Familie, Gesellschaft

Was wir 2022 wirklich brauchen. Teil 1: Schule und Bildung in der Pandemie

Junge Frau, schreibend am Laptop.

Teil 2: „Gesundheitsschutz und das Recht der freien Wahl

Teil 3: „Was stärkt Familien im dritten Jahr der Pandemie?

Was brauchen Schülerinnen und Schüler, Eltern und auch Lehrerinnen und Lehrer Anfang des 3. Pandemiejahres wirklich? Es gibt aktuell Eltern, die sich massiv um ihre Kinder sorgen, weil Schulen und Kindergärten unter allen Umständen geöffnet bleiben sollen und die sowohl die Bereitschaft als auch die Ressourcen hätten, ihre Kinder während des Distanzunterrichts wieder zuhause zu betreuen. Zugleich gibt es Kinder, für die genau die Präsenzpflicht trotz Pandemie ein Segen ist. Weil ihr Zuhause eben kein sicherer Ort ist und sie dort weder Zugang zu Bildung, noch zu verlässlicher und liebevoller Betreuung haben. Entsprechend deckt sich sowohl der Ruf „Schließt die Schulen!“ als auch das umgekehrte Diktum „Schulen offen halten um jeden Preis!“ immer nur mit den Interessen eines Teils der Eltern und Kinder. 

Schule: Sicher und flexibel durch die Pandemie? 

Wie könnte Bildung und Betreuung 2022 aussehen, die zugleich sicher und flexibel genug ist, um die zum Teil gegensätzlichen Bedürfnisse von Kindern, Eltern und pädagogischem Personal zu erfüllen? Präsenz- oder Distanzunterricht? Volle Klassen mit Masken und Luftfilter? Oder Unterricht nur noch digital? Als Lehrerin und zugleich Mutter zweier Kinder im (bald) Schul- und Kleinkindalter sage ich: Wir brauchen

  • sicheren Zugang zu Bildung und Betreuung UND zugleich Flexibilität für individuelle Lösungen
  • Gesundheitsschutz UND zugleich keinen Zwang, uns alle für denselben Weg entscheiden zu müssen
  • Transparenz und (weitere) Aufklärung über die Erkrankung UND zugleich Räume, in denen unsere Kinder und wir Eltern unbeschwert sein und neue Kraft tanken können.

Wie könnte so etwas konkret aussehen? 

Erfahrungen während und nach der ersten Welle der Pandemie in Frühjahr und Sommer 2020 haben gezeigt: 

  • Ein praktikabler Weg, der schützt und zugleich sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler nicht abhängt, kann wirklich sinnvoll konzipierter Wechselunterricht sein, also gut vorbereitete und intensiv genutzte Präsenzphasen, kombiniert mit Angeboten digitalen Lernens zum Üben und Vertiefen, die auch benachteiligte Schülerinnen und Schüler während der selbständigen Lernphasen erreichen.
  • Halbierte Klassen in Präsenz jede zweite Woche würden nicht nur den Infektionsschutz verbessern, sondern auch die Möglichkeit der individuellen Förderung und Betreuung bei der Erarbeitung neuen Unterrichtsstoffs. Als Lehrerin kann ich sagen, es macht tatsächlich einen riesigen Unterschied, ob ich 15 oder 30 Schüler/innen unterrichte, allein, was den Lärmpegel und die Möglichkeit zu individueller Betreuung angeht. In kleineren Lerngruppen gehen auch schwache Schüler/innen seltener unter und könnten durch die Lehrkraft besonders gefördert werden.
  • In der Woche ohne Präsenzunterricht könnte der erarbeitete Stoff zuhause oder bei besonderem sozialem oder pädagogischem Bedarf (z.B. Schwierigkeiten der Selbstorganisation oder unzureichende digitale Ausstattung zuhause) in Kleingruppen in der Schule vertieft werden, mit Hilfe älterer Schüler/innen („Lernpaten“) oder Lehramtstudent/innen. Außerdem wäre hier Raum für die schulischen Bereiche, die aktuell der Pandemie immer wieder zum Opfer fallen: kreative Angebote, z.B. in Form von thematisch an den „Kernunterricht“ angelehnter Projektarbeit, Bewegung und soziale Interaktion außerhalb der reinen Stoffvermittlung. Alles unter pädagogischem Gesichtspunkt genauso wichtig wie die reine Wissenserarbeitung. 
  • Lernmaterialien mit Lösungsschlüsseln, interaktive Übungsmöglichkeiten und Erklärvideos müssten zugleich ALLEN Schülerinnen und Schülern auf einer digitalen Plattform wie Moodle oder ähnlichem jederzeit zu Verfügung stehen, so dass auch diejenigen, die aufgrund einer Quarantäne oder besonderer gesundheitlicher Risiken gar nicht am Präsenzunterricht teilnehmen wollten oder könnten, Zugang zum Unterrichtsstoff hätten. Für diese Schüler/innen könnte die Lehrkraft zudem 1x wöchentlich eine verbindliche Videosprechstunde anbieten um Fragen zu klären und den persönlichen Kontakt zu halten.

