Beruf, Gesellschaft, Politik

„Ich f*** deine Familie in drei Generationen“. Der raue Ton an deutschen Schulen

11A26952-A3BC-4F27-9078-00E4263C28C4

Ausnahmsweise bin ich zu Fuß unterwegs zu meiner Arbeit an einem Weiterbildungskolleg. Mir kommen die Schüler*innen der benachbarten Gesamtschule entgegen. Drei Originalzitate…

Ey, Alter, du likest mich jetzt sofort, du Spast!“ (Telefonische Instruktion eines etwa 19-Jährigen an einen nicht näher bestimmten Adressaten). 

Ich fick die. Ich sag’s dir, ich fick der ihre Familie in drei Generationen!“ (Aufgebrachtes Mädchen, etwa 15, zu ihrer Freundin über eine offensichtlich ungeliebte Dritte).

Patentante, ich werde Patentante, du Arsch!“ (Ein Junge und ein Mädchen, ebenfalls etwa 15, in ein angeregtes Gespräch vertieft).

Schritt aus der akademischen Filterblase

Oha… Bin ich da gerade etwa aus meiner akademischen Filterblase getreten? Eben noch der eloquente Vortrag über Jack Kerouac, die Diskussion über Goethes Gretchen oder den Poststruktualismus. Und da – ja was – das Leben außerhalb meines Wolkenkuckucksheims?

Reden die immer so miteinander? Oder vielmehr: bellen und raunzen die einander immer so an? Gespräche in Satzversatzstücken, die Stimmen rau von der ständig erhöhten Lautstärke. Und Fäkalausdrücke als simple Satzergänzung.

Als Lehrerin in diesem Umfeld?

Ich versuche, mich als Lehrerin in diesem Umfeld zu sehen. Oder auch: meinen Sohn, jetzt vier, an einer solchen Schule. Es gruselt mich ein bisschen. Nicht wegen der Kinder und Jugendlichen, die im Kern sicher genauso liebenswürdig sind wie ihre nicht permanent fluchenden Altersgenossen und einfach nur Anerkennung wollen, sondern wegen des Umgangstons selbst. Ich möchte meinen Sohn nicht in einem Umfeld lernen und leben lassen, in dem er auf die Frage „Ist neben dir noch frei?“ als Antwort wahlweise ein „Fick dich“ oder ein „Walla, komm her, du Pisser“ erhält.

Übertreibe ich?

Aber das ist das wahre Leben. 08.30 Uhr, mitten im Kölner Stadtgebiet. Und noch eine (traurige) Realität nehme ich wahr: 95% dieser fluchenden und sich im Spaß oder im Ernst beschimpfenden Kinder und Jugendlichen haben einen „Migrationshintergrund“. Deutsche sind sie, aber das Deutsch, das ihre Sprache ist, tut mir in den Ohren weh.

Und welche Chance hat Zeynep, irgendwo außerhalb ihrer Clique mit ihrem Standpunkt ernst genommen zu werden, wenn sich ihre Argumentation auf den verbalen Totschlag der Gegenseite beschränkt? Auch Hamids „Geil, Alter, krass pervers“ stößt bei jedem Chef über 30 sicher auf Befremden. Klar, Jugendsprache: Provokation und Abgrenzung. Aber diese jungen Menschen grenzen sich vor allem selbst aus. Aus einer Kultur, die differenzierter argumentiert als mit plattem „Du machst mich tot, ich mach dich toter“ und mehr Sprachnuancen kennt als LAUT.

Nur, wer macht es ihnen anders vor?

Die Lehrer*innen, die an Gesamt- und Stadtteilschulen häufig auch nur eben so „überleben“, denen es an Zeit, Kraft und Ressourcen fehlt, ein echtes Gegengewicht zu dieser Wirklichkeit der Jugendlichen zu schaffen? Die Eltern, die der deutschen Sprache oft selbst kaum mächtig sind und genug mit sich selbst zu tun haben? Die Freunde und Gleichaltrigen passen sich vermutlich dem Ton an, um nicht unterzugehen. Wo nur (vermeintliche) verbale Stärke gilt, will keiner die „Pussi“ sein.

Zweite Chance, zweiter Bildungsweg?

Einen Teil dieser Jugendlichen sehe ich als junge Erwachsene an meiner Schule wieder. Zweiter Bildungsweg, zweite Chance. Das sind diejenigen, die Ziele haben, die ihren Weg gehen wollen. Einigen gelingt das auch. Ich erlebe beeindruckende Schullaufbahnen und junge Menschen, die sich während der drei bis vier Jahre an unserer Schule regelrecht neu erfinden. Wissbegierige, kritische, zielstrebige junge Erwachsene. Ich erlebe aber auch Situationen, zum Glück nur selten, in denen ich plötzlich mitten in einer Notenbesprechung angeschrien werde. Das erinnert mich an den Ton und Reflexionsgrad der Jugendlichen, die ich an diesem Tag erlebt habe: „Sie haben was gegen mich. Sie sprechen mich immer an, wenn ich mit meinem Handy spiele und im Referat habe ich auch nur ne 3. Mit Ihnen rede ich gar nicht.“

Nein, du redest tatsächlich nicht mit mir. Du schreist mich an. Mein Puls ist wie deiner auf 180, aber ich versuche ruhig zu bleiben, damit nur einer schreit. Im Gegensatz zu dir durfte ich lernen, dass fachliche Kritik mich nicht persönlich meint, dass Lehrer*innen auch nur Menschen, aber tatsächlich wirklich nur selten bewusst unfair und voreingenommen gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern sind. Und zum Glück durfte ich auch schon mal erleben, oben in der gesellschaftlichen Hierarchie zu sein. Und das nicht, weil ich alle unter mir am lautesten „disse“, sondern weil ich bei einer Sache geblieben bin, mich angestrengt habe, auch Vertrauen in mich und mein Können entwickeln konnte.

