Familie, Gesellschaft

Kinder sind keine Hunde. Statt Trash-TV echte Unterstützung für Familien

Kleinkind vor Zebrastreifen an pinker Leine.

Pünktlich zum Jahresanfang gelang dem Privatsender RTL ein ordentlicher Aufreger: „Train Your Baby Like A Dog – Die Hund-Kind-Methode“ beschreibt der Sender das neue Format. Wo vor einigen Jahren noch die „Super-Nanny“ Familien besuchte und sie beim Umgang mit trotzenden Kleinkindern und respektlosen Teenagern beriet, gibt seit Anfang Januar eine Hundetrainerin (!) ratlosen Eltern ihre Tipps. Die sehen dann schon mal so aus: „Wenn ein Hund in einer bestimmten Erregung ist, dann ist er einfach nicht lernfähig und stellt auf Durchzug.“ Dasselbe gelte auch für Kinder. Entsprechend müsse man die lieben Kleinen dazu bringen ihre Eltern überhaupt wieder zu beachten. Was liege näher, als sie per Geräuschsignal, Leckerli und positiver Verstärkung darauf zu konditionieren?…

Der Aufschrei unter Pädagog/innen ist groß. Katharina Saalfrank, selbst vor Jahren noch „Super-Nanny“ beim Privatsender RTL, ruft zum Boykott der Sendung auf und Nora Imlau, bekannte Vertreterin bedürfnisorientierter Erziehung, zeigt sich in den sozialen Medien sichtlich besorgt. Tenor der Kommentare: Das Format sei menschenverachtend, Kinder wie Hunde nach einem Reiz-Reaktionsschema trainieren zu wollen, gehe vollkommen an deren Bedürfnissen vorbei und sei sogar gefährlich für ihre Entwicklung

Verhaltenstraining per Leckerli

Ich habe mir den Trailer der Sendung angesehen und tatsächlich berührt mich höchst unangenehm, wie die sichtlich überforderten Eltern vorgeführt werden, ebenso wie das renitente vierjährige Mädchen, das in der gezeigten Folge „erzogen“, also neu konditioniert, werden soll. Die Mutter erhofft sich von der Hundetrainerin offenbar echte Hilfe und lässt zu, dass diese ihrer Tochter parallel zu einem Geräuschsignal das „Leckerli“ in den Mund schiebt, was, neben einer Umarmung durch die Mutter, zukünftig als „Anreiz“ dienen soll, deren Aufforderungen zu befolgen. Einige Szenen später reagiert das Mädchen tatsächlich schon auf das Signal und kommt artig, um sich Leckerli und Umarmung abzuholen. „Es funktioniert!“, seufzt die Mutter sichtlich erleichtert. Soweit, so absurd.

Ich denke, es ist klar, dass der Sender zugunsten der Einschaltquoten auf Provokation und den heimlichen Voyeurismus potentieller Zuschauer/innen setzt. Das ist nicht neu. Formate wie das Dschungelcamp oder eine (noch vor Ausstrahlung abgesetzte) Dating-Show des Senders Pro Sieben, in der M.I.LFs (= Mothers I’d like to fuck) gegen kinderlose Frauen antreten sollten – sie alle setzen darauf, das wir einschalten, obwohl es uns bereits im Vorfeld gruselt. Panem et circenses, die Belustigung der Massen auf Kosten derjenigen, die sich – oft aus finanziellen Gründen und relativ arglos – dazu zu Verfügung stellen, funktioniert eben seit den Gladiatorenkämpfen der Antike… 

Diesmal schickt RTL also die Kinder in die „Arena“. Das allein ist erbärmlich. Aber offenbar gilt auch hier: was Aufmerksamkeit erzeugt, ist erlaubt, zumindest hat der Sendervorstand das Format durchgewunken und es wurde bereits Anfang Januar diesen Jahres zum ersten Mal ausgestrahlt. Klar, können wir es boykottieren. Ich selbst werde das auch tun, denn ich empfinde es tatsächlich als menschenverachtend, die Überforderung von Eltern und die Not ihrer Kinder für ein TV-Format auszuschlachten.

