Gesellschaft, Hochsensibilität, Persönliches

Geduld: Wie sie uns hilft, unsere Ziele zu erreichen

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Tempo, Tempo! Unsere Welt zelebriert die Geschwindigkeit. Wir bewegen im Netz gigantische Datenmengen, beantworten unsere Mails innerhalb weniger Stunden und werden nervös, wenn unsere Freunde nicht umgehend zurückrufen, obwohl sie unsere Nachricht offensichtlich bekommen haben.

Geduldigsein ist unbeliebt

„Gedulde dich!“ Das hören wir nicht gern. Wir möchten über unsere Zeit frei bestimmen können, möchten auch bei Entscheidungsprozessen eine Lösung möglichst sofort oder wenigstens in klar definierter Zukunft erhalten. Nicht umsonst gibt es in vielen Behörden Wartemarken, anhand derer wir uns orientieren können, wann wir an der Reihe sind: sie strukturieren die Zeit, die wir wartend verbringen und erleichtern es uns somit, geduldig zu sein. 

Aber was tun wir in Situationen, die uns Geduld ohne Wartemarke abverlangen? In denen wir zum Teil noch nicht einmal wissen, ob wir das Ziel, das uns vorschwebt, irgendwann erreichen? Wie gehen wir mit Prozessen um, deren Tempo wir nicht beschleunigen, die wir noch nicht einmal aktiv steuern können? 

Geduld ohne klares Ziel

Gerade innere Entscheidungsprozesse fordern oft, dass wir auf ihr Ergebnis warten können: Egal, ob wir über eine berufliche Veränderung nachdenken, über einen Wohnortswechsel oder über Dinge, die wir in unseren privaten Beziehungen ändern wollen, schnell geht da meist gar nichts. 

Oft steht uns zunächst nicht mehr zu Verfügung als die Wahrnehmung: „Hier stimmt was nicht“. Aber damit spüren wir häufig noch keinen eindeutigen Impuls in eine andere Richtung. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, so ließ schon Goethe seinen Dr. Faustus klagen. Je nach Temperament neigen wir dazu, das ursprüngliche Unbehagen zu negieren und zu versuchen, „alles beim Alten“ zu lassen – oder aber wir verfallen in hektischen Aktionismus: irgendwas müssen wir doch tun – die aktuelle Situation ist jedenfalls unerträglich. 

Bewegung braucht ein Ziel

Aber wohin bewegen, wenn das Ziel noch gar nicht klar ist? Gerade große, weitreichende Entscheidungen fallen uns ja nicht umsonst oft schwer. Zum Teil liegt das schlicht daran, dass wir eben nicht wie Maschinen funktionieren. Unser Leben ist keine rationale Gewichtung von Für und Wider (auch wenn wir uns das mit entsprechenden Listen zuweilen suggerieren). Soll ich mir eine andere Arbeit suchen? Und falls ja, welche? Da streiten sich häufig nicht nur Sicherheitsbedürfnisse mit dem Bedürfnis nach mehr Anregung oder weniger Konflikten, je nachdem, womit wir in unserem aktuellen Beruf unzufrieden sind; darüber hinaus sind wir mit der Frage konfrontiert: „Was ist eine echte Alternative?“ Welche Talente habe ich – und kann ich diese in einer Weise praktisch nutzen, so dass ich in absehbarer Zeit mein Leben davon finanzieren kann? Wie sieht es mit so handfesten Dingen wie Krankenversicherung und Altersvorsorge aus, wenn ich mich beruflich neu orientiere? 

Im privaten Bereich fühlt sich das oft noch essentieller an. Den Sprung in eine neue Partnerschaft wagen oder innerhalb einer bestehenden Partnerschaft ganz neue Wege versuchen? Was, wenn ich mich hier „falsch“ entscheide? Im schlimmsten Fall merke ich meinen Irrtum erst, wenn ich Menschen unwiderruflich verletzt und wichtige Brücken abgebrochen habe?