Was Lehrerinnen und Lehrer außerdem massiv entlasten, ihnen Raum für organisatorische Belange und vor allem für die eigentliche pädagogische Arbeit geben würde (auch hier spreche ich als Lehrerin aus Erfahrung): 

  • Unterricht in Parallelklassen und/oder mehrmals hintereinander in derselben Stufe, um bei der Unterrichtsplanung nicht jedes Mal von vorne beginnen zu müssen. 
  • Besonders für Korrekturfächer und im Oberstufenunterricht weniger Klausuren mit dem damit einhergehenden stundenlangen Korrekturaufwand. Ein kleines Rechenbeispiel: die Korrektur einer Oberstufenklausur im Fach Deutsch dauert meiner Erfahrung nach im Schnitt 30-45min. Bei 25 Schüler/innen und 4 Klausuren pro Schuljahr sind dies allein für die Korrektur der Klausuren einer Klasse rund 50-75 Zeitstunden Arbeitszeit pro Schuljahr. Bei im Schnitt 5-10 Klassen, die ich als Lehrerin bei einem vollen Deputat betreue, kann meine reine Korrekturzeit bei korrekturintensiven Fächern rasch auf 300-500 Zeitstunden (!) pro Schuljahr anschwellen. Das alles neben den täglichen pädagogischen und organisatorischen Aufgaben. Nicht nur Schüler/innen, auch Lehrkräfte stöhnen unter der Last der Klausuren.
  • Eine „Entschlackung“ des Lehrplans und mehr Raum für freie Themen- und Methodenauswahl (z.B. bei der Erarbeitung von Lektüren) sowie damit einhergehend die Zeit zum Üben und Vertiefen.
  • Zwei bis drei technisch versierte „Digitalbeauftragte“ pro Kollegium (extra dafür ernannt und durch z.B. verringertes Deputat entlastet), die bei Fragen der Umsetzung digitalen Unterrichts allen Kolleginnen und Kollegen schnell und effizient weiterhelfen können.

Alle genannten Punkte sind mit gutem Willen und entsprechender Organisation in den Schulen tatsächlich umsetzbar und werden in Teilen vermutlich auch bereits versucht. Kombiniert würden sie sicheren Zugang zu Bildung und Betreuung bieten UND zugleich Flexibilität für individuelle Lösungen. Viel zu oft gilt aber an deutschen Schulen noch immer: „Wir machen es einfach (fast) wie vor der Pandemie und hoffen das Beste“. Dass das so nicht weitergehen kann, zeigten die letzten zwei Jahre nur allzu deutlich!

Was haltet ihr von diesen Impulsen? Was ist eurer Meinung nach in der Schul- und Bildungspolitik im dritten Jahr der Pandemie essentiell? Wie immer freue ich mich über eure Kommentare, direkt hier im Blog oder auch auf Facebook oder Twitter

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes.

War dieser Beitrag spannend? Dann interessieren dich vielleicht auch Teil 2 und 3 dieser „Mini-Serie“ zum Jahresanfang

Teil 2: „Gesundheitsschutz und das Recht der freien Wahl

Teil 3: „Was stärkt Familien im dritten Jahr der Pandemie?