Eltern brauchen Unterstützung

Noch viel bedenklicher finde ich allerdings, dass junge Eltern in unserer wohlhabenden Gesellschaft, in der von der Mülltrennung bis zum Verkauf von Autoersatzteilen alles bis ins Detail geordnet und reglementiert ist, überhaupt in die Situation kommen, sich so überfordert zu fühlen, das sie ein solches Trash-Format als „Hilfestellung“ für ihre Probleme in Anspruch nehmen

Warum wird noch immer angenommen, Eltern zu sein sei etwas, das automatisch gelingt? Warum wird selbstverständlich erwartet, dass die biologische Verbindung zwischen Eltern und Kindern ausreicht um ein funktionierendes, harmonisches Familiengefüge zu schaffen? Dass Mütter und Väter ohne nennenswerte Unterstützung tagaus, tagein für ihre Kinder zuständig sein können, ohne an den Rand ihrer Kräfte zu gelangen? Dass Kinder sich gut entwickeln, wenn die Umstände, unter denen sie (und ihre Eltern) leben müssen, alles andere als gut sind?

Kinder ins Leben zu begleiten kann eine große Freude sein UND es ist zugleich eine der verantwortungsvollsten und komplexesten Aufgaben, die es im Leben eines Erwachsenen gibt. Wutanfälle zu begleiten, unzählige Fragen zu beantworten, Kinder zur Selbstständigkeit zu ermutigen und ihnen zugleich gesunde Grenzen zu setzen, fordert Zeit, Kraft und ein hohes Maß an Empathie und Durchsetzungsstärke. Zugleich sind nicht wenige Eltern in Vollzeit berufstätig; dazu muss der Haushalt geführt werden, aller Papierkram, der bei einer mehrköpfigen Familie anfällt, will erledigt und soziale Kontakte wollen gepflegt werden. Eltern haben oft über Jahre so gut wie keine Zeit und Energie für echte Regeneration oder eigene Interessen. Das kann Mütter und Väter durchaus an ihre Grenzen bringen, auch ohne weitere Stressfaktoren wie Geldsorgen, Süchte oder psychische Probleme, die zusätzlich viele Familien belasten. Dass die Kinder überforderter, dauergestresster Eltern schließlich mit „störendem“ Verhalten reagieren, wen wundert es? 

Problem weg? Ursache bleibt.

Nun das störende Verhalten „wegzukonditionieren“ ist etwa so vielversprechend wie bei einer Wurzelentzündung den eitrigen Zahn mit einer Krone zu versiegeln. Auf den ersten Blick ist das Problem beseitigt, aber natürlich führt dies auf Dauer zu keiner Lösung, sondern verschlimmert die Gesamtsituation eher noch.

In Geburtsvorbereitungskursen, Krabbelgruppen und auch bei den U-Untersuchungen beim Kinderarzt liegt das Hauptaugenmerk auf der Entwicklung der Kinder. Natürlich wird auch einmal gefragt, ob es Schwierigkeiten im Alltag gebe, z.B. mit dem Schlaf- oder Essverhalten oder auch der partnerschaftlichen Aufgabenverteilung innerhalb der Familie. Aber letztlich kratzen die Fragen doch oft an der Oberfläche. Sich als Eltern bewusst zu machen, dass man alleine tatsächlich nicht weiterkommt, dass Konflikte und Schwierigkeiten innerhalb der Familie zu groß sind, um sie ohne Hilfe zu lösen, erfordert nicht nur ein ordentliches Maß an Reflexionsfähigkeit, sondern auch den Mut, sich anderen mit der eigenen Schwäche und Unzulänglichkeit zu zeigen. Ein Schritt, der vermutlich umso schwerer fällt, je gravierender die Probleme sind. Zu groß die Befürchtung, für das elterliche „Versagen“ kritisiert oder bestraft zu werden oder womöglich gar die Kinder entzogen zu bekommen. 

