Familie, Psychologie

„Übernimm doch mal Verantwortung!“ Warum das nicht immer so einfach ist

Erwachsener hält Kinderhand

In Partnerschaften, aber auch unseren Kindern gegenüber fordern wir manchmal: „Übernimm Verantwortung für das, was du tust!“ Ich möchte in diesem Beitrag beleuchten, was hinter einem Satz wie diesem stehen kann und warum es manchmal gar nicht so leicht ist, die Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Auch wenn darin viele Ratgeber den Schlüssel zu einer funktionierenden Beziehung sehen oder dies bei Kindern als wichtigen Entwicklungsschritt beschreiben. 

Verantwortung: die Konsequenz des eigenen Verhaltens überblicken

Als kleines Kind können wir die Konsequenzen unseres Verhaltens noch nicht überblicken. Der Einjährige, der mit Tomatensoße an den Händen das weiße Sofa verziert, die Dreijährige, die trotz Minusgraden ihre Winterjacke nicht tragen möchte – wir nehmen an, dass hinter diesem Verhalten keine böse Absicht steht, da beide die Konsequenzen ihres Handelns noch nicht überblicken können. Anders erleben wir das vermutlich bereits bei unseren Kindern in Grundschul- und Teenageralter und erst recht bei unserem Partner oder unserer Partnerin. Dem Sechsjährigen würden wir die Handabdrücke auf dem Sofa nicht mehr so leicht verzeihen und würde unser Partner von uns verlangen, für seine Gesundheit zu sorgen, indem wir ihm Schal und Jacke hinterhertragen, käme uns das zu Recht seltsam vor. Hier fällt es uns also relativ leicht, die Verantwortung abzugeben.

Was aber, wenn unsere Sechsjährige allein zur Schule laufen oder unser Zehnjähriger über seinen Süßigkeitenkonsum selbst entscheiden möchte, oder andererseits unser Partner sich entgegen unseres Wunsches nicht um eigene Belange kümmert? In beiden Fällen kommen wir mit dem Thema Verantwortung in Berührung. Bei unserem früh selbstständigen Kind in der Form, dass wir uns fragen, ob wir ihm tatsächlich die entsprechende Verantwortung übertragen und ihm die damit einhergehende Eigenständigkeit zugestehen können. Bei unserem Partner oder unserer Partnerin dadurch, dass er oder sie, anders als wir es erwarten, gerade nicht eine Verantwortung übernimmt, die wir von ihm oder ihr als erwachsenem Menschen erwarten. 

Was können wir bei unverantwortlichem Verhalten tun?

Der Schlüssel liegt wie oft gerade nicht beim anderen, sondern bei uns selbst. Daher hier einige Fragen:

  • Was erwartest du von anderen (deinem Kind, deinem Partner)? Und was nicht?
  • Wie reagierst du darauf, wenn sich deine Erwartungen erfüllen?
  • Wie, wenn sie das nicht tun?
  • Welche Erwartung hast du an dich selbst?

Als Kind früh selbständig zu sein und in altersgerechtem Rahmen Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, kann uns meiner Meinung nach für das gesamte Leben stärken. Indem wir nämlich die eigene Wirksamkeit – im Positiven wie im Negativen – erleben. Die Magenschmerzen nach drei Bechern Kakao, die vergeigte Klassenarbeit, auf die wir uns nicht vorbereitet haben oder andererseits der selbst geschlichtete Streit mit der besten Freundin, das erste selbst verdiente Geld oder das trotz Schwierigkeiten zu Ende geführte Auslandsjahr – das alles zeigt uns: ich kann durch mein Verhalten etwas im Außen bewirken. Mit der Verantwortung, die ich übernehme, geht eine Gefühl der Selbstwirksamkeit einher. 

Der schmale Grat zwischen zuviel und zu wenig Verantwortung

Zu oft abgenommene – oder andererseits zu früh übernommene – Verantwortung kann unser Verhalten allerdings auch noch bis ins Erwachsenenalter hinein prägen: dann tendieren wir vielleicht auch als Erwachsene dazu, dem Partner, der Arbeitgeberin oder überhaupt anderen die Verantwortung für unser Glück oder unsere Unzufriedenheit zu übertragen – oder versuchen umgekehrt, auch als Erwachsene noch, „alles unter Kontrolle“ zu haben, weil wir viel zu früh erfahren mussten, dass unser Gegenüber eben nicht in gesundem Maß Verantwortung an uns abgegeben, sondern vielmehr uns die Verantwortung für eigenes Verhalten aufgebürdet hat. 

Eltern, die ihren Kindern (fast) alles abnehmen, beziehungsweise ihnen aus eigener Ängstlichkeit und übertriebenem Verantwortungsgefühl bis weit ins Schulalter fast keine eigenständigen Entscheidungen zutrauen, erscheinen mir für die Entwicklung eines gesunden Selbstwirksamkeitsempfinden genauso schädlich wie umgekehrt Eltern, die eben gerade nicht ihre elterliche Verantwortung übernehmen, gut für sich selbst sorgen und damit ihrem Kind zu früh eine Verantwortung für sich selbst – oder sogar ihr eigenes emotionales Wohlergehen –  aufbürden, die dieses noch gar nicht tragen kann. 