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[Foto: Pixabay]

12 Gedanken zu „Was wir 2022 wirklich brauchen. Teil 1: Schule und Bildung in der Pandemie“

  1. Danke Sarah für den Beitrag, ich habe ja bei mir auch schon einiges geschrieben und überlegt, wo es eigentlich klemmt und wie man das angehen könnte. Ich habe das aus Sicht eines Vaters von zwei Pubi-Kids geschrieben und mit deutlichem Fokus aufs digitale Lernen. Da war es für mich sehr wertvoll, das mal aus Sicht einer Lehrerin zu lesen.
    Mein großer, großer Wunsch ist, dass wir das nicht alles „nur“ wegen des Virus‘ diskutieren, sondern auch vor der Kulisse von Chancengleichheit, Inklusion, Verkehrsreduzierung und deutlich zunehmender Digitalisierung der Arbeitswelt.

    Laut der Überschrift kommt noch mindestens ein zweiter Teil 2?

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    1. Ja, es folgt noch ein zweiter und dritter Teil, allerdings nicht speziell zum Thema Schule und Bildung.
      Deinem letzten Abschnitt („Mein großer, großer Wunsch ist, dass wir das nicht alles „nur“ wegen des Virus‘ diskutieren, sondern auch vor der Kulisse von Chancengleichheit, Inklusion, Verkehrsreduzierung und deutlich zunehmender Digitalisierung der Arbeitswelt“) stimme ich übrigens absolut zu, bin aber, ehrlich gesagt, diesbezüglich nur mäßig zuversichtlich.
      Momentan scheint mir mehr Interesse daran zu bestehen, sowohl unser Schul- wie auch unser Wirtschaftssystem möglichst unverändert weiterlaufen zu lassen. Wenn schon eine weltweite Pandemie daran nicht viel ändert, warum dann „Minderheiten“-Themen wie Inklusion und Chancengleichheit… Sorry, dass war jetzt zynisch, aber mich nervt die Politik der letzten zwei Jahre inzwischen an vielen Stellen wirklich massiv. Und es beunruhigt mich zudem sehr, wenn, wie bei der Bildung, genau dort Chaos herrscht, wo eigentlich genau das Gegenteil der Fall sein sollte, wo Kinder und Jugendliche, die nun mal die Zukunft unserer Gesellschaft sind, eigentlich jede mögliche Unterstützung bekommen sollten. Nun ja, darüber schreiben, Ideen sammeln und in der Praxis Veränderungen anstoßen ist wohl ein Weg!
      Viele Grüße nach Berlin, Sarah

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  2. Moin, Sarah! Ich folge gerne deiner Einladung zur Diskussion – als solche verstehe ich diese Serie. Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich vorausschicken, dass ich Änderungswünsche/-forderungen an das System (Gesellschaft im Großen/Schule als Teil des Bildungssystems im Kleinen) habe, die schon vor der Pandemie bestanden. Viele davon hat die Pandemie und der Umgang damit verstärkt. Als #motherof4, die heute in Jahr 3 der Pandemie einen Zweitklässler, eine Siebtklässlerin, einen Neuntklässler und eine Elftklässlerin hat – wer zurückrechnet, wird erkennen, welche Brisanz die Schule im Lockdown bei uns schon hatte (Erstklässler, 5. Klasse-Wechsel aufs Gymnasium, 10-Klasse-Zwischenprüfung), habe ich derzeit recht gute Einblicke in Schulen und sehe, was bei uns läuft, was bei uns nicht läuft – und warum es läuft, wie es läuft.