Aber auch Familien, in denen „nur“ eines der Kinder zeitweise außer Rand und Band gerät oder wo ernsthafte partnerschaftliche Konflikte bestehen, könnten intensivere Hilfestellung benötigen, als aktuell zu Verfügung steht. Natürlich, es gibt Krisen-Hotlines und kostenlose Beratungsangebote wie z.B. die Frühen Hilfen, die während der ersten drei Lebensjahre des Kindes praktische Unterstützung bieten können. Warum aber nicht Eltern bereits vor der Geburt z.B. während des Geburtsvorbereitungskurses schulen, wie sie mit einem dauerhaft schreienden Baby oder einem trotzenden Kleinkind umgehen können? Warum nicht auch bereits vor der Geburt in Form eines verpflichtenden Beratungsgesprächs bei der Frauenärztin oder im Jugendamt genau hinschauen, ob die Eltern Unterstützung benötigen, so dass die Situation in der Familie gar nicht erst eskaliert?

Hilfe auch in der (Corona-) Krise

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auch Hilfsangebote für junge Familien gravierend eingeschränkt haben. Der standardmäßige Willkommensbesuch einer Sozialarbeiterin in den ersten Lebensmonaten des Kindes, wie ich ihn in der Großstadt Köln noch vor fünf Jahren nach der Geburt unseres ersten Sohnes erlebt habe, ist gestrichen. Statt dessen kann man für ein 15-minütiges Gespräch die Beratungsstelle aufsuchen. Dass hierbei ein weit weniger intensiver Eindruck der Lebensumstände sowie womöglich des Unterstützungsbedarfs der Familie entsteht als beim Besuch vor Ort, dürfte klar sein. Auch Beratungen finden weitgehend telefonisch oder per Video-Chat statt. Krabbelgruppen und Stillberatungen, bei denen der Austausch mit anderen Eltern möglich wäre, finden ebenfalls lediglich online statt, oder sind gleich ganz gestrichen. Immerhin die Wochenbetthebamme durfte mich im Herbst diesen Jahres regelmäßig zuhause besuchen. Für Mütter, deren Geburt in den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 fielen, war auch das nicht möglich.

Ein zynischer Zufall, dass gerade jetzt ein TV-Sender sich als Erziehungsexperte gebärdet? Noch dazu in einer Form, die klar auf Provokation und kommerziellen Erfolg abzielt? Kinder mit Hunden gleichzusetzen ist sicherlich geschmacklos. Über Monate Beratungs- und Unterstützungsangebote einzuschränken, Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen nur noch rudimentär zu begleiten und die Infrastruktur für junge Eltern massiv einzuschränken, empfinde ich allerdings als viel bedenklicher. Vorauszusetzen, dass Eltern in jedem Fall pädagogische Expert/innen für die Erziehung ihrer Kinder sind – und dies ohne nennenswerte Vorbereitung oder Unterstützung – ehrlich gesagt auch. Per Klickreiz und Leckerli lassen sich diese Probleme allerdings nicht lösen. Schade.

Nachdenkliche Grüße, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: Fotolia/Vladyslav Danilin]

7 Gedanken zu „Kinder sind keine Hunde. Statt Trash-TV echte Unterstützung für Familien“

  1. An sich ist es eine so gute Idee, Erziehungstipps im Fernsehen auszustrahlen und damit auch eine Zielgruppe zu erreichen, die sich vielleicht nicht über Bücher oder Elternkurse informiert, sondern nur aus dem Bauch heraus handelt, beziehungsweise jene Erziehung anwendet, die sie selbst erfahren hat. Und die mit Herausforderungen alleine dasteht. Leider ist der Sinn dieser Sendung im Endeeffekt gar nicht, Eltern etwas beizubringen, was ihnen nutzt, sondern, wie du gut ausgeführt hast, geht es letztlich nur um die Vermarktung und hohe Zuschauerzahlen. In der Sendung wird lieber mit Extremen gearbeitet, also mit einem absurden Erziehungsstil, damit Menschen aus reiner Schaulust heraus reinschalten. Niemand schaut sich das an und denkt: da lerne ich etwas 😦