Entscheidungen sind korrigierbar

Nun ja, abgesehen davon, dass jede Veränderung auch immer nur EIN Punkt einer langen Kette von Entwicklungen ist und sich fast keine Entscheidung nicht auch wieder revidieren ließe – besteht eben die Krux aller wichtigen Entscheidungen darin, dass ich erst einmal innerlich Klarheit gefunden haben muss um meine Ziele im Außen verfolgen zu können. Also habe ich – neben der irrationalen Angst, mein Leben mit einer Entscheidung unumkehrbar in eine falsche Richtung zu lenken – die ganz reale Aufgabe, mir überhaupt erst über meine Wünsche und konkreten Ziele klar zu werden. 

Und genau hier kommt die Geduld ins Spiel. Denn versuche ich, diesen Klärungsprozess zu beschleunigen oder gar, ihn durch Aktionismus zu umgehen, erlebe ich allzu oft wenig später, dass schon wieder alles „stockt“, dass ich noch immer mit Dingen unzufrieden bin, die ich eigentlich lösen wollte – oder umgekehrt, dass mich allzu schnell der Mut verlässt, eben weil ich innerlich noch nicht sicher genug bin, dass der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist. 

Was ich durch Hefekuchen lernte

Mit etwa 12 Jahren backte ich als eine Art Hobby regelmäßig sonntags für meine Familie Hefegebäck. Mein ganzer Stolz war, dass mir der Teig wunderbar luftig gelang. Entsprechend sorgfältig mischte ich das Milch-Mehl-Hefegemisch und ließ es an einem warmen Ort ruhen, war ich mir doch bewusst, dass gerade diese Ruhezeiten den Teig schließlich „aufgehen“ und sich zu seiner vollen Pracht entwickeln ließen. 

Ein bisschen – man verzeihe mir das „Küchenlatein“ – ist es mit wirklich großen, weitreichenden Entscheidungen meiner Meinung nach wie mit diesem Hefeteig. Wir müssen die Zutaten mischen (uns Informationen beschaffen, welche Möglichkeiten uns zu Verfügung stehen, uns über rechtliche und finanzielle Konsequenzen beraten lassen, Dinge im Kleinen ausprobieren, mit guten Freunden oder professionellen Ratgebern über unsere Hoffnungen und Befürchtungen sprechen); aber bevor wir handeln, ist oft genau so ein „Gärungsprozess“ erforderlich. All die Informationen, die wir über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre, gesammelt haben, müssen sich setzen und sortieren. Die dabei wahrnehmbare äußere Untätigkeit ist in diesem Zusammenhang nicht zu verwechseln mit Stillstand, denn de facto spielen sich innerlich gewaltige Umwälzungsprozesse ab. Nicht umsonst weist der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth darauf hin, dass Stress – und darunter fällt auch (gefühlter) Zeitdruck bei Entscheidungen – ein entscheidender Faktor ist, der uns während des Entscheidens blockiert. Lassen wir die Informationen eine Weile „ruhen“ und unterbrechen damit (scheinbar) den aktiven Entscheidungsprozess, können sich diese neu sortieren und eines Morgens wachen wir tatsächlich auf und spüren in aller Deutlichkeit: „Hier geht’s lang!“ 

Das ist der Moment, in dem wir vom Planen zum Handeln kommen – und unsere Ziele Wirklichkeit werden lassen.

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Ein weises Gedicht Rainer Maria Rilkes passt, wie ich finde, wunderbar zum Thema: 

Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Forsche jetzt nicht nach den Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst, und es handelt sich darum, alles zu leben.

Lebe jetzt die Fragen – Vielleicht lebst du dann allmählich, ohne es zu merken eines fernen Tages in die Antwort hinein.

2 Gedanken zu „Geduld: Wie sie uns hilft, unsere Ziele zu erreichen“

  1. Liebe Sunnybee,
    schon wieder so wahre Worte aus Deiner Feder! Ich hasse Hektik und Ungeduld und habe mir aus Rücksicht auf meine eigene Gesundheit und das Verhältnis zu meinen Hunden schon vor langer Zeit angewöhnt, mich möglichst wenig in Stress versetzen zu lassen. Also stresse ich mich auch selbst nicht in Bezug auf Entscheidungen und Entwicklungsprozesse – früher hielt ich das mal für mangelnden Ehrgeiz, heute weiß ich, dass Geduld und Gechilltheit manchmal sogar solche Prozesse beschleunigen und angenehmer machen können, weil mensch sich eben nicht durch inneren Druck selbst blockiert.
    liebe Grüße
    Lea

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