    Während, wie vor der Pandemie schon, wünsche/fordere ich auch heute eine systemische Erneuerung von Schule/Lernen/Bildung, mit neuen, zeitgemäßen Lernorten, Lernstoffen und der Chance zu neuen Beziehungen zwischen Menschen, die Wissen vermitteln und Aneignung in auch neuer Form erlauben, und Menschen, die lernen – auf ihre Weise. Weg mit Noten! Weg mit Vergleichen! Weg mit dem Druck! Kinder sind neugierig. Sie sind wissbegierig. Sie lernen immerzu. Überall, von allem und jedem. Schulen müssen kein Betreuungsort sein, Schule kann überall sein. Um das aufzufangen, muss auch das System Familie neu gedacht und zugelassen werden. Wirtschaft ebenso. Wichtig wären hier Wertschätzung von Beziehungen in der Familie, von Careleistung. Ach, ich wünsche mir das Dorf, das sich um seine Mitbewohner kümmert. Alte, junge, gesunde, kranke. Schule sollte ein integraler Bestandteil des Campus sein, und jeder sollte sich für die Bildung aller interessieren. Bildung muss höchste Priorität bekommen. Sie ist unser Schlüssel, um die noch weit bedrohlicheren Herausforderungen unserer Zeit zu stemmen (Hunger, Krankheit, Armut, Krieg, Klimawandel).

    Als Journalistin schreibe ich mir dafür die Finger wund, als Politologin gehe ich noch immer in den Diskurs. Als Elter bin ich einfach nur müde, erschöpft, ausgelaugt und resigniert. Weil ich tagein tagaus versuche, für meine Kinder das Dorf zu sein. Den Campus zu bieten. Und dabei natürlich merke, an meine Grenzen zu kommen, sie zu überschreiten und …, nun, den Rest kennen die meisten Eltern von sich. Was mir wichtig ist: 1. Ich versuche zu sein und zu bieten, was das jetzige System nicht bietet. Damit kann ich leben. Ich kann das schlucken. Und verdauen. Wovon mir aber regelmäßig übel wird und ich brechen muss, ist der Widerstand des Systems. Es lässt eigene Wege kaum mehr zu, erlaubt Umwege nicht. Wer nicht in die Schablone passt, wird durchgequetscht oder vorher zurechtgestutzt. Das tut weh. Wir haben es erlebt. Was tun wir unseren Kindern und uns Eltern an? Wir können die Kids mitunter nicht vor massiven Schmerzen und Schäden bewahren. Auch erlebt. Das muss sich ändern. 2. Ich erwarte kaum noch etwas. Ich bin wäre bereit, mit anzupacken. Ich wünsche, wir finden Zeit und Kraft, um die Transformation anzustoßen und zu begleiten. Ich bin es leid, meine Kinder zu sehen, die ihre Ängste vor der Zukunft klar ausdrücken und teils resigniert, teils enttäuscht, teils düster in die Zukunft schauen. Die ihren Kinderwunsch und anderes ad acta legen. Noch sind wir die Erwachsenen. Noch ist es unsere Verantwortung. Ich trage sie gerne. Aber ich schaffe das nicht allein. Müde Grüße mit einem Fünkchen Hoffnung *immer* Doreen

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    1. Liebe Doreen,
      danke für deinen ausführlichen und wachrüttelnden Kommentar! Ja, was können Antworten sein? Das „System“ sind ja (auch) wir selbst, als Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern. Ich bin als Lehrerin und Mutter bisher oft den Weg gegangen, mich denen anzuschließen, bzw. diejenigen für meine Anliegen zu gewinnen, die auch offen für Veränderung sind. Nicht gegen das Große-Ganze anzurennen, sondern im persönlichen Kontakt Dinge zu bewegen.
      Dennoch muss ich ehrlich sagen: Vorgaben aus den Ministerien und den Schulverwaltungen empfinde ich als Lehrerin auch häufig wirklich als weltfremd und eher arbeitsschaffend statt -entlastend. Und das bereits weit vor Corona.
      Also den Weg durch die Institutionen suchen? In die Politik gehen? Oder für sich und die eigenen Kinder alternative Wege (und z.B. auch innovative Schulen) finden? Das ist ja aus Zeit- und organisatorischen Gründen längst nicht immer möglich. Daher plädiere ich hier dafür, in die doch erstaunlich große Resilienz unserer Kinder zu vertrauen, ihnen zuhause den Rücken zu stärken und ansonsten im persönlichen Kontakt – und Gespräch – Veränderungen anzustoßen. Und klar – auch hier denke ich mit großen Bauchschmerzen an diejenigen Kinder und Jugendlichen, die weder in den Institutionen noch zuhause Rückhalt und Akzeptanz finden. Denen fehlt nicht das Tablet oder die perfekte Lernsoftware, sondern der Rahmen, in dem sie sich gesehen und in ihren Bedürfnissen anerkannt fühlen. Hierzu braucht es direkten Kontakt, Bereitschaft zur Auseinandersetzung und ZEIT. Ich finde, dafür müssen – und können – wir uns einsetzen – nicht nur in der Schule!

