Gesellschaft, Politik

Mein Date wählt AfD. Was soll ich tun?

Zerbrochenes rotes Porzellanherz


AfD-Wähler:innen – das sind immer die anderen. Aber doch niemand aus deinem Freundeskreis, oder? Und erst recht nicht der Typ, den du gerade kennengelernt hast und richtig nett findest? 

Um euch diese Geschichte erzählen zu können, musste ich der Frau, die sie mir anvertraut hat, versprechen, dass ich alle Namen und Orte und einige Eckdaten ihrer Geschichte ändere. Sie möchte nicht erkannt werden. Und der Mann, den sie einige Wochen lang gedatet hat und mal richtig sympathisch fand, soll auch anonym bleiben können. Obwohl sie sich, wie sie mir sagt, zeitweise fragt, warum eigentlich. Schließlich hat er kein Problem damit, rundweg rassistische Äußerungen zu tätigen. Über „Asylanten“, die angeblich die deutsche Heimat bedrohten, Deutschen die Wohnungen wegnähmen und deutsche Frauen belästigten. Und dass nur die AfD dieses Problem lösen könne.

Vielversprechendes Kennenlernen

Aber von Anfang an: Die Frau, mit der ich gesprochen habe – ich nenne sie Isabell – lernt den Mann, der sie anfangs durch seine spontane und herzliche Art begeistert, im Rahmen einer Geschäftsreise kennen. Er fragt sie nach ihrer Nummer, sie gibt sie ihm. Noch am selben Tag schreiben sie einander, ein paar Wochen später treffen sie sich zum ersten Mal. Das erste Treffen ist aufregend, gibt beiden das Gefühl: Hier könnte etwas Besonderes entstehen. Sie treffen sich wieder, telefonieren und schreiben einander Nachrichten. Das zweite Treffen ist fast noch schöner. Das Gespräch fließt leicht dahin, sie fühlt sich zugleich angeregt und geborgen mit ihm. Das Treffen endet mit einem kurzen Kuss. Auf der Fahrt nach Hause hat sie Schmetterlinge im Bauch.

Wieder einige Wochen später treffen sie sich zum dritten Mal, unterhalten sich jetzt auch über persönliche Themen, über Werte, mögliche Zukunftsentwürfe. Eine Beziehung wäre für beide ein großer Schritt. Aber die Möglichkeit steht klar im Raum. 

Ein Telefonat mit Folgen

Und dann kommt der Tag, an dem das Telefonat stattfindet, das harmlos beginnt und so endete, dass sie das Gehörte erst einmal „verdauen“ muss, wie sie sagt. Sie unterhalten sich über Wahlen, die in dem Bundesland, in dem ihr Bekannter wohnt, gerade stattfanden. Spontan fragt sie ihn, welcher Partei er seine Stimme geben wird. Sie kennen sich ja noch nicht lange, sie ist einfach neugierig. Die Antwort, die er ihr gibt, hätte sie nicht erwartet. Er meint, er werde die AfD wählen. Nicht zum ersten Mal, sondern aus Überzeugung.

Sie ist verwirrt. Wie passt das zusammen? Sie hat ihn als emphatischen, differenziert denkenden Menschen erlebt. Wie kann er eine Partei wählen, die Menschen mit Migrationsgeschichte des Landes verweisen und Frauenrechte beschneiden will sowie demokratische Grundwerte in Frage stellt? Die mit Falschaussagen und Hassrhetorik Menschen gegeneinander aufbringt? Sie stellt Fragen in diesem Gespräch, auch noch in zwei, drei Mails, die sie ihm im Anschluss schreibt. Sie möchte verstehen, was ihn zu dieser Entscheidung bewegt.

Aber sie merkt auch, eigentlich hat er damit für sie eine Grenze überschritten. Sie bricht schließlich den Kontakt zu ihm ab. Fragt sich Wochen später immer mal wieder, ob sie vielleicht zu heftig reagiert hat. Er war doch augenscheinlich ein netter Kerl? 

Anti-Islamismus zum Schutz des deutschen Staates?

Dann wieder denkt sie, dass seine Überzeugungen ganz offensichtlich nicht mit ihren zu vereinbaren sind. „Teilt der Islam Menschen nicht in zwei Gruppen, Gläubige und Ungläubige ein, und gelten letztere als weniger wert? Ich sehe hier im Islam Parallelen zum Faschismus, weshalb eine islamkritische Grundhaltung für mich per se antifaschistisch ist“, schreibt er ihr in einer seiner Mails. Und: „Wie du sagtest, ist vieles schlecht gelaufen in der deutschen Politik der letzten Jahrzehnte. Umso eher gilt es, engagierten Menschen eine Chance zu geben, die sich in Form einer neuen Volkspartei für die Interessen der Bevölkerung einsetzen wollen. Ich kann nicht voraussagen, was besser wird und was nicht, aber es lohnt sich doch, es wenigstens zu versuchen und wenigstens die Möglichkeit zu Erneuerung und Erhaltung der Grundfesten unseres Staates zu nutzen.“

Mit den engagierten Menschen meint er die AfD-Politiker:innen. Die AfD als Bewahrerin der Grundfesten des deutschen Staates, Muslime als deren quasi-faschistische Bedrohung? 

Auch heute noch fragt sie sich, wie er, als eigentlich aufgeklärter und reflektierter Mensch, solchen Narrativen aufsitzen kann. Sie fühlt sich getäuscht und enttäuscht. Ratlos auch. Es mache ihr große Sorgen, dass im Jahr 2026 Menschen einer Partei für rassistische Erzählungen wie diese ihre Stimme geben.

Ich höre meiner Freundin zu. Was sie erzählt, macht auch mich ratlos. „Der Typ war nicht der Richtige für dich“, sage ich schließlich. „Schade, aber bei der Weltanschauung leider wahr.“ Sie nickt. Sie sieht traurig aus.

Was hättest du Isabell geraten? 

Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.

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[Foto: Canva]

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