Feste Rollen innerhalb der Familie

Was nun zu viel und was zu wenig Verantwortung ist, dies zu entscheiden ist sicherlich immer wieder nicht einfach. Gerade, weil unsere Kinder sind wie sie sind und wir ihnen so nahe stehen. Da glauben wir vielleicht, unseren Wildfang auch mit sieben oder acht Jahren nicht alleine über die Straße gehen lassen zu können und übersehen, dass er ab einem gewissen Alter tatsächlich die Situation übersehen und verantwortungsvoll handeln könnte. Oder wir erwarten von unserem Kind, das wir bisher immer als schüchtern erlebt haben, dass es auch weiterhin nicht allein auf andere zugehen kann. Gerade innerhalb von Familien entstehen schnell Erwartungen an das Verhalten aller Beteiligten und wir finden uns und andere in ziemlich starren Rollen wieder. Das ist der „liebenswerte Schussel“, „die Vernünftige“, „die Impulsive“ oder „der Unentschlossene“ und je nach Erwartung, die wir an den oder die anderen haben, werden wir bereitwillig oder eher zögernd Verantwortung an ihn oder sie abgeben. 

Unsere Erwartungen an unsere Kinder prägen also maßgeblich, wie diese die an sie gestellten Erwartungen erfüllen werden. Einem Kind, dem ich ehrlich und wohlwollend zutraue, im altersgerechtem Maße Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, wird dieser sehr wahrscheinlich auch gerecht werden. Schon allein, weil es stolz auf mein Vertrauen ist. Ein Kind, dem ich andererseits mehr Verantwortung für sein – oder gar mein – Verhalten aufbürde, als es tragen kann, wird sich in erster Linie gestresst fühlen. Reagiere ich enttäuscht oder gar abwertend, wenn es meinen Erwartungen nicht entspricht und das bei Dingen, die es vielleicht noch gar nicht selbst regulieren kann, lernt es vermutlich statt (Eigen-) Verantwortung zwei Dinge: Wenn ich die Erwartungen anderer nicht erfülle, ist das mit Stress und Anspannung verbunden. Und: „Ich kann es nicht!“ Im negativsten Fall darf ich das aber noch nicht mal zeigen, denn meine ganz persönliche Empfindung der Über- oder auch Unterforderung interessiert keinen.

Unsere Erwartungen bestimmen, wie wir uns gegenüber unseren Kindern verhalten

Erwachsenen gegenüber erwarten wir meiner Meinung nach zurecht, dass der oder die andere die Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernimmt. Tut er oder sie das nicht, können wir das aber auch nicht ändern. Hier ist unsere eigene Verantwortung gefragt, indem wir unser eigenes Verhalten überdenken, gut für uns selbst sorgen und uns gegebenenfalls auch klar abgrenzen. 

Unseren Kindern gegenüber können wir letztlich genau dieselbe Haltung zeigen. Natürlich haben wir – erst recht, wenn sie noch klein sind – objektiv Verantwortung für sie. Diese können wir im Laufe ihrer Entwicklung aber nach und nach abgeben. Zu jedem Zeitpunkt haben wir bei der Begleitung unserer Kinder aber die Verantwortung für uns selbst. Verantwortungsgefühl entsteht nicht dadurch, dass wir es einfordern – bei Erwachsenen genauso wenig wie bei unseren Kindern -, sondern indem wir uns selbst verantwortungsvoll zeigen. Indem wir also die Verantwortung für uns selbst und unsere Gefühle übernehmen, unseren Kindern im altersgemäßen Rahmen Verantwortung übertragen, ihre Grenzen und Beschränkungen aber zugleich liebevoll akzeptieren. 

Verantwortungsgefühl entsteht aus Vertrauen – sich selbst und anderen gegenüber. 

Sich dessen bewusst zu werden, empfinde ich immer wieder als sehr hilfreich.

Herzlich, Sarah Zöllner

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Fotos: Pixabay]

3 Gedanken zu „„Übernimm doch mal Verantwortung!“ Warum das nicht immer so einfach ist“

  1. Ich habe das alles mit meinen Jungs hinter mir. Rückblickend kann ich nur sagen, Rituale sind nicht nur für den Kindergarten gut; bis zum Tage der endgültigen Abnabelung sorgen sie für Akzeptanz, Respekt und geregelte Abläufe in der Familie. Das einmal als Basis. UND… Ich musste feststellen, es kann helfen, wenn wir unsere Erwartungen NICHT als solche zeigen. Erwartungshaltungen bewirken bei Kindern und Jugendlichen oft genau das Gegenteil. Klar haben wir welche, die müssen auch sein, gerade im Bezug auf Verantwortung. Dennoch hilft es, die jungen Menschen eventuell nur anzustupsen, wir Eltern dürfen Erwartungen nicht klar als solche kommunizieren. Einfach mal die Wortwahl bei der Argumentation umkehren, so dass wir nur die Richtung weisen, Folgen quasi beiläufig erwähnen. Das ist verdammt schwer – doch es kann funktionieren. Ohne dass der Nachwuchs es bemerkt, erfüllen sie Erwartungen und werden mit Stolz erfüllt, weil sie glauben, von selbst drauf gekommen zu sein.

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    1. Danke, Marita, für dein Mitlesen und die weiteren Impulse. Dass zu eng gesteckte Erwartungen oft eher zu Widerstand und damit zu Enttäuschung seitens des/r Fordernden führen, gilt ja nicht nur in Bezug auf unsere Kinder!:-) Viele Grüße, Sarah

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