Familie, Gesellschaft

„Mama, ich will die Schule abfackeln!“ – Ein Buch, das Schule radikal neu denkt

Cover „Mama, ich will die Schule abfackeln!“

In Zusammenarbeit mit Christin Marina

Schule als Ort der Gemeinschaft? Ohne Hausaufgabenmarathon am Nachmittag, Notendruck und Bulimielernen? Die erfahrene Lehrerin und zweifache Mutter Christin Marina Müller-Nassel beschreibt in ihrem Buch, wie eine solche Schule Realität werden kann.

Wo Schule an ihre Grenzen stößt

Ein Satz ihres Sohnes („Mama, ich will die Schule abfackeln!“) wurde zum Titel ihres gerade erschienenen Buches. Dabei geht es Christin Marina nicht darum, alles Bestehende radikal umzustoßen: Engagierte Beteiligung und auch Leistungsbereitschaft sieht sie als wichtigen Bestandteil einer zukunftsfähigen Schule. Aber eben mit der Möglichkeit, in Form mehrstündiger, fachübergreifender Lernphasen Wissen zu verinnerlichen und es nicht häppchenweise im 45-Minuten-Takt zu konsumieren. Mit der Möglichkeit, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, eigene Ziele und Interessen zu verfolgen und diese im Zusammenspiel mit anderen zu verwirklichen – auch mit Blick auf die demokratische Gesellschaft, auf die Schule (eigentlich) vorbereiten soll.

Erlauben wir es den Kindern, sich selbst als kompetent zu erleben, dann erlauben wir ihnen damit die Entwicklung von intrinsischer Motivation und Verantwortungsbewusstsein. Wenn Menschen dagegen nicht erleben, dass sie selbst wirksam handeln können, bleibt das nicht ohne Folgen – weder für ihr eigenes Leben noch für die Gesellschaft. […] Eine Gesellschaft, in der sich viele Menschen nicht als wirksam erleben, wird anfälliger für einfache Antworten, für Abgrenzung und die Abgabe von Verantwortung. […] Gesellschaftliche Stabilität benötigt stabile Individuen. Individuen können nur stabil sein, wenn sie ein Bewusstsein für ihre eigenen Fähigkeiten haben und sich selbst als kompetent und handlungsfähig wahrnehmen. (S. 23-24)

Genau hier scheitert Schule, wie sie aktuell organisiert ist, leider oft in fataler Weise. Auch, weil sie intrinsische Motivation eher ausbremst, als sie zu fördern. Christin Marina findet klare Worte:

Bei kleineren Kindern kann man noch das Lernen um des Lernen willen beobachten. Sie sind an ihrer Umgebung interessiert, machen immer wieder neue Gehversuche – auch wenn sie häufig stolpern und fallen – und freuen sich zumeist darauf, in der Schule endlich das Lesen und Schreiben zu lernen. […] Dann beginnt die Schulzeit. Nachweislich nimmt hier die ursprünglich intrinsische Motivation stetig ab. An ihre Stelle rückt mehr und mehr die extrinsische Motivation. Es geht weniger um die Lerninhalte oder darum, sich selbst Kompetenzen und Fähigkeiten anzueignen, sondern vielmehr darum, sich dem System anzupassen und die geforderten Leistungen zu erzielen. (S. 20)

Als Mutter eines Sohnes, der die 5. Klasse einer weiterführenden Schule besucht, kann ich diese Entwicklung (leider) nur bestätigen. Trotz engagierter Lehrkräfte und vieler punktueller Ansätze zur Förderung bleibt Schule, wie sie aktuell organisiert ist, zu oft ein Ort, an dem vor allem für Noten gelernt wird und wo in erster Linie die kognitive Leistung zählt. Dass das weder fair ist noch der Entwicklung von Kindern gerecht wird, zeigt die Autorin anhand vieler Beispiele.

Wie Schule auch sein könnte

Wie Schule stattdessen aussehen kann, beschreibt die Autorin in ihrem Buch. Eine Schule der Zukunft bricht nicht nur das Konzept des isolierten Fachunterrichts auf, sie beinhaltet auch eine ganz andere Form des kooperativen Arbeitens – sowohl auf Seiten der Schüler:innen, als auch der Lehrer:innen. Ein wöchentlich fest eingeplanter Tag für gemeinsame Veranstaltungen („Projekt-Donnerstag“) und ein Tag pro Woche für das Realisieren eigener Interessen und Projekte der Schüler:innen („Frei-Day“) ergänzen den inhaltlichen Lehrplan.

Aber ist dafür Zeit bei einem gefühlt immer voller werdenden Curriculum? Christin Marinas Antwort: Wenn wir Schule grundlegend neu gestalten, wird Lernen nicht nur effektiver, sondern auch effizienter. Sowohl Lehrer:innen als auch Schüler:innen verlieren keine Zeit mehr damit, von einem Klassenraum zum nächsten zu eilen, ihr Material zu suchen, im 45-Minuten-Takt von einem Lerninhalte zu nächsten zu switchen. Weniger Energie wird für Prüfungen, deren Vorbereitung und Korrektur verwendet, Exkursionen und schulexterne Veranstaltungen sind fester Bestandteil des Stundenplans, für sie fällt damit kein Unterricht aus. Statt Hausaufgaben sind Übungs- und Reflexionszeiten, um das Gelernte zu vertiefen, fest in den Schulalltag integriert – und zwar während der Schulzeit. Lehrkräfte begleiten, unterstützen und moderieren und erhalten daneben selbst Freiräume für Zusammenarbeit, Reflexion und eigene pädagogische Projekte.

Das alles auf der Grundlage aktueller Curricula, umsetzbar Schritt für Schritt, geleitet nicht von der Frage „Können wir das umsetzen?“, sondern von der Frage „Wie können wir das umsetzen?“ Antworten darauf bietet das schmale Bändchen mit der hoffnungsfrohen Fackel auf rotem Cover en masse. Eigentlich geht es jetzt „nur“ noch darum, diese umzusetzen.

„Mama, ich will die Schule abfackeln!“, zitiert Christin Marina ihren Sohn ganz am Ende ihres Buches noch einmal. „Nein. Lass uns eine Schule gestalten, die du lieben kannst“, ist ihre Antwort darauf. Dieses Buch zeigt praxisnah, vielschichtig und kompetent, wie das aussehen kann.

Ehrliche Leseempfehlung für Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen!

Über die Autorin

Christin Marina Müller-Nassel ist zweifache Mutter und ehemalige Studienrätin für die Fächer Mathematik und Physik. In ihrem Buch „Mama, ich will die Schule abfackeln!“ (BoD, 2026) möchte sie zeigen, weshalb unser Schulsystem nachhaltiges und gemeinschaftliches Lernen nicht unterstützt und sogar erschweren kann. Alternative Ideen sollen dabei Diskussionen und konkrete Veränderungen anregen. Darüber hinaus entwickelt sie Material, um unter anderem soziales Lernen und Beziehungen zu unterstützen und gibt Online-Lernbegleitung im Fach Mathematik. Website: www.christin-marina.de

[Foto: privat]

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