Tja – und natürlich auch, weil ich gar nie auf eine Schule wie deine gegangen bin, wo mein Sitznachbar der Mutter meiner Mutter Geschlechtsverkehr androht. Weil ich von Anfang an schlicht 100% bessere Chancen hatte. Als weißes Mittelstandsakademikerkind. Mitten in Deutschland, dem Land der Hoffnung für viele, dem Land der Chancen und der Demokratie.

Und das ist es, was mich wirklich schmerzt, wenn ich diese Jugendlichen sehe und höre. Sie sind halb im Aus, bevor sie ihr Leben überhaupt begonnen haben. Und das IST definitiv Schei…e.

Herzlichen, nachdenklichen Gruß, Sarah

[Foto: Pixabay]

5 Gedanken zu „„Ich f*** deine Familie in drei Generationen“. Der raue Ton an deutschen Schulen“

  1. Klasse Beitrag!
    Danke! Um ehrlich zu sein stimmt mich das nachdenklich – sehr nachdenklich!
    Das Elternhaus, die Lehrer und Freunde haben einen großen Einfluss auf den Werdegang von Heranwachsenden. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass jeder selbst nicht nur seines Glückes Schmied, sondern auch Schmied der eigenen Verhaltensweisen ist!
    Alles Liebe
    Sonja

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sonja, danke für deinen Kommentar! Ich frage mich allerdings wirklich, welche Wirkung es auf Jugendliche hat, tagtäglich einer solch (verbal) gewalttätigen Sprache ausgesetzt zu sein. Und ich habe mich gefragt, was sich dem entgegensetzen ließe: Workshops zu respektvollerem Umgang miteinander oder zu gewaltfreier Kommunikation?! Bin, ehrlich gesagt, froh, dass an meiner Schule ein anderer Umgangston herrscht… Lg, Sarah

      Liken

    2. Das ist eine schwierige Frage, die sich pauschal vermutlich nicht beantworten lässt. 🤗 Deine Ansätze finde ich toll! Interessant ist sicher auch zu ergründen woher die schlechten Umgangsformen kommen? 🤔 Meine Kinder sind zwar erst im Kindergarten – Aber schon da sind alle Eltern der Meinung, dass die Schimpfwörter ausschließlich vom Kindergarten mit nach Hause gebracht werden 😉 und auf keinen Fall umgekehrt!

      Liken

  2. Liebe Sarah, da ich bereits seit 20 Jahren mit benachteiligten Jugendlichen bei Bildungsträgern arbeite, kann ich sogar die Veränderung im Laufe der Jahre feststellen. Die Jugendlichen haben meist ihr komplettes Leben lang kein positives Feedback bekommen, sondern immer eher: „Lass lieber sein, du schaffst das eh nicht“. Leider schon bei solch kleinen Sachen wie Tisch decken zu Hause oder auch kleinen Aufgaben in der Schule. Das führt schließlich zum vollständigen Aufgeben auf ganzer Linie in einem schleichenden Prozess. Ergebnis ist oft übrig bleibende Langeweile, denn dann machen die Jugendlichen wirklich NICHTS mehr. Um trotzdem die Zeit „totzuschlagen“ kommen die gruseligsten Ideen plus die beschriebene Sprache als Ergebnis raus, denn es geht nur noch um’s AUFFALLEN bzw. anders sein um jeden Preis.
    Bisher hatte ich die besten positiven Veränderungen erreicht, wenn man einzeln mit den Jugendlichen „arbeitet“ und ihnen mit schrittweisen Erfolgserlebnissen das meist völlig fehlende Selbstwertgefühl zurück gibt. Ja kaum zu glauben, aber gerade die, die am lautesten sind, sind meist die mit dem geringsten Selbstwert.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Nadja,
      danke für deinen Erfahrungsbericht! Ja, ich denke auch, dass das Selbstwertgefühl der Schlüssel ist. Und genau darum ging es mir in dem Artikel: wie an den eigenen Wert glauben, wenn einem letztlich viele Chancen von Anfang an ziemlich verbaut sind. Dennoch definitiv wichtig und wertvoll, genau hier nicht „locker zu lassen“ und genau diese Jugendlichen in ihrem Wert zu bestärken. Toll, dass du das offensichtlich in deinem Beruf machst! Ich versuche es bei meiner Arbeit im 2. Bildungsweg auch.
      Herzlichen Gruß, Sarah

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s