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  3. Liebe Sarah, danke für den Beitrag. Auch wenn ich mir vorgenommen habe, das Thema Corona&Gesellschaft nicht mehr ganz so nah an mein Bauchgefühl zu lassen, ist dein Beitrag so konstruktiv und konkret geschrieben, dass ich dabei trotzdem ein gutes Gefühl habe.

    Am wichtigsten scheint mir die Erkenntnis zu sein, dass es nicht so leicht ist, die Bedürfnisse von Kindern, Eltern und Lehrern ohne weiteres zusammen zu denken. Während Kinderärzte und -psychiaterinnen die Wichtigkeit von Präsenzunterricht auch über Bildung hinaus für die Kinder betonen, sind Landeselternvertretungen und Lehrergewerkschaften eher auf den (eigenen) Gesundheitsschutz bedacht und treten für Wechselunterricht und Schulschließungen ein.

    In unserem Schulalltag gibt es aber nicht nur die konträren Gruppen der Kinder, die in der Schule positivere Aufmerksamkeit erfahren als zu Hause und die der Eltern und Lehrer aus Risikogruppen, die sich tatsächlich um den Schutz ihrer Gesundheit sorgen müssen. Es gibt auch die Kinder – zu denen ich meinen jüngeren Sohn zählen würde – die von ihrer schulischen Leistung gut oder sehr gut mitkommen, die aber das soziale Miteinander an der Grundschule unter einer Vielzahl von Regeln und Restriktionen nicht einüben konnten. Und die Eltern, die aus einer gut gemeinten elterlichen Sorge, aber gegen jede Evidenz panische Angst vor einer Corona-Erkrankung ihrer Kinder haben, diesen Kindern erweiterte Distanzregeln auferlegen oder viele Gründe finden, sie gleich ganz zu Hause zu lassen.

    Alle Probleme, die das System öffentliche Schule in Berlin schon vor Corona hatte, bestehen weiter fort und daher sind Lösungen in meinen Augen untauglicher, je voraussetzungsreicher sie sind. Ich würde mir gut gemachten Digitalunterricht wünschen, die technischen, rechtlichen und pädagogischen Voraussetzungen sind hier aber zumindest nicht gegeben. Ich persönlich halte Präsenzunterricht unter allen Umständen vor allem aus der ganzheitlichen Entwicklung der Kinder heraus für diese am besten, sie entlastet auch Familien, denen Zeit und Platz fehlen, Homeschooling und Homeoffice miteinander zu verbinden, ohne seelisch auf dem Zahnfleisch zu gehen. Da aber der Wunsch und die Notwendigkeit der Eltern, die sich schützen möchten und müssen respektiert werden muss, würde ich mir wünschen, dass die Präsenzpflicht der Kinder aufgehoben wird und der Unterricht live gestreamt oder noch besser auf Video aufgenommen wird. An unserer Hochschule klappt das ganz gut. Es wäre wirklich toll, wenn Lehrerinnen sich trauen würden, hybriden Unterricht zu machen und zu versuchen, auch die digital anwesenden Kinder so weit als möglich einzubinden.

