stellt, dass diese die Priorität eben auch längerfristig auf die Familie legen – zumindest in den wenigen Jahren, wo ihre Kinder klein sind und sie noch wirklich im Alltag brauchen.
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