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    1. Ja, das ist wahr: über das Fernsehen können eventuell Eltern erreicht werden, die gar nicht zu Elternkursen gehen. Aber gerade Elternbesuche wie in der Stadt Köln nach der Geburt des Kindes sollen ja auch diese Eltern erreichen. Ich finde es sehr bedenklich, dass diese Angebote aktuell so heruntergefahren werden und dann mehr als zweifelhafte Erziehungs-„Ratgeber“ die Lücke füllen. Lg, Sarah

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  2. Du glaubst gar nicht, wie oft ich ungebeten solche Tipps bekomme!
    Ich offensichtlich Erziehungsunfähige, ich.
    Ich schulde dir noch einen Blogbeitrag, ich weiß, da ich aber im Moment wieder Lehrerin, Schulbegleiterin und Kitaerzieherin in Personalunion bin, kann das noch dauern.

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  3. Clicker- bzw Markerworttraining wird schon lange erfolgreich im Sport bei Menschen angewendet. Ich sehe nicht, warum eine Fokusänderung auf positives Verhalten, dass eindeutig und punktgenau als solches gemarkert wird, schlecht sein soll. Hunde und Kinder/Menschen ticken extrem ähnlich. Ihre Bedürfnisse sind, dass ihre Stärken gesehen und anerkannt werden, dass Kommunikation eindeutig, klar und fair stattfindet und dass ihnen ein Alternativverhalten zu einem unerwünschten Verhalten angeboten wird. So werden Teufelskreise durchbrochen. An den obigen Ausführungen erkenne ich, dass die Hintergründe des Trainings von der Autorin nicht verstanden wurden. Wahrscheinlich fehlt da das Wissen eines Hundetrainers. RTL: Geniale Sendung! Weiter so!

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    1. Danke für die alternative Sichtweise! Worin ich Ihnen zustimme, ist, dass Kinder es brauchen, dass ihre Bedürfnisse gesehen und ihre Stärken anerkannt werden. Ist die Kommunikation innerhalb einer Familie bereits hauptsächlich negativ und auf die Schwächen (bzw. in den Augen der Eltern Fehler) der Kinder ausgerichtet, mag das Konzept der positiven Verstärkung vor allem für die Eltern ein nützlicher Ansatz sein, um ihr EIGENES Verhalten zu ändern. Ich bin überzeugt, vor allem dadurch wird auch das Verhalten ihrer Kinder positiv beeinflusst.
      Der durch einen Vergleich von Kindern und Hunden suggerierten Annahme, Kinder ließen sich zu besserem Verhalten regelrecht „trainieren“ widerspreche ich jedoch. Natürlich sind sie wie Hunde soziale Wesen, die auf die liebevolle Führung sowie das Wohlwollen ihrer Bezugspersonen angewiesen sind (nicht umsonst spricht Jesper Juuls z.B. in einem seiner Bücher davon, für seine Kinder „Leitwolf“ sein zu wollen); dennoch finde ich es problematisch, Kinder in einer Fernsehsendung quasi mit Tieren gleichzusetzen. Ich denke, man müsste sich nur vorstellen, der PARTNER der gezeigten Mutter sollte per Klicker und Leckerli zu pro-sozialerem Verhalten erzogen werden, um zu merken, wie absurd ein solches Verhalten bleibt.
      Danke für die kritische Auseinandersetzung mit meinem Beitrag und viele Grüße!

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