    Was die Inhalte der Schule betrifft, so stehen diese für mich nicht erst seit Corona auf dem Prüfstand, aber die langen Schulschließungen letztes Jahr haben das Vertrauen in die Bildungsinhalte bei mir noch einmal massiv in Frage gestellt. Ich muss gestehen, dass ich mich nur noch punktuell in der Lage sehe, meinen Kindern den Sinn dessen, was sie da tun, nahezubringen, wenn sie selbst zweifeln. Seit der Pandemie sind vor allem die Dinge ausgefallen, die Schule über die Fächercurricula und Lernziele hinaus zu lebenswerten Orten machen: Klassenfahrten, AG´s, Feste. All das wurde entweder untersagt oder vorauseilend im Sinne des Infektionsschutzes gestrichen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob etwas – zum Beispiel draußen – nicht doch stattfinden könnte. Mir kommen im Kontext Schule und Corona daher auch Zweifel, ob hier wirklich im Sinne der Kinder gedacht wurde und wird und nicht vielmehr gar nicht wenige Eltern und Lehrer in ihrer Angst zuerst und vor allem an sich und nicht weiter denken.
    Letztlich muss ich mich wohl von der bequemen Vorstellung verabschieden, dass meine Kinder in den vielen Stunden, die sie mit Schule verbringen, schon ihren Weg finden werden. Das heißt nicht, dass ich ihrer Kraft und ihrem Willen misstrauen muss, sondern einer Gesellschaft, die so viel von ihnen fordert und ihnen so wenig bietet.

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    1. Danke für diesen differenzierten und praxisnahen Kommentar aus Elternsicht, dessen Aussagen ich, v.a. was die (fehlende) Bereitschaft, wirklich kinderfreundliche Alternativen zu suchen, leider teile. Ja, es wird mehr als Zeit, dass wir 2022 die Generation wirklich ernst zu nehmen beginnen, deren Zukunft wir durch unsere Entscheidungen heute massiv beeinflussen!

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  4. Wenn ich das alles lese, dann muss ich wirklich weinen. Ich stimme in allen Punkten meinen Vorschreibern zu. Schon vor vielen Jahren (unsere 4 Kinder sind alle noch im letzten Jahrtausend geboren), habe ich das Schulsystem angeprangert. Ich kann nicht zählen, wie viele Jahre ich mich für die Kinder in den verschiedensten Schulen und Schularten eingesetzt habe. Bis zum baden-württembergischen Bildungsministerium habe ich meine Stimme erhoben. Aber sie ist nicht gehört worden. Ich habe immer noch ein waches Auge darauf, was in der Schule passiert, oder eben nicht passiert. Und das macht mich unendlich traurig. In der Politik, egal welche Partei und welche Politiker da sind, zählt nur der eigene Geldbeutel. Maximal noch die Bürger ab einem Alter von mindestens 60 Jahren. Für die Kinder, die unsere Zukunft sind, hat man leider nichts übrig. Aber was der Mensch sät, wird er ernten. Und weil unsere Kinder irgendwann erwachsen sein werden, ist es abzusehen, dass sich etwas ändern wird. Es ist sind nur die Fragen, wann das sein wird, und was das sein wird.

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    1. Danke für diesen weiteren Kommentar aus Elternsicht. Als Lehrerin kann ich sagen: ich erlebe durchaus sehr viele motivierte Kolleg/innen und bin persönlich auch immer wieder dankbar für wunderschöne und vereinzelt tatsächlich schöpferische Momente mit meinen Schüler/innen. Es ist nicht alles schwarz. Dennoch: das „System Schule“ hat einfach seine massiven Schwächen, die oft gerade die motiviertesten Lehrer/innen dazu bringen, ihm den Rücken zu kehren. Die Schülerinnen und Schüler können das natürlich nicht so einfach. Das finde ich das eigentlich Tragische und daher ist meiner Meinung nach auch jeder Anstoß zu Veränderung wichtig!

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  5. Auch spannend in diesem Kontext: Der Bericht eines engagierten Lehrers, der nach 14 Jahren dem Schuldienst den Rücken gekehrt hat. Der Beitrag macht meines Erachtens ziemlich deutlich, woran es im „System Schule“ hapert und warum auch (oder gerade?) motivierte Lehrer/innen dort oft nicht dauerhaft glücklich werden. Mehr hier: https://bobblume.de/2022/01/19/gastartikel-ausstieg-aus-dem-lehrerberuf/

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