Gesellschaft, Politik

Pandemie und das Leben im Augenblick: kurzsichtig oder klug?

EM 2021: Jubelnde Fußballfans beim Public Viewing ohne Abstand und Maske
EM 2021: Euphorie ohne Maske und Abstand beim Public Viewing (Foto: epa)

In der Sozialpsychologie gibt es einen Begriff, der menschliches Verhalten treffend auf den Punkt bringt: den sogenannten „myopischen Effekt“. Myopisch heißt kurzsichtig und entsprechend bedeutet das Phänomen, dass mich Konsequenzen, die mein Verhalten in ferner Zukunft haben könnte, nicht so sehr interessieren wie ihr Effekt im Moment. Also stecke ich mir als Raucher/in die nächste Kippe an – die Befriedigung im Augenblick zählt mehr als der mögliche Lungenkrebs ein Jahrzehnt später. Ich kaufe den Kaffee im Pappbecher (jetzt praktisch – das Müllproblem fällt für mich spürbar erst später an) oder fliege spontan nach Mallorca (die Spätfolgen für die Natur wiegen weniger als der Spaß im Moment). Auch das aktuell wahrnehmbare Verhalten (feiernde Fußballfans, volle Einkaufsstraßen und Cafés) lässt sich dadurch erklären: jetzt will ich leben, Menschen treffen, meinem Vergnügen nachgehen – auch wenn das eine weitere Pandemiewelle im Herbst bedeuten mag. Ist das nun verwerflich – oder gut?

Ich selbst bin eigentlich eine Befürworterin des Lebens im Augenblick. Ich habe Dinge, die mir wirklich wichtig waren, selten verschoben und bin heute froh, dass ich viele Reisen und Erfahrungen schon gemacht habe, die aktuell, unter Pandemiebedingungen und auch mit zwei kleinen Kindern, gar nicht so leicht nachzuholen wären. 

Sommerfreude: verständlich und doch riskant

Dennoch sehe ich den aktuellen Ausbruch sommerlicher Lebensfreude nicht ganz unbeschwert. 14.000 Fußballfans, die sich im Stadion zum Großteil ohne Abstand und Maske in den Armen liegen – eigentlich erfreulich normal und damit unter anderen Umständen begrüßenswert. Tausende, die die Sommermonate nutzen, um quer durch Europa zu reisen oder endlich wieder Freunde und Verwandte zu besuchen – wunderbar und der Wunsch nach Urlaub und Unbeschwertheit sehr verständlich

Gleichzeitig darf diese Unbeschwertheit nicht dazu führen, dass unsere Kinder im Herbst und Winter schon wieder Notbetreuung und Wechselunterricht über sich ergehen lassen müssen, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn vor kurzem wie selbstverständlich in Aussicht gestellt hat. Es darf auch nicht bedeuten, dass diejenigen, die sich das Reisen leisten können, dafür sorgen, dass nach ihrer Rückkehr die Infektionszahlen wieder steigen und dass dann diejenigen, die sich keinen Urlaub außerhalb Deutschlands leisten können und noch dazu dauerhaft beengt und unter prekären Bedingungen leben, womöglich weitere Monate im Lockdown verbringen müssen. 

Nachteile für diejenigen, welche die Vorteile kaum nutzen können?

Die Welt ist nicht gerecht. Und wir sind manchmal verdammt kurzsichtig und auf unser eigenes Wohlergehen bezogen – das ist nicht erst seit der Pandemie so. Aber dass jetzt der kurzfristige Genuss – oder auch der wirtschaftliche Gewinn – durch vermehrten Konsum, durch Reisen und Freizeitangebote im Sommer – im Herbst wieder zu Einschränkungen vor allem für diejenigen führt, die gerade gar nicht oder kaum an den Erleichterungen teilhaben können – das darf nicht sein! 

Bleibt so ein Appell wieder ein bloßer Wunsch? Oder können wir durch unsere Wahl im Herbst, durch unsere politischen wie persönlichen Entscheidungen und unser Verhalten doch eine Veränderung bewirken?

Kurzsichtig, selbstbezogen und auf schnelle Bedürfnisbefriedigung auf Kosten anderer hin zu leben ist eine Entscheidung. Wir können also auch NEIN zu ihr sagen und an die denken, die vielleicht gerade gar keine Möglichkeit der Wahl haben.

Herzliche, nachdenkliche Grüße 

Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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3 Gedanken zu „Pandemie und das Leben im Augenblick: kurzsichtig oder klug?“

  1. Danke für den Impuls, Sarah. Ich hatte auch schon den Eindruck, dass manche etwas „nachholen“ und sich gleichzeitig bereits „auf Kredit“ vergnügen wollen, weil keiner so richtig weiß, was uns im Pandemie-Herbst erwartet. Das führt dann aber gleich zu doppelt Myopie.

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