Familie, Psychologie

Unser Badezimmer, meine Jungs und ich: Genderklischees im Jahr 2022

Jungs- und Mädchenkindershampoo nebeneinander: blaue Flasche mit Fußball spielendem Jungen und Aufschrift „Sportsfreund“ und weiße Flasche in Form eines lächelnden Einhorns.

Nennt mich „Lady Hulk Hogan“! Mit meinen zwei Jungs im Kleinkind- und Vorschulalter werde ich gerade zur (inoffiziellen) Wrestling Queen. Jedes Kuscheln artet innerhalb von Minuten zu wildem Gerangel aus. Der Große stürzt sich mit dem Schlachtruf „Kussattacke!“ auf mich und der Kleine macht mit seinem Kopfstoß dem Bodyslam der Wrestling-Champions Konkurrenz… Im Freien sind die beiden auch nicht ohne: während befreundete Mädchen im Kleinkindalter sanft lächelnd vor sich hinschaukeln oder glücklich Sand in Förmchen schichten, muss es bei meinen Zwei das Echo-Wettschreien in der Unterführung oder der ausgegrabene Wurzelballen in der Grasfläche daneben sein. Genderklischees? Klar. Aber irgendwie doch beobachtete Realität der letzten Jahre. Und mir daher einen Artikel wert. 

Babys ist ihr Geschlecht egal

Der Kinderarzt und Ratgeber-Autor Remo H. Largo hielt in seinem tausendfach verkauften Ratgeber „Babyjahre“ fest: gibt man Mädchen und Jungen in den ersten Lebensmonaten und -jahren dasselbe Spielzeug, spielen sie auch ähnlich damit. Der 1 1/2-jährige Junge rührt also genauso in Töpfen und füttert seinen Teddy wie das gleichaltrige Mädchen und umgekehrt fährt dieses „brumm-brumm“-rufend mit dem Spielzeugtraktor durch die Wohnung. 

Wann also passiert dieser schleichende Wechsel von „Anything goes“ zu „Rosa trag ich nicht!“ und „Autos sind öde!“ Denn dass meine sechsjährige Nichte andere Interessen hat als mein gleichaltriger Sohn, ist unübersehbar. Und klar, beim gemeinsamen Toben auf dem Spielplatz unterscheiden sie sich dann doch wieder kaum. Schwarzweiß, bzw. „typisch Mädchen“ oder „typisch Junge“ greift also auch hier zu kurz, aber eine gewisse Tendenz erkenne ich doch. 

Als Mutter achte ich übrigens keineswegs akribisch auf Genderneutralität. Unsere Jungs tragen überwiegend Hosen und Pullover in klassisch-dunklen Tönen, mit Dino- oder Bagger-Motiven. Sie messen ihre Kräfte, machen Pupswettbewerbe und der Große liebt seine Spielzeugautos, während der Kleine schon jetzt Interesse an technischen Abläufen zeigt. Allerdings habe ich unserem Großen auf seinen Wunsch hin vor kurzen auch schon mal für den Besuch bei Oma die Fingernägel zartrosa lackiert (er wollte besonders chic sein) und ich achte sehr darauf, Sprüche wie „Jungs weinen nicht“ oder „Reiß dich zusammen!“ zu vermeiden. Denn einen „harten Kerl“ wünsche ich mir nicht, eher einen erwachsenen Sohn, der seine Gefühle wahrnehmen und angemessen vertreten kann. Ob er das im Blaumann tun wird, im Anzug oder Rock, ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal. 

Backlash im Badezimmer

Zwei Tuben Handcreme für Männer und Frauen nebeneinander.

Soweit meine Gedanken zur „Geschlechterfrage“ innerhalb unserer Familie. Und dann stehe ich im Bad und frage mich, ob ich nicht naiv bin, das Thema so lässig abzutun. Männer- und Frauenshampoo, sie lächelnd, er mit coolem Blick in die Kamera, die Handcreme für sie mit pinkem, krönchentragendem Flamingo, für ihn („Boss“) schnörkellos silbergrau. Und nicht zuletzt das Jungs-Shampoo für fröhliche „Sportsfreunde“, während die Mädchen-Flasche als pummeliges Einhorn eher behäbig daherkommt…

Klar, unisex Kosmetika gibt es auch zu kaufen – mir persönlich sind die Männerdüfte ohnehin oft lieber als der süßliche Schnickschnack, der uns Frauen angedreht werden soll; aber die Tendenz ist doch unübersehbar: sag mir, was du zwischen den Beinen trägst und ich sage dir, wohin im Regal du greifen sollst: Jungs zu Jungs und Mädchen brav zu Mädchen.

Ob diese Kopf- (und Gehirn-) Wäsche bei meinen Jungs schon greift? Mein Großer freut sich definitiv schon darauf, ein „echter Mann“ zu werden. Nun, solange er, wenn er groß ist, Autos liebt und zugleich sein Kind so liebevoll herumträgt, füttert und wickelt, wie gerade mein Partner unseren Kleinen, soll mir das recht sein. Ganz egal ist das Geschlecht ohnehin nicht, dazu ist unsere Welt zu „binär“ (zweigeteilt) ausgerichtet – was jede*r merkt, der eben nicht „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ in seinem Auftreten und/oder Empfinden ist. Aber so plakativ klar, wie uns die Werbung es weismachten will, ist das Ganze 2022 wohl auch nicht mehr. Wie immer also mehr grau (oder bunt) in dieser Welt, als es auf den ersten Blick erscheint! 

Eure Meinung interessiert mich!

Wie seht ihr das? Erlebt ihr bei euren Kindern Geschlechterstereotypen, die euch verblüffen, oder erlebt ihr sie im Gegenteil als besonders offen? Wie wichtig ist euch der Verzicht aufs „Gendern“ in der Erziehung? Welche Idealbilder von euren Jungs und Mädels habt ihr im Kopf? Wie immer freue ich mich über eure Kommentare, direkt hier im Blog oder auch auf Facebook oder Twitter. 

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Fotos: privat]

2 Gedanken zu „Unser Badezimmer, meine Jungs und ich: Genderklischees im Jahr 2022“

  1. Liebe Sarah,
    ich habe keine Kinder und beobachte andererleuts Nachwuchs mit großer Distanz, aber ich vermute, dass die Geschlechterstereotype und dementsprechende Vorlieben bei Kindern dann beginnen, wenn die soziale Kontrolle durch Gleichaltrige und Vorbilder einsetzt. Also sobald ein Kind sich für die Menschen in seiner Umgebung interessiert und ihnen gefallen will, kommen immer mehr Klischees ins Spiel, weil das Gefallen vielfach eben doch noch sehr stark an diesen hängt.
    Mich würde interessieren, inwieweit sich diese rein theoretische Vermutung mit den tatsächlichen Beobachtungen von Eltern deckt.
    liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lea, vorab – schön, wieder einmal von dir zu lesen!:-)
      Ja, du hast vermutlich recht, es hat gerade im jüngeren Alter wohl viel mit Gefallen- und auch Imitierenwollen zu tun. Dennoch nehme ich z.B. einen enormen Bewegungsdrang und eine Freude am Raufen, Toben und Kräftemessen an meinen Jungs wahr, die z.B. meine Schwester von ihrer sechsjährigen Tochter nicht in der Form kennt. Zugleich möchte mein Großer sich aber auch schon mal die Lippen schminken wie Mama – warum nicht. Ich denke, das hat viel mit dem Erproben unterschiedlicher Rollen zu tun. Ich freue mich daran, weil es mir zeigt, dass alles da ist – und weil ich meine Kinder gern mit der Offenheit groß werden lassen möchte, dass sie aus dem ganzen Spektrum der Verhaltensweisen wählen können, was zu ihnen passt. Spielzeug/ Werbung/ Gleichaltrige mit oft holzschnittartigen Geschlechterbildern sind ohnehin einflussreich genug.
      Liebe Grüße und danke für dein Interesse an diesem „Elternthema“ – auch ohne eigene Kinder!🙂

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